Essay

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen. Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich nach und nach unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben hatte. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. (mehr …)

Notiz

Es ist Sonntag. Achter März.

Kaum ein Auto auf der Autostrada.

Das Meer liegt ruhig da.

Die Nachricht kommt per WhatsApp und von La Repubblica.

Es ist wie in einem schlimmen amerikanischen Katastrophenfilm zu sitzen und zu warten bis die 128 Minuten vorbei sein.

Outbreak.

Lockdown.

Zona Rossa.

 

Erinnerung

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien…  Zuerst war da die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Er treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht wohl für ein Fragezeichen in meinem Gesicht. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Dann sage ich, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der erste sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo bei Bern, hinter Bern, Interlaken frage ich. Er erzählt vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele, damals. Aber heute habe er Geburtstag (mehr …)

Essay

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. (mehr …)

Racconto

È mattino. Il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano. Sugli scogli dei frangenti un pescatore. Una ragazza nuota a riva. Alle barche è permesso uscire al largo senza ostacolo, per loro è stato lasciato un passaggio.
Le spiagge libere si a affollano pian piano. Asciugamano si accosta ad asciugamano. Il palo dell’ombrellone portato da casa viene piantato nella sabbia con tutta la forza. La mano di un uomo che spalma la crema solare sulla schiena della sua compagna è rapida e sgarbata. Lei poi si siede sulla sdraio. Lui parte. Gira a destra. Il sole sulla pancia e in faccia. (mehr …)

Erzählung

(vertont von Jean Til und Vera Frontfrau siehe Link ganz unten)

Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Boote gelangen durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern ungehindert auf die See. (mehr …)

Essay

Über das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.

Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was dann aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, während wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen könne, was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort. (mehr …)

Essay

Unzulänglichkeiten sind all die Zustände und Tätigkeiten, die schwierig werden, wenn man sich zurückhält, weil man ahnt, weiß oder Angst hat davor, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen. Über eigene Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine falsch angelegte Fähigkeit im Charakter – oder sagen wir in der Psyche – zu beschreiben. Und dies obschon es bekanntlich kein Falsch und kein Richtig mehr gibt. Es ist was es ist. Wertfreie Beschreibungen sind in. Introspektion ist out, da weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei einmal mehr, dass ich mich in Zusammenhängen sehen muss. Es ist meine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester, wir sind nur im Jetzt*, das was war zählt nicht! Doch, rufe ich, auch das was war zählt! So streiten wir ein bisschen, mehr nicht.

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so muss ich zugeben, dass auch ich gerne leicht im Jetzt herumfliegen würde und sorglos Spass, unendlichen Spass sogar, haben möchte. So plante ich also (mehr …)