Strandläufer, lungomare

Erzählung

(vertont von Jean Til und Vera Frontfrau siehe Link ganz unten)

Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Boote gelangen durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern ungehindert auf die See.

Langsam füllt sich der Strand. Tuch legt sich neben Tuch unter bunte Sonnenschirme, deren Stiele kraftvoll in den Sand getrieben werden. Ein Mann verteilt rasch den obligaten Klacks Faktor 30 auf dem Rücken seiner Frau. Dann setzt sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl und er geht los, biegt rechts ab, die Sonne scheint auf seinen Bauch.

In den gepachteten Abschnitten gibt die Anordnung der Liegen seit Jahrzehnten vor, dass man zu zweit an den Strand zu kommen habe, um in der Reihe, die man sich leisten kann, in die Sonne zu liegen. Zwei Liegen, ein Sonnenschirm. Wie im Theater kosten die Plätze in den vorderen Reihen mehr. Und wie Dauerabonnenten reservieren sich die Leute vom Ort Liegen für die ganze Saison. Manche legen sich aber bloß an Samstagen und Sonntagen in die Sonne.

Miss Kitty liegt in Badetuchdimension in der vordersten Reihe. Ein Mädchen sitzt neben ihr im Sand. Es spricht mit sich und den unsichtbaren Freunden, die es umgeben. Die Surfer kommen erst am Nachmittag, wenn der Wind gedreht haben wird und sich der jetzt noch gleichgültige Meeresspiegel darüber ein bisschen aufregt. Die Lebensretter sitzen schon auf ihren Holztürmen nahe dem Ufer oder stehen im Schatten herum. Schwatzend, schwitzend, sich nach Haut umsehend vielleicht. Männer aus Senegal gehen kilometerweit, kämpfen um Platz und Umsatz als Strandhändler, den ihnen Männer aus anderen Teilen der Welt streitig machen. Wer war zuerst hier? Ihre Frauen kommen seit wenigen Jahren auch an den Strand. Manche von ihnen flechten Zöpfe in langes blondes Haar.
Die alten Strandhändler sind die Leuchttürme. Sie warnen, wenn Polizei kommt und die klandestinen Verkaufsstände verschwinden in drei Sekunden. Autoren und deren Freunde verkaufen Bücher mit Lebensberichten von sich selbst und jenen, die in Italien eine zweite Heimat gefunden haben oder suchen. Ein Mailänder Verlag veröffentlicht sie. Im Sommer werden sie an den Stränden, im Winter in den großen Städten verkauft. Die Marokkaner bieten Bikinis für fünf Euro an. Sie ziehen Karren hinter sich her, bleiben stehen, warten auf Kundschaft.

Ich steige ins Wasser. Ein Schritt, zwei Schritte. Kleine Fische fliehen vor meinen langen Füßen. Eine Frau steigt in ein Kanu und paddelt an mir vorbei. Algenblätter schmiegen sich um meine Fesseln. Könnte ich sie in der Sonne trocknen und auf ihnen schreiben? Das Wasser ist warm. Ich drehe mich zum Strand und begegne dem Blick eines Strandläufers. In einem Lifestyleheft wurde beschrieben, wie die Franzosen, die Italiener, die Spanier oder die Deutschen sich für den Strandspaziergang kleiden. Würden sich die Franzosen oft ein Hemd anziehen, so trügen die Italiener nur die Badehose und diese gerne eng. Sie seien auf ihre Körperbehaarung stolz und tragen die bella figura in der Sonne strandauf, strandab.
Eine Frau schimpft im Vorbeigehen zu einer anderen, dass nur noch Kommissar Montalbano im Fernsehen gezeigt werde. Donna Leon ist in Italien unbekannt. Vielleicht gefiele ihr Brunetti besser. Ein Strandverkäufer bindet Drachen in gleichen Abständen an eine lange Leine. Die papierenen Wesen steigen hoch zum Himmel, so dass sie auch von den Hügeln im Hinterland gesehen werden können. Dort blühen die Sonnenblumen. Europa bezahlt den Bauern derzeit mehr für deren Kerne als für Erbsen.

Der Anfang ist leicht. Man geht nach rechts oder nach links. Die Gedanken tanzen am Horizont oder verlieren sich im Sand. Schon leckt das Wasser den Einfall weg, den man am Sandtürmchen eines Wattwurms festgemacht hatte. Beim Gehen werden die Dinge sich ordnen, so die Hoffnung, so Thoreau, für den das Gehen die Suche nach den Quellen des Lebens überhaupt war. Auch die freien Römer im antiken Ostia, die sich ihre Gottheiten selbst aussuchten, schworen auf das Gehen. Sie sah man oft zu zweit am Strand, argumentierend und gestikulierend für die Überzeugung des anderen oder für die eigene Raum schaffend. Der Raum. Lo spazio. Er bedeutet im Italienischen auch Zeitraum, Weltraum, Lebensraum. Bleibt das Wort dort im Unfassbaren, so hat es das Deutsche in eine konkrete Tätigkeit übersetzt: Das Spazieren.

Ich entscheide mich für links. Die Sonne brennt auf meinen Rücken. Ich folge meinem Schatten. Möwen rufen. Ich sehe sie nicht. Eine Seite des Körpers sinkt naturgegeben tiefer in den Sand als die andere. Das Becken verschiebt sich. Man kann nicht lange in die gleiche Richtung gehen, ohne einen Abstecher durch die Liegestuhlreihen zu wagen oder auch mal innezuhalten, um mit dem Blick an den Horizont zu gelangen, an die Naht, die die Welt zusammenhält.

Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern mit uns drei Schwestern fast jedes Jahr ans Meer nach Italien. Sie betteten uns mitten in der Nacht in den geräumigen Mittelklassewagen, die Kleinste auf die Hutablage, mich auf den Rücksitz. Im Gang zwischen Vordersitz und Rücksitz lag ein zu rund einem Drittel mit Luft gefülltes Gummiboot, auf dem die dritte Schwester schlief. Das ging gut. Ich erinnere mich an keinen Zwischenfall und auch nicht an ein Durcheinander unter uns Schwestern, also dass eine auf die andere gerutscht wäre. Es bestand auch noch kein Gurtenobligatorium und meine Eltern werden am Zoll in Chiasso so ausgesehen haben wie zwei Erwachsene, die in den Urlaub fahren. Wahrscheinlich saß meine Mutter am Steuer. Mein Vater übernahm immer die italienischen Straßen. Dort angekommen, irgendwo im Hinterland, wo Ferienwohnungen mit gläsernen Frühstückstassen günstiger waren und die Gefahr der Ablenkung durch dunkeläugige Buben oder den Krimskrams vom Wochenmarkt kleiner, packten wir alles aus, richteten uns ein und fuhren endlich in die Stadt mit dem langen Sandstrand, suchten dem Mittelklassewagen einen Parkplatz und mit den während der Fahrt bereits aufgeblasenen Schwimmreifen um die Bäuche und den Flügeln an den Oberarmen trug jedes Mädchen sein Wärchen so nah wie möglich ans Wasser.
Wir entfalteten die Strandtücher. Bei Wind beschwerten wir sie an den Rändern mit Steinen. Mein Vater platzierte seinen Klappstuhl und legte das gestreifte Tuch über die Rückenlehne. Nie setzte er sich sogleich hin, döste und löste Kreuzworträtsel, filmte uns beim Bauen von Wachtürmen und verschlungenen Wassergräben. Diese Tätigkeiten folgten erst später, falls er in der Zwischenzeit nicht jemanden gefunden hatte, der mit ihm Boccia spielte. Mein Vater stieg immer sogleich ins Wasser, schwamm weit hinaus und ein Stück wieder zurück, rief uns von dort zu sich, lehrte uns zu schwimmen oder rettete uns zum Spaß vor dem Ertrinken. Nach dem Baden steckte er sich ein paar Scheine in die Badehose, ging los und kam manchmal halbe Tage nicht zurück. Er ging dem Ufer entlang.
Stundenlang.
Ging er in die gleiche Richtung? Es kann gut sein, dass er via die parallel zum Ufer geführte Straße von uns unbemerkt in die andere Richtung spazierte, um noch ein bisschen länger alleine zu gehen. Alleine kann nur gehen, wer bereit ist, sich auf eine Zeit mit sich einzulassen. Eine Uhr nahm er nie mit. Eine Minute dauerte sechzig Sekunden. Am Horizont entdeckte er vielleicht die Unmöglichkeit eines Vorhabens oder wer er einmal sein wollte und was er vorgab, vom Leben zu wissen oder auch nicht. Vielleicht rettete er sich vor dem Abyss, wo nur Glaube und Zweifel noch wahr sind, indem er in einer Bar einen Kaffee trank. Vielleicht wurde er sich beim Gehen auch bewusst, wie oft er alleine gewesen war, auch wenn er eines von dreizehn Kindern war. Ich weiß es nicht. Mein Vater erzählte nicht viel von sich. Und er kam immer nur mit halben Geschichten von seinem Strandspaziergang zurück, manchmal allerdings mit Bocciaspielern oder Bocciaspielerinnen.

Ein Junge erklärt dem Vater, wie er die Sandburg anlegen will. Der Vater tippt auf seinem Smartphone. Oder filmt er? Ein weiterer Strandhändler pumpt Pinguine aus Plastik auf. Sie sind an den Füßen (oder sagt man Flossen?) beschwert, damit sie aufrecht im Wasser stehen. Hie und da sammle ich Muscheln oder bücke mich für gewöhnlich schöne Steine, für milchig geschliffene Glassplitter oder beinahe weichgewaschene Fliesenstücke. Dinge von Irgendwoher. Dinge aus Venedig, aus der Karibik? Piratenraub? Dinge, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, Dinge, die in meinen Sammlungen Jahr für Jahr staubiger werden. Eines Tages verblasst die Bedeutung oder verschwindet, und die ganzen Dinge liegen entzaubert da und erzählen nichts mehr.

Manchmal nehme ich mir vor, aufrecht dem Ufer entlang zu gehen, leicht angespannt also, je nachdem sogar lächelnd und ab und an innehaltend, um einmal mehr den Horizont zu betrachten oder einem Boot zuzuschauen, wie es ans Ufer tuckert oder weg davon. Wenn ich aber aufrecht gehe, dauert es oft nicht sehr lange und ich trete in eine angeschwemmte Qualle, eine zerbrochene Muschel oder eine Napfschnecke saugt sich an meinen Fuß. Letzteres ist noch nie vorgekommen und bestimmt auch nicht weiter gefährlich. Das genügsame Zwitterwesen könnte mich bloß ein wenig verwirren. Muscheln zerschneiden vielleicht die Haut. Doch eine an das Ufer geschwemmte Qualle versengte mir mit letzter Kraft schon die Fußsohle. Also lerne ich derzeit, ein Auge nach vorne, das andere nach unten gerichtet meinen Weg zu gehen, wie der Pelzhändler in Neapel, der gekonnt ein Auge auf seine Ware richtete und ein Auge in der Umgebung umherschweifen ließ und Ausschau nach Polizei und Kundschaft hielt.
Wenn nichts weiter geschieht, was vorkommt, so verschiebe ich minütlich mein Ziel. Noch bis zur Spiaggia D’Oro, noch bis zum Hotel Playa, zum Beach Volley Netz. Dann werde ich umkehren. So vergehen eine Stunde oder auch zwei. Vielleicht schaue ich noch einem Mann hinterher, einer Frau meinetwegen. Die Bewegungen verschwinden wie die Gedanken, die ankommen und bald flüchtig werden, vielleicht verlorengehen. Sie festzuhalten funktioniert nicht. Oft habe ich mir auch eine Idee in meinen Kopf geschrieben und mir vorgestellt, dass ich sie bei meiner Ankunft zurück auf dem Strandtuch sofort in mein Notizbuch schreibe.

Langsam drehe ich mich in die Richtung der Sonne. Langsam gehe ich auf dem gleichen Weg zurück. Der Mann von vorhin kommt mir entgegen, er muss an seiner Frau vorbeigegangen sein. Die Zeit hat sich verändert. Es ist wärmer geworden. Kinder wurden geboren, Unglücke sind geschehen, Menschen gestorben. Irgendwo war ein Anschlag, irgendwo landete ein Flugzeug. Es hat Urlauber an einen Ort geflogen, wo sie noch nie oder schon immer gewesen waren.
Innerhalb von neunzig Minuten umkreist die Raumstation ISS einmal die Erde. Vielleicht ist sie jetzt über uns. Vielleicht durchfliegt sie eine Nacht. Unsere Zeitrechnung bedeutet im Weltraum nichts.

Nachdenken beim Gehen ist einfacher, wenn die Umgebung menschenleer ist. So viel Raum kann man an einem Sandstrand dieser Küste allerdings nur an einem Wintertag mit beißender Bora* und waagrecht ins Gesicht prasselndem Regen für sich in Anspruch nehmen. Im Sommer ist der Strand Tag und Nacht belegt. Einige Händler und Angekommene aus Irgendwo-wo-Krieg-ist-oder-wo-sie-ihre-Familie-nicht- ernähren-können schlafen zwischen den Booten, die am Abend zuvor nach der Ausfahrt wieder in den Sand gezogen worden waren. Sie verschwinden beim Erwachen der Sonne, der Ankunft der Mücken, der Küstenwache. Vielleicht hatten sie in der Nacht ein Feuer entfacht, vielleicht getrunken, getanzt, geredet, geplant, wie es weitergehen soll. Die Flaschen nehmen sie mit, die Asche vergraben sie. Ihren Schlafplatz wollen sie nicht durch Abfälle verraten. Sie holen die zu verkaufenden Waren aus sicheren Verstecken und machen sich bereit für den langen Marsch, Abschnitt um Abschnitt, Reihe um Reihe.
Und nahe der Bootsplätze werden auch die Bars geöffnet, wird der Sand von den Liegestühlen geklopft, werden Zigarettenstummel und andere Spuren der Nacht entfernt. Spuren von jenen, denen es egal ist, ob man sieht, dass sie hier waren. Die Schirme werden aufgespannt. Dann kommen die Urlauber. Und das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit will auch an diesem Morgen keine Mitteilung senden. Er nimmt die Farbe des Himmels auf, reflektiert sie, mal blauer, mal grauer. Silbern dann, weiß oder dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser ein paar Zentimeter vor. Und zurück.
Mehr geschieht nicht.

*Die Bora ist ein trockener, kalter, böiger Fallwind und gehört zu den stärksten der Welt. Auf seinem Weg von Triest an die Küste Montenegros kommt er am Stiefel vorbei und erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 250 km/h.

 

Der Text ist im Foto-Essay Strandläufer, lungomare im Amsel Verlag Zürich erschienen. Erhältlich in unabhängigen Buchläden und im Shop auf dieser Seite. 

Bilder und Erzählung: Sibylle Ciarloni, Poesie: Andrea Angelucci, Sprachen: Deutsch und Italienisch.

Erzählung on soundcloud – analog-modula composition by Jean Til. Stimmen: Jean Til & Vera Frontfrau Wien Ende März 2020. Bild auf Soundcloud Übersicht: Anne Glassner, Wien.