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Die erste Lesung war am 4. Oktober 2020 im Haus zur Glocke in Steckborn TG Schweiz, im Rahmen von „Die Dinge des Alltags und die Kunst“. 

 

 

Projektbeschrieb / Saaltext 

 

Ausgangslage

Zimmerpflanzen wirken in der Regel positiv auf psychosomatischer Ebene. Zugleich sind sie ein romantischer Gedanke. Sie sind da, um schön zu sein, den Raum zu begrünen und um so die Sehnsucht nach Natur – wenn auch gezähmt – zu nähren und gleichzeitig bei vielen Menschen wohl auch zu stillen.

Zu den Hintergründen von «Monolog einer Zimmerpflanze»

Aspekte

1. Gegenwart
Dank der Forschung am Verhalten von Pflanzen, besonders deren Eingehen von Symbiosen mit Andersartigen und deren Fähigkeit zum Teilen von Ressourcen, kann die Wirkweise aller Lebewesen aufeinander derzeit neu gedacht werden. Gegenwärtig beschriebenen, gelebten und (angenommen) kulturell gewachsenen Daseinsformen, die auf Vergleichen und Jagen bis hin zum Produzieren und Fressen anderer bauen, stellen sich die Beobachtungen aus der Pflanzenwelt friedvoll gegenüber.

2. Multiplikation
Wunder und Paradox zu gleichen Teilen zeigen sich in deren Kapazität, aus dem Fast-Nichts heraus zu leben; aus jenem noch nicht lebenden Samen (Potential) heraus sich zu entwickeln und zu multiplizieren. Pflanzen zeigen, wie sie als Lebewesen sich selbst und ihre Körper wie auch die ungezählter Anderer beleben und nähren können.

3. Versprechen
Jene Zwiebeln, die in den Niederlanden zuerst an einer sogenannten Börse gehandelt wurden, waren schöne Versprechen. An sie zu glauben war eine der Spielregeln mit welchen die organisierten Spekulationen 1637 angefangen haben. Jene virtuellen, künstlich erzeugten, lockenden Inhalte sind Prophezeiungen, heute noch bekannt. Spricht man deshalb von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Fragezeichen.

4. Macht
Firmen, die Hybridtechnologie betreiben, werben mit ‚hohem genetischem Ertragspotential‘ und ‚überlegener Vitalität‘. Auch mit ‚Ertragsstabilität unter allen Bedingungen‘. Was das alles z.B. für die Böden bedeutet, kann die Risikoforschung nicht abschätzen. Was das mit Natur zu tun hat, weiß niemand. Gerechtfertigt wird das Tun mit dem Wachsen der Weltbevölkerung.

5. Wachstum
Vor einigen Jahren im Tram. Hinter mir fragte ein älterer Mann einen jüngeren Mann nach dessen Beruf. Der sagte, ich studiere noch. Aha, sagte der ältere, welche Richtung? Der jüngere sagte: Wirtschaft. Ui, sagte der Ältere und versuchte, ihn zu fragen, wie er es halte mit dem Wachstum, das die Wirtschaft immer vorzeigen wolle, das sei doch vielleicht nicht der richtige Weg, wenn es nach wie vor so viel Krieg gibt und Menschen unter Hunger leiden. Hunger war dann das Keyword für den jüngeren Mann: Genau, deswegen! Wir müssen viel mehr produzieren, um allen Menschen in der Welt Wohlstand zu ermöglichen!
Dann stieg er aus.

6. Mutanten
Eine Konklusion. Die Samen, die heute verkauft werden, enthalten programmiertes, manipuliertes, mutiertes Leben, ausgelegt auf 1x blühen und 1x geben. Niemand kann sich mehr eine eigene, marktfreie Samenbank anlegen und auf die nächste Pflanzzeit warten. Und kaum eine Pflanze kann mehr, sei sie noch so ‚überlegen vital‘ und ‚mit hohem potentiellem Ertrag‘, ihr eigentliches Dasein leben.

Schade eigentlich?
Schade eigentlich.

Nach der vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema der Mutationen bei Lebewesen, dem Anschauen aller bisher entstandenen Blade Runner Filme und der freischwimmend oberflächlichen Annäherung an die philosophische Fragestellung mit eigenständig eingefügten Worten in Klammern „Wann ist ein Mensch (noch) (doch) (wieder) ein Mensch?“ entstand in der Zeit während des Lockdowns in Italien zwischen März und Mai 2020 der Entwurf zu «Monolog einer Zimmerpflanze».

Ein im letzten Jahrhundert konstruiertes Bio-Experiment spricht. Es hat sich weitgehend verselbständigt, da es nach seiner Installation in einem Bürogebäude vom Labor vergessen worden war.
Die Pflanze spricht zu einem etwas einfältigen Immobilienbesitzer, wobei die Autorin jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ausschließt.

Gewidmet Rutger Hauer und Linn Da Quebrada.

Weitere Lesungen sind für November geplant.

Notiz

Es ist Sonntagabend. Heute hätte mein Vater Geburtstag gehabt.

Morgen ganz früh gehen wir ans Meer.

Zum Sonnenaufgang.

Die 128 Minuten sind vorbei.

Sind die 128 Minuten vorbei?

Lockerungsübungen.

Normal will man wieder sein.

Die Masken bleiben.

Sichtbar.

Arbeitsnotizen (Work notes in english below)

Greta Thunberg: I don’t want your hope. I want you to panic! (Im Film «Das Forum» von Marcus Vetter (2019). Ein Film über die Mächtigen der Weltpolitik am WEF in Davos.)
Der Meeresspiegel steigt an. Landkarten werden neu gezeichnet. Die Bedingungen der Menschen am Meer verändern sich. Wie hoch kann das Wasser steigen? 2015 las ich einen Artikel über Tuvalu, wo die Bevölkerung fünf Meter über Meer lebt. Der Inselstaat hat für seine Bewohnerinnen und Bewohner vorsorglich in Australien und Neuseeland um Asyl angefragt. Australien und Neuseeland haben vorsorglich abgelehnt.

Der Meeressaum ist nicht nur Lebensraum. Er ist auch ein Übergang. Er ist von Bedeutung – sowohl für das Klima als auch für die Fische (die wir einst waren); und also für das Atmen und das Kiemen. Je nachdem woher man kommt oder wohin man geht. (mehr …)

Essay

Wie geht es Ihnen? Schauen Sie zurück? Warum posten viele Menschen Bilder aus ihrer Kindheit in den sozialen Medien? Was geben sie preis? Wem schenken sie die Bilder von damals? Was zeigen sie? Und was ist das jetzt? Das was hier still, geruchlos, unsichtbar den Menschen den Atem raubt und der Natur das Atmen zurückgibt?

Vor ziemlich genau neun Jahren lernte ich von Baiba Kraniche zu falzen. In ihrer geduldigen und freundlichen Art hat sie neben mir gesessen und gefalzt und gefalzt und ich ihr nach, dann rief ich wieder «halt» und sie hielt inne und zeigte mir wie weit der Vogel in ihrer Hand schon gediehen war und sie schaute auf das was ich in den Händen hielt und sagte vielleicht, hier musst du andersrum falzen, oder das muss genau aufeinander passen, sonst hast du nachher keinen schönen Vogel. Natürlich wollte ich einen schönen Vogel. Viele schöne Vögel. (mehr …)

Dialog

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was? Sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut.

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: (mehr …)

Arbeitsnotiz

Matteo Attrui ist der Autor dieses Werkes. Es entstand 2018. Jetzt ist es aktuell. Era ora bedeutet: Es war Zeit! Era bedeutet auch: Ära. Ora bedeutet auch: Bete!

 

Essay

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen. Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich nach und nach unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben hatte. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. (mehr …)

Notiz

Es ist Sonntag. Achter März.

Kaum ein Auto auf der Autostrada.

Das Meer liegt ruhig da.

Die Nachricht kommt per WhatsApp und von La Repubblica.

Es ist wie in einem schlimmen amerikanischen Katastrophenfilm zu sitzen und zu warten bis die 128 Minuten vorbei sein.

Outbreak.

Lockdown.

Zona Rossa.