Notiz

Es ist Sonntagabend. Heute hätte mein Vater Geburtstag gehabt.

Morgen ganz früh gehen wir ans Meer.

Zum Sonnenaufgang.

Die 128 Minuten sind vorbei.

Sind die 128 Minuten vorbei?

Lockerungsübungen.

Normal will man wieder sein.

Die Masken bleiben.

Sichtbar.

Arbeitsnotizen

Greta Thunberg: I don’t want your hope. I want you to panic! (Im Film «Das Forum» von Marcus Vetter (2019). Ein Film über die Mächtigen der Weltpolitik am WEF in Davos.)

Der Meeresspiegel steigt an. Landkarten werden neu gezeichnet. Die Bedingungen der Menschen am Meer verändern sich. Wie hoch kann das Wasser steigen? 2015 las ich einen Artikel über Tuvalu, wo die Bevölkerung fünf Meter über Meer lebt. Der Inselstaat hat für seine Bewohnerinnen und Bewohner vorsorglich in Australien und Neuseeland um Asyl angefragt. Australien und Neuseeland haben vorsorglich abgelehnt.

Der Meeressaum ist nicht nur Lebensraum. Er ist auch ein Übergang. Er ist von Bedeutung – sowohl für das Klima als auch für die Fische (die wir einst waren); und also für das Atmen und das Kiemen. Je nachdem woher man kommt oder wohin man geht. (mehr …)

Essay

Wie geht es Ihnen? Schauen Sie zurück? Warum posten viele Menschen Bilder aus ihrer Kindheit in den sozialen Medien? Was geben sie preis? Wem schenken sie die Bilder von damals? Was zeigen sie? Und was ist das jetzt? Das was hier still, geruchlos, unsichtbar den Menschen den Atem raubt und der Natur das Atmen zurückgibt?

Vor ziemlich genau neun Jahren lernte ich von Baiba Kraniche zu falzen. In ihrer geduldigen und freundlichen Art hat sie neben mir gesessen und gefalzt und gefalzt und ich ihr nach, dann rief ich wieder «halt» und sie hielt inne und zeigte mir wie weit der Vogel in ihrer Hand schon gediehen war und sie schaute auf das was ich in den Händen hielt und sagte vielleicht, hier musst du andersrum falzen, oder das muss genau aufeinander passen, sonst hast du nachher keinen schönen Vogel. Natürlich wollte ich einen schönen Vogel. Viele schöne Vögel. (mehr …)

Dialog

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was? Sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut.

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: (mehr …)

Arbeitsnotiz

Matteo Attrui ist der Autor dieses Werkes. Es entstand 2018. Jetzt ist es aktuell. Era ora bedeutet: Es war Zeit! Era bedeutet auch: Ära. Ora bedeutet auch: Bete!

 

Essay

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen. Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich nach und nach unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben hatte. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. (mehr …)

Notiz

Es ist Sonntag. Achter März.

Kaum ein Auto auf der Autostrada.

Das Meer liegt ruhig da.

Die Nachricht kommt per WhatsApp und von La Repubblica.

Es ist wie in einem schlimmen amerikanischen Katastrophenfilm zu sitzen und zu warten bis die 128 Minuten vorbei sein.

Outbreak.

Lockdown.

Zona Rossa.

 

Erinnerung

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien…  Zuerst war da die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Er treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht wohl für ein Fragezeichen in meinem Gesicht. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Dann sage ich, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der erste sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo bei Bern, hinter Bern, Interlaken frage ich. Er erzählt vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele, damals. Aber heute habe er Geburtstag (mehr …)