Wir. Wir ist ein beschreibendes Wort, ein großes Wort, ein schützendes Wort, ein ermüdendes Wort. Wenn wir Wir sagen, dann versammle ich mich und uns und andere in dieses Haus mit drei Buchstaben. Doch wer gehört dazu und wer nicht?

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Schizophrenie hatte sich verdoppelt, da man neben den fremdenpolizeilichen Maßnahmen und dem Völkerbundgedanken dann auch noch Hände suchte, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten, man aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, nicht unbedingt da haben wollte. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seinem Beitrag in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank … hier weiterlesen

THIS WAS

Alles in Ordnung. Lesung & Ton
März bis Mai 2019
Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Wir lasen und „betonten“ zwei Stories und ein Manual aus «Bernstein und Valencia».

Am 16. März 2019 starteten wir im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat ausführlich berichtet.

Am 23. März waren wir im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ein schönes Wiedersehen mit dem guten Ort.
Am 27. März füllten wir das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Danke Jonas und Matthias!
Am 3. April gingen wir in Bern durch eines der letzten Schneegestöber nach Kairo und wir waren nicht allein. Das Publikum klatschte warm.
Am 25. April 2019 haben wir im Neubad, Luzern gelesen und getönt und das Publikum hat leise in sich hinein gelacht. Wir danken Urs und Dominik und Linus!
Am Abend des 26. April 2019 lud uns das Bagno Popolare im Schweizerhof zu Baden an den Thermalwasserbassindrand. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte mit dem gesunden Wasser. Wir benutzten dafür Leitungswasser. Wunderbar war der Abend und die Nacht – danke Kathrin, Maria, Andriu, Daniela, Christian und all jenen porenoffenen Wesen!
Am Abend des 7. Mai 2019 waren wir auf der Bühne der Brotfabrik in Berlin. Wir lasen barfuß und verschwanden schließlich im Dunkel des Bühnenrands. Danke Rio und Alexander und dem Barteam, das uns bis zum Ladenschluss geduldig betreut hat.

Hier noch einmal der Werbefilm:

„Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.“

Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual. Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Grenzgang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen die beiden im harten Bündner Winter bei 1 Meter 20 Schnee die Zusammenarbeit.

«Bernstein und Valencia»
978-3-906311-44-9 /kaufen/

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien.

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Der Regen treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen vor sich hin, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz unter ihnen. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht für ein Fragezeichen. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Ich sage, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der Andere sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo Richtung Bern, hinter Bern, bei Bern, Interlaken? Dann erzählt er vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.

Über das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.

Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was dann aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, während wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen könne was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort. Man könne sich das so gar nicht vorstellen, sagte sie vielleicht oder ich meine, sie in meiner Erinnerung das sagen zu hören.
Nicht dass ich an ihrer Intelligenz zweifelte, ich musste zugeben, dass die Geschichte, die meinem Buch den Titel gegeben hat, futuristisch und ja, auch gar arg unter Wasser stattfindet.

Also begann ich, das Vorwort zu schreiben und ich nahm eine Anweisung zur Hand, die ich vor zehn Jahren schon geschrieben habe. Es ist die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Vor zehn Jahren und auch schon als ich ein Kind war, und das ist länger als zehn Jahre her, redete man vom Klima und dass man es schützen wolle. Man redete und redete und auch in den Jahren danach redete man. Aber wie die katholische Kirche übergriffigen Priestern abgelegene Gemeinden zuwies, verwies man das Thema Klima immer wieder auf die letzten Traktandenplätze, zusätzlich auch noch dessen Wahrheitsgehalt anzweifelnd. Folgen davon sind heute noch Kinder, die schon lange keine Kinder mehr sind und nach wie vor keine Hoffnung auf Konsequenzen entwickeln können. Folgen davon sind Menschen, die ihre Orte verlassen und denen Volksparteiler und andere Menschen vorwerfen, sie würden von nun an systematisch die nördlichen Sozialsysteme aushöhlen. Dahinter stehe nämlich ein Plan. Oder der Vatikan?

Was soll ich tun? Fragte ich mich und andere. Was sollen wir tun? Ach, wen interessiert das jetzt, wenn nachher der Sport kommt? Sagten die anderen.
Ich begann, mir Fluchtwege auszudenken. Fluchtwege für meinen armen Kopf. Übrigens war auch mein Herz beteiligt an diesen verzweifelten Drehmomenten, denn ohne Körper geht Denken nicht. Da widersprechen mir nun vielleicht die Algorithmengläubigen. Sollen sie.

Mein Fluchtweg führte über alle Steine zurück in die Vor-Evolution, so es denn eine solche gegeben haben kann. Aber für die Zeit damals, die noch ohne Denkstrukturen – falls es nicht tatsächlich doch einen bewusst wirkenden Gott gegeben haben sollte, was ich hier in Gedankenstrichen nicht ausklammere, doch ebenso weit von mir wegschiebe wie siehe oben – auskamen, gab es Wesen im Wasser. Wasserwesen. Deren Naturzustand war einfach. Er war schlicht seiend. Für eine lange Zeit. Wie die Kollegen Mollusken schielten alle anderen, auch die Kollegen Schwämme wohl, gleich dumm, was nicht wertend gemeint ist, in den Himmel, Richtung Licht. Die Wasserwesen wurden mit der Zeit zu Fischen. Und nun abgekürzt: Aus den Fischen formten sich neue Wesen, neue Wesen, neue Wesen – wie ein mise en abyme, aber nur fast, denn etwas veränderte sich langsam, langsam aber sicher und der Mensch entstand und er glich bald nicht mehr einem Fisch, sondern eher schon sich selbst.

Mein Fluchtweg führte mich also zu jenem Übergang von Fischsein zu Menschsein Ich stellte mir vor, wir entwickeln uns zum Fisch zurück. Wir könnten sogar Fisch werden wollen. Oder müssen (für jene, die von außen eine Motivation brauchen). Es wird uns nützlich sein, ein Fisch zu werden oder ein anderes Tier, das im Wasser lebt. Um die steigenden Meeresspiegel weiterhin zu übersehen und über die Mauern, die Regierungen hochziehen, schwimmen zu können.

Zunächst geht es nun aber in der jetzigen Welt darum, sich das überhaupt vorzustellen. Und was ist heute weiser als ein Plan, eine Zeichnung, um eine Vorstellung sichtbar zu machen? Und so kam es, dass ich vor rund zehn Jahren eine Anweisung darüber schrieb, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Art Transformationsübung. Aber auch eine Flucht. Eine machbare Flucht für den Kopf. Denn wer hat nicht schon daran gedacht, ein Anderer / eine Andere zu sein. Warum sollte man sich dann nicht gleich auch nützlich verwandeln? Und warum nicht in einen Fisch, groß und schön meinetwegen?
Die Anweisung wurde zwar publiziert, doch sie hat den Durchbruch bis heute nicht geschafft.

Ein paar Jahre später schrieb ich die Erzählung über die beiden sich zu im Wasser lebenden Wesen transformierenden Menschen „Bernstein und Valencia“.
Und all die Jahre zuvor und danach habe ich noch andere Erzählungen geschrieben.
Jetzt sind viele davon in dem Buch mit dem Titel der Geschichte der beiden sich Transformierenden und Vorwort und Nachwort umranken alle Geschichten wie einen Kranz. In ihn flocht ich auch jene Anweisung. Die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Ob ich mit meinen Erklärungen zu jener futuristischen Geschichte tatsächlich zu deren Verständnis beitragen kann, weiß ich nun nicht. Ich habe mich bemüht, deutlich zu sein. Wer will, kann üben oder den Gedanken für die nächste Generation liegenlassen. Ich werde immer wieder darauf zurückkommen.

Jetzt lieferbar ...

… ist mein Band mit 22 Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen, mit Vor- und Nachwort, mit meiner zukunftsweisenden Transformationsübung, einer Widmung sowie tiefergreifenden Worterklärungen wie z.B. für Bülderlinge oder Schmauchpilze.
In den Geschichten geht es um Nähe und Distanz, Existenz und Tod, Wünsche und Sehnsüchte, versteckte Lieben, das wirklich Groteske und die Fiktion einer möglichen Zukunft.
Erste Stimmen.
Im Buchhandel und in diesem Shop.

Ein Bild von der Vernissage im Trudelkeller gibt es HIER.

Aus dem Inhalt:
Ich war Durty
Es ist immer jemand da
Die Lesung
Alles in Ordnung
Anton Ross und Biene Marylin
Männer spielen Gitarre
Die Assistentin
Evelyn oder Tod eines Törtchens
Bernstein und Valencia
Wie man sich selbst als Fisch zeichnet
Das Mädchen
Brennende Erde

Zweiundzwanzig Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen erscheinen im September unter dem Titel «Bernstein und Valencia» im Knapp Verlag. Inklusive Transformationsübung und Anhang über Wörter wie Schmauchpilze und Bülderlinge.

Unzulänglichkeiten sind all die Zustände und Tätigkeiten, die schwierig werden, wenn man sich zurückhält, weil man ahnt, weiß oder Angst hat davor, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen. Über eigene Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine falsch angelegte Fähigkeit im Charakter – oder sagen wir in der Psyche – zu beschreiben. Und dies obschon es bekanntlich kein Falsch und kein Richtig mehr gibt. Es ist was es ist. Wertfreie Beschreibungen sind in. Introspektion ist out, da weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei einmal mehr, dass ich mich in Zusammenhängen sehen muss. Es ist meine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester, wir sind nur im Jetzt*, das was war zählt nicht! Doch, rufe ich, auch das was war zählt! So streiten wir ein bisschen, mehr nicht.

 

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so muss ich zugeben, dass auch ich gerne leicht im Jetzt herumfliegen würde und sorglos Spass, unendlichen Spass sogar, haben möchte. So plante ich also vor einigen Jahren das Ablegen aller förigen** Schweren in einem Endlager für restliche Gedanken, nichtsnutze Ängste, alte Muster und so Sachen, die unnötig unter der Haut und in den Erinnerungen schwelen und als wiederholt implodierende Schmauchpilze mal aufbegehren und schnaufen, dann wieder brav + still sind. Jedenfalls hatte ich zusammen mit einem Freund ein ernst gemeintes Projekt mit www domain usw., also Endlager punkt ch oder so was mit .org oder .net, vorgesehen. Wir hatten Stunden darüber gesprochen, waren enthusiastisch und auch überzeugt davon, dass das eine zeitgemäße Dienstleistung sein wird, um eben auch Unzulänglichkeiten zu entsorgen.

 

Aber dann reflektierten wir.

 

Nicht immer ist die Unzulänglichkeit tatsächlich eine Unzulänglichkeit. In Wirklichkeit ist eine Unzulänglichkeit nur gerade dann eine solche, wenn die Zweifeltante mit ihrer alten Tasche aus dem Brockenhaus am Arm daherkommt. Sie kann einen immer dazu bringen, es so zu sehen wie sie will.
Ganz anders tun es oft richtige Menschen. Sie glauben an einen. Menschen, die an einen glauben, sind wichtig im Leben, manchmal wichtiger als man selbst, doch ohne man selbst geht es ja auch nicht, das Leben. Das eine bedingt das andere… Eine Redakteurin sagte letzthin zu mir: Du kannst alles, du machst alles*! Ich schüttelte heftig den Kopf, denn ich schaffe ja nur einen gefühlten Viertel von dem, was ich überhaupt machen will und etwa die Hälfte von dem, was ich mir zutraue. Davon geht noch einmal ein Achtel beim Zweifeln drauf und ein weiterer Achtel geht in Träumen unter. Also alles ist das noch lange nicht, jedenfalls nicht was ich zu tun wünsche. Und von Können zu reden, ist mir aus verschiedenen Gründen zu aufwändig. Ich tue, was ich kann. Das ist subjektiv und bleibt subjektiv.

 

Endlich aber jetzt zu einem Beispiel kommend, das dieser Beitrag herausschälen will: Eine meiner Unzulänglichkeiten ist, dass ich nicht so wahnsinnig gerne, sondern nur ein bisschen, im Mittelpunkt eines Geschehens stehe. Doch in diesen Tagen erscheint ein weiteres Buch („Bernstein und Valencia“). Ich werde also zeitweise in einem Mittelpunkt stehen. Vielleicht fragt jemand von der Presse nach einem Rezensionsexemplar; das wäre ein Glück, sagen die einen.
Bald sind Vernissagen und eine Lesung&Ton in Baden, um der Stadt zu danken, die einen Beitrag an die Druckkosten gab. Dann folgt die Auslieferung an die Buchhandlungen. Ich plane eine Lesereise für den Winter 2018/2019. Vielleicht beginnt die Presse über mein neues Buch zu schreiben und es zu zerreißen oder zu loben. Ich werde gemeint sein, denn es sind meine Erzählungen, meine Stories.
Vielleicht werde ich eingeladen werden und dann nach dem Lesen noch etwas sagen müssen. Ich werde mich kurz halten wollen, weil ich das so gelernt habe. Vielleicht werde ich mich verhaspeln, vielleicht aber nicht. Ich werde etwas über die Entstehung verraten und ob eine Geschichte aus welchen Gründen wichtig für mich ist.
Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Dann werde ich mich wundern, wozu ich all das tue, wenn es doch noch andere Dinge zu tun gibt auf der Welt, die wichtiger wären.

 

Zum Buch: Es wird ein Band sein mit 22 kurzen und längeren Erzählungen auf rund 160 Seiten und es geht immer um das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Bei Menschen, fragt jetzt jemand mit Fragezeichen. Ja, bei Menschen. Einmal ist es sogar ein Tier und ein Mensch. Einmal ist es ein Törtchen und ein Mensch. Einmal ist es ein Junge und seine Mutter. Einer ist schon alt und sein Traum von einer Begegnung mit einem Ich ist auch in diesem Buch. Ein Mädchen haut ab mit einer Frau und zwei Frauen verdrehen einander oder einem gitarrenspielenden Vampir den Kopf. Ein Ich geht in einem Haus von Raum zu Raum und trifft auf die Frau mit zwei Hunden, den damaligen Superintendant der iranischen Meeresflotte und schließlich bricht ein Aquarium im obersten Stock und Welse gelangen in den Speisesaal. Sonst aber ist alles in Ordnung.

 

Es wird nun Zeit, dass „Bernstein und Valencia“ erscheint, dann sehe ich, wie es hinter meinen Grenzen, die ich nun überschreite, zu und hergeht. Bevor ein Buch gedruckt ist und auf den Markt kommt, ist es noch ganz meines, danach wird es ein anderes. Die Informationen über das Buch werden in diesen Tagen gestreut und ich probiere nun etwas aus, was ich vor kurzem noch nicht gewagt hätte: Ich schreibe einen Gedanken auf, der schon durchgestrichen ist. Es handelt sich um eine Bitte: Ich bitte Menschen, die im deutschsprachigen Raum jemanden kennen, dem mein Verlag oder ich das Buch schicken könnten, sich zu melden mit Name und Adresse und vielleicht auch sexuellen Vorlieben… So etwas hätte ich nie geschrieben, doch schon steht es nun hier. Und „was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden“ (Friedrich Dürrenmatt).

 

*
Was das Jetzt und das Alles sei, wären noch einmal zwei andere philosophische Diskussionen. Zum Jetzt eine Idee von Paul Takács: „Erinnerungen und Gedanken vernetzen das Jetzt mit dem Vorherigen und dem Kommenden.“

 

**
förig ist gleichbedeutend mit „übrig“. Da schon so viele Worte mit ü und u und un da standen, wählte ich ein träfes*** Wort aus meinem Dialekt. Auch weil es so schön klingt, wenn man es mit starkem f, langem ö und einem harten g am Schluss ausspricht. Das i darf übrigens leicht gehickst werden.

***

träf ist gleichbedeutend mit treffend.

 

P.S.

Mein Freund und ich haben es übrigens nicht weit gebracht mit dem endlager punkt ch oder org oder net oder so, denn wer will schon so weit denken, dass sie/er zunächst einmal Introspektion betreiben muss. Dazu noch das Punktesystem, das wir zu entwickeln hatten. Also je mehr man endgelagert hätte, desto mehr Punkte hätte man sammeln können. Wir fragten uns: Was wäre der einzulösende Gewinn? Eine Pfanne hat jede und jeder schon, Geschirr auch, Plastikbehälter und Schöpfkellen auch. Die letzte Idee war ein Tropfsystem für die Zimmerpflanze während der Ferienabwesenheit…. aber wer hat noch Zimmerpflanzen?

 

Zu den Schmauchpilzen noch diese Aufklärung:

Wer Schmauchpilze kennt, weiß was gemeint ist. Allen anderen sei hier gesagt, dass es die Wortkombination nicht gibt, doch in meinem Buch kommt sie trotzdem vor. Schmauchpilze sind ein Phänomen. Sie wachsen da, wo Dinge alleingelassen werden und modern. Sie atmen laut und stoßen dabei Rauch aus.

Man muss das Absurde suchen, sonst ist das Leben auf unheimliche Weise geordnet.

 

Wer googeln will und online kaufen:

Sibylle Ciarloni

Bernstein und Valencia

Stories

Knapp Verlag

ISBN 978-3-906311-44-9

Ab 18. September im Buchhandel.

Wie es dazu kam, dass ich mich in den Ablasshändler Samson hineinversetzte und warum ich mich für die Reformation der Kirche im Besonderen und für die Reformation von Glaubenssätzen im Allgemeinen interessiere. Ich schaue von heute aus auf die Zeiten - meine Zeit jetzt und die Zeit um 1519.

Das knisternde Züngeln der Feuerzungen, die vom Himmel auf Köpfe hinab ragen und diesen womöglich einen guten Teil des Haupthaars versengen, so dass ihnen wie Franziskanermönchen vielleicht nur ein Kranz bleibt, war meine erste tief-religiöse Erfahrung. Jedenfalls legte ich sie im Nachhinein in dieses Fach, denn von diesem Züngeln erfuhr ich an einem sonst unbedeutenden Tag im Religionsunterricht.
Kein Kreuz im Haus – außer später dasjenige aus Ton von der ersten Kommunion – und auch nicht das Beten am Tisch, gehörten bis dahin zu meinem Leben. Es war die Erzählung vom heiligen Geist, der an Pfingsten den Menschen brennend über den Köpfen züngelte. Was es damit auf sich hatte, konnten weder meine Eltern noch ich mir erklären, d.h. weder ich, noch meine Eltern, zu denen ich in der Nacht nach diesem Tag ins Bett schlüpfen wollte, doch dafür sei ich nun doch schon zu alt, meinten sie. Die Alpträume kamen gleich nach dem Lichtlöschen, dann, … hier weiterlesen