Mit dieser und anderen Fragen stieß Erka Shalari vom Kunstmagazin Les Nouveaux Riches ein Fenster für mich auf. Zur gleichen Zeit wie das Interview fertig wurde, bereitete der russische Zar eine Aggression von unheilbarer Blödheit und Arroganz vor. Nachhaltig ist die Zerstörung, lebenslang die Verstümmelung, über Generationen bleiben Wut und Trauer.

In anderen Worten: Es schien mir nicht angebracht, dieses Interview auch hier zu veröffentlichen. Ich streute es 1x in einem sogenannten sozialen Medium. Hier übersetzte ich für alle Soldatinnen und Soldaten die Imagination: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!

In der Zwischenzeit dauert er schon mehr als 100 Tage. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine. 100 Tage bedeuten für eine Amtszeit oder Einstellung, dass das scharfe Auge hinschaut, damit die Analyse wortgeführt und die Perspektive behauptet werden kann. „Sie werden alles kaputtmachen“ sagt Marika. Immer wieder sagt sie das, wenn ich sie sehe. Hoffnungslos.

Was liegt auf meinem Desktop? Es ist nicht relevant. Und für mich ist es doch von Bedeutung.

Danke Erka Shalari für das Interview und Les Nouveaux Riches für die Veröffentlichung des Interviews „Sie hat eine Idee von sich“.

06.2022-update (english below)

Wie würden Sie sich selbst als Fisch zeichnen?

Das ist keine rhetorische Frage. Darüber nachzudenken bedeutet, über Transformation nachzudenken. DNA Transformation. Und über Flucht, Flucht nach vorn, in die Zukunft. Dort etwas von sich zu hinterlassen, zumindest eine Idee, wie man aussähe… als Fisch.

Während die Meeresspiegel ansteigen, de-evolutioniert der Mensch. Der Short Movie „Wie man sich selbst als Fisch zeichnet“ (8’13“) handelt davon, wie man sich selbst in seine Zukunft zeichnen kann. Inspiriert von der Anweisung von Sibylle Ciarloni, Writer & Artist, San Costanzo, Berlin, Zürich. Entstanden in Zusammenarbeit mit Rahel Kraft, Sound Artist & Composer in Wien und Zürich.

Nichts ist mehr ein Geheimnis. Die menschliche DNA ist aufgeschlüsselt worden. Unsere Vorfahren waren Fische, die Lungen und Füße entwickelten, um an Land zu kommen. Der Rest ist bekannt. Googeln Sie Tiktaalik und erfahren Sie mehr.
Bekannt ist auch, dass die Meeresspiegel ansteigen und dass einige (oder die) Gründe dafür in unserer Lebensführung liegen. Unbewusst oder bewusst machen die meisten Menschen aber einfach weiter wie bisher und sind nicht daran interessiert, ihren Einfluss auf die Umwelt zu reduzieren. Sibylle Ciarloni arbeitet mit der Vision, dass die De-Evolution der Menschheit rückwärts voranschreitet. Der Film bietet nun allerdings eine konstruktive Gelegenheit, sich gedanklich mit jener Transformation zu befassen und sich praktisch selbst in die eigene Zukunft zu zeichnen, um das jetzige Bewusstsein zu verändern und vielleicht sogar die DNA künftiger Generationen zu inspirieren.

Film in der Auswahl am Lundäng Filmfestival 2022 Ende Juli in Schweden. 2021 am Byron Bay Underground Film Festival in Australia, am Big Sur Film Festival California und am Vancouver Independent Film Festival in Kanada.

 

How would you draw yourself as a fish?

This is not a rhetorical question. To think about offers an opportunity of transformation, DNA transformation… and of escape in a way too. To think about the future and to leave something constructive… an idea of how to be, as a fish.

While sea levels continue to rise, humankind is de-evolving. The short movie “How to draw yourself as a fish” (8’13“) is about how to draw yourself into your future. Inspired by a manual written by Sibylle Ciarloni, writer & artist, San Costanzo, Berlin, Zurich. In collaboration with Rahel Kraft, sound artist & composer, Vienna, Zurich.

Nothing is a secret anymore. Humankind’s DNA has been decrypted. Our ancestors were fish who developed lungs and feet to come ashore. The rest is known. Google Tiktaalik and you know more.
It is also known that sea levels are rising and that some of the reasons why are connected to our lifestyle. Unconsciously, or consciously, most of humankind is not acting to reduce their environmental impacts. Sibylle Ciarloni’s vision is humanity’s de-volution, back to the original state as fish. The movie offers a empowering transformational opportunity to practice drawing yourself into your future. To change the actual consciousness and perhaps to inspire the DNA of further generations.

Movie 2022 selected by Lundäng Filmfestival Sweden. 2021 by Byron Bay Underground Film Festival Australia, Big Sur Film Festival California and by Vancouver Independent Film Festival in Canada.

 

TEASER

Wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Transformationsübung. (Originalsprache)
How to draw yourself as a fish. A transformational exercise. (Subtitles)
Come ci si dipinge da pesce. Un esercizio di trasformazione. (Sottotitoli)

 

 

2019/2020 alle Rechte: Acapulpo – Edition for subject and phenomenon.

 

Sibylle Ciarloni – Idea, Speaker, Text, Titles

Rahel Kraft – Idea, Speaker, Sound Design, Video Editing

Kruno Bocher – Photograph

Joe Lieber – Lights, Thoughts

Fay Arnold  – Promotion 

Studio Ackerbaden – Production, Set Design

Kulturbüro Zürich – Equipment

Nelly Vanelli – Make Up, Styling

Imelda Beller – Driver

Google Translator & deepl – first aid translation

Rob Nienburg – Translation Rewriting English

Angela Rowland – Rewriting Description Subtitles

Francesca Fantuzzi – Traduzione Rewriting Italiano

dunque Themenpapier – first print publication

all rights – Acapulpo Edition by Sibylle Ciarloni

 

Manual Zine + Bio Balloon in Sibylle Ciarloni’s Shop.

 

Gelesen 2020/2021 im Haus zur Glocke in Steckborn TG Schweiz im Rahmen von „Die Dinge des Alltags und die Kunst“, im Neuen Salon der Brotfabrik Berlin, im Atelier der Künstlerin Bettina Diel in Zürich und im Rahmen der Co-Leitung des Workshops „Nature Writing“ am Hyperwerk in Basel. 

 

Projektbeschrieb / Saaltext  (überarbeitet 01.2022)

 

Ausgangslage

Zimmerpflanzen wirken positiv auf psychosomatischer Ebene. Zugleich sind sie ein romantischer Gedanke. Sie sind da, um schön zu sein, den Raum zu begrünen und um so die Sehnsucht nach Natur zu nähren und bei vielen Menschen wohl auch zu stillen.

Zu den Hintergründen von «Monolog einer Zimmerpflanze»

Aspekte

1. Gegenwart
Dank der Forschung über das Verhalten von Pflanzen, besonders deren Eingehen von Symbiosen mit Andersartigen und deren Fähigkeit zum Teilen von Ressourcen, kann die Wirkweise aller Lebewesen aufeinander derzeit neu gedacht werden. Gegenwärtig beschriebenen, gelebten und (angenommen) kulturell gewachsenen Daseinsformen, die noch auf die Vergleiche mit Jagen und Sammeln bauen, stellen sich die Beobachtungen aus der Pflanzenwelt friedvoll gegenüber.

2. Multiplikation
Wunder und Paradox zu gleichen Teilen zeigen sich in deren Kapazität, aus dem Fast-Nichts heraus zu leben; aus jenem noch nicht lebenden Samen (Potential) heraus sich zu entwickeln und zu multiplizieren. Pflanzen zeigen, wie sie als Lebewesen sich selbst und ihre Körper wie auch die ungezählter Anderer beleben und nähren können.

3. Versprechen
Jene Zwiebeln, die in den Niederlanden zuerst an einer sogenannten Börse gehandelt wurden, waren schöne Versprechen. An sie zu glauben war eine der Spielregeln mit welchen die organisierten Spekulationen 1637 angefangen haben. Jene virtuellen, künstlich erzeugten, lockenden Inhalte sind Prophezeiungen. Nicht mehr und nicht weniger.

4. Macht
Firmen, die Hybridtechnologie betreiben und 1x fruchtbare Samen herstellen, werben mit ‚hohem genetischem Ertragspotential‘ und ‚überlegener Vitalität‘. Auch mit ‚Ertragsstabilität unter allen Bedingungen‘. Was das alles z.B. für die Böden bedeutet, kann die Risikoforschung nicht abschätzen. Und für die Menschen?

5. Wachstum
Vor einigen Jahren im Tram. Hinter mir fragte ein älterer Mann einen jüngeren Mann nach dessen Beruf. Der sagte, ich studiere noch. Aha, sagte der ältere, welche Richtung? Der jüngere sagte: Wirtschaft. Ui, sagte der Ältere und versuchte, ihn zu fragen, wie er es halte mit dem Wachstum, das die Wirtschaft immer vorzeigen wolle, das sei doch vielleicht nicht der richtige Weg, wenn es nach wie vor so viel Krieg gibt und Menschen unter Hunger leiden. Hunger war dann das Keyword für den jüngeren Mann: Genau, deswegen! Wir müssen viel mehr produzieren, um allen Menschen in der Welt Wachstum zu ermöglichen! Wachstum ist Wohlstand!
Dann stieg er aus.

6. Mutanten
Eine Konklusion. Die Samen, die heute verkauft werden, enthalten programmiertes, manipuliertes, mutiertes Leben, ausgelegt auf 1x blühen und 1x geben. Niemand kann sich mehr eine eigene, marktfreie Samenbank anlegen und auf die nächste Pflanzzeit warten. Und kaum eine Pflanze kann mehr, sei sie noch so ‚überlegen vital‘ und ‚mit hohem potentiellem Ertrag‘, ihr eigentliches Dasein leben.

Schade eigentlich?
Schade eigentlich.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Thema der Mutationen bei Lebewesen, dem Anschauen aller bisher entstandenen Blade Runner Filme und der freischwimmend oberflächlichen Annäherung an die philosophische Fragestellung mit eigenständig eingefügten Worten in Klammern „Wann ist ein Mensch (noch) (doch) (wieder) ein Mensch?“ entstand in der Zeit während des Lockdowns in Italien zwischen März und Mai 2020 der Entwurf zu diesem «Monolog einer Zimmerpflanze»: Ein im letzten Jahrhundert konstruiertes Bio-Experiment (Zimmerpflanze) spricht. Es hat sich weitgehend verselbständigt, da es nach seiner Installation in einem Bürogebäude vom Labor vergessen worden war.

Gewidmet Rutger Hauer und Linn Da Quebrada.

Die offene Schublade

Während ich an einer Arbeit bin, schreibe ich Ideen für andere Arbeiten auf. Ich versuchte es schon mit Listen und mit Notizbüchern, mit neuen Ordnern auf meinem Desktop, aber auch mit Warten bis die Idee zurückkehrt und erst dann aufschreiben… buchhalterische Momente, auf die ich kaum gefasst war.

Die meisten Ideen und Notizen in meiner Schublade verstehe ich nach ein paar Monaten nicht mehr. Aber manche sind von Anfang an klar, wenn auch lange Zeit kaum ausformuliert und noch gar nicht prozesshaft gedacht. So ist das schon immer gewesen. Vor rund 20 Jahren habe ich mir versprochen, meine Ideen ernst zu nehmen. Dieser Entscheid hat mich gestärkt und gleichzeitig verletzlich gemacht. Und viele Male wollte ich das Versprechen brechen.

Ende November wurde mir eng im Kopf. Ich dachte darüber nach, wie ich alles machen kann, was ich machen will. Und ich dachte auch: Will ich das alles machen, was ich machen will? Bzw. kann ich das alles machen? In diesem Hin und Her erschien sozusagen die Idee der Ideen, nämlich sie zu verschenken. Jetzt gleich. Und so kam es. Ich habe die Zettel aus der Dunkelheit der Schublade genommen und angeschaut. Ich wählte jeden Tag nur eine Idee aus, beleuchtete sie dann von allen Seiten und um sie weiter zu reichen, habe ich sie auf einen schönen Teller formuliert.

Das Schenken der letzten 23 Tage war eine aufwühlende Reise in meine Gedankenwelt, wo mir meine Werte, Wurzeln und Verbindungen einmal mehr bewusst geworden sind. Heute bin ich mir dankbar, dass ich die Schublade geöffnet habe. Das Tun hatte bei aller Verletzbarkeit auch einen Sortier-Effekt. Gerade bin ich mir sicher, dass in Zukunft die Unmittelbarkeit eine noch größere Rolle spielen wird und der Raum meiner Stille anders organisiert werden will.

Was das alles bedeutet, weiß ich jetzt noch nicht. Aber was auch ohne mein Dazutun in der Welt stehen darf, steht jetzt da. Und ich fühle mich leichter, weil nur jene Ideen noch da sind, an denen ich jetzt bereits arbeite und ein paar von denen, die ich im kommenden Jahr angehen will.

 

 

opening my drawer

While I’m working on one piece of work, I write down ideas for other pieces of work. I’ve tried lists and notebooks, new folders on my desktop, but also by waiting until an idea comes back and only then writing it down… bookkeeping moments I didn’t like.

Most of the ideas and notes in my drawer I don’t understand anymore after a few months. But some are clear from the start, even if barely formulated for a long time and not even thought out in the process. It has always been like that. About 20 years ago that I promised myself to take my ideas seriously. This decision strengthened me and made me vulnerable at the same time. And many times, I wanted to break the promise.

At the end of November, my head got tight. I thought about how I could do everything I wanted to do. And I also thought: do I want to do all the things I want to do? Or can I do it all? In this back and forth, so to speak, the idea of ideas appeared, namely to give them away. Right now. And so it came about. I took the paper notes out of the darkness of the drawer and looked at them. I chose only one idea each day, then illuminated it from all sides and to pass it on, I formulated it on a beautiful plate.

The giving of the last 23 days was a stirring journey into my world of thoughts, where I once again became aware of my values, roots and connections. Today I am grateful to myself for opening the drawer. Doing so, for all its vulnerability, also had a sorting effect. Right now, I am sure that in the future, immediacy will play an even more significant role, and the room of my silence will want to be organised differently.

What all this means, I don’t know yet. But what is allowed to stand in the world without my doing is there now. And I feel lighter because only those ideas are still there that I am working on currently and a few of those that I want to tackle in the coming year.