Dialog

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was? Sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut.

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: (mehr …)

Arbeitsnotiz

Matteo Attrui ist der Autor dieses Werkes. Es entstand 2018. Jetzt ist es aktuell. Era ora bedeutet: Es war Zeit! Era bedeutet auch: Ära. Ora bedeutet auch: Bete!

 

Essay

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen. Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich nach und nach unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben hatte. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. (mehr …)

Rezension

«Bernstein und Valencia» in KUNO Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie.

In seinem Rezensionsessay werden meine Erzählungen auf eine Art gewürdigt, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können. Danke, Holger Benkel! Durch sein Reflektieren lerne ich mehr über meine Intuition, als ich mir je hätte anlesen können. Und ich bin stolz darauf und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung beim Online Magazin Kulturnotizen KUNO und seinem Herausgeber Matthias Hagedorn sowie bei Holger Benkel für sein sorgfältiges Lesen und sein Versuch, mir auch ein Bisschen (.) auf die Schliche zu kommen.

Das Buch kann man hier im Online Shop oder im Buchhandel bestellen.

Notiz

Es ist Sonntag. Achter März.

Kaum ein Auto auf der Autostrada.

Das Meer liegt ruhig da.

Die Nachricht kommt per WhatsApp und von La Repubblica.

Es ist wie in einem schlimmen amerikanischen Katastrophenfilm zu sitzen und zu warten bis die 128 Minuten vorbei sein.

Outbreak.

Lockdown.

Zona Rossa.

 

Erinnerung

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien…  Zuerst war da die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Er treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht wohl für ein Fragezeichen in meinem Gesicht. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Dann sage ich, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der erste sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo bei Bern, hinter Bern, Interlaken frage ich. Er erzählt vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele, damals. Aber heute habe er Geburtstag (mehr …)

Essay

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. (mehr …)

Bericht

Lesung & Ton Tour 2019 von Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft. Mix aus Performance und szenischer Lesung. Die beiden Künstlerinnen wirkten bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen. 

Am 16. März 2019 Premiere mit Installationen im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat ausführlich berichtet. Lesen Sie «Eine Welt versinkt im Chaos».

Am 23. März traten sie im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol auf. Am 27. März füllten sie das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Am 3. April gingen sie in Bern durch das vorletzte Schneegestöber nach Kairo und sie waren nicht ganz allein. Das Publikum klatschte warm. Am 25. April 2019 haben sie im Neubad, Luzern gelesen und getönt. Für den Abend des 26. April 2019 lud sie das Bagno Popolare an den Thermalwasserbassindrand im Schweizerhof Baden ein. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte mit. Und am Abend des 7. Mai 2019 tappten sie barfüßig auf der Bühne der Brotfabrik in Berlin. 

«Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.» Fay Arnold von Kola Azur.

SPOT:
https://vimeo.com/320761086

CONTENT:

«Alles in Ordnung»: Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – In der zweiten Geschichte «Evelyn oder Tod eines Törtchens am Thermalwasserbassinrand» geht es um den Verfall eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. Mittels Wort und Gesang, analog wie digital erzeugtem Ton sowie einem gefilmtem Manual erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiction und schließlich fordern sie ein Gedankenexperiment indem sie das Publikum im dritten Teil anweisen «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Durch Wort, Bild, Ton und den Einsatz ihrer Körper kreierten Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) Dissonanzen und synchrone Momente im Denkraum des Publikums.

BACKGROUND:

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Übergang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen die beiden im harten Bündner Winter bei ungefähr 1 Meter 20 Schnee die Zusammenarbeit.