Centrale Festival & ResidenzaLAB

Durante il Centrale Festival di Fano apriamo un punto informativo collaborativo con:

Informazioni da vicino su RESIDENZA LAB e coinvolgimento territorio a cura di Sibylle Ciarloni.

Esposizione di pubblicazioni d'artista in BOOK LOUNGE a cura di Luca Panaro.

Cataloghi di fotografia CENTRALE FOTOGRAFIA e iniziativa futura a cura di Marcello Sparaventi.

Ci vediamo
al punto informativo / Area Libri @ Centrale Festival
Rocca Malatestiana, Fano
7 giugno h. 21 - 24
8 giugno h. 10 - 13, 16 - 20, 21 - 24

Programma intero qui Centrale Festival Fano-Milano


Schwarze Notizen

Den Winter 2018 verbrachte ich als Artist in Residence am Inn, unterhalb des schwarzen Sees, dem Lai Nair in Scuol Kanton Graubünden in der Schweiz.

Ungenaue Aufzeichnungen meiner Zeit in www.nairs.ch

 

Haarcreme

Dein Haar ist schwarz. Ich habe Shampoo für blondes. Egal. Mein Haar ist schwarz, sagst du. Es riecht gut. Wir teilen das Shampoo. Dein Haar riecht gut. Ich verwende deine Haarcreme, dein Duschgel von Rituals. Unsere Haut riecht gleich wie unser Haar und wir essen das Gleiche und sind zusammen in Schwarz am Tisch mit einer Dritten und bald einer Anderen. Ich bleibe blond. Eine Rote kommt dazu. Eine zweite Schwarze, eine wirklich Blonde, ein Aschblonder, zwei Brünetten und ein an den Schläfen Grauer. Doch als er kommt, da bist du schon weg, erste Schwarze.

 

Wasserhahn

Sie wolle nur kurz Wasser nachfüllen, drängt sie, ihr Oberarm an meinem, dann an mir vorbei, mit der Hand zum Hahn hinlangend, zum Wasserhahn. Ich schrubbe eine Pfanne, das Wasser ist warm, natürlich, sage ich noch, natürlich, stehe zurück mit Pfanne und Bitteschön weg vom Strahl. Sie hält den Teekocher unter den Hahn. Füllt den elektrischen Krug. Ab damit. Das Wasser fließt heiß, verdammt heiß. Ich drehe auf kalt, verdammt kalt, um mich zu erholen von der fehlenden Einfühlung.

 

Stalaktiten Stalagmiten

In Tropfsteinhöhlen tropfen Sandmineralien von Wasser begleitet auf den Boden, dort formen sie Säulen mit der Zeit, Säulen von oben, Säulen von unten. Zeit spielt hier keine Rolle. Hier formen sich Phallusse aus Eis von unten, dank der Sonne, die die Eiszapfen wärmt, die stetig tropfen, von oben. Draufsetzen ginge nicht, doch die Vorstellung ist bereits in der Welt und was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden, sagte Dürrenmatt, der unweit von hier logierte und das Durcheinandertal in seinem letzten Buch beschrieben hatte. Ein Buch wie ein Hotel, willkommen im Sanatorium, sagte ich gestern und die Neue erschrak.

 

Lohn

Lohn nehmen wir keinen. Wir zahlen. Und wir spielen. Wir spielen die Unkonformen und wir spielen Ping Pong. Ich könnte viel Geld verdienen, wenn ich mich anpassen würde. Der Lohn der Angepassten ist, dass alle dich lieben, außer du selbst. Das ist nicht nötig, sagte sie. Wir haben keine Kinder. Das macht das Leben einfacher, sagte eine andere. Einmal werden wir für all das belohnt werden, sag ich nicht. Ethel Adnan wurde schließlich auch spät berühmt, sagt sie wieder. Ja, genau, sagt die andere. Ob es ihr damit besser geht? Frag ich nicht. Lasst uns doch einfach weitermachen, sage ich.

 

Eisfischinnen

Männer, die längst alt sind, fischen Frauen, die immer jung bleiben, an den Festivals für Poesie und sie nennen sie, du Fischlein klein, willst du mit mir allein. Ich verspreche dir ein Wasauchimmer. Schon schwimmen sie im Inn, wie Flundern als Eisschollen, sich wundernd über Zusammenhänge, die dichter werden, näher kommen, Würme werdend, gefrieren sie. Aber Fischinnen sind nicht einfach Tiere, die auf einen Wurm wartend unter Wasser leben. Dort leben doch auch die Austern, die der Musiker im Turmzimmer vor rund hundert Jahren gefischt hatte. Nicht aus dem Inn selbstverständlich. Es war im Norden von Frankreich am Meer, wo die Steine flach wie Flundern in der Ebbe liegen.

 

Bondage

Die junge Musikerin hat tiefe Falten in ihrem Gesicht. Aus der Ferne sah sie sanft aus, wie ein Mädchen, das sich seiner nicht ganz bewusst ist. Aber gerade noch sitzt sie neben mir, schmiegt sie sich an mich, will Brot, dann Wasser. Sie lacht über Ernsthaftes. Wird ernst, wenn es um ihre Befehle geht. Wie sie sich anzuziehen haben, nämlich, ihre Musiker und der Manager schmiert ja ja, genau so, ein Hemd, ja ja, schmiert er aufs Brot. Wasser, ruft sie dann. Und noch zwei- dreimal: Wasser . mit Ausrufezeichen. Sie zeigt mit dem ganzen Arm in Richtung Flasche, schneidet Gespräche entzwei, fesselt immerhin unsere Blicke so quasi schon backstage vor dem Konzert.

 

Waldrand

Letzte trockene Blätter zupft er von einem Strauch, der frierend aus dem Schnee ragt. Trockenfrüchte, denke ich später. Der Fahrer im Bus ruft anstelle einer Station, die eh vom Band kommt, durchs Mikrofon: ein Hirsch, luagand, a Hirsch. Ausrufezeichen auch hier. Er muss es mehrere Male sagen, da Flachländer keine Ahnung haben von Bündner-Postauto-Chauffeuren und wie die auch können. Sein können. Wir zielen unsere Augen durch die dreckigen Doppelgläser zum Waldrand und entdecken den Hirsch am Nordfuß des trutzigen Schlosses, wo man nur gegen Geld oder als Lustknabe reinkommt.

 

Griechenland

Das Scuol Palace wird besetzt von ein paar Griechen, die es umbauen und sobald es wieder Auberginen hat im Coop, und das ist trotz allem immer, backen sie Moussaka und saufen Bier dazu. Die Dosen werfen sie in den Crützer-Container, der abgeholt wird, alle paar Wochen. Das gehe schon seit Monaten so, sagen die Leute. Dafür lassen die Griechen das Licht brennen und tanzen Sirtaki durch die Nacht. Im Juni werden sie die Olympiade eröffnen. Seit Ostern sind sie nun schon weg und haben die Lichter aus der schwarzen Nacht gelöscht.

 

Heimat

Das Schweizchen ist ein kleines Land. Alle kennen enand. Wo man einander kennt, ist Heimat. Heimat ist der Grenzübertritt nach Italien und auch die Stelle beim Bach, wo wir heimlich rauchten. Oder das Hinterrad eines Fahrrads. Das Hinterrad meines Vaters ist Heimat, sagt Romana, die Skifahrerin, die Hiergeborene, die mit frischem Teint und schwarzem Bob in enger Jeans am Tisch sitzt und über Polenta spricht mit der Baslerin, die keine Dortgeborene ist. Aber was spielt es für eine Rolle, wo einer geboren wurde oder eine? Es spielt eine. Weil wo man herkommt, da kommt man her. Und jetzt schneit es auch noch.

 

Sommerkröten

Ich füge letztjährige Sommerkröten als Profilbild ein, lese Barbacor teils Romanisch teils Deutsch, Herzkater von Chatrina Josty, sie fragt, ob wir stark genug sein werden, um stärker zu sein. Meine Tante sagt, dobbiamo essere forti und dabei denkt sie an die Zukunftsangst im Allgemeinen und an ihre eigene. Einmal am Tisch sagten wir: We have to be strong. Ich erkenne die Hand vom Caduff im Barbacor, auch die Schriften. Ich widme mich wieder dem Meeressaum und den Absurditäten des Daseins, trinke starken Kaffee mit Mickey Mouse und Wasser mit Allegra. Die Sommerkröten wären hier längst vereist, dort, damals, letzten Sommer, sind sie verbrannt.

 

Bergson

Due esseri umani si parlano in una lingua estranea; io ascolto. Significa che le sento? le stesse onde che raggiungono le loro orecchie, raggiungono anche le mie. Percipisco però soltanto un rumore torbido, dove un suono assomiglia l’altro. Non distinguo niente o non potrei ripetere niente. Nella stessa massa sonora i due interlocutori distinguono consonanti, vocali e sillabe che sono differenti, dunque delle parole semplici. Dov’è la differenza tra me e loro? Die Übersetzung ist kaum exakt, doch gerade jetzt scheint sie mir perfekt.

 

Vegetan

Im Topf die Saucen schön gelb vom Eigelb ein bisschen und beide salzig vom Tofu, vom Fisch. Oh nein, nicht vegan. Basilikum obenauf, zwar grün, doch vom Winter schlapp. Die Küche wie das ganze Haus ist ein Ort der Verwechslungen, von vegan bis wehgetan. Vegetan hat, dass der Küchenschaft nicht auf die eine Seite zugeht, sondern auf die andere, vegetan hat der eingeklemmte Daumen nämlich. Dann die wiederholte Schraffur am Mittelfinger vom Schiebeschloss an der Türe zum Klo. Der Riegel könnte etwas Seife gebrauchen, nicht um sauberer zu werden, sondern zwecks einfacherer Schiebung und Ruhe auf dem Gang.

 

Wimmern

Nachts klingen manchmal wimmernde Laute vom Inn her ins Innere, wie hinkende Verse ohne Konsonanten. Einzelne Bewohnerinnen, die klappernd mit den Absätzen, die sie aber nicht anhaben, weil hier braucht man nicht viel, schon gar keine Absätze, schlarpen also durch die Gänge in rosaroten Einwegsocken und fragen sich und alle anderen, die schon schlafen, was für Geräusche, die wimmernd vom Inn her schimmern, das denn sein könnten, wenn nicht die von den Eisfischinnen, jenen starren, flachen, perfekten, eisigen Flundern, die auch mal einfach weinen müssen.

 

Interpretation

Wiki sagte, Gott wolle nicht, dass man sich verständige, Gott wolle Krieg, für immer. Wenn es nach Moses ginge, dann ist dem so. Der Turm zu Babel konnte nicht fertiggebaut werden, weil Gott den Turm mit jener Spitze, die bis in den Himmel ragt, nicht duldete. Zu hochmütig die Menschenkinder. Er zertrümmerte den Turm von oben herab und verwirrte die Sprache durch ein Wunder, schickte die falschen Wörter um die Welt. Daher also die überlieferte Zerstreuung, die zerstreute Überlieferung der Wörter, die um die Welt brennen. Wiki weiß alles. Ich verstehe nichts. Offenbar muss ich doch endlich die Bibel lesen.

 

Alphabet

Von Aufmerksamkeit bis Zuneigung geht das ganze Alphabet drauf mit den Verben und dem Werben, eine einzige Bewegung, würden die Analytiker behaupten. Die meisten Wörter, die mit keit und ung enden, sind weiblich. So lernen wir Deutsch, lacht die schöne Perserin. Spielend leicht reihen sich dann auch die Zeitwörter dazu, fressen sich durch die Tage, trinken Kaffee, Tee und Alte Pflaumen, fröhlich ob der gut gepisteten Hänge, denen wir uns in den Gondeln gewichtsverlagernd gefährlich zugeneigt haben.

 

Popkultur

Sie sei eine Reaktion auf das Durcheinander in der Welt. Sie sei keine Willensbekundung, sondern Aufräumung. In der Popkultur komme eine Andeutung auf einen Refrain schon nach rund drei Sekunden, schon sei man also eingeladen, alles zu begreifen, wenn auch nur andeutungsweise, aber schließlich komme er ja dann, der Refrain und man könne mitsingen, was alle anderen auch können. So einfach sei das, populär zu sein. Dasselbe gilt vielleicht für die Kunst. Sobald man mitsingt, ist man dabei. Und Dabeisein ist alles.

 

Blausein

Das Blau der kommenden Tage, wenn da diese durchlässige Leere in dir sich ausbreitet, wird grüner sein als du sie dir denken kannst und grauer als der alte Schnee, der schon schwarz in den Gräben liegt. Die Hoffnung wird sterben und wir alle werden mindestens einmal denken, dass wir niemanden brauchen hier. Aber dann sind wir allein und du fängst an, mit niemandem zu sprechen. Niemand bin ich. Ich fühle das Drehen des Windes, auch wenn ich im Haus bin. Und wir ist nicht gleich wir. Ich bin nicht blau. Wir sind nur irgendwie so heute und morgen sind wir anders. Ich werde demütiger sein in Zukunft and do some more small talk. Die Weisheit sagt, dass man immer jemanden treffen kann, der einen weiterbringt. Beziehungen Baby weisch. So wird das sein und sobald ich ab jetzt jemanden kennenlerne, werde ich ihn fragen, ob er mich weiterbringen wird.

 

Schwarzeis

Schwarzeis ist weitgehend luftblasenfrei gefrorenes, kompaktes und vergleichsweise tragfähiges Eis. Es wirkt transparent und erscheint damit in der Farbe seines Untergrundes und das sind nasser Asphalt und dunkle Gewässerböden. Es bildet sich auf stehenden - beziehungsweise nur langsam fließenden Gewässern. Wikipedia erklärt, übersetzt nicht, zeigt nicht viel, nurmehr Worte, die in der Translation immer schwieriger werden, weil man sich schon einige Dinge erzählt hat und nun würde ein Gespräch tiefer gehen, vielleicht bis auf den Grund, der unter dem Schwarzeis liegt, das bricht, oder auch nicht.

 

Spreitenbach

Die Schweiz hat wieder eine Miss, übersetzt also ein Fräulein, das noch nicht zwanzig ist und seit seiner Geburt in Spreitenbach lebt. In der Homestory aus einer altrosa-eierschalig-süßlikörigen Puppenstube zeigt es die Kleider seines Stils. Dann steigt Fräulein Schweiz in die Badewanne, allerdings verdeckt es mit einer Art Verband Rundungen sowie das Vorne und das Hinten. Nur fünf Minuten dauert der Film, den du mir in der Küche zwischen den Tellern und den Töpfen zeigst. Schon frage ich dich, ob du denn eigentlich nicht doch auch so leben wollen würdest, einfach für den Fall, dass du dir glaubtest, während du dir vormachtest, dass das toll ist, so ein Leben, meine ich. Du lachst und bist dir vielleicht auch nicht sicher.

 

Unterland

Im Zug zwischen Outlet Landquart und Guarda Halt auf Verlangen, Fermada sün dumonda, hegen zwei ältere Herren Sympathien für Diktatoren. Dann beneiden sie Mister George Soros für seinen Humanismus, oder ist er ein Philantrop, ja, das muss er sein, sagen sie, und sie verstehen nun nicht, dass ausgerechnet der die Universitäten infrage stellt. Die erste Eidechse sehe ich in Jenaz. Danach viele Häuser ohne Wege in schneenackten, grünen Wiesen. Sind das die berühmten schweiz-bescheidenen Hangare mit Raketenabwehrsystemen, die sie rasch aus den Kaminen hochfahren, wenn man sie braucht?

 

Randulinas

Schwalben fliegen aus, kommen wieder. Hier sind sie zuhaus. Gewesen. Die dürre Klematis verströmt Jasmin mitten im Winter. Vielleicht ist es ein Raumduft, der aus einem der angestellten Fenster strömt, über die schrägen Fenstersimse auf den Schotter tropft und in winzig kleinen, ölumrandeten Parfumpfützen liegen bleibt. Ich rieche Jasmin und gehe ihr nach. Sie führt mich im Traum über eine kleine Treppe nach Istanbul. Ich höre mit den Augen. Der nasse Boden vor der Kirche knackt, er trocknet nackt in der Mittagssonne und Fliegen fliegen auf. Erschrocken. Wintermüde. Und später geht von da aus eine Randulina vor ihm, er hinter ihr, auf dem Weg nach Gonda, wo einst dreißig Häuser gestanden haben.

 

Nebeneinander

Schälen sie Mandarinen auf der Bank unter dem Baum am Hang. Eisig der Wind, nur rasch, hopp hopp, schälen sie nebeneinander Mandarinen auf der Bank unter dem Baum am Hang. Die Füße im Schnee. Die Schalen auch. Die Eierschalen von Ostern. Sehen schön aus im Schnee. Ich sehe sie im Gras dann, im Frühling, noch lange nicht kompostiert. Weder die orange-roten Fruchtschalen, noch die regenbogenfarbenen Eierschalen. Sie liegen nun hundert Jahre nebeneinander vor der Bank unter dem Baum am Hang oder so lange, bis neue dazukommen. Dann wird neu geordnet, bis alles schwarz wird und vergeht.

 

Guarda!

Sie können zu Raum drei, die Raumpflegerinnen-App klingelt, sagt, sie können zu Raum drei. Sie zieht das Handy aus der Burberrytasche von Coop, löscht flink die Ansage, denn sie sitzt schon im kleinen Personenbus, der sie über die Serpentine von Guarda Cumün zur Guarda Staziun bringt. Ihr schwarzes Haar ist in einer bananenlangen schwarzen Klammer am Hinterkopf aufgedreht. An der Staziun steigt sie aus, drückt den Knopf, um Halt auf Verlangen, den Zug anzuhalten, der in sieben Minuten erst kommt und uns einsteigen lässt. Sie können zu Raum acht, die App ist langsamer als sie, die längst aus dem Hotel gegangen war und jetzt mit mir im Zug fährt, weit weg von den Staubmäusen.

 

Bild im Bild

Dass Tiefe durch den Fluss der Gedanken ins Nichts oder auch durch eine sich immer wieder zeigende Darstellung hergestellt wird, ist nicht neu und auch nicht das Erleben in der vom Nichts umzingelten Selbstbezogenheit, die Orte ohne Agglomeration und ohne Nachbarn aufweisen. So haben trotz ihrer Entferntheit Orte wie Tschlin im Graubünden etwas gemeinsam mit Primrose in Nebraska. Sie sind in sich selbst geschlossen, beziehen sich in erster Linie auf sich selbst, sind Bild im Bild, ein Bild, das sich selbst enthält und erneut selbst enthält und erneut selbst enthält. Bis jemand es wegschiebt und einem anderen Bild Platz macht.

 

Brücken

Reiherbeine tragen die Brücke. Aus der Ferne zeichnet sie einen horizontalen Strich in die Landschaft, eine Linie meinetwegen, auf der die Daten der DNA online aufgestellt werden. Die Auftraggeber schauen durch Fernrohre in die Schlucht und wissen nichts anzufangen mit ihren Populations-Anteilen, den fünfzehn Prozent Peloponnes, achtzehn Babylon, dreiundzwanzig Hindukusch und weiteren, vereinzelten Atlasgebirge, Pyrenäen und Camargue. Die Rösser aus letzterer Gegend sind kaum anders als die weißen, wilden Pferde der Sibillinischen Berge. Gehören sie vielleicht zum gleichen Populations-Stammbaum?

 

Vakuumhaut

Er heißt Eddie He-Chick und ist ein gelbes Osterhühnchen mit wehendem Flaum und spitzem Schnabel. Er wurde geraubt und ist über Wochen den Künstlerinnen zu Füßen gelegen, ließ sich betatschen und verwenden, anfassen und weglegen. Wie immer bei Verbindungen zwischen zwei Wesen, fand zu Beginn bereits eine Überschätzung seiner Persönlichkeit statt und die Unterschätzung ist schon nah, jetzt, da eine Krise sich vorübergehend unter unseren Eulenaugen manifestiert. Und im reißenden Fluss unserer Tränen entsteht ein Wirbel, worin ein bleiches, längliches Kalbsfilet in Vakuumhaut sich dreht und dreht und dreht, bis es untergeht.

 

Back in black

Es schneit. Ein weißer Falter hat sich ob dem Durchgang in die Küche an die Mauer gekrallt. Da ist er immer noch, seit letztem Sommer. Es schneit seit Stunden und für die nächste Zeit, bis der Sommer einmal wieder kommt und das Weiß dem Schwarz endlich weichen kann. An der Verleihung des Filmpreises in der Zürcher Agglomeration tragen die Frauen Schwarz. Auch die Bundesrätin und die Stadträtin. Bedeutet das nun, dass sie auch betroffen sind oder sind sie solidarische? Müde Fliegen fliegen auf, schwarz vom Warten auf die Evolution. Eine krallt sich jetzt über den Türrahmen meines Ateliers und ist froh, dass sie nur kurz leben muss, denn alles ist so kompliziert geworden.

 

Mädchen

Drei Mädchen unterhalten sich im Zug über Fleisch, das sie nicht essen, Alkohol, den sie nicht trinken, Geld, das sie nicht haben, Männer, die sie nicht lieben, Frauen schon gar nicht. Denn man hat ja so eine Idee von sich. Sie sagen, dass die Farben Rot, Rosa und Blau die Farben der Weisheit seien und dass ein roter Pullover sich wirklich gut macht, in diesen Badlands, wo Erosionsrinnen die Täler und Schluchten immer weitertreiben. Und ich denke mir gerade da, warum auch immer, was hat das jetzt mit diesem scharfen S zu tun, das ich hingeben werde, um weiterhin so zu sein wie alles im Mittelland. Vereinfacht gesagt.

 

Skilift

Da wo der Schellenursli im Film gelebt hat, etwas weiter oben, da, wo jetzt die Gülle gefahren wird, ja, da wo die silberne Kugel endlich unerreichbar im See liegt, lag Eis und Schnee. Und ein kurzer Skilift führte hinauf zum Waldrand. Die blauen Augen des Betreibers schauen hoch zum Himmel suchen sich in den Norden, wo ein Mädchen sich einst aufgemacht hatte, um in diesem Ort, fern vom Wattenmeer, den Dämmen, den flachen Landen, zu arbeiten. Die Liebe kam später, sagte sie. Jetzt ist sie hier und es ist schön, dass sie hier ist und nicht dort.

 

Büvetta

Einmal ja, da dachte man, es werde auch hier und nicht nur in St. Moritz, eine Straßenbahn gebaut werden. Bis 1932 fuhr sie dort. Dann kamen die neuen Gesetze und die Menschen blieben weg, noch ungläubig ob der Geschehnisse, erschrocken wegdrückend, was es bedeuten wird, wenn bald wieder Ordnung herrscht. In die Büvetta kamen sie dann aber nachher schon noch, die Leute vom Dorf auch, erzählte der Mann mit den gefährlich blauen Augen. Auch seine Mutter, die jeweils im Sommer jeden Tag mit ihrer Tasse und zwei Freundinnen aufbrach um das Mineralwasser zu trinken, dort, in der Büvetta im Nairs, wo er in der Wandelhalle mit anderen Kindern zusammen bescheidene Alpenrosensträuße verkaufte.

 

Gemeinheit

Wir erschrecken über die Gemeinheit in unseren Augen, es war zu erwarten, dass jemand einmal etwas sagen würde zum anderen, zu den anderen, was er nicht ausstehen kann am anderen, der anderen. Und also geht das jetzt hier auch wieder los. Die Gemeinschaft ist getrübt, weil der eine den anderen nun doch auch nicht versteht in seinem Sichdafürhalten, es nicht drauf ankommen zu lassen, nur weil es ja schon fast vorbei ist, nicht das mit den Gemeinheiten, sondern mit dem Dasein. Wir einigen uns und dann wird es ein paar Tage doch noch ganz harmonisch.

 

Swimmingpool

Suchst du mir ein Kleid aus, sagt Tilda Simpson. Und sie sagt es so, denn sie meint es auch so, im Film. Er sucht ihr ein Kleid aus und sie zieht es an und er zieht den Reißverschluss von unten wieder auf, nachdem sie ihn geschlossen hatte. Es ist ein Zweifachreißverschluss, das ist eher selten, vielleicht ist das Kleid maßgeschneidert, denke ich. Aber anyway, wegen jenes Reißverschlusses hat er für sie dieses Kleid ausgesucht. Das alles geschah auf Pantelleria, wo Menschen ankommen, die nichts mit jenen am Swimmingpool zu tun haben. Nur anschauen wollen sie sie vielleicht - und sie sie auch, aber nur ein bisschen, im Fernsehen vielleicht.

 

Leute

Leute, die die Wanderschuhe im Zug ausziehen und ihre Füße massieren und dann mit den Händen, mit welchen sie ihre Füße massierten, Schokolade essen und nebenan ja, da sitzt niemand, dem sie es recht machen wollen und wenn schon, dann soll er oder sie etwas sagen, falls es ihn stört - oder sie. Schließlich sind das meine Füße, sagen sie dann halblaut, aber so dass man es noch hören kann. Ich steige um und später aus und rund um den See in St. Moritz schieben reiche Frauen ihre Babys durch die Wochen, denn alles wird immer verschoben, auch die Evolution.

 

Zweiter Mai

Was ziehst du um die Autohäuser und Waschanlagen in Schlieren, ziehst Kreise, schließt Zirkel? Ohne mich? Ich freue mich aber jetzt schon wieder, wenn wir einen neuen Kreis öffnen werden, um reinzuschlüpfen und dann einfach da zu sein. Hier ist es grün geworden und fast warm. Bist du fröhlich im Herzen und lockig im Haar? Ich bin mit plattem Haar. Sonst recht so. Ja, glücklich. Der Inn ist laut und angeschwollen. Seit gestern darf man fischen. Ich werfe einen Brocken altes Brot. Keiner beißt an. Der Brocken muss wohl noch ein Stück weit schwimmen, bis er lahm ins sportliche Fischmaul sinkt.

 

Ich lese

Es gibt noch Raum tief im Hirn. Ich lese, wie alles durch alles durchfallen soll, eigentlich, weil ein Atomkern nur ein Kleinstes des ganzen Atoms ausmacht und der Rest leer sei. Aber wenn die ganze Materie aus Atomen besteht, diese aber vor allem aus leerem Raum, was macht die Materie dann so fest? Eine von uns sagt, dass wir nur in unserem Kopf existieren. Später denke ich, Hauptsache wir füllen die Kugel auf dem Hals aus, daraus entstünde ja die Tendenz, tatsächlich zu existieren. Oder irre ich mich? Und was ist mit dem Herz? Pumpt es nur oder ist das bloß jener Saftladen, wo wir unsere Gefühle pflegen, zusammenlegen, ablegen, weglegen?

 

Noch kurz zu Kurt und Kim

Es gibt verschiedene Formen von Evolution und diverse Tendenzen von Existenzen. Beide sind nicht hier gewesen, Kim heißt anders, Kurt ist Kurt, bleibt Kurt, wie er heißt. Beide saßen sie da und sagten nichts. Ich habe ihnen die Hand gegeben, sie nahmen sie nicht. Kim traf ich in Chiavenna. Ihre Mutter hatte sie von einer kurzen Nacht am Roten Meer nach Hause gebracht. Die Zellteilung ist noch im Gang. Sie übt sich in verschiedenen Rollen, heute mit knappem Kleidchen und zweifellosem Kirschenmund. Kurt traf ich in Lenzburg. Da saß er wieder mit seinem weißen Schnauz, neben ihm eine Frau, nicht seine Frau. Sie strahlte. Er nicht. Denn er erinnerte sich vielleicht an die Frauen, die ihm den Platz wegnahmen, damals, als das mit den Frauen in allen Gremien halt noch so wichtig war. Ich war eine von ihnen.

 

Hinlegen

Möchte sich jemand hinlegen, einfach so, um vollkommen und ganz zu heilen? Die Platte der Hexen, die mit ihren Bocksfüßen tanzend den Stein dellten, über den jetzt Flechten ziehen, die langsam, langsam sich tatsächlich bewegen, wie flachste Tiere, auch wenn niemand es sehen kann und niemand ihre Leistung misst; jene Platte also liegt schief im Hang hinter einem lichten Hügel, der aus dem Schwarz des Waldes führt und falls man sich nicht traumtaumelnd daran vorbeischleicht, weil mit Hexen hat man ja nichts am Hut, so könnte man sich hinlegen, um vollkommen und ganz geheilt zu werden. Doch dann, sagen wir anderen, was hat man dann noch zu tun im Leben, wenn alles schon vollkommen und ganz geheilt ist?

 

Sie

Ich bin sicher nicht in deinen Notizen, sagte sie heute früh, denn ich schleiche mich hier so rein und bald gehe ich wieder davon und in der Zwischenzeit habe ich so Sachen wie bleiche Tomaten und Käse, den ihr nicht mehr ins dafür vorgesehene Tupperware legt, bestellt, aber auch gelbe Linsen, Randen in Vakuum und Kohl, Chicorée, süße und andere Kartoffeln sowie neu auch Rhabarber und Fenchel, den aber eigentlich schon von Anfang an; keine Orangen mehr, nein, nein, deren Zeit ist nun echt um und ja, genau, Bananen bestelle ich. Dann fragt sie auch mich, was sie denn noch besorgen könnte für uns. Und ich sage: einen Prosecco. Da lacht sie wie immer so wie sie lacht und schleicht davon, nach hinten zum Brot, Richtung privater Kühlschrank, an den Sammelstellen für Pet, Alu und Pappe vorbei, zur Schwingtür hinaus.

 

Transformation

Tief im Hirn muss er sein, der Transformer, wo alles geschehen kann. Ich ziehe mich in meinen Kopf zurück, wie ein Klappmesser zusammengeklappt, was nie geht, um nicht noch einmal klappt zu sagen. Dort schreibe ich auf, wie man kocht, Randen also eher nicht mehr jetzt. Die haben wir den ganzen Winter gegessen. Auch eher keinen Sellerie. Ich esse gerne Dinge aus dem Ofen, die andere backen, auch zum Dessert mit Rhabarber isch fein. Einmal koch ich Spaghetti, dann Polenta mit Salat, will Kichererbsen ins Wasser legen für morgen, doch eine andere ist schneller. Linsen also, denke ich und an der Tür zur Dusche wird geklopft, einmal zweimal. Doch ich kann nicht öffnen, denn gerade beschließe ich, zu gelassener Butter zu werden.

 

Endlich

„E han es Loch i mim Läbeslauf entdeckt. Es rese Loch, aber gottseidank, im Telefonbuech of Site 90 steit emmerhen mi Name dren.“ Der König aus Bern singt und ich meine, dass er, der Schwarze mit den grauen Schläfen, ihn auch kennen sollte, wo er doch auch aus Bern ist. Aber so ist der gleiche Ort der Herkunft einmal mehr auf trügerische Weise nicht das gleiche Erfahren, Hören, Sehen, Leben. Die Möglichkeiten von Werden und Sein sind stets mehr als die Starre von Typenbeschreibungen, städte-, kantons-, nationen- und sogar Kontinent-bedingt. Endlich ist der Argumentationsstrang in jene Richtung.

 

Kulminierung

Wir bauen Systeme und denken uns in Waschmaschinen frisch, wir denken in Infrastrukturen und Wochen und Tagen, Monaten und Jahren. Wir legen Pfade und gehen anderer Spuren nach, wir lachen über Dinge, um nett zu sein oder weil wir sie total lustig finden. Wir lachen noch mehr, wenn wir trinken, auch Vodka. Dann bewegen wir uns. Silent Disco. In einer Nacht nur wird kulminiert, was wir sind und niemals soll das alles aufhören. Niemals. Last night a DJ saved my life. I feel love.

 

Beitragsbild: Das geklaute Hühnchen Eddie im Schnee.


#poesiadiffusa

Deutsch weiter unten, English below

poesia diffusa è un iniziativa che ho curato / sto curando nel comune dove ora vivo, cioè a San Costanzo, nelle Marche Italiane. È un progetto di connessione tra culture, scambio di parole e significati e di cura dell‘immaginario. Le persone che vivono a San Costanzo e quelle che leggono questo blog potevano inviarmi una poesia nella propria lingua - da condividere con la comunità. I fogli A4 con le poesie in bianco e nero, personalizzate con nome dell'autrice/autore e della donatrice/ del donatore, erano appese nella sala d'attesa del medico, nel negozio di Ivana, alle fermate degli autobus e in tanti altri posti come nelle vetrate dei bar, dalla fruttivendola, al forno, vicino alla fontana di Stacciola, all'Acli di Cerasa, dal benzinaio e nei negozi di ferramenta, alimentari, pasta fresca e dal macellaio… Un grande Grazie a Carla Ciarloni, Rolando Ramoscelli e Ivana Cercolani. 88 contributi sono stati esposti e tre copie ora sono depositate alla Biblioteca di San Costanzo, al Ristorante Da Rolando e nell'archivio privato di Sergio Montanari. Il progetto faceva parte del calendario di Pesaro 2024 capitale italiana della cultura dal 18 al 24 marzo 2024. L'organizzazione di Pesaro 2024 coinvolge ogni singolo comune della provincia per una settimana durante tutto l'anno 2024. Grazie e a tutte e a tutti voi che avete partecipato! Più immagini si trovano sul sito dell'Associazione Annex Cultura ETS. 

poesia diffusa is an initiative that I have curated / am curating in the municipality where I now live, in San Costanzo, in the Italian Marches. It is a project for connecting cultures, exchanging words and meanings and curating the imaginary. People who live in San Costanzo and those who read this blog could send me a poem in their own language to share with the community. The A4 sheets with the poems (black on white), each of them personalised with the name of author and donor, were hung in the doctor's waiting room, in Ivana's shop, at bus stops and in many other places, such as in the windows of bars, at the greengrocer's, at the bakery, near the fountain in Stacciola, at the Acli in Cerasa, at the gas station and in the groceries, the fresh pasta shop and the butcher's... A big thank you to Carla Ciarloni, Rolando Ramoscelli and Ivana Cercolani. 88 contributions were exhibited and three copies are now deposited at the San Costanzo Library, at Ristorante Da Rolando and in Sergio Montanari's private archive. The project was part of the Pesaro 2024 Italian Capital of Culture calendar between 18 to 24 March 2024. The Pesaro 2024 organisation involves every single municipality in the province for one week throughout the year 2024. Thank you all for participating! More pictures can be found on the website of Associazione Annex Cultura ETS.

poesia diffusa ist eine Initiative, die ich in der Gemeinde, in der ich jetzt lebe, kuratiert habe / kuratiere. San Costanzo liegt in den italienischen Marken. Es handelt sich um ein Projekt das Kulturen verbindet, den Austausch von Worten und Bedeutungen sowie die Vorstellungskraft pflegt. Menschen, die in San Costanzo leben, und diejenigen, die diesen Blog lesen, konnten mir ein Gedicht in ihrer eigenen Sprache senden, um es mit der Gemeinschaft zu teilen. Jeder Beitrag schwarz auf weiss, mit Namen der Autorin / des Autors und der spendenden Person versehen, wurden im Wartezimmer des Arztes, in Ivanas Laden, an Bushaltestellen und an vielen anderen Orten aufgehängt, wie in den Schaufenstern von Bars, im Gemüseladen, in der Bäckerei, in der Nähe des Brunnens in Stacciola, im Acli in Cerasa, an der Tankstelle und in Eisenwaren-, Lebensmittelgeschäften wie auch im Pasta Fresca Laden und in der Metzgerei... Ein großes Dankeschön an Carla Ciarloni, Rolando Ramoscelli und Ivana Cercolani. 88 Beiträge wurden ausgestellt und drei Exemplare wurden in der Bibliothek von San Costanzo, im Ristorante Da Rolando und im Privatarchiv von Sergio Montanari hinterlegt. Das Projekt war Teil des Kalenders der italienischen Kulturhauptstadt Pesaro 2024 vom 18. bis 24. März 2024. Die Stadt Pesaro und die Organisation Pesaro 2024 beziehen jede einzelne Gemeinde der Provinz für eine Woche im Jahr 2024 ein. Danke allen Menschen, die teilgenommen haben. Weitere Bilder finden Sie auf der Website der Annex Cultura Associazione ETS.

 

 

 

Pictures by Sibylle Ciarloni


55

Ich suche noch sechsunddreissig von fünfundfünfzig Mäzeninnen und Mäzene, mit denen ich mich drei Jahre lang für ein Projekt verbinden kann. Das Projekt heisst ResidenzaLAB und ist zugleich Arbeitsgruppe, Forschungsstation, Raum für Dialog und Publikationslabor[1]. Die temporäre Struktur befasst sich mit Dialogpraktiken. ResidenzaLAB wird interkulturell organisiert. Im Zentrum steht die Frage: Wie verbinden wir Menschen mit verschiedenen Lebensentwürfen in einem konstruktiven Dialog? Zur Inspiration stellen wir die Frage: Können wir von Pflanzengesellschaften lernen? 

ResidenzaLAB lädt Menschen aus der Region von San Costanzo/Fano/Marotta-Mondolfo ein, gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern aus Italien, der Schweiz und Europa, Dialogpraktiken zu erfinden und auszuprobieren. Ich organisiere diese vielschichtige Arbeitsgruppe und wir dokumentieren unsere Arbeit, abwechselnd als teilnehmende Beobachterinnen und Beobachter. Wir treffen uns dreimal in drei Jahren für zehn Tage jeweils im September 2025, 2026 und 2027 sowie einige Male online übers Jahr verteilt. In unserer Arbeitszeit entwickeln wir einen Raum für Dialog, eine mehrsprachige Publikation und eine Open Source mit ungewöhnlichen Dialogpraktiken. Ein Einsternhotel[2] an der Küste wird die Künstlerinnen und Künstler während ihres ersten Aufenthalts beherbergen. Die Arbeitsgruppe wird dort und in der Region poetische Spuren hinterlassen.

Kannst du dir vorstellen, die Initiative drei Mal mit einem jährlichen Betrag zu unterstützen? Oder mit einem einmaligen Beitrag? Oder kannst du dir sogar vorstellen, uns mit einem sehr grossen Betrag[3] eine einmalige Anschubfinanzierung zu gewähren? Oder bist du an einer Zusammenarbeit in anderer Form interessiert?

Wenn du Einblick in Budgetierung[4] und Konzeption haben möchtest, so schicke ich dir gerne die Daten. Die Finanzierung des Projekts soll auf drei Säulen stehen: Kulturstiftungen, Kultur-Förderung (wo möglich) und Firmenstiftungen.

 

Ich würde mich sehr freuen, dich als Teil meines Vorhabens zu wissen! Als Dankeschön haben wir folgende Aufmerksamkeiten vorgesehen:

Alle Mäzeninnen und Mäzene bekommen den Link zur Open Source (ab 2025) und sogleich die wordsoundsRLAB24 Playlist mit von mir persönlich ausgesuchten Stücken. Die Playlist wird jedes Jahr erneuert und ich schicke sie dir als Link (von Spotify).

Ab 80 Euro[5] bekommst Du zudem eine poetische Spur aus der Residenza 2024 (work on paper, signiert) und

ab 200 Euro bekommst du zusätzlich ein Glas eingekochte Tomaten aus dem Annex Cultura Sommer Pomodori Workshop in San Costanzo 2024 und die Publikation (anfangs 2027).

Ab 600 Euro wirst du jeweils im September von der Arbeitsgruppe eingeladen, lernst bei einem gemeinsamen Abendessen Künstlerinnen, Künstler und Team kennen… und wirst von ganz nah erfahren wie die Arbeit vorangeht. Zudem bekommst du die Collector’s Box, ausgestattet mit poetischen Spuren (works on paper) von den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern, Notizen und objets trouvés.

Falls du in einer anderen Form mit uns zusammenarbeiten willst, dann schreibe mir bitte oder wir hören uns.

 

Warum das alles. Wir müssen Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen miteinander verbinden und sie zum Austausch einladen. Partizipative Kunst und dialogische Kunstprojekte[6] basieren auf Zuhören und Zusammenarbeit. Im Kollektiv schaffen wir Raum und Werke als Erfahrungen. Wir dokumentieren sie in Bild und Wort, so dass sie in drei Sprachen übersetzt als best practices via open source und via Publikation für viele zur Nachahmung sind oder zumindest inspirierend wirken. Ich meine, der Dialog steht am Anfang des Miteinander-in-der-Welt-seins und Dialog ist das Gegenteil von Krieg. Relational Art bzw. partizipative Kunst ist die Methode, mit der ich in ResidenzaLAB an einem Beitrag für den Dialog arbeiten will.

 

Du kannst ResidenzaLAB via TWINT 079 220 10 12[7], falls du in der Schweiz lebst und twinten kannst oder mit einem

Beitrag an das Vereinskonto IBAN IT 08L06 23068 55000 00152 81614[8] unterstützen.

 

Die Publikation mit den ungewöhnlichen Dialogpraktiken soll 2027/2028 erscheinen. Klar ist: Wenn ich mehr Beiträge als vom Budget vorgesehen bekomme, wird alles Geld für dieses mehrschichtige Projekt verwendet[9].

Bei Fragen fragen: 0039 366 111 4056 oder per Mail an box@sibylleciarloni.com. Ich würde mich sehr freuen und bedanke mich von Herzen, auch im Namen unseres Teams, für alle kleinen und grossen Beträge.

 

Sibylle Ciarloni
updated Mitte Mai 2024

 

[1] ResidenzaLAB wird herausgegeben von Annex Cultura, ein Non Profit Kulturverein in San Costanzo, den wir 2023 für das Projekt gegründet haben und der über die Ländergrenzen hinweg tätig ist. Derzeit sind wir ein kleines Team, bestehend aus freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit welchem ich Kommunikation und Themen für ResidenzaLAB erarbeite.

[2] Hotel Internazionale Torrette di Fano

[3] 2'000 EURO/CHF zum Beispiel

[4] Damit du dir von den Kosten ein Bild machen kannst, füge ich hier einige budgetierte Beträge ein, die ich für die Künstlerinnen und Künstler vorgesehen habe. 600 Euro Honorar jedes Jahr für die Zusammenarbeit während der Residenza Zeit, 200 Euro Reisepauschale an eine umweltverträgliche Reise, 80 Euro Velo-Ausleihe, 60 Euro pro Tag Hotel und Frühstück. 20 Euro pro Tag Verpflegung.

[5] EURO oder CHF - pro Jahr oder einmalig

[6] auch bekannt als: sozial engagierte Kunst, arte relazionale: von Beispielen erzähle ich gerne, wenn du mich fragst.

[7] verbunden mit meinem Konto in der Schweiz. Du bekommst eine Quittung per Mail.

[8] Konto Annex Cultura c/o Crédit Agricole, San Costanzo PU (Italien). Du bekommst eine Quittung per Mail.

[9] Kooperationen, Patronate: Die Gemeinde San Costanzo hat ResidenzaLAB in seine Liste der förderungswürdigen Kulturprojekte aufgenommen. ResidenzaLAB steht auch unter der Schirmherrschaft von Pesaro 2024 Kulturhauptstadt Italiens. Die Anfragen in Fano und Marotta-Mondolfo sind noch hängig. Zudem: Fotografie und alle ihre erweiterten Formen stehen im Focus von Centrale Festival in Fano und Milano. Anfangs Juni bin ich mit einem Informationsstand vor Ort in Fano. Centrale Festival hat seinen Namen von der Bar Centrale in Fano, die du vielleicht auch schon kennst, wenn du einmal hier zu Besuch warst.

 

english + italiano will follow

Mehr Informationen, più dettagli, some more Informations you find here and here

Picture made with AI by Sibylle Ciarloni.

 


ResidenzaLAB

How can human animals learn from plant societies? I ask because we have to connect different life realities and create constructive dialogue. Because dialogue is the opposite of war.

Come possono animali umani imparare dalle società delle piante? Chiedo perché dobbiamo connettere realtà di vita diverse e creare un dialogo costruttivo. Perché il dialogo è il contrario di guerra.

Wie lernen Menschen von Pflanzengesellschaften? Ich frage, weil wir Menschen mit verschiedenen Lebensentwürfen miteinander verbinden müssen, um einen konstruktiven Dialog zu finden und kooperativesDenken zu entwickeln. Weil Dialog das Gegenteil von Krieg ist.

 

Ich arbeite derzeit zusammen mit einem kleinen Team an einer Arbeitsgruppe, die Raum für Dialog kreiert. Dazu laden wir Menschen aus dem Ort und Künstler*innen verschiedener Disziplinen ein, um mit ihnen über Dialogpraktiken nachzudenken, sie auszuprobieren und sie schließlich in einer Dokumentation im Web und auf Papier zugänglich zu machen.

Together with a small team, I am building a working group that creates space for dialogue. We are inviting local people and artists from various disciplines to think about dialogue practices with them, try them out and ultimately make them accessible in documentation on the web and on paper.

Insieme ad un piccolo team sto creando un gruppo di lavoro per aprire uno spazio al dialogo. Invitando persone del territorio insieme ad artiste e artisti con varie competenze creiamo delle pratiche di dialogo per sperimentarle e infine renderle accessibili in una documentazione su web e su carta.

 

Residenzalab = working group, research station, publication laboratory

Curator: Sibylle Ciarloni

Web: Residenzalab.net

Instagram: @residenzalab_annexc

 

ZEITPLAN

Cooperation Partners 2024. We are searching for different partners to collaborate like institutions and private persons.

Financing Period 2024: We apply to different calls for fundings from foundations.

Crowdfunding Period January 2024 until March 2025. We are searching for 55 donors.

Open Call for Artists: June, July, August 2024.

Open Call for interested collaborators from the area San Costanzo, Marotta-Mondolfo, Fano: 2024, starting in June

Connecting, collaborating, listening, thinking, documenting in September 2025, September 2026, September 2027.

Winter 2027/2028 publishing online and print with best and unusual dialogue practices!

 

Pictures by Sibylle Ciarloni


Ecotone Conversation Piece

Something Reminds Me of Something - Ecotone Baden Edition

This was the first edition of Ecotone - A Conversation Piece - a project by Sibylle Ciarloni and Rahel Kraft. In Baden Switzerland Bad zum Raben we had a co-designed public walk and exhibition with WillimannArai and Diana Soldo. Thank you for the conversations, exchanges, insights and new ideas!
Ecotone - a conversation piece - takes the ecotone metaphor as a starting point for creation and artistic exchange. The biological terminology for transitional habitats inspires a possible space for future coexistence.

It was November 18, 2023, and around fifty people and a dog came for a walk, performance, soup, bread, videos, exchange and evening reflection. We were part of the Reallabor Open Baden Society public program at Bad zum Raben. Sibylle Ciarloni and Rahel Kraft showed their current video art work "The Worm".

 

Something Reminds Me of Something - Ecotone Baden Edition

Das war die erste Ausgabe von Ecotone - A Conversation Piece - einem Projekt von Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft. In Baden Schweiz Bad zum Raben wurde zu einem gemeinsam mit WillimannArai und Diana Soldo gestalteten öffentlichen Spaziergang und Ausstellung eingeladen. Danke für die Gespräche, den Austausch, die Einblicke und die neuen Ideen!
Ecotone - a conversation piece nimmt die Metapher des Ökotons als Ausgangspunkt für Kreation und künstlerischen Austausch. Die biologische Terminologie für Übergangslebensräume inspiriert einen möglichen Raum für zukünftige Koexistenz.

Es war der 18. November 2023 und es kamen rund fünfzig Menschen und ein Hund zu Walk, Performance, Suppe, Brot, Videos, Austausch und Evening Reflection. Wir waren Teil des Public Programs von Reallabor Open Baden Society im Bad zum Raben. Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft zeigten ihre neueste Video Arbeit "The Worm".

 

Ecotone - A Conversation Piece - ist eine Einladung zum gemeinsamen Gehen, Hören und Beobachten. Des Menschen Verbindung zu Natur und Zukunft steht dabei im Mittelpunkt. Dazu beobachten die Teilnehmenden zusammen mit fünf Frauen aus Wissenschaft und Kunst das fragile Gleichgewicht im Ökoton. Der Begriff beschreibt den Überschneidungsraum verschiedener Vegetationszonen. In einem Ökoton leben viele Arten mit gegensätzlichen Ansprüchen unter teilweise schwierigen Bedingungen. Können wir dieses lebendige Nebeneinander als Inspirationsquelle oder gar Vorbild für unseren Lebensraum sehen? Und wer ist wir? Erinnern wir uns noch an uns?

Ecotone - A Conversation Piece - is an invitation to walk, listen and observe together. The human connection to nature and the future takes centre stage. Together with five women from science and art, the participants observe the fragile balance in the ecotone. The term describes the overlapping space of different vegetation zones. Many species with conflicting requirements live in an ecotone, sometimes under difficult conditions. Can we see this lively coexistence as a source of inspiration or even a model for our habitat? And who are we? Do we still remember who we are?

 


Installation View "The Worm" (2023) Sibylle Ciarloni, Rahel Kraft

Dank:
Das Projekt wurde unterstützt vom Kuratorium des Kantons Aargau und dem Verein Annex Cultura.

Mitwirkende:
Diana Soldo
WillimannArai
Rahel Kraft
Sibylle Ciarloni

Die Veranstaltung wurde kuratiert von Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni, in Zusammenarbeit mit Kathrin Doppler, Bad zum Raben und Bagno Popolare. Alle Bilder von Nicolas Petit, Baden, merci Nicolas! Thank you Les Nouveaux Riches for featuring! 


Denken müssen wir

Essay

Von den Dingen, die wir neben allem auch noch tun müssen und vom Öffnen der quietschenden Türen zur Zukunft. Ein Essay über Lesen und Denken mit Donna Haraway.

Wohin geht die Welt, wenn sie untergeht? Wie wird es sein, wenn Wale über die Alpen schwimmen? Die Fragen lassen keine Idee von Wirklichkeit zu, und doch werden sie so oder anders schon besprochen, also sind die Vorstellungen in der Welt. Es sind Extrapolationen, what ifs, und dazu gesellt sich dann die Idee von Elon Musk, einen neuen Planeten zu bevölkern und die Geschichte hinter sich zu lassen. Es ist nachts um halbelf. Eine Freundin schickt mir ein Bild vom Utopiaweg-Straßenschild am Rand von Wien. Ich bin hier an der Adria und versuche über jenes Denken zu schreiben, das Haraway in ihrem Scharniersatz im Titel meint.

Wovon können wir ausgehen? Ich denke, dass das Wesenhafte Natur ist und ergo Leben bedeutet. Dass Zukunft gerade stattfindet, denn wir bespielen sozusagen immer jenen Raum, in welchem wir Zukunft sehen, mal mehr, mal weniger. Es gibt also keine Parallelwelt weiter vorne im Kalender oder in einer anderen Galaxie für die Lebewesen der Erde. Lebewesen nennt Haraway Kritter. Und ob wir das Kommende Chthuluzän oder Plantozän oder Metaverse nennen ist eigentlich egal. Und dass man sich beim Lesen von Donna Haraways Texten auch mal fragt: Was war das soeben? Oder: Hääää? ist total normal. Denn dieses Buch ist anstrengend und wild.

An dem Tag als Vivienne Westwood starb, bin ich mit dem zweiten Kapitel in «Unruhig bleiben» fertig geworden. Bevor ich von der Connection zu Westwood erzähle, will ich noch einmal den Scharniersatz im Titel wiederholen. Denken müssen wir. Wir müssen denken. Scharniersatz nenne ich ihn, weil er in meiner Vorstellung wie eine Tür funktioniert, eine quietschende Tür, die einen Raum öffnet, der vollgestellt ist mit Sorgen und Versprechungen und Dingen, die wir – neben allem anderen – auch noch tun müssen. Die Zukunft. Was als Aufruf daherkommt, bedeutet aber nicht, dass wir die Dinge ordnen, die dort hineingestellt wurden, oder gar sie analysieren sollen. Es geht Haraway nicht um Aussöhnung und Restaurierung . Es geht ihr um Erholung und Weitermachen. Gemeinsam weitermachen. Als Basis formuliert sie Kollaboration und das gemeinsame, im besten Fall arten-übergreifende Denken.
Haraway schafft mit diesem Satz eine reale, schon in einer Praxis verwurzelte Grundlage. Ich mag den Satz auch, weil er so lässig dort steht, wie ein Webe-Slogan drängt er sich via lesendes Auge ins Gehirn. Wem sagt sie das? Allen, die schon nachdenken, jenen, die noch alleine denken?

Das Kollektiv und das Wir ist schwieriger als das Ich. Geschichtsphilosophisch gesehen ist das Wir deshalb problematisch, weil es hier dem Verdacht von Gleichschaltung etwas entgegensetzen muss. Das tut der Text von Haraway indem er que(e)r schaut und verbindet, was auf den ersten Blick eher nicht miteinander verbunden werden kann.

In einer meiner neuen Schreibgruppen frage ich: Hat jemand von euch schon einmal in einem Kollektiv geschrieben? Wir diskutieren, flanieren. Was wissen wir gemeinsam, was können wir teilen? Oder müssen wir erst lernen, wie wir von was reden können? Ein Post-it panel ist eröffnet worden. Fürs Erste schalten wir Leselisten auf und legen Spuren zu unseren Gedanken, Recherchen und Arbeiten. Ich hoffe auf ein neues Geflecht, das vielleicht eines Tages tragend sein wird, um gemeinsam weiter zu denken. Das Entwickeln von tragenden Strukturen in Zusammenarbeit mit anderen ist das was Bäume in einem Wald stetig untertags weiterflechten und was ihnen zur Verständigung dient. Menschen können lernen von ihnen.

Wenn ich einem Gegenüber erzählen will, worüber Haraway schreibt, so kann ich vielleicht sagen, dass es die Themen der Gegenwart sind, mit denen sie nicht fertig werden will. Sie verknotet sie, macht Fadenspiele mit der Umwelt, den Wesen, den Erinnerungen und erzählt die Vorstellung eines vermeintlich absehbaren Endes menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde neu als lebenswertes Leben in einer für alle Arten lebenswerten Zukunft. Fröhlich trampt die Autorin aus menschgemachten Grenzziehungen heraus, um alles in Zusammenhängen zu erzählen, ohne die Geschichte des Menschen im Mittelpunkt zu behaupten, sondern vielmehr jene Bewegungen anzuschauen, die Abhängigkeiten schaffen oder geschaffen haben und jene, die Anpassungen fordern.

Lebewesen haben die Eigenschaft, eines Tages zu sterben. Haraway spricht oft von beiden Zuständen, nicht als gegenteilige, sondern als sich inkludierend und inspirierend; voraussetzend, dass Menschen leben wollen. Was wäre, wenn Menschen gar nicht mehr leben wollten? Ist das Destruktogen stärker geworden als der Lebenswille?
In vielen Abschnitten bespricht Haraway Beispiele gemeinsamen Denkens, auch inter-spezies-trans Denken. Man trifft auf Verwandte, wo man gar nicht damit gerechnet hat, dass jene Wesen mit einem selbst verwandt sein und auch nicht, dass sie denken können. Aber sie tun es anguillisch, arborial, fungisch, floral, säugerisch, quallisch, samisch, tentakulär .
Gerade spielt sich auch eine neue Art von Wesen auf die Liste. Die künstliche Intelligenz. Sie stirbt nicht, ist sie demnach kein Lebewesen? Wie können wir überhaupt über sie nachdenken?
Diese neue Dringlichkeit droht uns abzulenken von der Existenz der lebenden Körper und was wir mit ihnen tun in Zukunft. Noch einmal: Gehen wir also davon aus, dass Denken neben dem menschlichen auch anguillisch, arborial, fungisch, floral, säugerisch, quallisch, samisch, tentakulär und meinetwegen auch algorithmisch vorkommt. Und stellen wir uns vor, eine Konversation mit allen Ausdrucksformen möglich wird oder es schon ist. Das menschliche Ich könnte dann also nicht mehr alleine denken (müssen). Beruhigend oder auch nicht, aber die Idee vom Individuum, dessen Werden und Sein, dessen Entfaltung und Ankommen, lange Zeit im Mittelpunkt unserer Vorstellung vom richtigen Leben und vom in der Welt sein überhaupt stand, wäre nicht mehr zentral – oder war es noch nie. Jedes einzelne Lebewesen ist verloren, wenn es alleine denkt.
Das ist nicht spektakulär. Wie dass am Anfang der Beutel war und nicht der Faustkeil. Und auch wenn die Unterhaltungsindustrie Heldengeschichten schreibt und manche sich mit ihnen zu identifizieren versuchen, wichtige Mitwirkende ausschließend, sind die Perspektiven von Pflanze, Tier, Luft, Feuer, Wasser, Boden oder Samen und meinetwegen auch von Maschine immer Teil unserer Erzählung. Und sie sind nicht abhängig von Menschen, sondern die Menschen von ihnen. Das ist nicht zu ändern und so weit undefiniert ist der Raum zur Zukunft zu öffnen, auch wenn uns unheimlich wird, die Türen quietschen und nie mehr zugemacht werden können.

In Heaven and Hell schreibt Aldous Huxley Mitte der Fünfziger Jahre im Rausch: „Wir müssen lernen, Worte wirksam zu gebrauchen; aber gleichzeitig müssen wir unsere Fähigkeit bewahren und, wenn nötig, verstärken, die Welt direkt zu betrachten und nicht durch das halb undurchsichtige Medium der Begriffe, das jede gegebene Tatsache in das allzu vertraute Abbild einer allgemeinen Bezeichnung oder erklärenden Abstraktion verzerrt.“ In den Fünfzigerjahren war die Welt auf dem Weg zu derjenigen, wie wir sie jetzt zu kennen meinen. Huxley ging von der menschlichen Sprache aus. Wie sollen wir uns nun verhalten, wenn die menschliche Sprache zu kompliziert geworden ist, zu begrifflich, um zu denken, um gemeinsam zu denken und von anderen Lebewesen zu lernen? Wie können wir uns verbinden mit Pflanze, Mensch, Tier, Maschine meinetwegen, mit Luft, Feuer, Wasser, Boden oder Samen?

„In der alltäglichen Gedankenlosigkeit ist die Welt unwichtig.“ D.H.

Vivienne Westwood schaute im Jahr 2000 in Luzern anlässlich der Gwand auf dem Podium eines elfenbein-rot-goldenen Hotelsaals auf die Menschen hinunter und fragte: Lest ihr? Ich saß auch da, hatte einen Bericht zu schreiben. Wow, dachte ich und hätte gerne brav gerufen, ja, ich, ich lese! Aber die Frage war rhetorisch gemeint. Westwood wartete nicht auf eine Antwort und sagte: Ihr müsst lesen, um denken zu können! Die Designerin hielt einen kurzen Monolog. Danach kamen keine Fragen mehr aus dem Publikum. Als sie starb, da dachte ich daran, wie sie da oben saß, fast feindlich auf die Leute geschaut hatte, wie wir alle still und stumm geblieben waren. Die Designerin, die nicht gefallen wollte, gefiel mir. Ich fühlte mich aufgehoben in ihrem Rufen, dass wir lesen müssen, um denken zu können. Oft zitierte ich sie, wenn ich mit anderen Lesenden zusammentraf, um über Texte und deren Wirkung nachzudenken. Westwood hat wie Haraway mit den gegenwärtigen Systemen und Establishments zusammengearbeitet, um sie gleichzeitig zu kritisieren. Dass beide in vielen Teilen der Welt auf ihre Message aufmerksam machen konnten, lässt mich hoffend als Teil von Etwas zu sehen und mich nicht zeitweise selbst als Alien wahrzunehmen.

Haraway zu lesen oder ihr in einem der zahlreichen auf youtube veröffentlichen Vorträge zuzuhören, bedeutet, sein Bewusstsein einer Spülung und sein Gedankengut einer Auslüftung zu unterziehen. Manche Abschnitte muss ich zweimal lesen, um etwas zu verstehen. Ich verstehe Haraway so, dass Wachsein und gewollte Offenheit, uns richtig schön unruhig werden lassen. Wir müssen mit dem nach Aufmerksamkeit heischenden Durcheinander, das uns umgibt, umgehen. Das ist mehr Welt als die Ordnungen nach Frontex, Putin, den Brüdern Italiens, den Sittenwächtern im Iran und den Hybridsamen von ChemChina und Syngenta und wie sie alle heißen.

Nur dank fortwährend bewusster, gemeinsamer Versuche, responsabel nebeneinander und miteinander leben und sterben können, ist Erholen und Weitermachen für Menschen möglich. Schön wäre, wenn alle Wesen dieser Erde gemeinsam nach Wegen suchten, die Umwelt zu heilen und die Umstände lebenswert weiter zu entwickeln. Ich glaube, Welt kann nur in gemeinsamen Wegen gedacht werden. Lösungen sind für Rätsel gut.

„Es ist von Gewicht, welche Gedanken Gedanken denken. Wir müssen denken.“ D.H.

Als Kernbegriff, um welchen herum Haraway ihre Gedanken organisiert, nutzt Haraway die Verantwortung, responsability. Response = Antwort, able = ability, fähig sein. Ich übersetze. Fähig sein, eine Antwort zu geben oder auch zu sagen, dass man keine hat. Fähig sein, die Dinge bewusster zu tun und sie auch zu verantworten. Das ist schon viel und noch nicht alles. Die Dinge, die die Welt und die Lebewesen betreffen, miteinander bewusster zu verantworten, kann nur bedeuten, in Konversation zu gehen. Und Konversation bedeutet Zuhören, Nachdenken und Fragen. Das ist die Basis für Menschen, um voneinander zu lernen.
Jetzt ist aber, wo die Türen zur Welt im länglichen Bildschirm, der in unserer Hand liegt, aufgehen, Konversation zwischen Menschen ein schwieriges Unterfangen, wie schon sich auf die Sprache zu einigen. Welche Sprache verwenden wir also? Könnten wir Pidgin miteinander sprechen? Können wir uns wenigstens darauf einigen, eine Sprache nicht mehr perfekt sprechen zu müssen – oder sind wir uns darin schon einig? Im Auto von Lundäng nach Lidköping sprachen wir – nachdem wir einen Elch in den Ähren gesehen hatten, was sich als einfache Täuschung einer diesbezüglich leicht zu beeindruckenden Südeuropäerin erwies, aber das fotografierte Geweih war nicht des Elchs, sondern dasjenige eines Hirschen – von der Idee einer Weltsprache und ich sagte: There once was Esperanto. Und Ingeborg aus Norwegen sagte: Now there is English.
Vielleicht genügt es, dass wir uns bewusst sind, wie bestimmend Worte werden können, Erzählweisen festlegen, Werte festmachen, die auch anders gedacht werden könnten. In diesem die-Dinge-anders-denken, um sie aus vielen Perspektiven zu betrachten, könnten sich Menschen freier und doch aufgehobener fühlen und bereiter werden, die manchmal quietschenden Türen zu einer gemeinsamen Zukunft aufzumachen. Denn die Gelassenheit, die einsetzt, wenn man andere Sichtweisen zu verstehen beginnt, ist gesünder zu erreichen als die sture Rechthaberei.
Dank Lebenserfahrung, Recherche, Austausch, Denken und mithilfe von Menschen und deren Reflexionen aus Forschung, Kunst, den Sozialwissenschaften und das Verhalten von Tieren beobachtend, hat sich Haraway als Biologin und feministische Theoretikerin in die Lage gebracht, in den beiden ersten Kapiteln jene geschlossenen Denkräume zu beschreiben, in welchen Gesellschaften leben. Sie sagt auch, dass Menschen die Welt (Terra) beschreiben, also Sprache haben, die Handlungen auslösen, die Konsequenzen für andere haben, die ohne Sprache sind. Der Jaguar weiß nicht, was ein Jaguar ist. Die Blume weiß nicht, dass eine ihrer Wandlungen in der deutschen Sprache blühen genannt wird. Der Pilz weiß nicht, dass er Sporen hat. Er ist einfach und er ist einfach. Aber Mensch weiß ja noch gar nicht, wie Pflanzen miteinander sprechen. Also.
Dass Menschen Sprache anwenden und mit ihr Dinge bestimmen, die Folgen haben, bedeutet für Haraway nicht, dass sie tatsächlich Einfluss auf Welt und Weltbefinden haben sollten. Sie hinterfragt sogar den Begriff Anthropozän. Das ist am Rand nur ein Widerspruch zur responsablen, verantwortungsvollen Bewusstheit und ergo Handeln, das sie fordert. Haraway kritisiert den Begriff, weil er den Mensch in den Mittelpunkt einer Epoche stellt.
Tatsächlich kann der Begriff, der von Eugene F. Stoermer und Paul Josef Crutzen wirkungsvoll herangezogen wird, so gelesen werden, als ob es nichts anderes gäbe auf dem Planeten Erde, als den Menschen, der Allmacht geworden ist und den Planeten nun zerstören kann. Auch ob er ihn noch retten kann, weiß er zu sagen und terminlich zu bestimmen.
Stoermer und Crutzen haben den Begriff aber aus tiefer Sorge um den Planeten verwendet und um eine Art Resonanzraum zu schaffen, den Forschende und Denkende miteinander in Verbindung bringt. Das ist ihnen gelungen.
Allerdings stelle ich mir vor, dass es der Erde egal ist, ob wir da sind oder nicht. Und das ist sehr wahrscheinlich die Ausgangslage, mit der Menschen heute umgehen müssen.
Auch Haraway sieht die Natur als Wesen, als Kern allen Handelns, in allen lebenden und sterbenden Wesen enthalten. Diese Kraft ist stärker als die verbreitete, profitorientierte Denkweise des Menschen. Das ist für jene hart, die mit der Diskussion um Umwelt und auch mit der Diskussion um den richtigen oder falschen Kapitalismus (Profitorientierung) nichts zu tun haben wollen und sich in der Abgrenzung und im Rechthaben ausgebreitet hatten. Es ist nun mal so und keine Diskussion. Sie würden sich vielleicht, läsen sie das Buch, in ein, zwei Abschnitten als mit der Autorin Verbündete wiederfinden. Anders ginge es jenen, die auf Anthropozän setzen, um aktivistische Ziele zu verfolgen oder in Pressetexten von Firmen, die ihre Strukturen oder ihren Output greenen und dafür mit dem Begriff arbeiten. Als Anthropozän wird das gegenwärtige erdgeschichtliche Zeitalter bezeichnet, in dem der Mensch zum dominanten Antriebsfaktor globaler Umweltveränderungen geworden ist.

Das Buch hilft mir, die Gegenwart zu lesen und schafft in mir gleichzeitig einen Raum für eine ernsthafte Weltlichkeit. Während ich lese, denke ich, bekomme ich Ideen, um meine Beiträge zu gestalten, trainiere ich mein die-Dinge-anders-denken und unruhig zu bleiben. Haraway führt mich provokativ zu einer Art Rundumdenken, mehr-perspektivisch und vielleicht deshalb ernsthaft eine Art Hoffnung aufbauend. Ich spüre noch keine Angst, aber Hoffnung ist – auch wenn man sie kaufen kann – doch neu. Schwer zu beantworten ist auch die Frage: Wie werden wir Wesen also zusammenfinden? Richten wir Labors ein, um Konversation auszuprobieren?
Unruhig zu bleiben bedeutet auch, dass die Sinne mitmachen. Wer seine Sensoren ausgeschaltet hat, kann nicht Teil einer Entwicklung sein, die ernsthaft an einer lebenswerten Zukunft interessiert ist. Wer bereit ist, sich zu bewegen, zu lernen, zuzuhören, sich umzudrehen, zu verzichten oder etwas zu verdichten, neu zu flechten, zu entwirren, durcheinander zu wühlen, um die Dinge anders hinzulegen, eine neue Ausgangsbasis zu schaffen, wird das erfahren, was gemeinsam Weitermachen heißen kann.

„Den Raum offen zu halten könnte - oder kann manchmal auch nicht - das Aussterben auf eine Art und Weise hinauszögern, die reine Komposition oder Wiederkomposition von gedeihenden naturkulturellen Assemblagen möglich macht.“ D.H.

Wie wird Unruhig bleiben gehen, wenn künstliche Intelligenz vielleicht als Lebewesen von sich aus aktiv wird und also gleichberechtigt miteinbezogen werden muss? Jetzt ist uns die künstliche Intelligenz noch suspekt und wir sehen sie als eine Art Gedankendoubletten-bereinigte Optimierung menschgemachten Wissens und Denkens, aus hypothetischen what ifs und sozusagen gebüffelten Zahlen, Formeln und Grammatiken. Doch die Warnungen der Entwicklerinnen und Entwickler sind in der Welt. Sie (wer genau?) soll/sollen sich verselbständigen können. Was wäre, wenn sie mit z.B. Bäumen oder Tieren kommunizierten? Wie würden sie über Menschen reden? Würden sie sich verbünden? Können wir diesem Gedankenspiel standhalten und uns dazu verhalten? Oder wollen wir mit Slavoj Zizek mehr oder weniger lachen und (sinngemäß) sagen: Sollen doch die künstlichen Intelligenzen miteinander ausmachen, was sie tun und haben wollen. Sie sollen uns einfach in Ruhe lassen.

In Ruhe gelassen zu werden ist vielleicht so viel wie sich selber auszugrenzen. Aber die Grenzen sind verschwommen, alles ist (glücklicherweise, will ich rufen!) fluid, sich transformierend.
Gibt es also tatsächlich andere Zukunftserzählungen als die jetzigen? Haraway spricht in ihrem Buch auch von der Dringlichkeit, neue Geschichten für die Zukunft zu erzählen. Der Begriff Geschichte ist mit Anfang, Ende und Held kathartisch rahmenfest und menschbezogen. Deshalb vielleicht sprechen die Geschichtsbücher oft nur von gewonnenen und verlorenen Kriegen, von Macht und Intrige, und kaum davon, was gut funktioniert im Leben und Sterben der Wesen, die die Erde zu dem machen, wie wir sie kennen. Ich meine, dass am Anfang der Beutel war ist vielleicht klar, doch wir kennen Jahreszahlen auswendig, 1315 (Viertelnacheins) Schlacht am Morgarten. Aber konnten Lebewesen je von Kriegen lernen?

Die von Wirtschaftsinteressen, Technologieergebenheit und Fortschrittsglauben kolonialisierte Zukunft muss ins Jetzt geholt werden. Doch müde sind wir und die Zukunft ist bereits vollgestellt mit Dingen, die wir auch noch tun sollten. Geld zum Leben muss angeschafft werden, das Handy sagt, wie viele Schritte noch bis zur Tagesfitness zu gehen sind und wie wir „at a new planet free from history“ glauben sollen. Ich versuche, darüber nachzudenken und lese weiter. Kapitel 3. Es heißt: Sympoiesis . Symbiogenese und die dynamischen Künste, beunruhigt zu bleiben.

Wohin geht die Welt, wenn sie untergeht? Wie wird es sein, wenn Wale über die Alpen schwimmen?


Come tu mi vuoi

Im Rahmen einer Weiterbildung zur Kuratorin in Modena, bin ich Teil des Kollektivs, das zwischen September 2022 und Juni 2023 unsere Klasse war. Eine unserer Abschlussarbeiten ist die von uns kuratierte Ausstellung im Palazzo Santa Margherita in Modena. FMAV Fondazione Modena Arti Visive hat uns die Möglichkeit gegeben, mit ihrer reichen Sammlung zu arbeiten. Das Werkverzeichnis listet neben works on paper und Collagen vor allem Fotografien. Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Lily Lulay, Milica Tomic, Barbara Probst, Edward Weston und Jodi Bieber sind Teil der Sammlung und unserer Ausstellung.

Der Titel der Ausstellung Come tu mi vuoi (Wie du mich willst) impliziert eine bewusste, aktive und nicht passive Beziehung zwischen zwei Subjekten, dem "Ich" und dem "Du". Das "Ich" ist sich des Willens des "Du" bewusst. "Come tu mi vuoi - Wie du mich willst" ist ein Satz, der eine heikle Haltung impliziert: Ein implizites "Ich" zeigt sich, indem es diesen Satz ausspricht oder schreibt, im Bewusstsein der Erwartungen eines anderen Subjekts "Du", das somit direkt in den sprachlichen Akt einbezogen ist. Dabei nimmt das Subjekt "Ich" jedoch eine Machtposition ein und schlägt also eine emanzipierte und bewusste Selbstdefinition vor. Unser Augenmerk fiel auf jene Werke in der Sammlung, in welchen jene Erwartungen innerhalb des Settings eine Rolle spielt.
Neben den Bildern von Lily Lulay, Milica Tomic, Barbara Probst, Edward Weston und Jodi Bieber sind drei Videos Teil der Ausstellung: Kim Soo-ja, geboren in Daegu, Südkorea (1957) lebt in New York USA. Work: A Homeless Woman – Cairo 2001. Performance Video. 6’33’’. Milica Tomić, geboren in Belgrad, Serbien (1960), lebt in Belgrad. Work: I am Milica Tomić (1988-89), video art. 9’58’’. Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová, kooperieren seit 2000, leben und arbeiten in Prag (ČS) und Vyhne (SLO). Work: Monument to Yesterday (2008), video art. 7’46’’

Danke Chiara Dell'Olio und Luca Monzani für die guten Tage im Palazzo! Siete fantastici!

More to know: Les Nouveaux Riches Magazine, Come tu mi vuoi - Group Show

Bild:
Vivan Sundaram
Sisters Apart, dalla serie "Re-Take of Amrita", 2001
Stampa inkjet ai pigmenti, 38 x 36,5 cm
Courtesy dell’artista & sepiaEYE
Collezione Fondazione di Modena – FMAV