Lautes Zählen
Essay
Überlegungen zu Evolution, Hingabe, Zuhören, Anpassungen und neuen Wesen.
Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel. Aber die notierten Reflektionen schleichen sich aus meinem Fundus, den ich nach und nach unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden im letzten heißen Sommer, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben hatte. Einzig in der Obhut lauschiger Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich.
Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden.
Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. Jetzt, wo das Insichkehren, vor allem aber zunächst das Zuhausebleiben, Pflicht wird, jetzt wird vielleicht ein Bedürfnis dafür geweckt.
Vor ein paar Monaten war das Covid-Pandemie-Virus erst in China und zunächst wusste wohl niemand in Europa, Afrika, den beiden Amerikas und vielen anderen Regionen dieser Welt davon. Anfangs Dezember saß ich im Zug nach Wien. Es lag Schnee in den Bergen hinter Bozen. Ich las vom Virus und im Artikel eine Spalte weiter, las ich dann lieber über diesen Forscher, der die Hirnströme in Zeiten digitaler Informationslawinen und permanenter freiwilliger Aufmerksamkeitshingabe an Bildschirme wie denjenigen der smartphones, laptops und Co. misst und in der Zwischenzeit festgestellt hat, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen um ein Vieles abgenommen hat, sich das Hirn bereits den neuen Gewohnheiten anpasst und diese Anpassung sich in die Erbinformation des Menschen schreibt. Ich rechne also hoch und denke: So brauchen wir keinen individuellen Weg mehr, auf dem wir uns hin und wieder für unser Selbstbezogensein entschuldigen. Wir essen, was man uns gibt. Wir säen Samen-Hybriden, aus denen unfruchtbare Einwegpflanzen wachsen. Wir folgen dem Algorithmus, der uns individuell auf uns zugeschnittene Produkte vorschlägt. Wir glauben ihm und wählen frei. Wir leben in TV-Serien das stereotype Leben von Anderen und lenken uns jederzeit mit einem Spiel auf dem Handy ab, so lange bis wir alles gespielt und alles gelebt haben, was uns persönlich nichts angeht.
Jetzt ist Pandemie mit einem neuen Epizentrum in Europa. Und natürlich will ich glauben, dass das auch eine Chance ist. Vielleicht sollten wir uns jetzt, wo die Beschäftigung schwindet, freiwillig an diese neue Situation anpassen, zuhause bleiben, miteinander telefonieren, zuhören und nicht einfach die Länge einer Pendlerstrecke im Zug einander durchs Handy zuschnaufen und ab und zu fragen: Bist du noch da? Oder doch, vielleicht auch das... aber nicht im Zug bitte und später, nach der Pandemie, bitte auch nicht im Zug... Ja, nach der Pandemie. Ich will glauben, dass die Frage: „Wie wollen wie leben?“ in drei Monaten anders beantwortet wird als noch vor drei Wochen. Wir müssen näher zueinander rücken mit aller derzeit geforderten Distanz. Ich will hoffen, dass Menschen, die es schwer haben in ihren Familien oder in der Gemeinschaft, in der sie leben, die Auszeit zur Klärung von Konflikten nutzen. Ich denke auch an jene, die alleine leben und das nicht wollen. Ich hoffe für alle, dass die geforderte Nähe mit Distanz, auch zu sich selbst, nicht zum Alptraum wird.
Dobbiamo essere forti!
Hier in Italien gewöhnt man sich langsam an die Vorschriften. Wir müssen, wenn wir uns von Wohnung oder Haus wegbewegen, ein Formular mit uns tragen, mit dem wir deklarieren, wohin wir gehen und warum. Die beigefügte Multiple Choice Liste, was Grund genug ist, ist kurz und scheint spontan von einem Bürolisten entworfen worden zu sein. Von Choice, kann also keine Rede sein... Die verlangten Anpassungen sind groß. Denunzianten und Schlaumeier sind auch schon aktiv. Aber ich träume davon, dass das "Wir" in den nächsten Wochen eine verbindende und verbindliche, gleichzeitig eine tolerante und großzügige Bedeutung bekommt, die sich ebenfalls in die Erbinformation der Menschen schreibt. Dass die Abkehr von Hamsterrad und Hamsterkauf eintritt. Dass Ellenbogengeschichten bedeutungslos werden. Denn unsere Ellenbogen brauchen wir jetzt für anderes. Die schon erwähnte Forschung über die hirn-verändernde Aufmerksamkeit, die an unsere Geräte geht, beweist, dass die Anpassung des Gehirns in Richtung friedlichere Welt durchaus möglich ist.
Ellenbogen werden im Schweizer Sprachgebrauch an Stellen eingesetzt, wo es darum geht, Konkurrenten loszuwerden, indem man sie wegkickt. Man elleböglet dann, um es im Jargon zu sagen.
Bauen wir nun zunächst keinen Unfall und regen wir uns nicht auf, denn alle Spitalbetten werden gebraucht für die, die erkrankt sind. Keine Gefährdung, kein gestauchter Fuß, kein Sturz von der Bicicletta, kein freies Niesen, keine Umarmungen. Das ist, was man vor allem hören muss in jenem lauten Zählen der Liveticker über die Anzahl der Infizierten, Verstorbenen, Geheilten. Auch dass in Italien ein Ärzteteam aus China eingetroffen ist, das sein Wissen weitergibt. Auch dass in ebendiesem China die Fälle nun massiv zurückgegangen sind, wie in Codogno auch, wo schon seit Ende Februar für den ganzen Ort die Quarantäne galt.
Bleiben wir zuhause. Es dauert vielleicht drei, vier Tage, dann gewöhnt man sich dran. Widmen wir uns der Philosophie, der Schönheit, den wichtigen Dingen. Schreddern wir was wir nicht mehr brauchen. Heute, morgen. Heute, morgen. Heute, morgen. Geduld. Pazienza. Und wer keine hat: Laufen an Ort geht auch, dann sind der Schrittzähler am Handy und die angedockte Krankenversicherung (in der Schweiz Gesundheitskasse!) auch zufrieden.
... Wie lange es noch dauert, bis Menschen ohne Ohren auf die Welt kommen und die Wesen, die der Paarung von Restknorpeln entspringen, sich dank guter Nahrung auch vergrößern und vielleicht ein Hirn entwickeln, weiß niemand. In «Die Geschichte vom Ohr» prophezeite ich das erneute Anwachsen vom Ohr an den Menschenkopf. Manchmal macht die Evolution eben einen Umweg.
Kuchenmännchen und Hummermenschen
Rezension
«Bernstein und Valencia» in KUNO Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie.
In seinem Rezensionsessay werden meine Erzählungen auf eine Art gewürdigt, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können - danke, Holger Benkel! Durch sein Reflektieren lerne ich mehr über meine Intuition, als ich mir je hätte anlesen können. Und ich bin stolz darauf und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung beim Online Magazin Kulturnotizen KUNO und seinem Herausgeber Matthias Hagedorn sowie bei Holger Benkel für sein sorgfältiges Lesen und sein Versuch, mir auch ein Bisschen (.) auf die Schliche zu kommen.
Das Buch «Bernstein und Valencia» kann im deutschsprachigen Buchhandel, beim Knapp Verlag in der Schweiz, via Amazon oder per Mail direkt im Büro der Autorin bestellt werden.
Zona Rossa
Notiz
Es ist Sonntag.
Achter März.
Kaum ein Auto auf der Autostrada.
Das Meer liegt ruhig da.
Die Nachricht kommt per WhatsApp und von La Repubblica.
Es ist, als ob wir alle in einem schlimmen amerikanischen Katastrophenfilm sitzen würden.
Warten bis 128 Minuten vorbei sind.
Outbreak.
Lockdown.
Zona Rossa.
Monsun im Wassermann
Erinnerung
Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien... Aber zuerst war da die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Er treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draußen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragte also ein Mann neben mir. Ich schaute ihn an und da stand wohl ein Fragezeichen in meinem Gesicht. Er meine das Wetter. Monsun. Sagte er. Ohne sich zu bewegen, zeichnete er mit seinen Augen einen Pfeil nach draussen. Ich nickte. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder stiegen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sagte er. Bei mir auch. Dann sagte ich, vielleicht würden wir nur glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekam Kopfschütteln von zwei anderen. Der Mann sagte: Aber so ist es! Bei ihm sei das so gewesen, denn er habe im Winter jeden Tag nach der Schule mit den Skiern in die Berge fahren können! Ja, ja, nach der Schule. Irgendwo bei Bern, hinter Bern. Interlaken, fragte ich. Er erzählte dann auch vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Straßen hinunter gerattert, auf denen damals keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich. Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Jawoll. Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.
Wer was erfunden hat
Essay
Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem damals ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus - wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten - was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.
Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch "Ein einzig Volk von Immigranten": "Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens." Die Doppelzüngigkeit vervielfachte sich. Neben den Maßnahmen der Fremdenpolizei und dem Völkerbundgedanken suchte die Schweiz auch noch Hände, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten. Aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, die wollte man nicht unbedingt da haben. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seiner Rezension in der Washington Post: "Psychotherapy can solve personal problems - why not national crisis?" In der Rezension über das Buch "Turning Points for Nations in Crisis" spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann "der Schwarzenbach" sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig - von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung - wenn auch nur alle paar Jahre.
Das Land ist, auch dank der vielen "Fremden", eines der reichsten Länder der Welt geworden. Reich an Geld, Wasser und Konventionen. Und im Mai diesen Jahres haben seine Bewohnerinnen und Bewohner bereits alle ihm statistisch theoretisch zur Verfügung stehenden Ressourcen für das Jahr 2019 aufgebraucht. Uns geht es gut. Sagt man dort.
Ich bin zufällig dort geboren.
Mein erstes Wir waren meine Eltern und ich. Ich erinnere mich nicht an die ersten Jahre. Ich erinnere mich zuerst vielleicht daran, dass ich in einem Schwimmbad ertrunken war. Vielleicht träumte ich, wie ich heute noch träume, dass ich unter Wasser atmen kann. Aber dem war nicht so. Menschenköpfe stehen über mir in einem Kreis. Das Bild ist noch ganz präsent. Dann kommt ein anderes Bild. Kindergarten. Wir waren eine große Klasse mit vielen kleinen Kindern. Ich hatte da schon eine schlimme Prüfung hinter mir. Der Weg zum Eignungstest für den Eintritt in den Kindergarten führte über eine schräge Brücke über den Aabach. Ich wurde von meiner Mutter angehalten, meinen Schnuller in den Bach zu werfen. Jetzt bist du groß.
Auf dem Bild ist unsere schöne Kindergartenlehrerin und wir. Ein größeres Wir, ein im zeitlosen Spiel des Kindseins unterbrochenes Wir. Man sieht uns nicht an, woher wir kommen und wohin wir gehen. Unsere Gesichter sind rot. Wir grinsen, hatten uns irgendwie für dieses Bild hingestellt. Die einen schielen zu den anderen, die anderen schauen geradeaus.
Zugezogene
Meine Eltern waren aus zwei verschiedenen Gegenden Zugezogene. Bergmenschen. Sie wohnen in einem Haus, das einer Familie gehört, die in dem Ort verwurzelt ist. Einheimische. Lenzburger. Meine Mutter trifft manchmal eine Freundin, die in der Gegend wohnt und von dort kommt, wo sie hergekommen war. Deren Sohn würde mir einige Jahre später beim Spielen den großen Zeh zertrümmern - nicht absichtlich.
Mein Vater arbeitet tagsüber. Abends dann die ersten Vereinstätigkeiten. Oder Zeitunglesen. Je ein Blatt aus den beiden Gegenden, aus der sie kommen plus die Regionale. Als Zugezogene wollte man sich in der Gesellschaft integrieren. Dazu müssen die Kinder, die bald zur Welt kamen, anständig erzogen werden. Unauffällig, möglichst still. So hat man es gerne gesehen in der Schweiz. Dass neben uns aber Kinder lebten, die das noch viel mehr zu spüren bekamen als ich von meinen Eltern, die sogar unsichtbar waren, stumm spielten, in Estrichen die Tage verbrachten, weil sie nicht da sein durften, konnten wir nicht wissen. Erzählt hat man sich am Tisch nur von den Schlüsselkindern, deren Eltern beide arbeiten müssen. Ausländer. Dass sie viel weniger als die Schweizer verdienten, erzählte man mir zuhause nicht. Erzählt hat man auch, dass sie in schlimmen Wohnungen leben, manche in Kellern. Dass sie das so nicht gewollt haben können, erzählte man nicht. Dass nie jemand von ihnen in einer "solchen" Wohnung war, davon ist auszugehen. Allzu nahe Kontakte wurden von den Erwachsenen vermieden.
Meine Schulfreundin Anna° lebte in einem Stadthaus über einem Laden. Drei Häuserzeilen von da entfernt, wo der Schwarzenbach vor einem vollen Saal aufgetreten war, um gegen die Überfremdung anzureden. Die Treppe zur Wohnung war schmal, die Stufen hoch. Die Familie wohnte in drei Räumen. Ich fand nur, dass die Dusche in der Küche am falschen Ort war. Doch das war ja nicht ihre Entscheidung gewesen, sie dort zu installieren. Viele Jahre später sah ich wieder eine Dusche mit Küche, bzw. eine Küche mit Dusche. Zufällig. In Zürich. Da war das chic. Eine Freundin wohnte dort, die als Kind von Eltern, die von hinter dem Eisernen Vorhang geflüchtet waren, in der Schweiz aufwuchs. Auch sie wurde zuhause dazu angehalten, sich immer still und anständig und unauffällig zu verhalten.
Von meinem Zimmer aus sah ich die Leuchtschrift der Konservenfabrik Hero. Dort arbeiteten viele jener Ausländer damals. Die meisten waren Italiener. Tschinggen nannte man sie. Auch anders noch. Schlimmer. Sau-Tschinggen. Als Kind bemerkte ich keinen Unterschied, ob jemand von dort oder von da kam. Das war egal. Und wenn ich das so schreibe, dann weiß ich, dass ich mich zum x-ten Mal wiederhole und dass es langweilig ist, immer das Gleiche zu lesen, zu schreiben. Aber es scheint, dass eine weitere Welle ein Wir überrollt, das sich tatsächlich als Menschen einander verbunden fühlt. Jenes Wir wird überrollt, das mit allen vereinbarten Rechten und Pflichten und einem Sinn für die Pflege und die Verantwortung gemeinsam genutzter Orte und Worte nebeneinander - im besten Fall miteinander - zurechtkommt. Die Welle überrollt jenes Wir und alles, was nicht regionalkonform ist, mit Misstrauen. Wer sich auf den Weg macht, um an einem anderen Ort der Welt ein würdiges Leben zu führen, wird zum Voraus mit all jenen über Bord geworfen, die vielleicht tatsächlich nur am schnellen Geld interessiert waren. Man tut so, als ob es jene in den "eigenen Reihen" nicht gäbe. Der Gürtel ist eng um die humanistischen Werte geschnallt. Wer hilft, wird verdächtigt. Wer sich mit dreißig noch für eine gute Welt engagiert, wird verlacht.
Wer aber sagt, dass die Idee von einer Welt ohne Kriege, überholt sei und dass es menschlich sei, Kriege zu führen, den verlache ich.
Simulation
Ich lebe nicht mehr in dem reichen Land. Wenn es dir hier nicht passt, dann kannst du gehen. Mein Vater schlug mir als Jugendliche die DDR vor. Dort siehst du dann, wie das ist mit dem Kommunismus.
Ich lebe heute in einem anderen reichen Land. Ein Land mit einer gepflegten Hochsprache, mit Hunderten von Jahren teils noch sicht- und fühlbarer Geschichte, mit großmäuligen Politikerinnen und Politikern und bald mehr Regierungskrisen als Regierungen. Italien.
Ich lese La Repubblica online. Hasserfüllte Quotes im Zusammenhang mit einem in Rom ermordeten Carabiniere jagen einander in den sozialen Medien der letzten Tage. Schuld waren Ausländer, die man eh alle ausschaffen müsse. Der Rechtsaußen-Innenminister Matteo Salvini donnert. Dann kommt aus, dass nicht diese Ausländer, sondern andere Ausländer schuld waren. Seither nennt man sie Amerikaner. Es waren zwei junge Amerikaner, die sich nach der Ermordung in ihrem Hotel ins Bett gelegt hatten. Der eine war bei seiner Festnahme geständig. Salvini donnert weiter, wie all die Monate vorher schon, seit er von der Partei, die am meisten Stimmen bekommen hatte, in die Regierungskoalition aufgenommen wurde. Er nutzt sein Amt für seinen persönlichen Feldzug, tut alles, was ihm opportun scheint, um in die Medien zu gelangen. Aufmerksamkeit. Attenzione. Er spricht von einem Wir, von uns Italienern. Prima gli italiani. Das Bild, auf dem er über sein Handy gebeugt auf dem Strandstuhl sitzt, will ich nicht sehen. Ich will seine Haare auf der Brust nicht sehen und auch nicht wissen müssen, dass er einen Bauch hat. Also gelangt mein Blick noch weiter rechts. Dort, neben anderen Aktualitäten, lässt La Repubblica Online Werbung zu. Eine Telefongesellschaft, eine Anmeldung für den Newsletter und rechts, weiter unten, ein Banner "Simulation des 3. Weltkrieges". Ich klicke auf die Karte, die Länder in Mittel- und Südeuropa zeigt, Frankreich, die Schweiz, Norditalien, Österreich. Panzer fahren hin und her. Irgendwo explodiert eine Bombe. Conflict of Nations World War III. Ein Spiel. Ich sehe Nationenwappen rechts oben. USA, Deutschland, Spanien, Polen, Italien, Frankreich, Russland, Türkei, China, Tunesien, Tschechien. Die Teilnehmerländer?
Was soll das alles?
In Italien gibt das Buch "Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi." von Concetto Vecchio zu reden. Im Mai bei Feltrinelli herausgekommen, liegt bereits die fünfte Auflage vor. Concetto Vecchio ist im ganzen Land unterwegs, Ende September auch in der Schweiz. In dem Buch beschreibt er die Situation der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz der 60er und 70er Jahre. "Jagt sie fort! Als wir Migranten waren." so der Titel in Deutsch.
Vecchio ist wie ich in Lenzburg aufgewachsen. Als er vierzehn war packten seine Eltern ihre Sachen und kehrten nach Sizilien zurück. Für ihn war es Migration. Aber nicht von sich erzählt er, er berichtet von vielen Schicksalen, Leben und Ungerechtigkeiten - und doch sagen mir auch die beiden Männer am Strand heute Morgen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme, weil ein Dritter sie gerade ausschaffen will, dass sie es gut hatten in der Schweiz. "Ausländer seid ihr, viel zu viel Pension bekommt ihr, ich bitte Salvini um Hilfe.... (...) Ein Scherz," ruft dieser Dritte, der nie weg war. Ich lache mit. Der eine war 36 Jahre in Chur, der andere 5 in Zofingen. Ja, er hatte es gut. Er habe genau verstanden, was sie von ihm wollten.
Arbeitskraft. Hände, die anpacken. Die Schweiz holte mit einem Abkommen die Hände derjenigen, die am Bankett des guten Lebens in Italien nicht teilnehmen sollten, zumindest vorerst nicht. Und trotz aller Hoffnung und der vielen Arbeit, durften sie auch am Schweizer Bankett nicht teilnehmen.
Jetzt, mit der Pension von dort, geht es uns ausgezeichnet hier! sagen sie.
Immerhin.
Wir zuerst.
Wie "es" in der Schweiz von heute denn "so" sei, fragt mich niemand. Und weiß ich das tatsächlich? Ich lebe seit bald einem Jahr nicht mehr dort. Mir scheint, dass sich viele um ihr Ich, das Optimieren des Selbst und des Einkommens drehen. Karriere ist wichtig. Auch ich hätte längst eine berühmte Schriftstellerin sein sollen. Man wundert sich, dass ich das nicht bin und ich komme mir wie eine Blufferin vor. Was habe ich denn versprochen? Was erwartet man?
Was weiß ich also!? Dass man in der Schweiz nach wie vor lacht über die Differenzen der Dialekte und dass man dahingehend Präferenzen ausspricht oder auch nicht. Aargauer... Thurgauer... Dass man kaum über Politik spricht und sich darüber nur die Freunde aus Deutschland wundern. Dass man gerne unter sich bleibt und einem das ja eigentlich auch viel lieber ist, als sich noch mehr Konkurrenz auszusetzen, die im Binnenland so schon herrscht. Also rechnet man hoch, ängstigt sich, baut aber auch Wohnungen, viele Wohnungen, denn das rentiert. Und wenn niemand mehr kommt und das dann nicht mehr rentiert? Dann "hat man dann das Geschenk" oder vielleicht doch neue Erkenntnisse? Einen Erkenntnisgewinn, um es auch monetär auszudrücken.
Dass die Zeit für eine andere Vorgehensweise beim Erkenntnisgewinn reif sei, denkt nicht nur Sandra Mitchell in ihrem Buch "Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen." Doch vielleicht ist die Zeit erst jetzt (das Buch erschien zwar schon 2008 auf Deutsch) wirklich reif. Ich will und kann kein Fragezeichen hinter diesen Satz setzen, er würde rhethorisch wirken, keine Antwort wollen, keine Auseinandersetzung. Aber genau das fordere ich. Auseinandersetzung. Obschon ich große Zweifel an der Bereitschaft einer Mehrheit hege, differenziert und offen und menschlich wie jedem Einzelnen möglich hinzuschauen und sich zu überlegen, wie man die Welt in Begriffe fasst, wie man sie erforscht und wie man handelt und sich schließlich immer zu überlegen, sich also damit auseinanderzusetzen: In was für einer Welt wollen wir leben? Wie wollen wir leben?
Die Schweizerische Volkspartei betreibt seit Jahren das Geschäft mit der Angst vor den anderen, dem Fremden. Sie hat von Schwarzenbach den Stab übernommen. Manchmal will sie dann halbstarke Änderungen in die Verfassung schreiben und manchmal schafft sie das. Dafür setzt sie Initiativen ein, die besser Umfragen wären als gesetzeswirksam sein zu wollen. Das Abgrenzungsgeschäft ist ein Betrug und dazu noch absolut unnötig, denn die Abhängigkeit von anderen, auch von "Fremden", liegt in der Natur des Menschseins. Also vertreiben wir uns die Zeit doch besser mit der Konzentration auf Kooperation, auf würdige Lebensweisen, auf die Veränderung der Dinge, damit sie gut laufen. Die Schweiz hat so oft gezeigt, dass es doch geht mit dem Nebeneinander, sogar mit dem Miteinander. Plötzlich gab es dann sogar die besseren Ausländer, also die Italiener zum Beispiel. Die waren dann besser als die, die aus Sri Lanka kamen und plötzlich sprachen auch die Italiener von den Ausländern. Das waren die, die nach ihnen kamen.
Viele haben Spaß beim Abgrenzen und glauben gern Polemikern, die mit ihrer Lebenssituation überhaupt nichts zu tun haben, dafür aber einfache Worte finden für komplexe Zusammenhänge, sich auch erlauben, nur einen Aspekt zu formulieren und keinen Zweifel zu äußern. So war das auch damals mit dem eingangs erwähnten James Schwarzenbach und seinen Vorstößen gegen die "Überfremdung". Er hat "es" vielleicht sogar erfunden, das mit dem modernen Populismus. Europa beobachtete ihn damals kopfschüttelnd, außer vielleicht die Untergetauchten und Umgetauften der vorangehenden faschistischen Regime - und Portugal und Spanien waren da sogar noch in faschistischen Händen. Heute reden die Populisten wie er und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Wir Schweizer zuerst. Sagte der Schwarzenbach. Ausländer raus! Italiener zuerst, sagt Salvini. Die Amerikaner zuerst, sagt der reiche Mann mit der schlimmen Frisur in den USA. Wobei ich jenem nicht zutraue, dass er im Geschichtsunterricht je etwas gelernt hat - aber er hatte ja instruierte Einflüsterer mit breiten Bärten.
Amerika
Um nun nicht zu sagen, dass sich nie etwas verändert in dem Land, wo nach wie vor keine Zitronen blühen (die Klimaerwärmung wird das ändern), sage ich also, dass sich das Land und seine Stimmberechtigten dahingehend eventuell verändert haben, dass sie mit demokratischer Selbstgerechtigkeit zulassen, dass die Verfassung herhalten muss für Zugaben, die ihr im tiefsten Inneren widersprechen. Die Schweiz sagt gerne von sich, dass sie die älteste Demokratie sei. Das stimmt nicht, aber belehren lassen sich Menschen ja nicht gerne, deshalb soll googeln wer will. Ich meine nur... an manchen Schweizer Abstimmungen beteiligen sich nur knapp 30% der Stimmberechtigten. Die entscheiden dann über die "älteste Demokratie".
Was in der Schweiz alt ist, wird abgerissen, neu gebaut. Auch die Demokratie also? Man wandelt selbstgewiss durch die Europaallee, tritt auf als kleines Land, will bilateral verhandeln (und kommt nicht auf einen grünen Zweig) und tut trotzdem so, als sei man eine unabhängige Insel, subventioniert Banken (weil too big to fail - und es rentiert ja auch noch, wie man heute weiß), geht in Europa einkaufen und fordert am Zoll die Mehrwertsteuer zurück.
Ist das die Schweiz, die ich verlassen habe? Sie mag anders sein als ich sie sehe. Und ich möchte genau in diesem Zusammenhang noch einmal Sandra Mitchell zitieren: "Es wäre anmaßend zu glauben, es gebe nur eine einzige wahre Vorstellung von Welt, die deren natürliche Arten vollkommen abbilden würde. Jede Vorstellung ist bestenfalls auf einen Ausschnitt bezogen, idealisierend und abstrakt." Vielleicht ist die Schweiz ja doch noch voller humanistischer Werte, die man ihr auch dank Genf und Bern und den internationalen Institutionen nachsagt. Für mich ist sie das Land wo Freundinnen und Freunde leben, das Land der tausend Möglichkeiten, um frei zu arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Ein Land mit einer aktiven Kunst-Szene, einer (relativ gut-entwickelten) Toleranz für LGBTQ+ Menschen und ja, auch mit der "Sternstunde Philosophie"!
Fehlt noch was?
Großzügiger könnte sie sein, sie, die alles hat. Sie, die alles haben. Ja, Menschen gegenüber großzügiger. Menschen in Not aufnehmen und nicht zuerst fragen, wer das alles bezahlt. Menschen, die anders sprechen, verstehen wollen. Den obersten Chinesen kein Fondue auftischen. Jene, die ein neues Leben beginnen müssen oder wollen, unterstützen. Gastfreundlich sein, auch gegenüber Touristen aus Pakistan, die am Steg ein Boot mieten wollen, um auf einem kleinen Bergsee einmal rundherum zu rudern. Oder es mit Englisch versuchen, mit Händen und Füßen und einem Lachen, um einen Weg zu erklären. Doch wie oft hört man: Wir sind hier schließlich in der Schweiz. Hier spricht man Deutsch (.).
Hier tönt das Gleiche übrigens so: Qui siamo in Italia. Si parla Italiano.
Wohin führt das?
Verantwortung
Die Angstmache von Männern und Frauen, die gegen das Andere, Fremde, kämpfen, geht hoffentlich nicht in einem dieser unheimlichen WWIII Spiele, auf dessen Banner ich online gestoßen bin, weiter, sondern in der Begegnung, dem offenen Dialog, dem Suchen und Finden. Es gibt Wege, die aktuellen Migrationen friedlich zu leben und zu erleben. Durch das gegenseitige Akzeptieren der Verschiedenheit aller Betroffener. Dabei ist zunächst das Gemeinsame zu pflegen und nicht das, was man beim anderen nicht versteht. Nur das Gemeinsame liegt naturgegeben in der Zukunft, denn es wird zusammen konstruiert, wird erst dann Geschichte.
Oder ist das Utopie?
Einst war die Schweiz eine Utopie, zumindest ein Beispiel für eine bessere Welt in der Literatur. Doch in der Schweiz meiner Kindheit wehte über Jahre der Restwind des Schwarzenbach-Gewitters. Die Eidgenossen pflegen eine Tradition gegen das Fremde. Nach Schwarzenbach blocherte der Mann, der nie Bauer war, mit der Bauernpartei durch die hölzigen Sääli in den Wirtshäusern. Die Masseneinwanderungsinitiative wurde im kalten Februar 2014 von einer Mehrheit der Stimmberechtigten angenommen. Ihr habt Ja gesagt (?), meinten Freunde im Ausland.
Ihr. Wir. Ich nicht.
Wir, ich... wer trägt die Verantwortung?
Die Kinder derjenigen, die der Hass und das Misstrauen der Sechziger und Siebziger Jahre traf, fragten mich nie nach meiner Gesinnung oder der Gesinnung meiner Eltern. Ich glaube nicht, dass ich den Namen Schwarzenbach damals gehört habe. Sie haben ihn gehört. Aber sie begnügten sich mit Freundschaft oder auch einfach damit, dass wir friedlich nebeneinander die Schulbänke drückten und das Leiden an Lehrerinnen und Lehrern°° gemeinsam durchstanden. Ich hoffe, das ist nach wie vor so unter Kindern. Sonst haben die Erwachsenen, also jene, die wie ich damals Kind waren, aus meiner Sicht etwas Wichtiges nicht gelernt.
Cacciateli! Jagt sie fort!
Ende September stellt der Autor von "Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi." sein Buch in Zürich und Lenzburg vor. Nächstes Jahr erscheint es auf Deutsch. Concetto Vecchio hält mit seinem Erzählen, das er dank tiefgreifender Recherchen, Interviews mit Betroffenen und dem Berichten seiner Eltern geschrieben hat, vielen Italienerinnen und Italienern von heute einen Spiegel vor. Sie erinnerten sich nämlich nicht mehr, impliziert das Buch. Die Lega del Nord und die Brüder Italiens (Fratelli d'Italia), die von Frau Meloni angeführt wird, kämpfen lautstark gegen Ausländer, Fremde, Stranieri. Sie ziehen sprachlich jeden Tag die untersten Register.
Das Buch empfinde ich aber auch als Spiegel für die damaligen Schweizerinnen und Schweizer, die opportunistisch nur Arbeitskräfte importiert hatten und manch eine/r hätte vielleicht menschlich von diesen "Ausländern" etwas lernen können, als sich weiter nur auf sich selbst zu beziehen und in jedem Fall recht zu haben. Ein Bild auch davon: Ter müesset losä was i sägä, wenn i s de scho sägä. Ruft der Vorarbeiter in "Znüni Näh" von Stiller Has. Viel mehr als die Arbeit zu erklären, sagt er in dem Stück nicht.
Ein Freund meinte letzthin, dass man die Dinge nicht ohne die Zeit, in der sie geschahen, anschauen darf. Aber lernen hieß immer schon verändern und entwickeln, sich selbst und das, was man bisher konnte. Veränderung bedeutet aber nicht immer Entwicklung. Um es monetär zu formulieren: Entwicklung bedeutet Investition. Ohne zu riskieren, dass man wirklich etwas lernt oder eben gar nichts, geht es also nicht. Im esoterischen und im psychologischen Sprachgebrauch bedeutet Entwicklung unter anderem auch Loslassen. Man löst sich von einem Traum, um dank mehr Wissen Erkenntnisse zu bekommen, klarere, vielleicht gerechtere Vereinbarungen zu treffen, andere Blickwinkel einzunehmen. Man löst sich auch von der Poesie des Reinen, Unangetasteten, der Idee, vom Mystischen, schließlich von den Grundsteinen der Traditionen und Bräuchen, die hinterfragt und entzaubert gehören. Sie wirken identitätsstiftend, sagen die Verfechterinnen und Verfechter. Aber in Lenzburg, dort wo ich geboren wurde, kriegen am Jugendfest die Vereine gegen die Schuljugend. Die Fremden gegen die Einheimischen. Das Manöver findet alle zwei Jahre statt. Die Kriegerinnen und Krieger schießen mit Platzpatronen, die sie wahrscheinlich nicht von der Schweiz-eigenen Waffenfabrik beziehen, die dem Staat jahrelang höhere Preise als den saudischen Prinzen verrechnete. Vielleicht beziehen sie die Patronen aus China. Aber in Lenzburg gewinnen immer die Einheimischen.
Happy Birthday!
Die Schweiz begeht immer am 1. August den Nationalfeiertag. Ich hoffe, dass solche Feiern eines Tages nicht mehr stattfinden. Denn was bedeutet es, Schweizer, Schweizerin zu sein? Italiener, Italienerin? Afghanin, Syrer, Nigerianerin, Deutscher. Zufall. Die Nation spielt keine Rolle bei der Menschwerdung. Menschen tragen irgendwann die Verantwortung für die Gestaltung ihrer Leben und für den Umgang mit ihren Prägungen. Dabei ist er/sie Teil eines grenzen- und flaggenlosen Ganzen, ohne das niemand auskommt und von dem sie/er abhängig ist, so lange er/sie lebt - auch wenn sie/er sich darüber erhebt.
°Name geändert
°° Wir hatten auch wunderbare Lehrerinnen und Lehrer!
*
Sibylle Ciarloni, Ende Juli/anfangs August 2019
*
J. Monika Walther gewidmet.
*
Im Beitrag erwähnte Literatur:
Sandra Mitchell
Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.
Edition Unseld Suhrkamp
Willi Wottreng
Ein einzig Volk von Immigranten
Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz.
Orell Füssli Verlag
Concetto Vecchio
Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi. Feltrinelli
D: Jagt sie fort! Orell Füssli
Morton Rhue
Die Welle (The Wave)
Deutsch von Hans-Georg Noack
Alles in Ordnung
Lesung & Ton Tour 2019 von Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft - Performance und szenische Lesung. Die beiden Künstlerinnen wirkten bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen.

Am 16. März 2019 Premiere mit Installationen im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat ausführlich berichtet. Lesen Sie «Eine Welt versinkt im Chaos».

Am 23. März traten sie im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol auf. Am 27. März füllten sie das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Am 3. April gingen sie in Bern durch das vorletzte Schneegestöber nach Kairo und sie waren nicht allein. Am 25. April 2019 haben sie im Neubad, Luzern gelesen und getönt. Für den Abend des 26. April 2019 lud sie das Bagno Popolare an den Thermalwasserbassindrand in Baden ein. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte mit. Und am Abend des 7. Mai 2019 tappten sie barfüßig auf der Bühne der Brotfabrik in Berlin.
«Kraft und Ciarloni - experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.» Fay Arnold von Kola Azur.
SPOT:
https://vimeo.com/320761086
CONTENT:
«Alles in Ordnung»: Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. - In der zweiten Geschichte «Evelyn oder Tod eines Törtchens am Thermalwasserbassinrand» geht es um den Verfall eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. Mittels Wort und Gesang, analog wie digital erzeugtem Ton sowie einem gefilmtem Manual erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiction und schließlich fordern sie ein Gedankenexperiment indem sie das Publikum im dritten Teil anweisen «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».
Durch Wort, Bild, Ton und den Einsatz ihrer Körper kreierten Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) Dissonanzen und synchrone Momente im Denkraum des Publikums.
BACKGROUND:
Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Übergang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen die beiden im harten Bündner Winter bei ungefähr 1 Meter 20 Schnee die Zusammenarbeit.



lungomare
Racconto
È mattino. Il mare si estende con calma. Il ventre dell'umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L'acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita - lambisce la sabbia asciutta, un sasso - e torna lontano. Sugli scogli dei frangenti un pescatore. Una ragazza nuota a riva. Alle barche è permesso uscire al largo senza ostacolo, per loro è stato lasciato un passaggio.
Le spiagge libere si a affollano pian piano. Asciugamano si accosta ad asciugamano. Il palo dell'ombrellone portato da casa viene piantato nella sabbia con tutta la forza. La mano di un uomo che spalma la crema solare sulla schiena della sua compagna è rapida e sgarbata. Lei poi si siede sulla sdraio. Lui parte. Gira a destra. Il sole sulla pancia e in faccia.
Nelle sezioni di spiaggia in concessione l'ordine delle sedie a sdraio detta dagli anni sessanta l'arrivare e lo stare in due. Come in teatro le poltrone in prima la sono più costose e sono spesso prenotate per tutta l'estate dalla gente del posto. Alcuni vengono solo il sabato e la domenica.
Miss Kitty unidimensionale-asciugamano si è distesa su uno dei lettini in prima fila. Una ragazzina siede sulla sabbia accanto a lei. Parla con sé stessa e con gli amici invisibili che la circondano. I surfisti arriveranno solo nel pomeriggio, quando il vento si volgerà e agiterà l'ora apatico specchio d'acqua. I bagnini sono seduti sui loro appostamenti vicino alla riva, rimangono all'ombra, sudando, osservando. Uomini del Senegal camminano per chilometri e chilometri, lottano per ottenere attenzione e guadagno. Uomini di altre parti del mondo fanno loro concorrenza. Chi era il primo? Da qualche anno tra loro si vedono anche donne: del Senegal, del Marocco, dell'India, dell'Indonesia e di altri paesi asiatici. Alcune offrono dei massaggi direttamente sulla sedia a sdraio del turista, altre intrecciano lunghi capelli biondi. I vecchi invece che si trovano vicini ai punti di vendita istallati sulla sabbia guardano i bambini piccoli che gattonano verso l'acqua come le tartarughe appena nate. Ma i vecchi sono anche i fari delle loro comunità. Danno l'allarme quando si avvicina la polizia e in un attimo i teloni di plastica blu, distesi sulla sabbia con sopra le borse di Moncler, spariscono.
Vengono venduti anche dei libri. Sono gli autori stessi, con i loro amici: raccontano la loro emigrazione e le storie di chi ha trovato o di chi ancora è alla ricerca di una seconda patria in Italia. Una casa editrice milanese pubblica questi racconti. In estate vengono venduti sulla spiaggia, in inverno nelle grandi città.
I marocchini vendono bikini per cinque euro. Si tirano dietro i loro carri, si fermano, aspettano. Delle donne si avvicinano.
Io vado in acqua. Un passo, due passi. Piccoli pesci scappano dai miei piedi lunghi. Una donna sale su una canoa, pagaia passando troppo vicino a me. Foglie di alghe si avvinghiano alle mie caviglie. Potrei farle seccare per poi scriverci sopra?
L'acqua è calda. Mi giro verso la spiaggia e incontro lo sguardo di un uomo che cammina sul lungomare. Indossa un costume blu azzurro che gli arriva fino alla metà del femore. In una rivista inglese viene descritto come uomini di diverse nazionalità - francesi o italiani ad esempio - si abbiglino per andare a passeggio sul lungomare. Mentre i francesi si mettono pure la camicia, gli italiani indossano un costume piuttosto stretto e nient'altro. Sarebbero fieri dei loro peli e di portare la loro bella figura nel sole su e giù per il lungomare.
Una donna si lamenta con un'altra che in tivù fanno vedere soltanto il commissario Montalbano. Forse il commissario veneziano Brunetti le piacerebbe di più, ma Donna Leon non è conosciuta in Italia.
Un venditore ambulante lega un aquilone dopo l'altro ad un filo lunghissimo. Le creature di carta salgono in cielo tanto da poter essere viste dalle colline dell'entroterra. Là fioriscono i campi di girasole. L'Unione europea al momento paga di più per i semi di girasole che per le melanzane.
L'inizio è facile. Si va a destra o a sinistra. I pensieri ballano all'orizzonte e si perdono mentre l'acqua, spinta a riva da quella forza-non-forza annulla l'idea che, con sguardo vagabondo, per caso si è fissata su una piccolissima torre di sabbia creata da un cannello di mare. Camminando le cose si metteranno a posto - così parla la Speranza, così parla Thoreau, per il quale camminare fu ricerca della fonte dell'esistenza. Anche i romani dell'antica Ostia, ai quali era permesso scegliere liberamente le divinità da venerare, gradivano il passeggiare lungomare. Li posso immaginare in due, con gesti e con nelle parole trovare l'argomento giusto e fare spazio a nuove idee. Lo spazio. "Der Raum" in tedesco. La lingua italiana usa la parola "spazio" per vari significati, per esempio lo spazio del tempo, nel mondo, ma anche dare spazio a qualcosa nella vita. Il concetto rimane elastico. Nella lingua tedesca dalla stessa radice di spazio deriva il verbo spazieren. Passeggiare. Camminare.
Mi decido ad andare a sinistra. Il sole brucia sulla mia schiena. Seguo la mia ombra. Garriscono i gabbiani. Non li vedo. Una parte del mio corpo scende di più nella sabbia dell'altra. Il mio bacino si sposta. Non si può andare per troppo tempo nella stessa direzione senza osare una puntatina tra le file di sedie a sdraio, oppure semplicemente stare fermi per poter arrivare con lo sguardo all'orizzonte - la cucitura che tiene unito il mondo.
Quando ero bambina quasi ogni anno i miei genitori partivano per il mare con noi tre sorelle. Ci coricavamo nel mezzo della notte dentro la loro macchina da classe media. Mettevano la più piccola sulla cappelliera e me sul sedile posteriore, mentre lo spazio tra quest'ultimo e i sedili anteriori veniva tamponato con un gommone per un terzo pieno d'aria. Là dormiva la terza sorella. È andata sempre bene. Non ricordo imprevisti, neanche un garbuglio tra noi sorelle o che una di noi fosse scivolata sopra l'altra. Non c'era nemmeno l'obbligo delle cinture. Mio padre e mia madre - senza preoccuparsene più di tanto - ai doganieri di Chiasso davano l'impressione di quello che erano: dei semplici turisti in viaggio per le vacanze, partiti nel pieno della notte.
Una volta arrivati lì, nell'hinterland, dove gli appartamenti dalle grosse tazze da colazione in vetro erano meno costosi di un albergo fronte mare e dove la nostra integrità era meno minacciata dai ragazzetti dagli occhi scuri o dalle cianfrusaglie del mercato, disfacevamo le nostre valigie, mettevamo tutto a posto e finalmente partivamo per la città con quel lungomare esteso da una baia all'altra. Cercavamo un parcheggio per la nostra auto da ceto medio e, insieme al salvagente e ai braccioli, che, mentre mio padre guidava, noi gonfiavamo, ognuna di noi portava le sue cosette il più vicino possibile alla riva.
Poi allargavamo i nostri teli da mare. Quando c'era vento li ancoravamo alle estremità con delle pietre. Mio padre posava la sua sedia pieghevole con sopra il suo telo a strisce vecchio già allora di almeno trent'anni. Ma non si sedeva subito per una dormitina, per completare il cruciverba portatosi dalla Svizzera né si metteva a filmare noi tre mentre costruivamo le torri di guardia o dei solchi d'acqua per i coccodrilli. Queste attività venivano in un secondo momento, sempre che nel frattempo non avesse trovato qualcuno con cui giocare a bocce. Mio padre entrava subito in acqua e si allontanava dalla riva per poi tornare a metà della sua nuotata. Da lì ci chiamava. Poi ci insegnava a nuotare oppure ci salvava per scherzo dall'affogare. Dopo il bagno si infilava qualche banconota nel costume, se ne andava e non si faceva più vedere per delle mezze giornate. Camminava lungo la riva per ore e ore.
Andava sempre nella stessa direzione? Può darsi che cambiasse, passando dietro di noi, sul marciapiede della strada che seguiva tutto il lungomare, per restare un po' più tempo da solo. Non ce ne accorgemmo mai. Soltanto chi è pronto a passare del tempo con sé stesso può passeggiare da solo. Mio padre non portava mai l'orologio. Il tempo era il tempo, un minuto aveva sessanta secondi. All'orizzonte, forse, scopriva l'impossibilità di un'intenzione o chi avrebbe voluto essere e cosa fingeva di sapere sulla vita. Forse si salvava dallo scendere negli abissi del proprio essere, dove soltanto credere e dubitare rimangono condizioni vere, bevendo un caffè al bar. Forse, mentre camminava, si accorgeva di quante volte fosse stato solo, anche se era uno di tredici gli. Non lo so. Mio padre non raccontava tante cose di sé. E dalle passeggiate tornava sempre soltanto con mezze storie oppure con una squadra di giocatori di bocce.
Un ragazzino spiega a suo padre come pianifica il suo castello di sabbia. Il padre indica cose sul suo Smartphone. O sta registrando? Un altro venditore ambulante gonfia dei pinguini di plastica. Le loro zampe sono appesantite per farli stare eretti nell'acqua.
Qui e là raccolgo delle conchiglie oppure mi abbasso per un sasso qualunque, per un vetro latteo o per dei cocci quasi morbidi. Cose che arrivano da chissà dove. Da Venezia? Dai Caraibi? Un bottino di pirati? Cose alle quali io attribuisco un significato; cose che, di anno in anno, si impolverano nella mia privata collezione. Fino al giorno in cui il loro significato viene meno, no a quando non hanno più niente da raccontare.
Ogni tanto mi riprometto di avanzare ritta, un pochino tesa, sorridendo se possibile, fermandomi di tanto in tanto a guardare ancora una volta l'orizzonte per seguire una barca che crepita verso riva o si allontana da essa. Ma quando cammino con la schiena dritta temo che il mio piede calchi una medusa portata a riva, una conchiglia frantumata o che un patellogastropoda si appiccichi al mio piede. Questo in realtà non è mai successo e non sarebbe neanche pericoloso. L'umile ermafrodito potrebbe solo turbarmi, mentre il frantume di conchiglia forse mi taglierebbe la pelle. Una medusa, invece, l'anno scorso mi ha urticato la pianta del piede. Per questo motivo sto imparando ad avanzare con un occhio in basso e l'altro in avanti, come quel venditore ambulante di pellicce a Napoli che, mentre controllava la sua roba preziosa in una borsa gigante appoggiata ai suoi piedi, riusciva ad avvistare una pattuglia della polizia oppure un cliente interessato.
Se non succede niente, il che è molto più probabile, sposto minuto dopo minuto la mia meta. Arrivo fino all'Hotel Playa, fino alla rete del campo di beach volley. Poi mi girerò. Così passa un'ora, anche due. Forse seguendo con lo sguardo un uomo, una donna. Tutti i movimenti spariscono come i pensieri che arrivano e ripartono o si girano, poi scappano. Spesso ho cercato di fissare un'idea nella mia mente e ripromettendomi di annotarla poi nel mio taccuino.
Lentamente mi giro e ripercorro lo stesso cammino. Precedo la mia ombra. L'uomo dalla mano sgarbata incrocia il mio passo, forse la sua compagna dormiva quando è ripassato vicino a lei. Il tempo è cambiato, fa più caldo, sono nati dei bambini, da qualche parte un atto terroristico, un capò abusa di una bracciante immigrata in un campo di pomodori, altrove un aereo atterra dove i passeggeri non sono mai stati o dove vanno da sempre. Tempo novanta minuti e la stazione spaziale internazionale concluderà un'altra orbita attorno alla terra. Forse è sopra di noi. Forse ora è nella notte dall'altra parte della terra. Il nostro tempo nello spazio non significa nulla.
La riflessione nel camminare è più facile quando le spiagge sono vuote. Ma tanto spazio libero in questa riviera si può pretendere soltanto in una giornata di bora* con pioggia orizzontale. In estate la spiaggia è occupata giorno e notte. Qualche venditore ambulante e chi è arrivato dai luoghi di guerra o di fame dormono tra le barche che la sera prima sono state tirate fuori dall'acqua. Gli ospiti notturni spariscono al levar del sole, quando arrivano anche le zanzare o la guardia costiera. Forse hanno acceso un fuoco, forse hanno bevuto, ballato, parlato e pianificato come poter andare avanti. Portano via le bottiglie, la cenere viene interrata. Il loro quartiere notturno non deve essere svelato dalle immondizie. I venditori recuperano dai nascondigli le cose da vendere e si preparano per la lunga marcia, spiaggia dopo spiaggia, fila dopo fila.
Vicino alle barche aprono i bar. Dalle sedie a sdraio i bagnini puliscono le tracce della notte, tracce di chi è fiero di aver passato la notte fuori, e non gli importa di venir scoperto. Si aprono gli ombrelloni. Arrivano i vacanzieri. E il mare si estende con calma. Il ventre dell'umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L'acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita - lambisce la sabbia asciutta, un sasso - e torna lontano.
*La bora è un vento catabatico secco, freddo e burrascoso. È uno dei venti più forti del mondo. Sul suo percorso tra Trieste e la costa montenegrina passa anche per lo stivale.
Questo racconto è parte del libro d'artista:
Strandläufer, lungomare - Foto Essay - immagini e racconto: Sibylle Ciarloni - poesie: Andrea Angelucci
Il libro può essere comprato scrivendo una Mail.
Strandläufer
Erzählung
(vertont von Jean Til und Vera Frontfrau siehe Link ganz unten)
Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Boote gelangen durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern ungehindert auf die See. Langsam füllt sich der Strand. Tuch legt sich neben Tuch unter bunte Sonnenschirme, deren Stiele kraftvoll in den Sand getrieben werden. Ein Mann verteilt rasch den obligaten Klacks Faktor 30 auf dem Rücken seiner Frau. Dann setzt sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl und er geht los, biegt rechts ab, die Sonne scheint auf seinen Bauch.
In den gepachteten Abschnitten gibt die Anordnung der Liegen seit Jahrzehnten vor, dass man zu zweit an den Strand zu kommen habe, um in der Reihe, die man sich leisten kann, in die Sonne zu liegen. Zwei Liegen, ein Sonnenschirm. Wie im Theater kosten die Plätze in den vorderen Reihen mehr. Und wie Dauerabonnenten reservieren sich die Leute vom Ort Liegen für die ganze Saison. Manche legen sich aber bloß an Samstagen und Sonntagen in die Sonne.
Miss Kitty liegt in Badetuchdimension in der vordersten Reihe. Ein Mädchen sitzt neben ihr im Sand. Es spricht mit sich und den unsichtbaren Freunden, die es umgeben. Die Surfer kommen erst am Nachmittag, wenn der Wind gedreht haben wird und sich der jetzt noch gleichgültige Meeresspiegel darüber ein bisschen aufregt. Die Lebensretter sitzen schon auf ihren Holztürmen nahe dem Ufer oder stehen im Schatten herum. Schwatzend, schwitzend, sich nach Haut umsehend vielleicht. Männer aus Senegal gehen kilometerweit, kämpfen um Platz und Umsatz als Strandhändler, den ihnen Männer aus anderen Teilen der Welt streitig machen. Wer war zuerst hier? Ihre Frauen kommen seit wenigen Jahren auch an den Strand. Manche von ihnen flechten Zöpfe in langes blondes Haar.
Die alten Strandhändler sind die Leuchttürme. Sie warnen, wenn Polizei kommt und die klandestinen Verkaufsstände verschwinden in drei Sekunden. Autoren und deren Freunde verkaufen Bücher mit Lebensberichten von sich selbst und jenen, die in Italien eine zweite Heimat gefunden haben oder suchen. Ein Mailänder Verlag veröffentlicht sie. Im Sommer werden sie an den Stränden, im Winter in den großen Städten verkauft. Die Marokkaner bieten Bikinis für fünf Euro an. Sie ziehen Karren hinter sich her, bleiben stehen, warten auf Kundschaft.
Ich steige ins Wasser. Ein Schritt, zwei Schritte. Kleine Fische fliehen vor meinen langen Füßen. Eine Frau steigt in ein Kanu und paddelt an mir vorbei. Algenblätter schmiegen sich um meine Fesseln. Könnte ich sie in der Sonne trocknen und auf ihnen schreiben? Das Wasser ist warm. Ich drehe mich zum Strand und begegne dem Blick eines Strandläufers. In einem Lifestyleheft wurde beschrieben, wie die Franzosen, die Italiener, die Spanier oder die Deutschen sich für den Strandspaziergang kleiden. Würden sich die Franzosen oft ein Hemd anziehen, so trügen die Italiener nur die Badehose und diese gerne eng. Sie seien auf ihre Körperbehaarung stolz und tragen die bella figura in der Sonne strandauf, strandab.
Eine Frau schimpft im Vorbeigehen zu einer anderen, dass nur noch Kommissar Montalbano im Fernsehen gezeigt werde. Donna Leon ist in Italien unbekannt. Vielleicht gefiele ihr Brunetti besser. Ein Strandverkäufer bindet Drachen in gleichen Abständen an eine lange Leine. Die papierenen Wesen steigen hoch zum Himmel, so dass sie auch von den Hügeln im Hinterland gesehen werden können. Dort blühen die Sonnenblumen. Europa bezahlt den Bauern derzeit mehr für deren Kerne als für Erbsen.
Der Anfang ist leicht. Man geht nach rechts oder nach links. Die Gedanken tanzen am Horizont oder verlieren sich im Sand. Schon leckt das Wasser den Einfall weg, den man am Sandtürmchen eines Wattwurms festgemacht hatte. Beim Gehen werden die Dinge sich ordnen, so die Hoffnung, so Thoreau, für den das Gehen die Suche nach den Quellen des Lebens überhaupt war. Auch die freien Römer im antiken Ostia, die sich ihre Gottheiten selbst aussuchten, schworen auf das Gehen. Sie sah man oft zu zweit am Strand, argumentierend und gestikulierend für die Überzeugung des anderen oder für die eigene Raum schaffend. Der Raum. Lo spazio. Er bedeutet im Italienischen auch Zeitraum, Weltraum, Lebensraum. Bleibt das Wort dort im Unfassbaren, so hat es das Deutsche in eine konkrete Tätigkeit übersetzt: Das Spazieren.
Ich entscheide mich für links. Die Sonne brennt auf meinen Rücken. Ich folge meinem Schatten. Möwen rufen. Ich sehe sie nicht. Eine Seite des Körpers sinkt naturgegeben tiefer in den Sand als die andere. Das Becken verschiebt sich. Man kann nicht lange in die gleiche Richtung gehen, ohne einen Abstecher durch die Liegestuhlreihen zu wagen oder auch mal innezuhalten, um mit dem Blick an den Horizont zu gelangen, an die Naht, die die Welt zusammenhält.
Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern mit uns drei Schwestern fast jedes Jahr ans Meer nach Italien. Sie betteten uns mitten in der Nacht in den geräumigen Mittelklassewagen, die Kleinste auf die Hutablage, mich auf den Rücksitz. Im Gang zwischen Vordersitz und Rücksitz lag ein zu rund einem Drittel mit Luft gefülltes Gummiboot, auf dem die dritte Schwester schlief. Das ging gut. Ich erinnere mich an keinen Zwischenfall und auch nicht an ein Durcheinander unter uns Schwestern, also dass eine auf die andere gerutscht wäre. Es bestand auch noch kein Gurtenobligatorium und meine Eltern werden am Zoll in Chiasso so ausgesehen haben wie zwei Erwachsene, die in den Urlaub fahren. Wahrscheinlich saß meine Mutter am Steuer. Mein Vater übernahm immer die italienischen Straßen. Dort angekommen, irgendwo im Hinterland, wo Ferienwohnungen mit gläsernen Frühstückstassen günstiger waren und die Gefahr der Ablenkung durch dunkeläugige Buben oder den Krimskrams vom Wochenmarkt kleiner, packten wir alles aus, richteten uns ein und fuhren endlich in die Stadt mit dem langen Sandstrand, suchten dem Mittelklassewagen einen Parkplatz und mit den während der Fahrt bereits aufgeblasenen Schwimmreifen um die Bäuche und den Flügeln an den Oberarmen trug jedes Mädchen sein Wärchen so nah wie möglich ans Wasser.
Wir entfalteten die Strandtücher. Bei Wind beschwerten wir sie an den Rändern mit Steinen. Mein Vater platzierte seinen Klappstuhl und legte das gestreifte Tuch über die Rückenlehne. Nie setzte er sich sogleich hin, döste und löste Kreuzworträtsel, filmte uns beim Bauen von Wachtürmen und verschlungenen Wassergräben. Diese Tätigkeiten folgten erst später, falls er in der Zwischenzeit nicht jemanden gefunden hatte, der mit ihm Boccia spielte. Mein Vater stieg immer sogleich ins Wasser, schwamm weit hinaus und ein Stück wieder zurück, rief uns von dort zu sich, lehrte uns zu schwimmen oder rettete uns zum Spaß vor dem Ertrinken. Nach dem Baden steckte er sich ein paar Scheine in die Badehose, ging los und kam manchmal halbe Tage nicht zurück. Er ging dem Ufer entlang.
Stundenlang.
Ging er in die gleiche Richtung? Es kann gut sein, dass er via die parallel zum Ufer geführte Straße von uns unbemerkt in die andere Richtung spazierte, um noch ein bisschen länger alleine zu gehen. Alleine kann nur gehen, wer bereit ist, sich auf eine Zeit mit sich einzulassen. Eine Uhr nahm er nie mit. Eine Minute dauerte sechzig Sekunden. Am Horizont entdeckte er vielleicht die Unmöglichkeit eines Vorhabens oder wer er einmal sein wollte und was er vorgab, vom Leben zu wissen oder auch nicht. Vielleicht rettete er sich vor dem Abyss, wo nur Glaube und Zweifel noch wahr sind, indem er in einer Bar einen Kaffee trank. Vielleicht wurde er sich beim Gehen auch bewusst, wie oft er alleine gewesen war, auch wenn er eines von dreizehn Kindern war. Ich weiß es nicht. Mein Vater erzählte nicht viel von sich. Und er kam immer nur mit halben Geschichten von seinem Strandspaziergang zurück, manchmal allerdings mit Bocciaspielern oder Bocciaspielerinnen.
Ein Junge erklärt dem Vater, wie er die Sandburg anlegen will. Der Vater tippt auf seinem Smartphone. Oder filmt er? Ein weiterer Strandhändler pumpt Pinguine aus Plastik auf. Sie sind an den Füßen (oder sagt man Flossen?) beschwert, damit sie aufrecht im Wasser stehen. Hie und da sammle ich Muscheln oder bücke mich für gewöhnlich schöne Steine, für milchig geschliffene Glassplitter oder beinahe weichgewaschene Fliesenstücke. Dinge von Irgendwoher. Dinge aus Venedig, aus der Karibik? Piratenraub? Dinge, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, Dinge, die in meinen Sammlungen Jahr für Jahr staubiger werden. Eines Tages verblasst die Bedeutung oder verschwindet, und die ganzen Dinge liegen entzaubert da und erzählen nichts mehr.
Manchmal nehme ich mir vor, aufrecht dem Ufer entlang zu gehen, leicht angespannt also, je nachdem sogar lächelnd und ab und an innehaltend, um einmal mehr den Horizont zu betrachten oder einem Boot zuzuschauen, wie es ans Ufer tuckert oder weg davon. Wenn ich aber aufrecht gehe, dauert es oft nicht sehr lange und ich trete in eine angeschwemmte Qualle, eine zerbrochene Muschel oder eine Napfschnecke saugt sich an meinen Fuß. Letzteres ist noch nie vorgekommen und bestimmt auch nicht weiter gefährlich. Das genügsame Zwitterwesen könnte mich bloß ein wenig verwirren. Muscheln zerschneiden vielleicht die Haut. Doch eine an das Ufer geschwemmte Qualle versengte mir mit letzter Kraft schon die Fußsohle. Also lerne ich derzeit, ein Auge nach vorne, das andere nach unten gerichtet meinen Weg zu gehen, wie der Pelzhändler in Neapel, der gekonnt ein Auge auf seine Ware richtete und ein Auge in der Umgebung umherschweifen ließ und Ausschau nach Polizei und Kundschaft hielt.
Wenn nichts weiter geschieht, was vorkommt, so verschiebe ich minütlich mein Ziel. Noch bis zur Spiaggia D'Oro, noch bis zum Hotel Playa, zum Beach Volley Netz. Dann werde ich umkehren. So vergehen eine Stunde oder auch zwei. Vielleicht schaue ich noch einem Mann hinterher, einer Frau meinetwegen. Die Bewegungen verschwinden wie die Gedanken, die ankommen und bald flüchtig werden, vielleicht verlorengehen. Sie festzuhalten funktioniert nicht. Oft habe ich mir auch eine Idee in meinen Kopf geschrieben und mir vorgestellt, dass ich sie bei meiner Ankunft zurück auf dem Strandtuch sofort in mein Notizbuch schreibe.
Langsam drehe ich mich in die Richtung der Sonne. Langsam gehe ich auf dem gleichen Weg zurück. Der Mann von vorhin kommt mir entgegen, er muss an seiner Frau vorbeigegangen sein. Die Zeit hat sich verändert. Es ist wärmer geworden. Kinder wurden geboren, Unglücke sind geschehen, Menschen gestorben. Irgendwo war ein Anschlag, irgendwo landete ein Flugzeug. Es hat Urlauber an einen Ort geflogen, wo sie noch nie oder schon immer gewesen waren.
Innerhalb von neunzig Minuten umkreist die Raumstation ISS einmal die Erde. Vielleicht ist sie jetzt über uns. Vielleicht durchfliegt sie eine Nacht. Unsere Zeitrechnung bedeutet im Weltraum nichts.
Nachdenken beim Gehen ist einfacher, wenn die Umgebung menschenleer ist. So viel Raum kann man an einem Sandstrand dieser Küste allerdings nur an einem Wintertag mit beißender Bora* und waagrecht ins Gesicht prasselndem Regen für sich in Anspruch nehmen. Im Sommer ist der Strand Tag und Nacht belegt. Einige Händler und Angekommene aus Irgendwo-wo-Krieg-ist-oder-wo-sie-ihre-Familie-nicht- ernähren-können schlafen zwischen den Booten, die am Abend zuvor nach der Ausfahrt wieder in den Sand gezogen worden waren. Sie verschwinden beim Erwachen der Sonne, der Ankunft der Mücken, der Küstenwache. Vielleicht hatten sie in der Nacht ein Feuer entfacht, vielleicht getrunken, getanzt, geredet, geplant, wie es weitergehen soll. Die Flaschen nehmen sie mit, die Asche vergraben sie. Ihren Schlafplatz wollen sie nicht durch Abfälle verraten. Sie holen die zu verkaufenden Waren aus sicheren Verstecken und machen sich bereit für den langen Marsch, Abschnitt um Abschnitt, Reihe um Reihe.
Und nahe der Bootsplätze werden auch die Bars geöffnet, wird der Sand von den Liegestühlen geklopft, werden Zigarettenstummel und andere Spuren der Nacht entfernt. Spuren von jenen, denen es egal ist, ob man sieht, dass sie hier waren. Die Schirme werden aufgespannt. Dann kommen die Urlauber. Und das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit will auch an diesem Morgen keine Mitteilung senden. Er nimmt die Farbe des Himmels auf, reflektiert sie, mal blauer, mal grauer. Silbern dann, weiß oder dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser ein paar Zentimeter vor. Und zurück.
Mehr geschieht nicht.
*Die Bora ist ein trockener, kalter, böiger Fallwind und gehört zu den stärksten der Welt. Auf seinem Weg von Triest an die Küste Montenegros kommt er am Stiefel vorbei und erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 250 km/h.
Das Buch «Strandläufer, lungomare» kann per Mail direkt im Büro der Autorin bestellt werden.
Der Text ist im Foto-Essay Strandläufer, lungomare im Amsel Verlag Zürich erschienen. Bilder und Erzählung: Sibylle Ciarloni, Poesie: Andrea Angelucci, Sprachen: Deutsch und Italienisch.







