Arbeitsnotizen

Zum ersten Mal bewusst wurde mir die Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in zwei fast zeitgleichen Geschehnissen. Eine Bekannte behauptete, ich hätte ihr ein Bild gestohlen. Auch ihr Bruder, der kleine Mann, der schon Jahre zuvor gestorben war, tauchte bei ihr auf und lebte. Träume, in denen sie Dinge kombinierte, die nicht so geschehen waren, sind für sie Wahrheit geworden und nichts konnte sie von etwas anderem überzeugen. 
Dann las ich in der Zeitung von einem Mann, der verschwunden war und dessen Partnerin ihn überall suchte, da er nicht wisse, wohin er gehörte. Ich erinnere mich an meinen Gedanken, dass er vielleicht nicht mehr wissen wollte, wohin er gehörte.
Das war kein Gedanke, der auf Wissen basierte, es war eine Interpretation und ich schob den Spaltpilz aus meinem Hirn, auch wenn mir die Idee gefällt, dass man sich eines Tages entscheiden wollen könnte, woran man sich erinnert und woran nicht. Ich meine, das wäre eine Lüge gegen mich selbst, doch es gibt Menschen, die glauben, dass sie das können, sie wollen das so, werfen weg, woran sie nicht denken wollen und so geht es dann auch. (mehr …)

Arbeitsnotizen

Gebrauchsanweisungen haben etwas Rechthaberisches: Richtige Hinweise stehen der Reihe nach in einer Broschüre, in einem Leporello, einem straßenplanmäßig gefalzten Prospekt. Bei letzterem ist das Papier meist sperrig, den Bogen zurück in seine Falzen zu legen, geht kaum je ohne Gegenfalz oder die plättende Hand. In der Broschur ist das einfacher. Seite um Seite. Sprache um Sprache. Markt um Markt. Geopolitisch. DE, CH, IT, F, SP, CZ usw.

Der Markt ist ein nationales Wesen geworden. Es verfügt über die unsichtbare, regulierende Hand. Es tut das Richtige. Wir werden schon sehen, glauben wir hier (damals noch in der Schweiz. Anm. der Autorin). Wir sollten nichts regulieren, so wenig wie möglich auf jeden Fall, glauben die einen. Freiheit, rufen sie. Frei ist der Markt so lange, wie es einem System ins System passt und (mehr …)

cotton

coton

katoen

cotone

algodòn

algodao

bomull

bomuld

puuvillaa

bawetna

bavlna

bavlna

pamut

 

Etikette H&M

Viola

Rosa

Gelb

Opium

Aprikose

Meergrün

Grau

Anthrazit

Morgensilber

Aubergine

Beige

Artischocke

Lavendel

Ocker

Blau

Graublau

Graubraun

Steingrau

Haut

Cola

Aubergine

Gelb

rosa

Rot

Opium

Petrol

Orange

Schlamm

Giftgrün

Tanne

Lavendel

Hanf

Reseda

Zitrone

Asche

Himmelblau

 

Arbeitsnotizen

Es ist immer Gewalt, nein, sie sagte eine Gewalt, una violenza, die man den Worten antut, wenn man sie übersetzt, sagte die Kunstkritikerin. Ja, sagte ich, dem ist vielleicht so. Meinem Zweifel hätte ich besser mit mehr Vehemenz Ausdruck verliehen, doch ich blieb versöhnlich und sagte harmonisierend: Wer des Italienischen nicht mächtig ist und dennoch offen für die Bilder und die Gedankengänge, die der Schriftsteller mit seinen Poesien durchwandert, der ist verloren ohne Übersetzung. Aber nein, sagt sie, der bekommt sie einfach nicht!

Stille. (mehr …)

Bild: Sieglinde Geisel

Die tell-review, das Online Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft, hat meinen Essay „Philosoph für einen Tag“ über die Zusammenarbeit von David Siepert und Stefan Baltensperger mit Tagelöhnern in China publiziert. Das Buch mit dem Titel „Invisible Philosophy“ erschien im Februar 2017 im Zürcher Amsel Verlag. Sprachen: Handschrift + Mandarin + Englisch. Erhältlich ist das Werk im Buchhandel und direkt bei den Künstlern.

„Literatur ist so anstrengend. Am furchtbarsten ist es, wenn die Vorleserin, der Vorleser, nuschelt. Die Geräusche, die das Umdrehen oder Weglegen der Blätter machen, gehen ja noch. Das kommt oft vor. Ich habe aber auch selten gute Stimmen gehört. Nur Schauspieler können richtig gut lesen, wobei man auch da aufpassen muss, dass man alles mitbekommt, wenn sie einen ablenken mit Gesten und hochgezogenen Augenbrauen. Oder mit diesem wissenden Lächeln in den Mundwinkeln, (mehr …)