Wie geht es Ihnen? Schauen Sie zurück? Warum posten viele Menschen Bilder aus ihrer Kindheit in den sozialen Medien? Was geben sie preis? Wem schenken sie die Bilder von damals? Was zeigen sie? Und was ist das jetzt? Das was hier still, geruchlos, unsichtbar den Menschen den Atem raubt und der Natur das Atmen zurückgibt. 

Vor ziemlich genau neun Jahren lernte ich von Baiba Kraniche zu falzen. In ihrer geduldigen und freundlichen Art hat sie neben mir gesessen und gefalzt und gefalzt und ich ihr nach, dann rief ich wieder «halt» und sie hielt inne und zeigte mir wie weit der Vogel in ihrer Hand schon gediehen war und sie schaute auf das was ich in den Händen hielt und sagte vielleicht, hier musst du andersrum falzen, oder das muss genau aufeinanderpassen, sonst hast du nachher keinen schönen Vogel. Natürlich wollte ich einen schönen Vogel. Viele schöne Vögel. 

Wir hörten vielleicht Musik, ich weiß es nicht mehr genau. Es waren noch andere da, die auch Kraniche falzten. Sie wurden startklar gemacht für die Luftpost. Und Baiba packte sie alle in Kartonschachteln. Morgen müssen sie los. Sie waren für Japan bestimmt. Dort hatten ein Erdbeben, ein Tsunami und ein leckes Atomkraftwerk eine Katastrophe geboren, eine Reaktorkatastrophe, bei der viele Menschen starben, krank wurden. Und wir alle, bis auf die anderen, dachten damals wieder einmal, dass sich bei den Menschen nun etwas ändern würde, in Bezug auf ein verantwortbares Leben als Teil der Erde. 

Kraniche sind ein Symbol für Kraft und Glück, das man jemandem wünscht, und wir falzten tausende, und beim Falzen beteten wir still für die Menschen dort, für jene, die gestorben sind und für die, die noch lebten. Heute können wir die Kraniche für unsere Nächsten falzen. Und für jene, die unsere Nächsten in ihren letzten Tagen und Nächten betreuen. Ich fand ein stilles, langsames Video von zwei geduldigen, schönen, einen Kranich falzenden Händen. 

Denken wir beim Falzen jetzt vielleicht wieder daran, dass sich etwas verändern wird. Fragezeichen. Oder sagen wir einfach, die Gesellschaft oder die Welt (was mir nun doch etwas weit gefasst scheint) wird eine andere sein nach Corona. Fragezeichen.

Wir sollten formulieren, was wir für unsere Zukunft wollen. Gerade können wir bei uns selbst anfangen, wir können falzen und beten, schlafen und lesen, einander zuhören und dankbar werden, Listen schreiben und sie wieder verwerfen, still sein, da sein, absichtslos oder auch nicht, einander auf zoom beim dancing with myself zuschauen und dann doch … endlich … nachdenken. Darüber: … und jetzt? 

Wollen wir Aussichten auf solidarische Zusammenlebensformen schaffen, die auch unserer Verletzbarkeit gerecht werden und nicht nur den Leistungen, die wir zu erbringen haben und die wir minutiös kontrollieren (lassen), ob sie denn auch rentieren?!

Oder warten wir mal einfach auf die Normalität, die die ersten schon wieder zurückhaben wollen? Was genau wollen wir davon noch haben?

Verschwenden wir diese Tage nicht damit, die Zeit totzuschlagen oder die Kurven der Länder zu vergleichen. Wir haben besseres zu tun als eine derartige Reaktionskatastrophe zu produzieren. Schaffen wir am Nachher. An guten Aussichten. 

Allerdings dürfen diese nicht von Rating-Agenturen bewertet werden. Auch jetzt versprechen Regierungen Geld oder sie weissagen, der Peak werde nächste Woche erreicht sein, und nach dem Verdikt von Fitch, Moody‘s usw. verändern sich die die Börsen-Indizes. Es wird an Bewertungssystemen festgehalten, die nicht mehr gelten können. 

Wir müssen formulieren und wertschätzen, was wir meinen, sei wertvoll. Soll sofort mit der Arbeit und dem Austausch anfangen, wer Zeit hat und nicht mit Krankheit und dem eng gewordenen Alltag hadert. Verwenden wir diese Tage für die Verantwortung, die wir mittragen, wenn wir offenbar wieder Wir sagen und es für einmal nicht national oder regional gemeint ist. Es ist Zeit, uns in die Politik der Natur einzuarbeiten, damit wir als Menschheit in ihrer Zukunft vielleicht eine Stimme bekommen. Die Natur ist nicht auf uns angewiesen, wir sind auf sie angewiesen. Das müssen wir doch verstehen!

Ich setze mich jetzt an meine Liste, still und mit guten Gedanken Kraniche für jene falzend, die sie brauchen können in dieser Zeit, in dieser Reaktionskatastrophe… There is work to be done! 

Weiterdenken:

Every night in the world

every night in the world

every night in the world

is a night

in a hospital

Robert Lax

Die gelbe Flagge ist die Qflag. In der Schifffahrt unserer Zeit verwendet um anzuzeigen, dass alle an Bord gesund sind. Speriamo bene!

Saskia Sassen, talking with Srecko Horvat (both member of DiEM25.org, Democracy in Europe Movement):

What if this is the beginning of a possibility?

DiEM25 TV – people thinking about the time after the virus.

Auch andere Talks auf Youtube im Diem25 Channel sind interessant, bspw. das Gespräch zwischen Brian Eno und Yanis Varoufakis oder zwischen Astra Taylor (What is democracy?) und David Alder.

It’s easy, origami cranes, concentrate on this!

How Paper Cranes Became a Symbol.

Matthias Horx – Ein interessanter point de vue: Die Zukunft nach Corona.

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was, sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut. 

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: Nein, nein, habe sie gesagt. Ich war doch immer selber einkaufen, das geht nun also viel zu weit. Und ja ja, ich wasche mir ja die Hände. Ich weiss gar nicht, was ihr habt. 

Ich so: Hier sterben ganz viele ältere Menschen.

Sie so: Ja, aber die sind alle sowieso schon krank. 

Ich so: Du musst auf dich aufpassen und auch auf die anderen. 

Sie so: Welche anderen?

Ich so: Dein Freund, deine Freundinnen.

Sie so: Ja, also jetzt hör doch auf. In Italien haben sie halt nicht so gute Spitäler. 

Ich so: Es geht darum, dass man mit der Krankheit, wenn sie einen schlimmen Verlauf nimmt, von einer Beatmungsmaschine abhängig sein wird und das für mehrere Wochen. Und kein Land hat so viele Beatmungsmaschinen wie wahrscheinlich benötigt werden. Zudem könntest du auch Trägerin des Virus sein, ohne dass du etwas bemerkst und dann andere in deiner Nähe anstecken. Bla bla bla.

Sie so: Ja, aber ich bin ja gesund. 

Vielleicht müssen wir ihr sagen, dass wir uns um sie sorgen. Vielleicht sollten wir nicht Verbote aussprechen oder vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger hin und her wackeln, wie sie es früher getan hatte, statt uns zu sagen, dass sie sich um uns sorgt, weil sie uns gern hat… Lieben ist noch ein anderes Wort. 

Ich nahm mir vor, ihr das mit der Liebe erst zu sagen, wenn mir ihre Antwort egal sein wird. Doch die Zeit habe ich nicht, dachte ich (verantwortungsvoll), also rief ich sie am gleichen Tag noch einmal an.

Sie so: Ja ja. Jetzt übertreib es nicht. 

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Jede und jeder trägt die absolute Verantwortung. Niemand kann in dieser Zeit nur sich selber gegenüber Rechenschaft ablegen. Denn dieses Virus macht kein Halt vor schlimmen Frisuren, vor reichen Tanten und vor netten Grafikern – zum Beispiel. So sind wir plötzlich alle Menschen eine Gemeinschaft geworden. Ist das nicht eigentlich schampar schön? Bla bla bla.

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen

Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich vorzu unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben habe. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. Jetzt, wo das Insichkehren, vor allem aber zunächst das Zuhausebleiben, Pflicht wird, jetzt wird vielleicht ein Bedürfnis dafür geweckt.

Vor ein paar Monaten war das Virus erst in China und noch wusste wohl niemand in Europa davon und Weihnachten stand vor der Tür. Ich saß im Zug nach Wien. Es lag Schnee in den Bergen hinter Bozen. Ich las über einen Forscher, der die Hirnströme in Zeiten digitaler Informationslawinen und permanenter freiwilliger Aufmerksamkeitshingabe an Bildschirme wie denjenigen der smartphones, laptops und Co. misst und in der Zwischenzeit feststellte, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen um ein Vieles abgenommen hat und sich das Hirn bereits den neuen Gewohnheiten anpasst und diese Anpassung sich in die Erbinformation des Menschen schreibt. 

Ich rechne hoch.

So brauchen wir keinen individuellen Weg mehr, auf dem wir uns hin und wieder für unser Selbstbezogensein entschuldigen. Wir essen, was man uns gibt. Wir säen Samen-Hybriden, aus denen unfruchtbare Einwegpflanzen wachsen. Wir folgen dem Algorithmus, der uns individuell auf uns zugeschnittenen Produkte vorschlägt. Wir glauben ihm und wählen. Wir leben in TV-Serien das stereotype Leben von Anderen und lenken uns jederzeit mit einem Spiel auf dem Handy ab, so lange bis wir alles gespielt und alles gelebt haben. 

Voilà!

Wieder so eine Evolutionshochrechnung.

Pardon!

Und: Ich bin mir übrigens bewusst, wie schwierig das Wort Wir ist. 

Und zudem: Jetzt ist Pandemie mit einem neuen Epizentrum hier in Europa. Und natürlich will ich glauben, dass das auch eine Chance ist. Vielleicht sollten wir uns jetzt, wo die Beschäftigung schwindet, freiwillig an diese neue Situation anpassen, zuhause bleiben, miteinander telefonieren, zuhören und nicht einfach die Länge einer Pendlerstrecke im Zug einander durchs Handy anschnaufen und ab und zu fragen: Bist du noch da? Oder doch, vielleicht auch das… aber nicht im Zug bitte und später, nach der Pandemie, bitte auch nicht im Zug.

Ja, nach der Pandemie. Ich will glauben, dass die Frage: „Wie wollen wie leben?“ in drei Monaten anders beantwortet wird als noch vor drei Wochen. Wir müssen näher zueinander rücken mit aller derzeit geforderten Distanz. Ich will hoffen, dass Menschen, die es schwer haben in ihren Familien oder in der Gemeinschaft, in der sie leben, die Auszeit zur Klärung von Konflikten nutzen. Ich denke auch an jene, die alleine leben und das nicht wollen. Ich hoffe für alle, dass die geforderte Nähe mit Distanz, auch zu sich selbst, nicht zum Alptraum wird.

Dobbiamo essere forti! Hier in Italien gewöhnt man sich langsam an die Vorschriften. Wir können kontrolliert werden und wir müssen ein Formular mit uns tragen, mit dem wir deklarieren, wohin wir gehen und warum. Die Multiple Choice Liste, was man darf und was nicht, ist kurz. Von Multiple und auch von Choice, kann keine Rede sein. Die Anpassungen sind groß. Denunzianten und Schlaumeier sind auch schon aktiv. Aber ich träume davon, dass das „Wir“ in den nächsten Wochen eine verbindende und verbindliche, gleichzeitig eine tolerante und grosszügige Bedeutung bekommt, die sich ebenfalls in die Erbinformation der Menschen schreibt. Dass die Abkehr von Hamsterrad und Hamsterkauf eintritt. Dass Ellenbogengeschichten bedeutungslos werden. Denn unsere Ellenbogen brauchen wir jetzt für anderes. Die schon erwähnte Forschung über die hirn-verändernde Aufmerksamkeit, die an die Geräte geht, beweist, dass das durchaus möglich ist.

Ellenbogen werden im Schweizer Wortgebrauch an Stellen eingesetzt, wo es darum geht, Konkurrenten loszuwerden, indem man sie wegkickt.

Bauen wir nun zunächst keinen Unfall und regen wir uns nicht auf, denn alle Spitalbetten werden gebraucht für die, die erkrankt sind. Keine Gefährdung, kein gestauchter Fuß, kein Sturz von der Bicicletta, kein freies Niesen, keine Umarmungen. Das ist, was man vor allem hören muss im lauten Zählen der Liveticker über die Anzahl der Infizierten, Verstorbenen, Geheilten. Auch dass in Italien ein Ärzteteam aus China eingetroffen ist, das sein Wissen weitergibt. Auch dass in ebendiesem China die Fälle nun massiv zurückgegangen sind, wie in Codogno auch, wo schon seit Ende Februar die Quarantäne galt. 

Bleiben wir zuhause. Es dauert vielleicht drei, vier Tage, dann gewöhnt man sich dran. Widmen wir uns der Philosophie, der Schönheit, den wichtigen Dingen oder immerhin den nächsten und sicher nicht den letzten. Heute, morgen. Heute, morgen. Heute, morgen. Geduld. Pazienza. Und wer keine hat: Laufen an Ort geht auch, dann sind der Schrittzähler am Handy und die angedockte Krankenversicherung (pardon, in der Schweiz Gesundheitskasse!) auch zufrieden.

… Wie lange es noch dauert, bis Menschen ohne Ohren auf die Welt kommen und die Wesen, die der Paarung von Restknorpeln entspringen, sich dank guter Nahrung auch vergrößern und vielleicht ein Hirn entwickeln, weiß niemand. In «Die Geschichte vom Ohr» prophezeite ich das erneute Anwachsen. Manchmal macht die Evolution halt einen Umweg.

Wir. Wir ist ein beschreibendes Wort, ein großes Wort, ein schützendes Wort, ein ermüdendes Wort. Wenn wir Wir sagen, dann versammle ich mich und uns und andere in dieses Haus mit drei Buchstaben. Doch wer gehört dazu und wer nicht?

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Schizophrenie hatte sich verdoppelt, da man neben den fremdenpolizeilichen Maßnahmen und dem Völkerbundgedanken dann auch noch Hände suchte, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten, man aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, nicht unbedingt da haben wollte. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seinem Beitrag in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank … hier weiterlesen

THIS WAS

Alles in Ordnung. Lesung & Ton
März bis Mai 2019
Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Wir lasen und „betonten“ zwei Stories und ein Manual aus «Bernstein und Valencia».

Am 16. März 2019 starteten wir im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat ausführlich berichtet.

Am 23. März waren wir im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ein schönes Wiedersehen mit dem guten Ort.
Am 27. März füllten wir das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Danke Jonas und Matthias!
Am 3. April gingen wir in Bern durch eines der letzten Schneegestöber nach Kairo und wir waren nicht allein. Das Publikum klatschte warm.
Am 25. April 2019 haben wir im Neubad, Luzern gelesen und getönt und das Publikum hat leise in sich hinein gelacht. Wir danken Urs und Dominik und Linus!
Am Abend des 26. April 2019 lud uns das Bagno Popolare im Schweizerhof zu Baden an den Thermalwasserbassindrand. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte mit dem gesunden Wasser. Wir benutzten dafür Leitungswasser. Wunderbar war der Abend und die Nacht – danke Kathrin, Maria, Andriu, Daniela, Christian und all jenen porenoffenen Wesen!
Am Abend des 7. Mai 2019 waren wir auf der Bühne der Brotfabrik in Berlin. Wir lasen barfuß und verschwanden schließlich im Dunkel des Bühnenrands. Danke Rio und Alexander und dem Barteam, das uns bis zum Ladenschluss geduldig betreut hat.

Hier noch einmal der Werbefilm:

„Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.“

Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual. Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Grenzgang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen die beiden im harten Bündner Winter bei 1 Meter 20 Schnee die Zusammenarbeit.

«Bernstein und Valencia»
978-3-906311-44-9 /kaufen/

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien.

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Der Regen treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen vor sich hin, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz unter ihnen. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht für ein Fragezeichen. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Ich sage, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der Andere sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo Richtung Bern, hinter Bern, bei Bern, Interlaken? Dann erzählt er vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.

Erschienen in Foto-Essay mit gleichem Titel im Amsel Verlag Zürich.
Wer das ganze Buch haben will, chi vuole avere il libro intero: SHOP

Strandläufer,
von Sibylle Ciarloni

(testo italiano vedi sotto)

Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Nur Boote gelangen ungehindert auf die See, durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern.

Langsam füllt sich der Strand. Tuch legt sich neben Tuch unter bunte Sonnenschirme, deren Stiele kraftvoll in den Sand getrieben werden. Ein Mann verteilt rasch den obligaten Klacks Faktor 30 auf dem Rücken seiner Frau. Dann setzt sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl und er geht los, biegt rechts ab, die Sonne scheint auf seinen Bauch.

In den gepachteten Abschnitten gibt die Anordnung der Liegen seit Jahrzehnten vor, dass man zu zweit an den Strand zu kommen habe, um in der Reihe, die man sich leisten kann, in die Sonne zu liegen. Zwei Liegen, ein Sonnenschirm. Wie im Theater kosten die Plätze in den vorderen Reihen mehr. Und wie Dauerabonnenten reservieren sich die Leute vom Ort Liegen für die ganze Saison. Manche legen sich aber bloß an Samstagen und Sonntagen in die Sonne.

Miss Kitty liegt in Badetuchdimension in der vordersten Reihe. Ein Mädchen sitzt neben ihr im Sand. Es spricht mit sich und den unsichtbaren Freunden, die es umgeben. Die Surfer kommen erst am Nachmittag, wenn der Wind gedreht haben wird und sich der jetzt noch gleichgültige Meeresspiegel darüber ein bisschen aufregt. Die Lebensretter sitzen schon auf ihren Holztürmen nahe dem Ufer oder stehen im Schatten herum. Schwatzend, schwitzend, sich nach Haut umsehend vielleicht. Männer aus Senegal gehen kilometerweit, kämpfen um Platz und Umsatz als Strandhändler, den ihnen Männer aus anderen Teilen der Welt streitig machen. Wer war zuerst hier? Ihre Frauen kommen seit wenigen Jahren auch an den Strand. Manche von ihnen flechten Zöpfe in langes blondes Haar.
Die alten Strandhändler sind die Leuchttürme. Sie warnen, wenn Polizei kommt und die klandestinen Verkaufsstände verschwinden in drei Sekunden.
Autoren und deren Freunde verkaufen Bücher mit Lebensberichten von sich selbst und jenen, die in Italien eine zweite Heimat gefunden haben oder suchen. Ein Mailänder Verlag veröffentlicht sie. Im Sommer werden sie an den Stränden, im Winter in den großen Städten verkauft. Die Marokkaner bieten Bikinis für fünf Euro an. Sie ziehen Karren hinter sich her, bleiben stehen, warten auf Kundschaft.

Ich steige ins Wasser. Ein Schritt, zwei Schritte. Kleine Fische fliehen vor meinen langen Füßen. Eine Frau steigt in ein Kanu und paddelt an mir vorbei. Algenblätter schmiegen sich um meine Fesseln. Könnte ich sie in der Sonne trocknen und auf ihnen schreiben? Das Wasser ist warm. Ich drehe mich zum Strand und begegne dem Blick eines Strandläufers. In einem Lifestyleheft wurde beschrieben, wie die Franzosen, die Italiener, die Spanier oder die Deutschen sich für den Strandspaziergang kleiden. Würden sich die Franzosen oft ein Hemd anziehen, so trügen die Italiener nur die Badehose und diese gerne eng. Sie seien auf ihre Körperbehaarung stolz und tragen die bella figura in der Sonne strandauf, strandab.
Eine Frau schimpft im Vorbeigehen zu einer anderen, dass nur noch Kommissar Montalbano im Fernsehen gezeigt
werde. Donna Leon ist in Italien unbekannt. Vielleicht gefiele ihr Brunetti besser. Ein Strandverkäufer bindet Drachen in gleichen Abständen an eine lange Leine. Die papierenen Wesen steigen hoch zum Himmel, so dass sie auch von den Hügeln im Hinterland gesehen werden können. Dort blühen die Sonnenblumen. Europa bezahlt den Bauern derzeit mehr für deren Kerne als für Erbsen.

Der Anfang ist leicht. Man geht nach rechts oder nach links. Die Gedanken tanzen am Horizont oder verlieren sich im
Sand. Schon leckt das Wasser den Einfall weg, den man am Sandtürmchen eines Wattwurms festgemacht hatte. Beim Gehen werden die Dinge sich ordnen, so die Hoffnung, so Thoreau, für den das Gehen die Suche nach den Quellen des Lebens überhaupt war. Auch die freien Römer im antiken Ostia, die sich ihre Gottheiten selbst aussuchten, schworen auf das Gehen. Sie sah man oft zu zweit am Strand, argumentierend und gestikulierend für die Überzeugung des anderen oder für die eigene Raum schaffend. Der Raum. Lo spazio. Er bedeutet im Italienischen auch Zeitraum, Weltraum, Lebensraum. Bleibt das Wort dort im Unfassbaren, so hat es das Deutsche in eine konkrete Tätigkeit übersetzt: Das Spazieren.

Ich entscheide mich für links. Die Sonne brennt auf meinen Rücken. Ich folge meinem Schatten. Möwen rufen. Ich sehe
sie nicht. Eine Seite des Körpers sinkt naturgegeben tiefer in den Sand als die andere. Das Becken verschiebt sich. Man kann nicht lange in die gleiche Richtung gehen, ohne einen Abstecher durch die Liegestuhlreihen zu wagen oder auch mal innezuhalten, um mit dem Blick an den Horizont zu gelangen, an die Naht, die die Welt zusammenhält.

Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern mit uns drei Schwestern fast jedes Jahr ans Meer nach Italien. Sie betteten uns mitten in der Nacht in den geräumigen Mittelklassewagen, die Kleinste auf die Hutablage, mich auf den Rücksitz. Im Gang zwischen Vordersitz und Rücksitz lag ein zu rund einem Drittel mit Luft gefülltes Gummiboot, auf dem die dritte Schwester schlief. Das ging gut. Ich erinnere mich an keinen Zwischenfall und auch nicht an ein Durcheinander unter uns Schwestern, also dass eine auf die andere gerutscht wäre. Es bestand auch noch kein Gurtenobligatorium und meine Eltern werden am Zoll in Chiasso so ausgesehen haben wie zwei Erwachsene, die in den Urlaub fahren. Wahrscheinlich saß meine Mutter am Steuer. Mein Vater übernahm immer die italienischen Straßen. Dort angekommen, irgendwo im Hinterland, wo Ferienwohnungen mit gläsernen Frühstückstassen günstiger waren und die Gefahr der Ablenkung durch dunkeläugige Buben oder den Krimskrams vom Wochenmarkt kleiner, packten wir alles aus, richteten uns ein und fuhren endlich in die Stadt
mit dem langen Sandstrand, suchten dem Mittelklassewagen einen Parkplatz und mit den während der Fahrt bereits aufgeblasenen Schwimmreifen um die Bäuche und den Flügeln an den Oberarmen trug jedes Mädchen sein Wärchen so nah wie möglich ans Wasser.
Wir entfalteten die Strandtücher. Bei Wind beschwerten wir
sie an den Rändern mit Steinen. Mein Vater platzierte seinen Klappstuhl und legte das gestreifte Tuch über die Rückenlehne. Nie setzte er sich sogleich hin, döste und löste Kreuzworträtsel, filmte uns beim Bauen von Wachtürmen und verschlungenen Wassergräben. Diese Tätigkeiten folgten erst später, falls er in der Zwischenzeit nicht jemanden gefunden hatte, der mit ihm Boccia spielte. Mein Vater stieg immer sogleich ins Wasser, schwamm weit hinaus und ein Stück wieder zurück, rief uns von dort zu sich, lehrte uns zu schwimmen oder rettete uns zum Spaß vor dem Ertrinken.
Nach dem Baden steckte er sich ein paar Scheine in die Badehose, ging los und kam manchmal halbe Tage nicht zurück. Er ging dem Ufer entlang.
Stundenlang.
Ging er in die gleiche Richtung? Es kann gut sein, dass er via die parallel zum Ufer geführte Straße von uns unbemerkt in die andere Richtung spazierte, um noch ein bisschen länger alleine zu gehen. Alleine kann nur gehen, wer bereit ist, sich auf eine Zeit mit sich einzulassen. Eine Uhr nahm er nie mit. Eine Minute dauerte sechzig Sekunden.
Am Horizont entdeckte er vielleicht die Unmöglichkeit eines Vorhabens oder wer er einmal sein wollte und was er vorgab, vom Leben zu wissen oder auch nicht. Vielleicht rettete er
sich vor dem Abyss, wo nur Glaube und Zweifel noch wahr sind, indem er in einer Bar einen Kaffee trank. Vielleicht
wurde er sich beim Gehen auch bewusst, wie oft er alleine gewesen war, auch wenn er eines von dreizehn Kindern
war. Ich weiß es nicht. Mein Vater erzählte nicht viel von
sich. Und er kam immer nur mit halben Geschichten von seinem Strandspaziergang zurück, manchmal allerdings mit Bocciaspielern oder Bocciaspielerinnen.

Ein Junge erklärt dem Vater, wie er die Sandburg anlegen will. Der Vater tippt auf seinem Smartphone. Oder filmt er? Ein weiterer Strandhändler pumpt Pinguine aus Plastik auf. Sie sind an den Füßen (oder sagt man Flossen?) beschwert, damit sie aufrecht im Wasser stehen. Hie und da sammle ich Muscheln oder bücke mich für gewöhnlich schöne Steine, für milchig geschliffene Glassplitter oder beinahe weichgewaschene Fliesenstücke. Dinge von Irgendwoher. Dinge aus Venedig, aus der Karibik? Piratenraub? Dinge, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, Dinge, die in meinen Sammlungen Jahr für Jahr staubiger werden. Eines Tages verblasst die Bedeutung oder verschwindet, und die ganzen Dinge liegen entzaubert da und erzählen nichts mehr.

Manchmal nehme ich mir vor, aufrecht dem Ufer entlang zu gehen, leicht angespannt also, je nachdem sogar lächelnd und ab und an innehaltend, um einmal mehr den Horizont zu betrachten oder einem Boot zuzuschauen, wie es ans Ufer tuckert oder weg davon. Wenn ich aber aufrecht gehe, dauert
es oft nicht sehr lange und ich trete in eine angeschwemmte Qualle, eine zerbrochene Muschel oder eine Napfschnecke saugt sich an meinen Fuß. Letzteres ist noch nie vorgekommen und bestimmt auch nicht weiter gefährlich. Das genügsame Zwitterwesen könnte mich bloß ein wenig verwirren. Muscheln zerschneiden vielleicht die Haut. Doch eine an das Ufer geschwemmte Qualle versengte mir mit letzter Kraft schon die Fußsohle. Also lerne ich derzeit, ein Auge nach vorne, das andere nach unten gerichtet meinen Weg zu gehen, wie der Pelzhändler in Neapel, der gekonnt ein Auge auf seine Ware richtete und ein Auge in der Umgebung umherumschweifen ließ und Ausschau nach Polizei und Kundschaft hielt.
Wenn nichts weiter geschieht, was vorkommt, so verschiebe ich minütlich mein Ziel. Noch bis zur Spiaggia D’Oro, noch bis zum Hotel Playa, zum Beach Volley Netz. Dann werde ich umkehren. So vergehen eine Stunde oder auch zwei. Vielleicht schaue ich noch einem Mann hinterher, einer Frau meinetwegen. Die Bewegungen verschwinden wie die Gedanken, die ankommen und bald flüchtig werden, vielleicht verlorengehen. Sie festzuhalten funktioniert nicht. Oft habe ich mir auch eine Idee in meinen Kopf geschrieben und mir vorgestellt, dass ich sie bei meiner Ankunft zurück auf dem Strandtuch sofort in mein Notizbuch schreibe.

Langsam drehe ich mich in die Richtung der Sonne. Langsam gehe ich auf dem gleichen Weg zurück. Der Mann von vorhin kommt mir entgegen, er muss an seiner Frau vorbeigegangen sein. Die Zeit hat sich verändert. Es ist wärmer geworden. Kinder wurden geboren, Unglücke sind geschehen, Menschen gestorben. Irgendwo war ein Anschlag, irgendwo landete ein Flugzeug. Es hat Urlauber an einen Ort geflogen, wo sie noch nie oder schon immer gewesen waren.
Innerhalb von neunzig Minuten umkreist die Raumstation ISS einmal die Erde. Vielleicht ist sie jetzt über uns. Vielleicht durchfliegt sie eine Nacht. Unsere Zeitrechnung bedeutet im Weltraum nichts.

Nachdenken beim Gehen ist einfacher, wenn die Umgebung menschenleer ist. So viel Raum kann man an einem Sandstrand dieser Küste allerdings nur an einem Wintertag mit beißender Bora* und waagrecht ins Gesicht prasselndem Regen für sich in Anspruch nehmen. Im Sommer ist der Strand Tag und Nacht belegt. Einige Händler und Angekommene aus Irgendwo-wo-Krieg-ist-oder-wo-sie-ihre-Familie-nicht- ernähren-können schlafen zwischen den Booten, die am Abend zuvor nach der Ausfahrt wieder in den Sand gezogen worden waren. Sie verschwinden beim Erwachen der Sonne, der Ankunft der Mücken, der Küstenwache. Vielleicht hatten sie in der Nacht ein Feuer entfacht, vielleicht getrunken, getanzt, geredet, geplant, wie es weitergehen soll. Die Flaschen nehmen sie mit, die Asche vergraben sie. Ihren Schlafplatz wollen sie nicht durch Abfälle verraten. Sie holen die zu verkaufenden Waren aus sicheren Verstecken und machen sich bereit für den langen Marsch, Abschnitt um Abschnitt, Reihe um Reihe.
Und nahe der Bootsplätze werden auch die Bars geöffnet, wird der Sand von den Liegestühlen geklopft, werden Zigarettenstummel und andere Spuren der Nacht entfernt. Spuren von jenen, denen es egal ist, ob man sieht, dass sie hier waren. Die Schirme werden aufgespannt. Dann kommen die Urlauber. Und das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit will auch an diesem Morgen keine Mitteilung senden. Er nimmt die Farbe des Himmels auf, reflektiert sie, mal blauer, mal grauer. Silbern dann, weiß oder dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser ein paar Zentimeter vor. Und zurück.
Mehr geschieht nicht.

*Die Bora ist ein trockener, kalter, böiger Fallwind und gehört zu den stärksten der Welt. Auf seinem Weg von Triest an die Küste Montenegros kommt er am Stiefel vorbei und erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 250 km/h.

lungomare
di Sibylle Ciarloni
(Deutsch siehe oben)

È mattino. Il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano. Sugli scogli dei frangenti un pescatore. Una ragazza nuota a riva. Alle barche è permesso uscire al largo senza ostacolo, per loro è stato lasciato un passaggio.
Le spiagge libere si a affollano pian piano. Asciugamano si accosta ad asciugamano. Il palo dell’ombrellone portato da casa viene piantato nella sabbia con tutta la forza. La mano di un uomo che spalma la crema solare sulla schiena della sua compagna è rapida e sgarbata. Lei poi si siede sulla sdraio. Lui parte. Gira a destra. Il sole sulla pancia e in faccia.
Nelle sezioni di spiaggia in concessione l’ordine delle sedie a sdraio detta dagli anni sessanta l’arrivare e lo stare in due. Come in teatro le poltrone in prima la sono più costose e sono spesso prenotate per tutta l’estate dalla gente del posto. Alcuni vengono solo il sabato e la domenica.

Miss Kitty unidimensionale-asciugamano si è distesa su
uno dei lettini in prima fila. Una ragazzina siede sulla sabbia accanto a lei. Parla con sé stessa e con gli amici invisibili che la circondano.
I surfisti arriveranno solo nel pomeriggio, quando il vento si volgerà e agiterà l’ora apatico specchio d’acqua. I bagnini sono seduti sui loro appostamenti vicino alla riva, rimangono all’ombra, sudando, osservando.
Uomini del Senegal camminano per chilometri e chilometri, lottano per ottenere attenzione e guadagno. Uomini di altre parti del mondo fanno loro concorrenza. Chi era il primo? Da qualche anno tra loro si vedono anche donne: del Senegal,
del Marocco, dell’India, dell’Indonesia e di altri paesi asiatici. Alcune offrono dei massaggi direttamente sulla sedia a sdraio del turista, altre intrecciano lunghi capelli biondi. I vecchi invece che si trovano vicini ai punti di vendita istallati sulla sabbia guardano i bambini piccoli che gattonano verso l’acqua come le tartarughe appena nate. Ma i vecchi sono anche i fari delle loro comunità. Danno l’allarme quando si avvicina la polizia e in un attimo i teloni di plastica blu, distesi sulla sabbia con sopra le borse di Moncler, spariscono.
Vengono venduti anche dei libri. Sono gli autori stessi, con i loro amici: raccontano la loro emigrazione e le storie di chi ha trovato o di chi ancora è alla ricerca di una seconda patria in Italia. Una casa editrice milanese pubblica questi racconti. In estate vengono venduti sulla spiaggia, in inverno nelle grandi città.
I marocchini vendono bikini per cinque euro. Si tirano dietro i loro carri, si fermano, aspettano. Delle donne si avvicinano.

Io vado in acqua. Un passo, due passi. Piccoli pesci scappano dai miei piedi lunghi. Una donna sale su una canoa, pagaia passando troppo vicino a me. Foglie di alghe si avvinghiano alle mie caviglie. Potrei farle seccare per poi scriverci sopra?
L’acqua è calda. Mi giro verso la spiaggia e incontro lo sguardo di un uomo che cammina sul lungomare. Indossa un costume blu azzurro che gli arriva fino alla metà del femore.
In una rivista inglese viene descritto come uomini di diverse nazionalità – francesi o italiani ad esempio – si abbiglino per andare a passeggio sul lungomare. Mentre i francesi si mettono pure la camicia, gli italiani indossano un costume piuttosto stretto e nient’altro. Sarebbero fieri dei loro peli e di portare la loro bella figura nel sole su e giù per il lungomare.
Una donna si lamenta con un’altra che in tivù fanno vedere soltanto il commissario Montalbano. Forse il commissario veneziano Brunetti le piacerebbe di più, ma Donna Leon non è conosciuta in Italia.
Un venditore ambulante lega un aquilone dopo l’altro ad un filo lunghissimo. Le creature di carta salgono in cielo tanto da poter essere viste dalle colline dell’entroterra. Là fioriscono i campi di girasole. L’Unione europea al momento paga di più per i semi di girasole che per le melanzane.

L’inizio è facile. Si va a destra o a sinistra. I pensieri ballano all’orizzonte e si perdono mentre l’acqua, spinta a riva da quella forza-non-forza annulla l’idea che, con sguardo vagabondo,
per caso si è fissata su una piccolissima torre di sabbia creata da un cannello di mare. Camminando le cose si metteranno a posto – così parla la Speranza, così parla Thoreau, per il quale camminare fu ricerca della fonte dell’esistenza. Anche i romani dell’antica Ostia, ai quali era permesso scegliere liberamente le divinità da venerare, gradivano il passeggiare lungomare. Li posso immaginare in due, con gesti e con nelle parole trovare l’argomento giusto e fare spazio a nuove idee. Lo spazio. „Der Raum“ in tedesco. La lingua italiana usa la parola „spazio“ per vari significati, per esempio lo spazio del tempo, nel mondo,
ma anche dare spazio a qualcosa nella vita. Il concetto rimane elastico. Nella lingua tedesca dalla stessa radice di spazio deriva il verbo spazieren. Passeggiare. Camminare.

Mi decido ad andare a sinistra. Il sole brucia sulla mia schiena. Seguo la mia ombra. Garriscono i gabbiani. Non li vedo. Una parte del mio corpo scende di più nella sabbia dell’altra. Il mio bacino si sposta. Non si può andare per troppo tempo nella stessa direzione senza osare una puntatina tra le file di sedie a sdraio, oppure semplicemente stare fermi per poter arrivare con lo sguardo all’orizzonte – la cucitura che tiene unito il mondo.

Quando ero bambina quasi ogni anno i miei genitori partivano per il mare con noi tre sorelle. Ci coricavamo nel mezzo della notte dentro la loro macchina da classe media. Mettevano la
più piccola sulla cappelliera e me sul sedile posteriore, mentre lo spazio tra quest’ultimo e i sedili anteriori veniva tamponato con un gommone per un terzo pieno d’aria. Là dormiva la terza sorella. È andata sempre bene. Non ricordo imprevisti, neanche un garbuglio tra noi sorelle o che una di noi fosse scivolata sopra l’altra. Non c’era nemmeno l’obbligo delle cinture. Mio padre e mia madre – senza preoccuparsene più di tanto – ai doganieri di Chiasso davano l’impressione di quello che erano: dei semplici turisti in viaggio per le vacanze, partiti nel pieno della notte.
Una volta arrivati lì, nell’hinterland, dove gli appartamenti
dalle grosse tazze da colazione in vetro erano meno costosi
di un albergo fronte mare e dove la nostra integrità era meno minacciata dai ragazzetti dagli occhi scuri o dalle cianfrusaglie del mercato, disfacevamo le nostre valigie, mettevamo tutto a posto e finalmente partivamo per la città con quel lungomare esteso da una baia all’altra. Cercavamo un parcheggio per la nostra auto da ceto medio e, insieme al salvagente e ai braccioli, che, mentre mio padre guidava, noi gonfiavamo, ognuna di noi portava le sue cosette il più vicino possibile alla riva.
Poi allargavamo i nostri teli da mare. Quando c’era vento li ancoravamo alle estremità con delle pietre. Mio padre posava
la sua sedia pieghevole con sopra il suo telo a strisce vecchio già allora di almeno trent’anni. Ma non si sedeva subito per una dormitina, per completare il cruciverba portatosi dalla Svizzera né si metteva a filmare noi tre mentre costruivamo le torri di guardia o dei solchi d’acqua per i coccodrilli. Queste attività venivano in un secondo momento, sempre che nel frattempo non avesse trovato qualcuno con cui giocare a bocce. Mio
padre entrava subito in acqua e si allontanava dalla riva per
poi tornare a metà della sua nuotata. Da lì ci chiamava. Poi ci insegnava a nuotare oppure ci salvava per scherzo dall’affogare. Dopo il bagno si infilava qualche banconota nel costume, se
ne andava e non si faceva più vedere per delle mezze giornate. Camminava lungo la riva per ore e ore.
Andava sempre nella stessa direzione? Può darsi che cambiasse, passando dietro di noi, sul marciapiede della strada che seguiva tutto il lungomare, per restare un po‘ più tempo
da solo. Non ce ne accorgemmo mai. Soltanto chi è pronto a passare del tempo con sé stesso può passeggiare da solo. Mio padre non portava mai l’orologio. Il tempo era il tempo, un minuto aveva sessanta secondi. All’orizzonte, forse, scopriva l’impossibilità di un’intenzione o chi avrebbe voluto essere e cosa fingeva di sapere sulla vita. Forse si salvava dallo scendere negli abissi del proprio essere, dove soltanto credere e dubitare rimangono condizioni vere, bevendo un caffè al bar. Forse, mentre camminava, si accorgeva di quante volte fosse stato solo, anche se era uno di tredici gli. Non lo so. Mio padre non raccontava tante cose di sé.
E dalle passeggiate tornava sempre soltanto con mezze storie oppure con una squadra di giocatori di bocce.

Un ragazzino spiega a suo padre come pianifica il suo castello di sabbia. Il padre indica cose sul suo Smartphone. O sta registrando? Un altro venditore ambulante gonfia dei pinguini di plastica. Le loro zampe sono appesantite per farli stare eretti nell’acqua.
Qui e là raccolgo delle conchiglie oppure mi abbasso per un sasso qualunque, per un vetro latteo o per dei cocci quasi morbidi. Cose che arrivano da chissà dove. Da Venezia? Dai Caraibi? Un bottino di pirati? Cose alle quali io attribuisco un significato; cose che, di anno in anno, si impolverano nella mia privata collezione. Fino al giorno in cui il loro significato viene meno, no a quando non hanno più niente da raccontare.

Ogni tanto mi riprometto di avanzare ritta, un pochino tesa, sorridendo se possibile, fermandomi di tanto in tanto a guardare ancora una volta l’orizzonte per seguire una barca che crepita verso riva o si allontana da essa. Ma quando cammino con la schiena dritta temo che il mio piede calchi una medusa portata a riva, una conchiglia frantumata o che un patellogastropoda si appiccichi al mio piede. Questo in realtà non è mai successo e non sarebbe neanche pericoloso. L’umile ermafrodito potrebbe solo turbarmi, mentre il frantume di conchiglia forse mi taglierebbe la pelle. Una medusa, invece, l’anno scorso mi ha urticato la pianta del piede. Per questo motivo sto imparando ad avanzare con un occhio in basso e l’altro in avanti, come quel venditore ambulante di pellicce a Napoli che, mentre controllava la sua roba preziosa in una borsa gigante appoggiata ai suoi piedi, riusciva ad avvistare una pattuglia della polizia oppure un cliente interessato.

Se non succede niente, il che è molto più probabile, sposto minuto dopo minuto la mia meta. Arrivo fino all’Hotel Playa, fino alla rete del campo di beach volley. Poi mi girerò.
Così passa un’ora, anche due. Forse seguendo con lo sguardo un uomo, una donna. Tutti i movimenti spariscono come i pensieri che arrivano e ripartono o si girano, poi scappano. Spesso ho cercato di fissare un’idea nella mia mente e ripromettendomi di annotarla poi nel mio taccuino.

Lentamente mi giro e ripercorro lo stesso cammino. Precedo
la mia ombra. L’uomo dalla mano sgarbata incrocia il mio passo, forse la sua compagna dormiva quando è ripassato vicino a lei. Il tempo è cambiato, fa più caldo, sono nati dei bambini, da qualche parte un atto terroristico, un capò abusa di una bracciante immigrata in un campo di pomodori, altrove un aereo atterra dove i passeggeri non sono mai stati o dove vanno da sempre. Tempo novanta minuti e la stazione spaziale internazionale concluderà un’altra orbita attorno alla terra. Forse è sopra di noi. Forse ora è nella notte dall’altra parte della terra. Il nostro tempo nello spazio non significa nulla.

La riflessione nel camminare è più facile quando le spiagge sono vuote. Ma tanto spazio libero in questa riviera si può pretendere soltanto in una giornata di bora* con pioggia orizzontale. In estate la spiaggia è occupata giorno e notte. Qualche venditore ambulante e chi è arrivato dai luoghi di guerra o di fame dormono tra le barche che la sera prima sono state tirate fuori dall’acqua. Gli ospiti notturni spariscono al levar del sole, quando arrivano anche le zanzare o la guardia costiera. Forse hanno acceso un fuoco, forse hanno bevuto, ballato, parlato e pianificato come poter andare avanti. Portano via le bottiglie, la cenere viene interrata. Il loro quartiere notturno non deve essere svelato dalle immondizie. I venditori recuperano dai nascondigli le cose da vendere e si preparano per la lunga marcia, spiaggia dopo spiaggia, fila dopo fila.
Vicino alle barche aprono i bar. Dalle sedie a sdraio i bagnini puliscono le tracce della notte, tracce di chi è fiero di aver passato la notte fuori, e non gli importa di venir scoperto.
Si aprono gli ombrelloni. Arrivano i vacanzieri. E il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano.

*La bora è un vento catabatico secco, freddo e burrascoso. È uno dei venti più forti del mondo. Sul suo percorso tra Trieste e la costa montenegrina passa anche per lo stivale.