Erschienen in Foto-Essay mit gleichem Titel im Amsel Verlag Zürich.
Wer das ganze Buch haben will, chi vuole avere il libro intero: SHOP

Strandläufer,
von Sibylle Ciarloni

(testo italiano vedi sotto)

Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Nur Boote gelangen ungehindert auf die See, durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern.

Langsam füllt sich der Strand. Tuch legt sich neben Tuch unter bunte Sonnenschirme, deren Stiele kraftvoll in den Sand getrieben werden. Ein Mann verteilt rasch den obligaten Klacks Faktor 30 auf dem Rücken seiner Frau. Dann setzt sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl und er geht los, biegt rechts ab, die Sonne scheint auf seinen Bauch.

In den gepachteten Abschnitten gibt die Anordnung der Liegen seit Jahrzehnten vor, dass man zu zweit an den Strand zu kommen habe, um in der Reihe, die man sich leisten kann, in die Sonne zu liegen. Zwei Liegen, ein Sonnenschirm. Wie im Theater kosten die Plätze in den vorderen Reihen mehr. Und wie Dauerabonnenten reservieren sich die Leute vom Ort Liegen für die ganze Saison. Manche legen sich aber bloß an Samstagen und Sonntagen in die Sonne.

Miss Kitty liegt in Badetuchdimension in der vordersten Reihe. Ein Mädchen sitzt neben ihr im Sand. Es spricht mit sich und den unsichtbaren Freunden, die es umgeben. Die Surfer kommen erst am Nachmittag, wenn der Wind gedreht haben wird und sich der jetzt noch gleichgültige Meeresspiegel darüber ein bisschen aufregt. Die Lebensretter sitzen schon auf ihren Holztürmen nahe dem Ufer oder stehen im Schatten herum. Schwatzend, schwitzend, sich nach Haut umsehend vielleicht. Männer aus Senegal gehen kilometerweit, kämpfen um Platz und Umsatz als Strandhändler, den ihnen Männer aus anderen Teilen der Welt streitig machen. Wer war zuerst hier? Ihre Frauen kommen seit wenigen Jahren auch an den Strand. Manche von ihnen flechten Zöpfe in langes blondes Haar.
Die alten Strandhändler sind die Leuchttürme. Sie warnen, wenn Polizei kommt und die klandestinen Verkaufsstände verschwinden in drei Sekunden.
Autoren und deren Freunde verkaufen Bücher mit Lebensberichten von sich selbst und jenen, die in Italien eine zweite Heimat gefunden haben oder suchen. Ein Mailänder Verlag veröffentlicht sie. Im Sommer werden sie an den Stränden, im Winter in den großen Städten verkauft. Die Marokkaner bieten Bikinis für fünf Euro an. Sie ziehen Karren hinter sich her, bleiben stehen, warten auf Kundschaft.

Ich steige ins Wasser. Ein Schritt, zwei Schritte. Kleine Fische fliehen vor meinen langen Füßen. Eine Frau steigt in ein Kanu und paddelt an mir vorbei. Algenblätter schmiegen sich um meine Fesseln. Könnte ich sie in der Sonne trocknen und auf ihnen schreiben? Das Wasser ist warm. Ich drehe mich zum Strand und begegne dem Blick eines Strandläufers. In einem Lifestyleheft wurde beschrieben, wie die Franzosen, die Italiener, die Spanier oder die Deutschen sich für den Strandspaziergang kleiden. Würden sich die Franzosen oft ein Hemd anziehen, so trügen die Italiener nur die Badehose und diese gerne eng. Sie seien auf ihre Körperbehaarung stolz und tragen die bella figura in der Sonne strandauf, strandab.
Eine Frau schimpft im Vorbeigehen zu einer anderen, dass nur noch Kommissar Montalbano im Fernsehen gezeigt
werde. Donna Leon ist in Italien unbekannt. Vielleicht gefiele ihr Brunetti besser. Ein Strandverkäufer bindet Drachen in gleichen Abständen an eine lange Leine. Die papierenen Wesen steigen hoch zum Himmel, so dass sie auch von den Hügeln im Hinterland gesehen werden können. Dort blühen die Sonnenblumen. Europa bezahlt den Bauern derzeit mehr für deren Kerne als für Erbsen.

Der Anfang ist leicht. Man geht nach rechts oder nach links. Die Gedanken tanzen am Horizont oder verlieren sich im
Sand. Schon leckt das Wasser den Einfall weg, den man am Sandtürmchen eines Wattwurms festgemacht hatte. Beim Gehen werden die Dinge sich ordnen, so die Hoffnung, so Thoreau, für den das Gehen die Suche nach den Quellen des Lebens überhaupt war. Auch die freien Römer im antiken Ostia, die sich ihre Gottheiten selbst aussuchten, schworen auf das Gehen. Sie sah man oft zu zweit am Strand, argumentierend und gestikulierend für die Überzeugung des anderen oder für die eigene Raum schaffend. Der Raum. Lo spazio. Er bedeutet im Italienischen auch Zeitraum, Weltraum, Lebensraum. Bleibt das Wort dort im Unfassbaren, so hat es das Deutsche in eine konkrete Tätigkeit übersetzt: Das Spazieren.

Ich entscheide mich für links. Die Sonne brennt auf meinen Rücken. Ich folge meinem Schatten. Möwen rufen. Ich sehe
sie nicht. Eine Seite des Körpers sinkt naturgegeben tiefer in den Sand als die andere. Das Becken verschiebt sich. Man kann nicht lange in die gleiche Richtung gehen, ohne einen Abstecher durch die Liegestuhlreihen zu wagen oder auch mal innezuhalten, um mit dem Blick an den Horizont zu gelangen, an die Naht, die die Welt zusammenhält.

Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern mit uns drei Schwestern fast jedes Jahr ans Meer nach Italien. Sie betteten uns mitten in der Nacht in den geräumigen Mittelklassewagen, die Kleinste auf die Hutablage, mich auf den Rücksitz. Im Gang zwischen Vordersitz und Rücksitz lag ein zu rund einem Drittel mit Luft gefülltes Gummiboot, auf dem die dritte Schwester schlief. Das ging gut. Ich erinnere mich an keinen Zwischenfall und auch nicht an ein Durcheinander unter uns Schwestern, also dass eine auf die andere gerutscht wäre. Es bestand auch noch kein Gurtenobligatorium und meine Eltern werden am Zoll in Chiasso so ausgesehen haben wie zwei Erwachsene, die in den Urlaub fahren. Wahrscheinlich saß meine Mutter am Steuer. Mein Vater übernahm immer die italienischen Straßen. Dort angekommen, irgendwo im Hinterland, wo Ferienwohnungen mit gläsernen Frühstückstassen günstiger waren und die Gefahr der Ablenkung durch dunkeläugige Buben oder den Krimskrams vom Wochenmarkt kleiner, packten wir alles aus, richteten uns ein und fuhren endlich in die Stadt
mit dem langen Sandstrand, suchten dem Mittelklassewagen einen Parkplatz und mit den während der Fahrt bereits aufgeblasenen Schwimmreifen um die Bäuche und den Flügeln an den Oberarmen trug jedes Mädchen sein Wärchen so nah wie möglich ans Wasser.
Wir entfalteten die Strandtücher. Bei Wind beschwerten wir
sie an den Rändern mit Steinen. Mein Vater platzierte seinen Klappstuhl und legte das gestreifte Tuch über die Rückenlehne. Nie setzte er sich sogleich hin, döste und löste Kreuzworträtsel, filmte uns beim Bauen von Wachtürmen und verschlungenen Wassergräben. Diese Tätigkeiten folgten erst später, falls er in der Zwischenzeit nicht jemanden gefunden hatte, der mit ihm Boccia spielte. Mein Vater stieg immer sogleich ins Wasser, schwamm weit hinaus und ein Stück wieder zurück, rief uns von dort zu sich, lehrte uns zu schwimmen oder rettete uns zum Spaß vor dem Ertrinken.
Nach dem Baden steckte er sich ein paar Scheine in die Badehose, ging los und kam manchmal halbe Tage nicht zurück. Er ging dem Ufer entlang.
Stundenlang.
Ging er in die gleiche Richtung? Es kann gut sein, dass er via die parallel zum Ufer geführte Straße von uns unbemerkt in die andere Richtung spazierte, um noch ein bisschen länger alleine zu gehen. Alleine kann nur gehen, wer bereit ist, sich auf eine Zeit mit sich einzulassen. Eine Uhr nahm er nie mit. Eine Minute dauerte sechzig Sekunden.
Am Horizont entdeckte er vielleicht die Unmöglichkeit eines Vorhabens oder wer er einmal sein wollte und was er vorgab, vom Leben zu wissen oder auch nicht. Vielleicht rettete er
sich vor dem Abyss, wo nur Glaube und Zweifel noch wahr sind, indem er in einer Bar einen Kaffee trank. Vielleicht
wurde er sich beim Gehen auch bewusst, wie oft er alleine gewesen war, auch wenn er eines von dreizehn Kindern
war. Ich weiß es nicht. Mein Vater erzählte nicht viel von
sich. Und er kam immer nur mit halben Geschichten von seinem Strandspaziergang zurück, manchmal allerdings mit Bocciaspielern oder Bocciaspielerinnen.

Ein Junge erklärt dem Vater, wie er die Sandburg anlegen will. Der Vater tippt auf seinem Smartphone. Oder filmt er? Ein weiterer Strandhändler pumpt Pinguine aus Plastik auf. Sie sind an den Füßen (oder sagt man Flossen?) beschwert, damit sie aufrecht im Wasser stehen. Hie und da sammle ich Muscheln oder bücke mich für gewöhnlich schöne Steine, für milchig geschliffene Glassplitter oder beinahe weichgewaschene Fliesenstücke. Dinge von Irgendwoher. Dinge aus Venedig, aus der Karibik? Piratenraub? Dinge, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, Dinge, die in meinen Sammlungen Jahr für Jahr staubiger werden. Eines Tages verblasst die Bedeutung oder verschwindet, und die ganzen Dinge liegen entzaubert da und erzählen nichts mehr.

Manchmal nehme ich mir vor, aufrecht dem Ufer entlang zu gehen, leicht angespannt also, je nachdem sogar lächelnd und ab und an innehaltend, um einmal mehr den Horizont zu betrachten oder einem Boot zuzuschauen, wie es ans Ufer tuckert oder weg davon. Wenn ich aber aufrecht gehe, dauert
es oft nicht sehr lange und ich trete in eine angeschwemmte Qualle, eine zerbrochene Muschel oder eine Napfschnecke saugt sich an meinen Fuß. Letzteres ist noch nie vorgekommen und bestimmt auch nicht weiter gefährlich. Das genügsame Zwitterwesen könnte mich bloß ein wenig verwirren. Muscheln zerschneiden vielleicht die Haut. Doch eine an das Ufer geschwemmte Qualle versengte mir mit letzter Kraft schon die Fußsohle. Also lerne ich derzeit, ein Auge nach vorne, das andere nach unten gerichtet meinen Weg zu gehen, wie der Pelzhändler in Neapel, der gekonnt ein Auge auf seine Ware richtete und ein Auge in der Umgebung umherumschweifen ließ und Ausschau nach Polizei und Kundschaft hielt.
Wenn nichts weiter geschieht, was vorkommt, so verschiebe ich minütlich mein Ziel. Noch bis zur Spiaggia D’Oro, noch bis zum Hotel Playa, zum Beach Volley Netz. Dann werde ich umkehren. So vergehen eine Stunde oder auch zwei. Vielleicht schaue ich noch einem Mann hinterher, einer Frau meinetwegen. Die Bewegungen verschwinden wie die Gedanken, die ankommen und bald flüchtig werden, vielleicht verlorengehen. Sie festzuhalten funktioniert nicht. Oft habe ich mir auch eine Idee in meinen Kopf geschrieben und mir vorgestellt, dass ich sie bei meiner Ankunft zurück auf dem Strandtuch sofort in mein Notizbuch schreibe.

Langsam drehe ich mich in die Richtung der Sonne. Langsam gehe ich auf dem gleichen Weg zurück. Der Mann von vorhin kommt mir entgegen, er muss an seiner Frau vorbeigegangen sein. Die Zeit hat sich verändert. Es ist wärmer geworden. Kinder wurden geboren, Unglücke sind geschehen, Menschen gestorben. Irgendwo war ein Anschlag, irgendwo landete ein Flugzeug. Es hat Urlauber an einen Ort geflogen, wo sie noch nie oder schon immer gewesen waren.
Innerhalb von neunzig Minuten umkreist die Raumstation ISS einmal die Erde. Vielleicht ist sie jetzt über uns. Vielleicht durchfliegt sie eine Nacht. Unsere Zeitrechnung bedeutet im Weltraum nichts.

Nachdenken beim Gehen ist einfacher, wenn die Umgebung menschenleer ist. So viel Raum kann man an einem Sandstrand dieser Küste allerdings nur an einem Wintertag mit beißender Bora* und waagrecht ins Gesicht prasselndem Regen für sich in Anspruch nehmen. Im Sommer ist der Strand Tag und Nacht belegt. Einige Händler und Angekommene aus Irgendwo-wo-Krieg-ist-oder-wo-sie-ihre-Familie-nicht- ernähren-können schlafen zwischen den Booten, die am Abend zuvor nach der Ausfahrt wieder in den Sand gezogen worden waren. Sie verschwinden beim Erwachen der Sonne, der Ankunft der Mücken, der Küstenwache. Vielleicht hatten sie in der Nacht ein Feuer entfacht, vielleicht getrunken, getanzt, geredet, geplant, wie es weitergehen soll. Die Flaschen nehmen sie mit, die Asche vergraben sie. Ihren Schlafplatz wollen sie nicht durch Abfälle verraten. Sie holen die zu verkaufenden Waren aus sicheren Verstecken und machen sich bereit für den langen Marsch, Abschnitt um Abschnitt, Reihe um Reihe.
Und nahe der Bootsplätze werden auch die Bars geöffnet, wird der Sand von den Liegestühlen geklopft, werden Zigarettenstummel und andere Spuren der Nacht entfernt. Spuren von jenen, denen es egal ist, ob man sieht, dass sie hier waren. Die Schirme werden aufgespannt. Dann kommen die Urlauber. Und das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit will auch an diesem Morgen keine Mitteilung senden. Er nimmt die Farbe des Himmels auf, reflektiert sie, mal blauer, mal grauer. Silbern dann, weiß oder dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser ein paar Zentimeter vor. Und zurück.
Mehr geschieht nicht.

*Die Bora ist ein trockener, kalter, böiger Fallwind und gehört zu den stärksten der Welt. Auf seinem Weg von Triest an die Küste Montenegros kommt er am Stiefel vorbei und erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 250 km/h.

lungomare
di Sibylle Ciarloni
(Deutsch siehe oben)

È mattino. Il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano. Sugli scogli dei frangenti un pescatore. Una ragazza nuota a riva. Alle barche è permesso uscire al largo senza ostacolo, per loro è stato lasciato un passaggio.
Le spiagge libere si a affollano pian piano. Asciugamano si accosta ad asciugamano. Il palo dell’ombrellone portato da casa viene piantato nella sabbia con tutta la forza. La mano di un uomo che spalma la crema solare sulla schiena della sua compagna è rapida e sgarbata. Lei poi si siede sulla sdraio. Lui parte. Gira a destra. Il sole sulla pancia e in faccia.
Nelle sezioni di spiaggia in concessione l’ordine delle sedie a sdraio detta dagli anni sessanta l’arrivare e lo stare in due. Come in teatro le poltrone in prima la sono più costose e sono spesso prenotate per tutta l’estate dalla gente del posto. Alcuni vengono solo il sabato e la domenica.

Miss Kitty unidimensionale-asciugamano si è distesa su
uno dei lettini in prima fila. Una ragazzina siede sulla sabbia accanto a lei. Parla con sé stessa e con gli amici invisibili che la circondano.
I surfisti arriveranno solo nel pomeriggio, quando il vento si volgerà e agiterà l’ora apatico specchio d’acqua. I bagnini sono seduti sui loro appostamenti vicino alla riva, rimangono all’ombra, sudando, osservando.
Uomini del Senegal camminano per chilometri e chilometri, lottano per ottenere attenzione e guadagno. Uomini di altre parti del mondo fanno loro concorrenza. Chi era il primo? Da qualche anno tra loro si vedono anche donne: del Senegal,
del Marocco, dell’India, dell’Indonesia e di altri paesi asiatici. Alcune offrono dei massaggi direttamente sulla sedia a sdraio del turista, altre intrecciano lunghi capelli biondi. I vecchi invece che si trovano vicini ai punti di vendita istallati sulla sabbia guardano i bambini piccoli che gattonano verso l’acqua come le tartarughe appena nate. Ma i vecchi sono anche i fari delle loro comunità. Danno l’allarme quando si avvicina la polizia e in un attimo i teloni di plastica blu, distesi sulla sabbia con sopra le borse di Moncler, spariscono.
Vengono venduti anche dei libri. Sono gli autori stessi, con i loro amici: raccontano la loro emigrazione e le storie di chi ha trovato o di chi ancora è alla ricerca di una seconda patria in Italia. Una casa editrice milanese pubblica questi racconti. In estate vengono venduti sulla spiaggia, in inverno nelle grandi città.
I marocchini vendono bikini per cinque euro. Si tirano dietro i loro carri, si fermano, aspettano. Delle donne si avvicinano.

Io vado in acqua. Un passo, due passi. Piccoli pesci scappano dai miei piedi lunghi. Una donna sale su una canoa, pagaia passando troppo vicino a me. Foglie di alghe si avvinghiano alle mie caviglie. Potrei farle seccare per poi scriverci sopra?
L’acqua è calda. Mi giro verso la spiaggia e incontro lo sguardo di un uomo che cammina sul lungomare. Indossa un costume blu azzurro che gli arriva fino alla metà del femore.
In una rivista inglese viene descritto come uomini di diverse nazionalità – francesi o italiani ad esempio – si abbiglino per andare a passeggio sul lungomare. Mentre i francesi si mettono pure la camicia, gli italiani indossano un costume piuttosto stretto e nient’altro. Sarebbero fieri dei loro peli e di portare la loro bella figura nel sole su e giù per il lungomare.
Una donna si lamenta con un’altra che in tivù fanno vedere soltanto il commissario Montalbano. Forse il commissario veneziano Brunetti le piacerebbe di più, ma Donna Leon non è conosciuta in Italia.
Un venditore ambulante lega un aquilone dopo l’altro ad un filo lunghissimo. Le creature di carta salgono in cielo tanto da poter essere viste dalle colline dell’entroterra. Là fioriscono i campi di girasole. L’Unione europea al momento paga di più per i semi di girasole che per le melanzane.

L’inizio è facile. Si va a destra o a sinistra. I pensieri ballano all’orizzonte e si perdono mentre l’acqua, spinta a riva da quella forza-non-forza annulla l’idea che, con sguardo vagabondo,
per caso si è fissata su una piccolissima torre di sabbia creata da un cannello di mare. Camminando le cose si metteranno a posto – così parla la Speranza, così parla Thoreau, per il quale camminare fu ricerca della fonte dell’esistenza. Anche i romani dell’antica Ostia, ai quali era permesso scegliere liberamente le divinità da venerare, gradivano il passeggiare lungomare. Li posso immaginare in due, con gesti e con nelle parole trovare l’argomento giusto e fare spazio a nuove idee. Lo spazio. „Der Raum“ in tedesco. La lingua italiana usa la parola „spazio“ per vari significati, per esempio lo spazio del tempo, nel mondo,
ma anche dare spazio a qualcosa nella vita. Il concetto rimane elastico. Nella lingua tedesca dalla stessa radice di spazio deriva il verbo spazieren. Passeggiare. Camminare.

Mi decido ad andare a sinistra. Il sole brucia sulla mia schiena. Seguo la mia ombra. Garriscono i gabbiani. Non li vedo. Una parte del mio corpo scende di più nella sabbia dell’altra. Il mio bacino si sposta. Non si può andare per troppo tempo nella stessa direzione senza osare una puntatina tra le file di sedie a sdraio, oppure semplicemente stare fermi per poter arrivare con lo sguardo all’orizzonte – la cucitura che tiene unito il mondo.

Quando ero bambina quasi ogni anno i miei genitori partivano per il mare con noi tre sorelle. Ci coricavamo nel mezzo della notte dentro la loro macchina da classe media. Mettevano la
più piccola sulla cappelliera e me sul sedile posteriore, mentre lo spazio tra quest’ultimo e i sedili anteriori veniva tamponato con un gommone per un terzo pieno d’aria. Là dormiva la terza sorella. È andata sempre bene. Non ricordo imprevisti, neanche un garbuglio tra noi sorelle o che una di noi fosse scivolata sopra l’altra. Non c’era nemmeno l’obbligo delle cinture. Mio padre e mia madre – senza preoccuparsene più di tanto – ai doganieri di Chiasso davano l’impressione di quello che erano: dei semplici turisti in viaggio per le vacanze, partiti nel pieno della notte.
Una volta arrivati lì, nell’hinterland, dove gli appartamenti
dalle grosse tazze da colazione in vetro erano meno costosi
di un albergo fronte mare e dove la nostra integrità era meno minacciata dai ragazzetti dagli occhi scuri o dalle cianfrusaglie del mercato, disfacevamo le nostre valigie, mettevamo tutto a posto e finalmente partivamo per la città con quel lungomare esteso da una baia all’altra. Cercavamo un parcheggio per la nostra auto da ceto medio e, insieme al salvagente e ai braccioli, che, mentre mio padre guidava, noi gonfiavamo, ognuna di noi portava le sue cosette il più vicino possibile alla riva.
Poi allargavamo i nostri teli da mare. Quando c’era vento li ancoravamo alle estremità con delle pietre. Mio padre posava
la sua sedia pieghevole con sopra il suo telo a strisce vecchio già allora di almeno trent’anni. Ma non si sedeva subito per una dormitina, per completare il cruciverba portatosi dalla Svizzera né si metteva a filmare noi tre mentre costruivamo le torri di guardia o dei solchi d’acqua per i coccodrilli. Queste attività venivano in un secondo momento, sempre che nel frattempo non avesse trovato qualcuno con cui giocare a bocce. Mio
padre entrava subito in acqua e si allontanava dalla riva per
poi tornare a metà della sua nuotata. Da lì ci chiamava. Poi ci insegnava a nuotare oppure ci salvava per scherzo dall’affogare. Dopo il bagno si infilava qualche banconota nel costume, se
ne andava e non si faceva più vedere per delle mezze giornate. Camminava lungo la riva per ore e ore.
Andava sempre nella stessa direzione? Può darsi che cambiasse, passando dietro di noi, sul marciapiede della strada che seguiva tutto il lungomare, per restare un po‘ più tempo
da solo. Non ce ne accorgemmo mai. Soltanto chi è pronto a passare del tempo con sé stesso può passeggiare da solo. Mio padre non portava mai l’orologio. Il tempo era il tempo, un minuto aveva sessanta secondi. All’orizzonte, forse, scopriva l’impossibilità di un’intenzione o chi avrebbe voluto essere e cosa fingeva di sapere sulla vita. Forse si salvava dallo scendere negli abissi del proprio essere, dove soltanto credere e dubitare rimangono condizioni vere, bevendo un caffè al bar. Forse, mentre camminava, si accorgeva di quante volte fosse stato solo, anche se era uno di tredici gli. Non lo so. Mio padre non raccontava tante cose di sé.
E dalle passeggiate tornava sempre soltanto con mezze storie oppure con una squadra di giocatori di bocce.

Un ragazzino spiega a suo padre come pianifica il suo castello di sabbia. Il padre indica cose sul suo Smartphone. O sta registrando? Un altro venditore ambulante gonfia dei pinguini di plastica. Le loro zampe sono appesantite per farli stare eretti nell’acqua.
Qui e là raccolgo delle conchiglie oppure mi abbasso per un sasso qualunque, per un vetro latteo o per dei cocci quasi morbidi. Cose che arrivano da chissà dove. Da Venezia? Dai Caraibi? Un bottino di pirati? Cose alle quali io attribuisco un significato; cose che, di anno in anno, si impolverano nella mia privata collezione. Fino al giorno in cui il loro significato viene meno, no a quando non hanno più niente da raccontare.

Ogni tanto mi riprometto di avanzare ritta, un pochino tesa, sorridendo se possibile, fermandomi di tanto in tanto a guardare ancora una volta l’orizzonte per seguire una barca che crepita verso riva o si allontana da essa. Ma quando cammino con la schiena dritta temo che il mio piede calchi una medusa portata a riva, una conchiglia frantumata o che un patellogastropoda si appiccichi al mio piede. Questo in realtà non è mai successo e non sarebbe neanche pericoloso. L’umile ermafrodito potrebbe solo turbarmi, mentre il frantume di conchiglia forse mi taglierebbe la pelle. Una medusa, invece, l’anno scorso mi ha urticato la pianta del piede. Per questo motivo sto imparando ad avanzare con un occhio in basso e l’altro in avanti, come quel venditore ambulante di pellicce a Napoli che, mentre controllava la sua roba preziosa in una borsa gigante appoggiata ai suoi piedi, riusciva ad avvistare una pattuglia della polizia oppure un cliente interessato.

Se non succede niente, il che è molto più probabile, sposto minuto dopo minuto la mia meta. Arrivo fino all’Hotel Playa, fino alla rete del campo di beach volley. Poi mi girerò.
Così passa un’ora, anche due. Forse seguendo con lo sguardo un uomo, una donna. Tutti i movimenti spariscono come i pensieri che arrivano e ripartono o si girano, poi scappano. Spesso ho cercato di fissare un’idea nella mia mente e ripromettendomi di annotarla poi nel mio taccuino.

Lentamente mi giro e ripercorro lo stesso cammino. Precedo
la mia ombra. L’uomo dalla mano sgarbata incrocia il mio passo, forse la sua compagna dormiva quando è ripassato vicino a lei. Il tempo è cambiato, fa più caldo, sono nati dei bambini, da qualche parte un atto terroristico, un capò abusa di una bracciante immigrata in un campo di pomodori, altrove un aereo atterra dove i passeggeri non sono mai stati o dove vanno da sempre. Tempo novanta minuti e la stazione spaziale internazionale concluderà un’altra orbita attorno alla terra. Forse è sopra di noi. Forse ora è nella notte dall’altra parte della terra. Il nostro tempo nello spazio non significa nulla.

La riflessione nel camminare è più facile quando le spiagge sono vuote. Ma tanto spazio libero in questa riviera si può pretendere soltanto in una giornata di bora* con pioggia orizzontale. In estate la spiaggia è occupata giorno e notte. Qualche venditore ambulante e chi è arrivato dai luoghi di guerra o di fame dormono tra le barche che la sera prima sono state tirate fuori dall’acqua. Gli ospiti notturni spariscono al levar del sole, quando arrivano anche le zanzare o la guardia costiera. Forse hanno acceso un fuoco, forse hanno bevuto, ballato, parlato e pianificato come poter andare avanti. Portano via le bottiglie, la cenere viene interrata. Il loro quartiere notturno non deve essere svelato dalle immondizie. I venditori recuperano dai nascondigli le cose da vendere e si preparano per la lunga marcia, spiaggia dopo spiaggia, fila dopo fila.
Vicino alle barche aprono i bar. Dalle sedie a sdraio i bagnini puliscono le tracce della notte, tracce di chi è fiero di aver passato la notte fuori, e non gli importa di venir scoperto.
Si aprono gli ombrelloni. Arrivano i vacanzieri. E il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano.

*La bora è un vento catabatico secco, freddo e burrascoso. È uno dei venti più forti del mondo. Sul suo percorso tra Trieste e la costa montenegrina passa anche per lo stivale.

Ich liege in der Buchhandlung. Das wollte ich tatsächlich schreiben. Doch korrekt ist, dass mein Buch in der Buchhandlung liegt, d.h. meine Bücher liegen in den Buchhandlungen. Das eine in einer Reihe mit Berg, Brugger und Capus. Logisch. C liegt nicht bei J und K.
Es handelt sich um Bernstein und Valencia, meinen Band mit Erzählungen, den der Knapp Verlag in Olten so schön und sorgfältig gedruckt und mit dem ewig lebenden, fühlbaren Hummer auf Cover herausgegeben hat. Das Bild stammt aus einer Orell Füssli Buchhandlung in Zürich. Ein Freund hat es mir an die Adriaküste geschickt. In Bern liege es in der Buchhandlung am Zytglogge, in bester Gesellschaft auch da!

Das andere Buch liegt neu auch in der schönen Buchhandlung Müller Palermo an der Riehentorstr. 14 in Basel. Es handelt sich um Strandläufer, lungomare, il mio primo libro d’artista (erschienen im Amsel Verlag Zürich), das ich im Januar 2019 auch in Fano, der einst römischen Stadt der Göttin Fortunae vorstellen darf. An der Küste der Glücklichen entstanden alle Bilder in dem Buch, ebenso meine Erzählung und die Gedichte von Andrea Angelucci, die ich in die deutsche Sprache übertragen habe.

Beide Bücher eignen sich übrigens auch als Geschenke (jetzt sag ich das so, weil ja bald Weihnachten ist, aber auch für Geburtstage im Juli eignen sie sich). Sie können auch in meinem Shop bestellt werden (Lieferzeit Schweiz 3 Tage, Lieferzeit Europa 8 Tage).

Über das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.

Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was dann aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, während wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen könne was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort. Man könne sich das so gar nicht vorstellen, sagte sie vielleicht oder ich meine, sie in meiner Erinnerung das sagen zu hören.
Nicht dass ich an ihrer Intelligenz zweifelte, ich musste zugeben, dass die Geschichte, die meinem Buch den Titel gegeben hat, futuristisch und ja, auch gar arg unter Wasser stattfindet.

Also begann ich, das Vorwort zu schreiben und ich nahm eine Anweisung zur Hand, die ich vor zehn Jahren schon geschrieben habe. Es ist die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Vor zehn Jahren und auch schon als ich ein Kind war, und das ist länger als zehn Jahre her, redete man vom Klima und dass man es schützen wolle. Man redete und redete und auch in den Jahren danach redete man. Aber wie die katholische Kirche übergriffigen Priestern abgelegene Gemeinden zuwies, verwies man das Thema Klima immer wieder auf die letzten Traktandenplätze, zusätzlich auch noch dessen Wahrheitsgehalt anzweifelnd. Folgen davon sind heute noch Kinder, die schon lange keine Kinder mehr sind und nach wie vor keine Hoffnung auf Konsequenzen entwickeln können. Folgen davon sind Menschen, die ihre Orte verlassen und denen Volksparteiler und andere Menschen vorwerfen, sie würden von nun an systematisch die nördlichen Sozialsysteme aushöhlen. Dahinter stehe nämlich ein Plan. Oder der Vatikan?

Was soll ich tun? Fragte ich mich und andere. Was sollen wir tun? Ach, wen interessiert das jetzt, wenn nachher der Sport kommt? Sagten die anderen.
Ich begann, mir Fluchtwege auszudenken. Fluchtwege für meinen armen Kopf. Übrigens war auch mein Herz beteiligt an diesen verzweifelten Drehmomenten, denn ohne Körper geht Denken nicht. Da widersprechen mir nun vielleicht die Algorithmengläubigen. Sollen sie.

Mein Fluchtweg führte über alle Steine zurück in die Vor-Evolution, so es denn eine solche gegeben haben kann. Aber für die Zeit damals, die noch ohne Denkstrukturen – falls es nicht tatsächlich doch einen bewusst wirkenden Gott gegeben haben sollte, was ich hier in Gedankenstrichen nicht ausklammere, doch ebenso weit von mir wegschiebe wie siehe oben – auskamen, gab es Wesen im Wasser. Wasserwesen. Deren Naturzustand war einfach. Er war schlicht seiend. Für eine lange Zeit. Wie die Kollegen Mollusken schielten alle anderen, auch die Kollegen Schwämme wohl, gleich dumm, was nicht wertend gemeint ist, in den Himmel, Richtung Licht. Die Wasserwesen wurden mit der Zeit zu Fischen. Und nun abgekürzt: Aus den Fischen formten sich neue Wesen, neue Wesen, neue Wesen – wie ein mise en abyme, aber nur fast, denn etwas veränderte sich langsam, langsam aber sicher und der Mensch entstand und er glich bald nicht mehr einem Fisch, sondern eher schon sich selbst.

Mein Fluchtweg führte mich also zu jenem Übergang von Fischsein zu Menschsein Ich stellte mir vor, wir entwickeln uns zum Fisch zurück. Wir könnten sogar Fisch werden wollen. Oder müssen (für jene, die von außen eine Motivation brauchen). Es wird uns nützlich sein, ein Fisch zu werden oder ein anderes Tier, das im Wasser lebt. Um die steigenden Meeresspiegel weiterhin zu übersehen und über die Mauern, die Regierungen hochziehen, schwimmen zu können.

Zunächst geht es nun aber in der jetzigen Welt darum, sich das überhaupt vorzustellen. Und was ist heute weiser als ein Plan, eine Zeichnung, um eine Vorstellung sichtbar zu machen? Und so kam es, dass ich vor rund zehn Jahren eine Anweisung darüber schrieb, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Art Transformationsübung. Aber auch eine Flucht. Eine machbare Flucht für den Kopf. Denn wer hat nicht schon daran gedacht, ein Anderer / eine Andere zu sein. Warum sollte man sich dann nicht gleich auch nützlich verwandeln? Und warum nicht in einen Fisch, groß und schön meinetwegen?
Die Anweisung wurde zwar publiziert, doch sie hat den Durchbruch bis heute nicht geschafft.

Ein paar Jahre später schrieb ich die Erzählung über die beiden sich zu im Wasser lebenden Wesen transformierenden Menschen „Bernstein und Valencia“.
Und all die Jahre zuvor und danach habe ich noch andere Erzählungen geschrieben.
Jetzt sind viele davon in dem Buch mit dem Titel der Geschichte der beiden sich Transformierenden und Vorwort und Nachwort umranken alle Geschichten wie einen Kranz. In ihn flocht ich auch jene Anweisung. Die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Ob ich mit meinen Erklärungen zu jener futuristischen Geschichte tatsächlich zu deren Verständnis beitragen kann, weiß ich nun nicht. Ich habe mich bemüht, deutlich zu sein. Wer will, kann üben oder den Gedanken für die nächste Generation liegenlassen. Ich werde immer wieder darauf zurückkommen.

Ein schöner Abend war das, mit viel Besuch und draußen schön warm. 20. September 2018. Wir danken allen, die kamen. Hier ein Bild mit einem dazwischenunswuchernden Schmauchpilz. Gelesen haben wir zwei Geschichten und eine Anweisung aus dem neu erschienen Band: Bernstein und Valencia.
Im Bild: Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Bild: Bettina Diel – Bearbeitung: Rahel Kraft

Zweiundzwanzig Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen erscheinen im September unter dem Titel «Bernstein und Valencia» im Knapp Verlag. Inklusive Transformationsübung und Anhang über Wörter wie Schmauchpilze und Bülderlinge.

Unzulänglichkeiten sind all die Zustände und Tätigkeiten, die schwierig werden, wenn man sich zurückhält, weil man ahnt, weiß oder Angst hat davor, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen. Über eigene Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine falsch angelegte Fähigkeit im Charakter – oder sagen wir in der Psyche – zu beschreiben. Und dies obschon es bekanntlich kein Falsch und kein Richtig mehr gibt. Es ist was es ist. Wertfreie Beschreibungen sind in. Introspektion ist out, da weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei einmal mehr, dass ich mich in Zusammenhängen sehen muss. Es ist meine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester, wir sind nur im Jetzt*, das was war zählt nicht! Doch, rufe ich, auch das was war zählt! So streiten wir ein bisschen, mehr nicht.

 

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so muss ich zugeben, dass auch ich gerne leicht im Jetzt herumfliegen würde und sorglos Spass, unendlichen Spass sogar, haben möchte. So plante ich also vor einigen Jahren das Ablegen aller förigen** Schweren in einem Endlager für restliche Gedanken, nichtsnutze Ängste, alte Muster und so Sachen, die unnötig unter der Haut und in den Erinnerungen schwelen und als wiederholt implodierende Schmauchpilze mal aufbegehren und schnaufen, dann wieder brav + still sind. Jedenfalls hatte ich zusammen mit einem Freund ein ernst gemeintes Projekt mit www domain usw., also Endlager punkt ch oder so was mit .org oder .net, vorgesehen. Wir hatten Stunden darüber gesprochen, waren enthusiastisch und auch überzeugt davon, dass das eine zeitgemäße Dienstleistung sein wird, um eben auch Unzulänglichkeiten zu entsorgen.

 

Aber dann reflektierten wir.

 

Nicht immer ist die Unzulänglichkeit tatsächlich eine Unzulänglichkeit. In Wirklichkeit ist eine Unzulänglichkeit nur gerade dann eine solche, wenn die Zweifeltante mit ihrer alten Tasche aus dem Brockenhaus am Arm daherkommt. Sie kann einen immer dazu bringen, es so zu sehen wie sie will.
Ganz anders tun es oft richtige Menschen. Sie glauben an einen. Menschen, die an einen glauben, sind wichtig im Leben, manchmal wichtiger als man selbst, doch ohne man selbst geht es ja auch nicht, das Leben. Das eine bedingt das andere… Eine Redakteurin sagte letzthin zu mir: Du kannst alles, du machst alles*! Ich schüttelte heftig den Kopf, denn ich schaffe ja nur einen gefühlten Viertel von dem, was ich überhaupt machen will und etwa die Hälfte von dem, was ich mir zutraue. Davon geht noch einmal ein Achtel beim Zweifeln drauf und ein weiterer Achtel geht in Träumen unter. Also alles ist das noch lange nicht, jedenfalls nicht was ich zu tun wünsche. Und von Können zu reden, ist mir aus verschiedenen Gründen zu aufwändig. Ich tue, was ich kann. Das ist subjektiv und bleibt subjektiv.

 

Endlich aber jetzt zu einem Beispiel kommend, das dieser Beitrag herausschälen will: Eine meiner Unzulänglichkeiten ist, dass ich nicht so wahnsinnig gerne, sondern nur ein bisschen, im Mittelpunkt eines Geschehens stehe. Doch in diesen Tagen erscheint ein weiteres Buch („Bernstein und Valencia“). Ich werde also zeitweise in einem Mittelpunkt stehen. Vielleicht fragt jemand von der Presse nach einem Rezensionsexemplar; das wäre ein Glück, sagen die einen.
Bald sind Vernissagen und eine Lesung&Ton in Baden, um der Stadt zu danken, die einen Beitrag an die Druckkosten gab. Dann folgt die Auslieferung an die Buchhandlungen. Ich plane eine Lesereise für den Winter 2018/2019. Vielleicht beginnt die Presse über mein neues Buch zu schreiben und es zu zerreißen oder zu loben. Ich werde gemeint sein, denn es sind meine Erzählungen, meine Stories.
Vielleicht werde ich eingeladen werden und dann nach dem Lesen noch etwas sagen müssen. Ich werde mich kurz halten wollen, weil ich das so gelernt habe. Vielleicht werde ich mich verhaspeln, vielleicht aber nicht. Ich werde etwas über die Entstehung verraten und ob eine Geschichte aus welchen Gründen wichtig für mich ist.
Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Dann werde ich mich wundern, wozu ich all das tue, wenn es doch noch andere Dinge zu tun gibt auf der Welt, die wichtiger wären.

 

Zum Buch: Es wird ein Band sein mit 22 kurzen und längeren Erzählungen auf rund 160 Seiten und es geht immer um das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Bei Menschen, fragt jetzt jemand mit Fragezeichen. Ja, bei Menschen. Einmal ist es sogar ein Tier und ein Mensch. Einmal ist es ein Törtchen und ein Mensch. Einmal ist es ein Junge und seine Mutter. Einer ist schon alt und sein Traum von einer Begegnung mit einem Ich ist auch in diesem Buch. Ein Mädchen haut ab mit einer Frau und zwei Frauen verdrehen einander oder einem gitarrenspielenden Vampir den Kopf. Ein Ich geht in einem Haus von Raum zu Raum und trifft auf die Frau mit zwei Hunden, den damaligen Superintendant der iranischen Meeresflotte und schließlich bricht ein Aquarium im obersten Stock und Welse gelangen in den Speisesaal. Sonst aber ist alles in Ordnung.

 

Es wird nun Zeit, dass „Bernstein und Valencia“ erscheint, dann sehe ich, wie es hinter meinen Grenzen, die ich nun überschreite, zu und hergeht. Bevor ein Buch gedruckt ist und auf den Markt kommt, ist es noch ganz meines, danach wird es ein anderes. Die Informationen über das Buch werden in diesen Tagen gestreut und ich probiere nun etwas aus, was ich vor kurzem noch nicht gewagt hätte: Ich schreibe einen Gedanken auf, der schon durchgestrichen ist. Es handelt sich um eine Bitte: Ich bitte Menschen, die im deutschsprachigen Raum jemanden kennen, dem mein Verlag oder ich das Buch schicken könnten, sich zu melden mit Name und Adresse und vielleicht auch sexuellen Vorlieben… So etwas hätte ich nie geschrieben, doch schon steht es nun hier. Und „was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden“ (Friedrich Dürrenmatt).

 

*
Was das Jetzt und das Alles sei, wären noch einmal zwei andere philosophische Diskussionen. Zum Jetzt eine Idee von Paul Takács: „Erinnerungen und Gedanken vernetzen das Jetzt mit dem Vorherigen und dem Kommenden.“

 

**
förig ist gleichbedeutend mit „übrig“. Da schon so viele Worte mit ü und u und un da standen, wählte ich ein träfes*** Wort aus meinem Dialekt. Auch weil es so schön klingt, wenn man es mit starkem f, langem ö und einem harten g am Schluss ausspricht. Das i darf übrigens leicht gehickst werden.

***

träf ist gleichbedeutend mit treffend.

 

P.S.

Mein Freund und ich haben es übrigens nicht weit gebracht mit dem endlager punkt ch oder org oder net oder so, denn wer will schon so weit denken, dass sie/er zunächst einmal Introspektion betreiben muss. Dazu noch das Punktesystem, das wir zu entwickeln hatten. Also je mehr man endgelagert hätte, desto mehr Punkte hätte man sammeln können. Wir fragten uns: Was wäre der einzulösende Gewinn? Eine Pfanne hat jede und jeder schon, Geschirr auch, Plastikbehälter und Schöpfkellen auch. Die letzte Idee war ein Tropfsystem für die Zimmerpflanze während der Ferienabwesenheit…. aber wer hat noch Zimmerpflanzen?

 

Zu den Schmauchpilzen noch diese Aufklärung:

Wer Schmauchpilze kennt, weiß was gemeint ist. Allen anderen sei hier gesagt, dass es die Wortkombination nicht gibt, doch in meinem Buch kommt sie trotzdem vor. Schmauchpilze sind ein Phänomen. Sie wachsen da, wo Dinge alleingelassen werden und modern. Sie atmen laut und stoßen dabei Rauch aus.

Man muss das Absurde suchen, sonst ist das Leben auf unheimliche Weise geordnet.

 

Wer googeln will und online kaufen:

Sibylle Ciarloni

Bernstein und Valencia

Stories

Knapp Verlag

ISBN 978-3-906311-44-9

Ab 18. September im Buchhandel.

Gästezimmer in der Nähe von San Costanzo
Provinz Pesaro Urbino – Italien – Europa

 

La casa, la storia del moro
In unserem Haus auf einem der vielen Hügel in den italienischen Marken können es sich Gäste tagelang gut gehen lassen. Nichtstun, Lesen, Lernen, Arbeiten und die Welt neu erfinden. 
Neben unserem Haus steht unser Maulbeerbaum / il moro (bot. dt. der Maulbeerbaum, engl. Mulberry Tree, frz. le mûrier). Er ist ein Morus Alba, ein Maulbeerbaum mit weißen Früchten. Rund 200 Jahre alt soll er sein. Vielleicht begann er um 1805 zu sprießen, schließlich zu wachsen und so dick und prächtig zu werden, dass man ihn aus der Landschaft nie mehr würde wegdenken können. Lange Zeit wurde er gestutzt. Er ist ein Kopfbaum. Die Äste hat man sich zu Nutze gemacht. Der Stamm wurde immer umfangreicher. Der Baum wuchs schief im Feld am Hang. Jetzt nicht mehr. Denn eines Tages kamen Camion und Trax, um den guten Alten (wobei wir dessen Charakter noch nicht so genau kennen) mitsamt Wurzeln wegzubringen. Auf dem Feld stand er dem Bauer beim Ackern im Weg. Den Umzug zu uns hat er gut überstanden. Bis zu zehn Metern hoch kann er nun wachsen. Schon jetzt schaut er uns auf die Dachterrasse und wir ihm in die Krone. In seinem Stamm kann man sich verstecken und seine weißen Früchte schmecken süß. Noch in den Vierziger Jahren hielten sich die Leute in der Gegend Seidenspinner-Raupen. Deren Kokons enthalten die Fasern für Seide. Die Raupen ernähren sich von den Blättern der Maulbeerbäume und die Kinder wurden geschickt, um Blätter zu sammeln für die Tierchen.
Nebenbei, vielleicht aber unwichtig: Die Seidenspinner gehören zu den Echten Spinnern.
Termin-Anfragen bitte früh losschicken und gerne per Mail.

mare d’inverno

Die Reihe dient der Behauptung von Vorkommnissen und deren ungenauer Untersuchung. Sibylle Ciarloni ist die Autorin und Herausgeberin. Die Inhalte können in verschiedenen Formen und in verschiedenen Verlagen erscheinen. Das erste Buch erschien im Dezember 2017 im Amsel Verlag Zürich.

Acapulpo –
Edition für Subjekt und Phänomen.
Edizione per soggetto e fenomeno.
By Sibylle Ciarloni

Sibylle Ciarloni:
„In einer Zeit, in der zur Sicherheit Daten gesammelt werden, behaupte ich beobachtete Mehrheiten, die niemand zählt. Vorkommnisse. Phänomene. Ich will wie immer die Beziehung zwischen Gegenstand und Vorkommnis betrachten und in den Publikationen der Edition Acapulpo bannen – so lange jedenfalls, bis sich alles wieder neu betrachten lässt. Denn die Welt wird immer anders sein, als ich sie sehe und sie mich jetzt anschaut.“
Die Publikationen werden im Kontext von Kunst und Literatur und Philosophie und vielleicht auch Reisen gezeigt und vertrieben. Der Erlös geht an den Verlag und die Macherinnen und Macher und dient neuen Projekten.

Bibliografische Angaben zum 1. Buch:

Sibylle Ciarloni
Strandläufer – lungomare
Foto Essay

Das Buch ist ein Foto Essay über das Phänomen, dass Männer eher alleine dem Ufer entlanggehen. Mehr als zehn Jahre lang hat die Autorin beobachtet und fotografiert. Dann hat sie gezählt, um zu behaupten. Jetzt versammeln sich die Strandläufer in einem Buch.

Mit Gedichten von Andrea Angelucci und einer Erzählung von Sibylle Ciarloni. Alle Texte erscheinen zweisprachig, Deutsch und Italienisch. Sibylle Ciarloni lebt und arbeitet in der Schweiz und in Italien.

26 CHF
14 x 25 cm
280 Seiten
ISBN 978-3-906325-26-2
Texte Deutsch und Italienisch.

Bilder und Essay: Sibylle Ciarloni
Gedichte von Andrea Angelucci (aus dem Italienischen übersetzt von Sibylle Ciarloni).
Gestaltet wurde das Buch von Corinne Zora Schiess, gedruckt von Newpress bei Belgrad.
Erschienen im Dezember 2017 bei Milenko Lazic im Amsel Verlag Zürich.

Das zweite Buch in der Edition Acapulpo erscheint im Winter 2019 und widmet sich einem weiteren Phänomen.