Wir. Wir ist ein beschreibendes Wort, ein großes Wort, ein schützendes Wort, ein ermüdendes Wort. Wenn wir Wir sagen, dann versammle ich mich und uns und andere in dieses Haus mit drei Buchstaben. Doch wer gehört dazu und wer nicht?

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Schizophrenie hatte sich verdoppelt, da man neben den fremdenpolizeilichen Maßnahmen und dem Völkerbundgedanken dann auch noch Hände suchte, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten, man aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, nicht unbedingt da haben wollte. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seinem Beitrag in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank … hier weiterlesen

THIS WAS „Alles in Ordnung. Lesung & Ton“
März bis Mai 2019
Lesung&Ton
Alles in Ordnung
Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Zwei Stories und ein Manual aus «Bernstein und Valencia».

Wir waren am 16. März im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat ausführlich berichtet.
Am 23. März waren wir im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ein schönes Wiedersehen mit dem guten Ort.
Am 27. März füllten wir das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Danke Jonas und Matthias!
Am 3. April gingen wir durch das erste Schneegestöber und wir waren nicht allein. Das Publikum klatschte warm und wir freuten uns.
Am 25. April 2019 haben wir im Neubad, Luzern, im Innern der Schweiz also, nicht gebadet, sondern auch – wieder – gelesen und getönt und das Publikum hat leise in sich hinein gelacht. Wir danken Urs und Dominik und Linus!
Am Abend des 26. April 2019 lud uns das Bagno Popolare im Schweizerhof zu Baden an den Thermalwasserbassindrand. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte sogar mit dem gesunden Wasser. Wir benutzten für diese Einlage Leitungswasser. Wunderbar war der Abend und die Nacht – danke Kathrin, Maria, Andriu, Daniela, Christian und all jenen Wesen, die so porenoffen gelauscht haben!
Am Abend des 7. Mai 2019 waren wir in Berlin, auf der Bühne der Brotfabrik. Wir lasen barfuß und verschwanden schließlich im Dunkel des Bühnenrands. Danke von Herzen Rio und Alexander und dem Barteam, das uns bis zum Ladenschluss geduldig betreut hat.

Hier noch einmal der Werbefilm:

„Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.“

Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual. Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Grenzgang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen sie die Zusammenarbeit – noch im harten Bündner Winter bei 1 Meter 20 Schnee.

«Bernstein und Valencia»
978-3-906311-44-9 /kaufen/

Im Aaku April 2019 steht also:

Wir möchten noch anfügen, dass das BAGNO POPOLARE uns am Abend des 26. April veranstaltet. Deshalb werden wir barfuss lesen und zugehört wird auch barfuss – obschon Ohr und Fuss weit voneinander entfernt liegen.
Eintritt frei Kollekte.
Tür 20 Uhr, Start 20.30 Uhr.
Tenue: Leichte Kleidung. Evt. Badeanzug.
Man darf baden, muss aber nicht.

Danke an dieser Stelle auch Corinne Rufli, Redaktionsleiterin des Aaku!

mit Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
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Pressetext
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Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual im Spiel zwischen Nähe und Distanz, Existenz und Transformation. Grotesk und real, subtil und verwegen.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Audio Live Mitschnitt „Alles in Ordnung“

Audio Live Mitschnitt „Evelyn“

Video Live Mitschnitt „Wie man sich selbst als Fisch zeichnet“

Rahel Kraft
Lebt in Wien und Zürich. Als Sängerin, Klangkünstlerin und Performerin ist sie in verschiedenen Projekten aktiv. Ihr künstlerisches Schaffen bewegt sich zwischen moderner Komposition, Installation, Improvisation und Performance, oft unter Einbeziehung von Raum, kollektiven Prozessen und Zuhören. Mit einem Background in freier Improvisation, Jazz und einem ausgeprägten Interesse für Musiktechnologie erschafft sie interdisziplinäre Klangarbeiten. 2016 schloss sie an der University of the Arts London den Master in Sound Arts mit Auszeichnung ab. 2010 erhielt sie den Master in Jazzgesang und Musikpädagogik von der Hochschule Luzern – Musik.
Kraft arbeitet als Vokalistin u.a. mit David Toop, Korhan Erel, Luca Sisera oder Urban Lienert und initiierte und leitete verschiedene Projekte mit dem Luzerner Stimmorchester. Mit der Schlagzeugerin Valeria Zangger erschafft sie seit fast einem Jahrzehnt eigenwillige Popmusik unter dem Namen 2henning. In ihrem aktuellen Gemeinschaftsprojekt mit der japanischen Klangkünstlerin Tomoko Hojo erforscht sie intime, versteckte Klänge in verschiedenen Regionen. Daraus entstehen Klanginstallationen, Audiowalks und Performances. Rahel Kraft wurde mit mehreren Werkbeiträgen und Preisen ausgezeichnet, aktuell am Zentrum für Medienkünste Karlsruhe zur Entwicklung eines Sound Walks mit Tomoko Hojo.
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Sibylle Ciarloni
Lebt an der Adria in San Costanzo und in Baden. Sie schreibt Erzählungen, Sprechtexte und Essays. Nach Verwaltungslehre und verschiedenen Aufenthalten im Ausland hat sie sich zunächst in Marketing, dann in Reportage und Feature, später in Philosophie, Sprache und Stimme weitergebildet.
Ciarloni ist Autorin der beiden Bücher „Strandläufer, lungomare“ und „Bernstein und Valencia“, Macherin von mehreren Live-Hörstücken, u.a. in Zusammenarbeit mit Manja Präkels (Co-Autorin, Musik) und Silja Dietiker (Video Archive, bewegtes Bild). Das Stück „Weltatlas – Ein verlorener Gedanke“ zeigte sie zwischen 2015 und 2017 in der Schweiz und in Deutschland an verschiedenen Orten. Zwischen 2003 und 2008 produzierte sie das Literaturprogramm „Auf hoher See“ auf Radio Kanal K mit eigenen Texten und jenen von Gastautorinnen und -autoren. Zwischen 2007 und 2010 führte sie den Salon Billa in Baden, Werkstatt und Veranstaltungsraum für Literatur, Musica, Arte.
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Dauer:
rund 70 Minuten

Kraft und Ciarloni. Filmstill aus «Wie man sich selbst als Fisch zeichnet». Pressebild. Printfähige Bilder bekommen Sie via Mail/Wetransfer.
Schreiben Sie auf anfragen@sibylleciarloni.com.

Ciarloni und Kraft am Lesetisch im Trudelkeller Baden (Vernissage Buch).

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien.

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Der Regen treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen vor sich hin, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz unter ihnen. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht für ein Fragezeichen. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Ich sage, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der Andere sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo Richtung Bern, hinter Bern, bei Bern, Interlaken? Dann erzählt er vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.