Aktuelle Arbeit: Monolog einer Zimmerpflanze. 

Alle LESETERMINE im Frühling 2020 wurden VERSCHOBEN. 

Neue Daten folgen, so bald bekannt.

Aktuell

«Monolog einer Zimmerpflanze» Sprechtext. Zu sehen und hören an verschiedenen Orten ab Herbst 2020. TERMINE werden nach Bestätigung aufgeschaltet.

Publikationen

«Bernstein und Valencia» ISBN 978-3-906311-44-9 – Short Stories. Hier geht es zur besonders schönen Rezension von Holger Benkel. Das Buch kann in jeder Buchhandlung und in diesem SHOP bestellt werden. Erste Stimmen von Tanja Kummer, Manja Präkels, Rouven Obst und von Ulrike Anna Bleier.

«Strandläufer, lungomare – Foto Essay» Con la partecipazione di Andrea Angelucci – erschienen im Amsel Verlag Zürich. ISBN 978-3-906325-26-2. Das Buch kann in diesem SHOP gekauft werden.

Beiträge in diversen Büchern und Medien, zuletzt:

LOVE IS – Das Buch der Liebe. The Book of Love. U.a. mit Worten und Werken von Oscar Wilde, Lady Di, Ricarda Huch, Marina Abramovic, John Baldessari, Banksy, Thomas Meyer und von mir…. also ja….! Erschienen in Zürich. Mehr darüber.

Wo ist Martha? Ein Buch von Julian Salinas, Fotograf. Erschienen in Basel.

Schlaflos brennen die Wörter, Texte zur Reformation. Erschienen in Zürich.

Herausgeberin (zusammen mit Beat Roth) von dunque, assoziatives Themenpapier, 5 Ausgaben, u.a. von Haaren, ein Tag im Bett (im SHOP erhältlich).

Diverse Beiträge, u.a. in Anthologien und Literaturzeitschriften wie entwürfe Bern, mosaik Salzburg, Junge Akademie Berlin, Treibstoff Luzern, auf wertschrift net oder in perspektive Zürich.

Kanzlei für Basisgekipptes. Kalender mit alternativen Gedenktagen, Twitter 2017. Zusammenarbeit mit Joanna Lisiak.

Interdisziplinäre Arbeiten, Mitarbeit in freien Projekten, Auftritte

Alles in Ordnung. Lesung & Ton in Zusammenarbeit mit der Klangkünstlerin Rahel Kraft auf Tournee von September 2018 bis Mai 2019. Drei vertonte Geschichten aus «Bernstein und Valencia» waren zu sehen und hören in Baden, Luzern, Berlin, Zürich, Scuol, Steckborn und Bern.

Erika Schick Bonnet – Instant Art Formation CH/I – Performance in der TART Galerie Zürich, im Rahmen von A LINE IS A DOT THAT WENT FOR A WALK

Strandläufer, lungomare – Reading e Presentazione del libro, Palazzo Bracci Pagani, Fano PU, Januar 2019 in Zusammenarbeit mit Andrea Angelucci

Literaturtelefon.ch – mehrere Telefonlesungen direkt aus dem NAIRS-Studio-Atelier, April 2018

Tomoko Hojo – Collaboration (Voice) Audio Work Flat Time House London, April 2018

Hojo/Kraft – Innern – Collaboration (Translation, Voice 3′ Quote H. Bergson) for Audio Walk – Nairs-Scuol-Nairs, März 2018

stand an der Küste – Reading Performance, Berlin Atelier Zuzanna Skiba, 2017

Komplizen – Annäherung. Zusammenarbeit mit Bettina Diel und einem Flugblattdrucker. 2017. Tart Zürich.

Weltatlas – Ein verlorener Gedanke, Live Hörstück, Zusammenarbeit Silja Dietiker Video, 2015-2017, u.a. in Aarau, Bern, Berlin (Babette), Baden (Royal), Zürich (Rote Fabrik und manifesta 11. Cabaret Voltaire)

Taktung Zürich 2015, Teilnahme mit Previous/Next + Bold, einem Wortstück (animated gif und Reading)

JUMP 2014 im FL, Teilnahme mit Geschichte vom Ohr, Zusammenarbeit mit Beate Frommelt

Sterne, Hummer und Zigottern – Live Hörspiel mit Manja Präkels, Uraufführung Berlin 2012

Kunsthaus Zürich, mindmap – Lesung mit zwei Transistoren im Monet-Saal am Tag der offenen Tür, 2012

Todesarten – Stories about Life & Death and das Dazwischen, Lesetour in Zusammenarbeit mit Ivan Mangia, Gitarre, 2010

Nachtwachen, Dunkle Geschichten im Winter 2009/2010, Salon Billa, Baden
Trunkenen Tagen im Salon Billa, Gepflegtes Frühlingserwachen, Literaturfest 2008 und 2009

Das Betriebsessen – Live Hörspiel, Uraufführung an Trunkenen Tagen in Baden 2008

Öffnungen, 2008 Audio-Walk im Bäderquartier, Stimme und Aufnahmeleitung

uomo in mare, Lesung mit Sounds, in Zusammenarbeit mit Petra Ronner, gezeigt in Baden und Zürich

Radio

Magazinsendung Literatur auf Kanal K
Auf hoher See, Zweifelhafte Poesie und schummrige Sounds, Eine Stunde Lesung und Musik jeden Monat zwischen 2004 und 2008, eigene kurze Erzählungen + Lesungen von Gästen wie Lisa Gautschi, J. Monika Walther, Anja Koemstedt, Friederike von Königswald, Leopold Biberti

Magazinsendung Literatur auf Kanal K
Container, Radio-Essay mit Sounds – Januar – Dezember 2011 monatlich

Features und Talk Sendungen auf Kanal K:
Illegal in der Schweiz – Gespräch mit Genzi
Frauen in Italien – Feature u.a. aus Milano, Libreria delle Donne
Der neue Mann – Feature, inkl. Gespräch mit Markus Teunert
Frauen in Afghanistan – Gespräch mit Judith Huber
Inspiration Exil – Gespräch mit der Filmemacherin Ayten Mutlu
Drinnensitzen – Gespräch mit verschiedenen Frauen im Strafvollzug
Annemarie Schwarzenbach, Ella Maillart – Reise nach Kafiristan, Gespräch mit Fosco Dubini, Regisseur

TV, Drehbuch

Projekteingabe Serie SRF, in Zusammenarbeit mit Uwe Lützen (Arbeitstitel Sirtental)
Herausgeberin von KOMPRESSOR, TV-Jugendmagazin 1999/2000
Pilot SRF TV Serie HAUSBESUCH, in Zusammenarbeit mit Johannes Sieber, Marc Krebs, Sibylle Berg, Beat Schlatter

Journalistische Arbeiten Print und TV

Aaku – Aargauer Kulturmagazin (vormals Juli)
Vorschauen auf Kulturevents und Interviews
u.a. über Raumfahrt in der Langmatt, mit Martin Zingg über Lyrik, mit Peter Schneider über Identität

mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur, erscheint in Salzburg
Interview mit Joanna Lisiak über das Schreiben, Sommer 2017

manuell – Diverse Portraits von Menschen über ihr Handwerk, u.a. mit Kazu Huggler über Mode und die Three Cranes Association, mit Leonardo Magatti, Gartengestalter bei Como in Norditalien

90er Jahre, frühe Nullerjahre:
massiv Lifestyle Magazin: Rezensionen, Interviews, Essays
fashionweb und bluewin: Short Cuts zu Mode und Gesellschaft
erste Arbeiten:
Berichte von Pfadfinderinnenlagern und -tagen für Bezirksanzeiger Lenzburg
Berichte von Parteiversammlungen und Veranstaltungen der Sozialdemokraten Lenzburg
Leserbriefe und Kommentare zu Abstimmungsvorlagen und Wahlausgängen und gesellschaftliche Themen wie Umweltschutz, Fichen (Staatsschutz), Rassismus, Drogenpolitik in der Gemeinde

Kundenaufträge u.a von

Moleskine Legendary Notebooks, Graf Verlagsvertretungen GmbH, Zürich
inaffect AG, Agentur für interaktive Medien, Zürich
Porto Libro Beat Roth, Buchgestaltung, Basel
Paris – Glarus, Werkstatt für Möbel und Textilien, Zürich
Doris Haller Blumen, Baden
Raymond Vogel, Landschaftsarchitektur, Zürich (Edition Lockblatt)
Fueter und Halder, Baden
Monte Verità / Monte Visione, Ascona
LeCo Lagertechnik AG, Nussbaumen
Stadt Baden Information der Bevölkerung zum Berufsbildungszentrum BBB
Verlage wie Atlantis, Benteli, Metzler, klaxon, Bajazzo
Kokon Lifestyle Haus, Mandat Lesungen und Buch-Sortiment
Beratende Tätigkeit in Zusammenarbeit mit Franziska Weber für verschiedene Kunden

Anstellungen u.a. bei

Lars Müller Publishers
Sauerländer Verlage
Moleskine Representative Switzerland Graf Verlagsvertretungen

Kooperationen

u.a. mit Manja Präkels, Beate Frommelt, Silja Dietiker, Matthias Weidmann, J. Monika Walther, Johannes Sieber, Uwe Lützen, Ivan Mangia, Joanna Lisiak, Bettina Diel, Petra Ronner, Rahel Kraft, Beat Roth, Corinne Zora Schiess, Ilona Kannewurf, Andrea Angelucci, Petra Bartels.

Förderung und Druckkostenbeiträge

Sibylle Ciarloni wurde bisher unterstützt von Freunden und Bekannten, für einzelne Projekte auch von Firmen sowie von der Stadt Baden, dem Kuratorium des Kantons Aargau und der Stiftung für Radio und Kultur Schweiz.

Essay

Wie geht es Ihnen? Schauen Sie zurück? Warum posten viele Menschen Bilder aus ihrer Kindheit in den sozialen Medien? Was geben sie preis? Wem schenken sie die Bilder von damals? Was zeigen sie? Und was ist das jetzt? Das was hier still, geruchlos, unsichtbar den Menschen den Atem raubt und der Natur das Atmen zurückgibt?

Vor ziemlich genau neun Jahren lernte ich von Baiba Kraniche zu falzen. In ihrer geduldigen und freundlichen Art hat sie neben mir gesessen und gefalzt und gefalzt und ich ihr nach, dann rief ich wieder «halt» und sie hielt inne und zeigte mir wie weit der Vogel in ihrer Hand schon gediehen war und sie schaute auf das was ich in den Händen hielt und sagte vielleicht, hier musst du andersrum falzen, oder das muss genau aufeinanderpassen, sonst hast du nachher keinen schönen Vogel. Natürlich wollte ich einen schönen Vogel. Viele schöne Vögel. 

Wir hörten vielleicht Musik, ich weiß es nicht mehr genau. Es waren noch andere da, die auch Kraniche falzten. Sie wurden startklar gemacht für die Luftpost. Und Baiba packte sie alle in Kartonschachteln. Morgen müssen sie los. Sie waren für Japan bestimmt. Dort hatten ein Erdbeben, ein Tsunami und ein leckes Atomkraftwerk eine Katastrophe geboren, eine Reaktorkatastrophe, bei der viele Menschen starben, krank wurden. Und wir alle, bis auf die anderen, dachten damals wieder einmal, dass sich bei den Menschen nun etwas ändern würde, in Bezug auf ein verantwortbares Leben als Teil der Erde. 

Kraniche sind ein Symbol für Kraft und Glück, das man jemandem wünscht. Wir falzten tausende, und beim Falzen beteten wir still für die Menschen dort, für jene, die gestorben sind und für die, die noch lebten. Heute können wir die Kraniche für unsere Nächsten falzen. Und für jene, die unsere Nächsten in diesen Tagen und Nächten betreuen. Ich fand ein stilles, langsames Video von zwei geduldigen, schönen, einen Kranich falzenden Händen (Link zum Tutorial siehe weiter unten). 

Denken wir beim Falzen jetzt vielleicht wieder daran, dass sich etwas verändern wird. Fragezeichen. Oder sagen wir einfach, die Gesellschaft oder die Welt (was mir nun doch etwas weit gefasst scheint) wird eine andere sein nach Corona. Fragezeichen.

Wir sollten formulieren, was wir für unsere Zukunft wollen. Gerade können wir bei uns selbst anfangen, wir können falzen und beten, schlafen und lesen, einander zuhören und dankbar werden, Listen schreiben und sie wieder verwerfen, still sein, da sein, absichtslos oder auch nicht, einander auf zoom beim dancing with myself zuschauen und dann doch … endlich … nachdenken. Darüber: … und jetzt? 

Wollen wir Aussichten auf solidarische Zusammenlebensformen schaffen, die auch unserer Verletzbarkeit gerecht werden und nicht nur den Leistungen, die wir zu erbringen haben und die wir minutiös kontrollieren (lassen), ob sie denn auch rentieren?!

Oder warten wir mal einfach auf die Normalität, die die ersten schon wieder zurückhaben wollen? Was genau wollen wir davon noch haben?

Verschwenden wir diese Tage nicht damit, die Zeit totzuschlagen oder die Kurven der Länder zu vergleichen. Wir haben besseres zu tun als eine derartige Reaktionskatastrophe zu produzieren. Schaffen wir am Nachher. An guten Aussichten. 

Allerdings dürfen diese nicht von Rating-Agenturen bewertet werden. Auch jetzt versprechen Regierungen Geld oder sie weissagen, der Peak werde nächste Woche erreicht sein, und nach dem Verdikt von Fitch, Moody‘s usw. verändern sich die die Börsen-Indizes. Es wird an Bewertungssystemen festgehalten, die nicht mehr gelten können. 

Wir müssen formulieren und wertschätzen, was wir meinen, sei wertvoll. Soll sofort mit der Arbeit und dem Austausch anfangen, wer Zeit hat und nicht mit Krankheit und dem eng gewordenen Alltag hadert. Verwenden wir diese Tage für die Verantwortung, die wir mittragen, wenn wir offenbar wieder Wir sagen und es für einmal nicht national oder regional gemeint ist. Es ist Zeit, uns in die Politik der Natur einzuarbeiten, damit wir als Menschheit in ihrer Zukunft vielleicht eine Stimme bekommen. Die Natur ist nicht auf uns angewiesen, wir sind auf sie angewiesen. Das müssen wir doch verstehen!

Ich setze mich jetzt an meine Liste, still und mit guten Gedanken Kraniche für jene falzend, die sie brauchen können in dieser Zeit, neben mir mein Notizbuch… There is work to be done! 

Weiterdenken:

Every night in the world

every night in the world

every night in the world

is a night

in a hospital

Robert Lax

Zum Beitragsbild: Die gelbe Flagge ist die Qflag. In der Schifffahrt unserer Zeit verwendet um anzuzeigen, dass alle an Bord gesund sind. Speriamo bene!

Saskia Sassen, talking with Srecko Horvat (both member of DiEM25.org, Democracy in Europe Movement):

What if this is the beginning of a possibility?

DiEM25 TV – people thinking about the time after the virus.

Auch andere Talks auf Youtube im Diem25 Channel sind interessant, bspw. das Gespräch zwischen Brian Eno und Yanis Varoufakis oder zwischen Astra Taylor (What is democracy?) und David Alder. DiEM bedeutet Democracy in Europe Movement und wurde 2016 in Berlin an der Volksbühne gegründet.

Zum Tutorial: It’s easy, origami cranes, concentrate on this!

Mehr Hintergrund: How Paper Cranes Became a Symbol.

Die Zukunft denken beginnt jetzt. Oder? Matthias Horx – Ein interessanter point de vue: Die Zukunft nach Corona.

Noch mehr nachdenken mit Julio Vincent Gambuto: Prepare for The Ultimate Gaslighting. @forge.medium

Mein Freund Stefan Hunziker hat auf Campax Make Change happen die Kampagne Kehrt verwandelt in den Alltag zurück! gestartet. Ich habe sie mit-unterzeichnet.

Beobachtung

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was, sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut. 

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: Nein, nein, habe sie gesagt. Ich war doch immer selber einkaufen, das geht nun also viel zu weit. Und ja ja, ich wasche mir ja die Hände. Ich weiss gar nicht, was ihr habt. 

Ich so: Hier sterben ganz viele ältere Menschen.

Sie so: Ja, aber die sind alle sowieso schon krank. 

Ich so: Du musst auf dich aufpassen und auch auf die anderen. 

Sie so: Welche anderen?

Ich so: Dein Freund, deine Freundinnen.

Sie so: Ja, also jetzt hör doch auf. In Italien haben sie halt nicht so gute Spitäler. 

Ich so: Es geht darum, dass man mit der Krankheit, wenn sie einen schlimmen Verlauf nimmt, von einer Beatmungsmaschine abhängig sein wird und das für mehrere Wochen. Und kein Land hat so viele Beatmungsmaschinen wie wahrscheinlich benötigt werden. Zudem könntest du auch Trägerin des Virus sein, ohne dass du etwas bemerkst und dann andere in deiner Nähe anstecken. Bla bla bla.

Sie so: Ja, aber ich bin ja gesund. 

Vielleicht müssen wir ihr sagen, dass wir uns um sie sorgen. Vielleicht sollten wir nicht Verbote aussprechen oder vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger hin und her wackeln, wie sie es früher getan hatte, statt uns zu sagen, dass sie sich um uns sorgt, weil sie uns gern hat… („Lieben“ ist dann nochmal ein anderes Wort.)

Ich nahm mir vor, ihr das mit der Liebe erst zu sagen, wenn mir ihre Antwort egal sein wird. Doch die Zeit habe ich nicht, dachte ich (verantwortungsvoll), also rief ich sie am gleichen Tag noch einmal an.

Sie so: Ja ja. Jetzt übertreib es nicht. 

((ohne Ausrufzeichen))

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Jede und jeder trägt die absolute Verantwortung. Niemand kann in dieser Zeit nur sich selber gegenüber Rechenschaft ablegen. Denn dieses Virus macht – offenbar – keinen Halt vor schlimmen Frisuren, vor reichen Tanten und vor netten Grafikern. So sind wir plötzlich alle zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen. Alle in einem Boot. Ist das nicht eigentlich schampar schön? Bla bla bla.

Essay

Überlegungen zur Evolution und deren Berechnungen, zur Hingabe, zum Zuhören, zu den Anpassungen und zu neuen Wesen.

Letztes Jahr im Herbst dachte ich, ich müsste nichts mehr schreiben und was ich sagen kann, hätte ich schon gesagt. Zugegeben, das wäre dann noch nicht viel und die Dinge schleichen sich aus meinem Fundus, den ich vorzu unordentlich in meinem Gedächtnisschrank und in mehreren komplexen Ablagesystemen oder digital ergänze, erneut in mein aktives Gedächtnis und fügen sich zueinander, ergänzen ältere Gedanken und neue. Und auch zugegeben, ich bin eigentlich bloß schreibfaul geworden in dem heißen Sommer 2019, an den ich mich und meine Vorhaben allesamt hingegeben habe. Einzig an lauschigen Schattenstellen und in der Nacht entstanden Zusammenhänge, konnte man einander zuhören, etwas denken, lesen vielleicht, schreiben. Tagsüber war nur ein Minimum an Arbeit möglich. Die Anpassung war übrigens nicht schwierig.

Als ich vor mehr als zehn Jahren «Die Geschichte vom Ohr» schrieb, da war ich mir eines gewöhnlichen Morgens sicher, dass die Fähigkeit zuzuhören, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umschaut und die beiden überflüssigen Organe am Menschenkopf sich früher oder später von selbst abbauten und in Einzelteile auflösten. Viele lachten über die Vorstellung, dass die von der Haut getrennten Ohrknorpel sich auf der Mülldeponie paarten und daraus neue Wesen entstanden. 

Es war ja bloß eine kleine Evolutionshochrechnung, aber ich fand sie ganz passend und meine nach wie vor, dass viel mehr geredet als zugehört wird und dass man in der Erwachsenenbildung Kurse im Zuhören einführen sollte. Jetzt, wo das Insichkehren, vor allem aber zunächst das Zuhausebleiben, Pflicht wird, jetzt wird vielleicht ein Bedürfnis dafür geweckt.

Vor ein paar Monaten war das Virus erst in China und noch wusste wohl niemand in Europa davon und Weihnachten stand vor der Tür. Ich saß im Zug nach Wien. Es lag Schnee in den Bergen hinter Bozen. Ich las über einen Forscher, der die Hirnströme in Zeiten digitaler Informationslawinen und permanenter freiwilliger Aufmerksamkeitshingabe an Bildschirme wie denjenigen der smartphones, laptops und Co. misst und in der Zwischenzeit feststellte, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen um ein Vieles abgenommen hat und sich das Hirn bereits den neuen Gewohnheiten anpasst und diese Anpassung sich in die Erbinformation des Menschen schreibt. 

Ich rechne hoch.

So brauchen wir keinen individuellen Weg mehr, auf dem wir uns hin und wieder für unser Selbstbezogensein entschuldigen. Wir essen, was man uns gibt. Wir säen Samen-Hybriden, aus denen unfruchtbare Einwegpflanzen wachsen. Wir folgen dem Algorithmus, der uns individuell auf uns zugeschnittenen Produkte vorschlägt. Wir glauben ihm und wählen. Wir leben in TV-Serien das stereotype Leben von Anderen und lenken uns jederzeit mit einem Spiel auf dem Handy ab, so lange bis wir alles gespielt und alles gelebt haben. 

Voilà!

Wieder so eine Evolutionshochrechnung.

Pardon!

Und: Ich bin mir übrigens bewusst, wie schwierig das Wort Wir ist. 

Und zudem: Jetzt ist Pandemie mit einem neuen Epizentrum hier in Europa. Und natürlich will ich glauben, dass das auch eine Chance ist. Vielleicht sollten wir uns jetzt, wo die Beschäftigung schwindet, freiwillig an diese neue Situation anpassen, zuhause bleiben, miteinander telefonieren, zuhören und nicht einfach die Länge einer Pendlerstrecke im Zug einander durchs Handy anschnaufen und ab und zu fragen: Bist du noch da? Oder doch, vielleicht auch das… aber nicht im Zug bitte und später, nach der Pandemie, bitte auch nicht im Zug.

Ja, nach der Pandemie. Ich will glauben, dass die Frage: „Wie wollen wie leben?“ in drei Monaten anders beantwortet wird als noch vor drei Wochen. Wir müssen näher zueinander rücken mit aller derzeit geforderten Distanz. Ich will hoffen, dass Menschen, die es schwer haben in ihren Familien oder in der Gemeinschaft, in der sie leben, die Auszeit zur Klärung von Konflikten nutzen. Ich denke auch an jene, die alleine leben und das nicht wollen. Ich hoffe für alle, dass die geforderte Nähe mit Distanz, auch zu sich selbst, nicht zum Alptraum wird.

Dobbiamo essere forti! Hier in Italien gewöhnt man sich langsam an die Vorschriften. Wir können kontrolliert werden und wir müssen ein Formular mit uns tragen, mit dem wir deklarieren, wohin wir gehen und warum. Die Multiple Choice Liste, was man darf und was nicht, ist kurz. Von Multiple und auch von Choice, kann keine Rede sein. Die Anpassungen sind groß. Denunzianten und Schlaumeier sind auch schon aktiv. Aber ich träume davon, dass das „Wir“ in den nächsten Wochen eine verbindende und verbindliche, gleichzeitig eine tolerante und grosszügige Bedeutung bekommt, die sich ebenfalls in die Erbinformation der Menschen schreibt. Dass die Abkehr von Hamsterrad und Hamsterkauf eintritt. Dass Ellenbogengeschichten bedeutungslos werden. Denn unsere Ellenbogen brauchen wir jetzt für anderes. Die schon erwähnte Forschung über die hirn-verändernde Aufmerksamkeit, die an die Geräte geht, beweist, dass das durchaus möglich ist.

Ellenbogen werden im Schweizer Wortgebrauch an Stellen eingesetzt, wo es darum geht, Konkurrenten loszuwerden, indem man sie wegkickt.

Bauen wir nun zunächst keinen Unfall und regen wir uns nicht auf, denn alle Spitalbetten werden gebraucht für die, die erkrankt sind. Keine Gefährdung, kein gestauchter Fuß, kein Sturz von der Bicicletta, kein freies Niesen, keine Umarmungen. Das ist, was man vor allem hören muss im lauten Zählen der Liveticker über die Anzahl der Infizierten, Verstorbenen, Geheilten. Auch dass in Italien ein Ärzteteam aus China eingetroffen ist, das sein Wissen weitergibt. Auch dass in ebendiesem China die Fälle nun massiv zurückgegangen sind, wie in Codogno auch, wo schon seit Ende Februar die Quarantäne galt. 

Bleiben wir zuhause. Es dauert vielleicht drei, vier Tage, dann gewöhnt man sich dran. Widmen wir uns der Philosophie, der Schönheit, den wichtigen Dingen oder immerhin den nächsten und sicher nicht den letzten. Heute, morgen. Heute, morgen. Heute, morgen. Geduld. Pazienza. Und wer keine hat: Laufen an Ort geht auch, dann sind der Schrittzähler am Handy und die angedockte Krankenversicherung (pardon, in der Schweiz Gesundheitskasse!) auch zufrieden.

… Wie lange es noch dauert, bis Menschen ohne Ohren auf die Welt kommen und die Wesen, die der Paarung von Restknorpeln entspringen, sich dank guter Nahrung auch vergrößern und vielleicht ein Hirn entwickeln, weiß niemand. In «Die Geschichte vom Ohr» prophezeite ich das erneute Anwachsen. Manchmal macht die Evolution einen Umweg.

Rezension

«Bernstein und Valencia» in KUNO Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie.

In seinem Rezensionsessay werden meine Erzählungen auf eine Art gewürdigt, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können. Danke, Holger Benkel! Durch sein Reflektieren lerne ich mehr über meine Intuition, als ich mir je hätte anlesen können. Und ich bin stolz darauf und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung beim Online Magazin Kulturnotizen KUNO und seinem Herausgeber Matthias Hagedorn sowie bei Holger Benkel für sein sorgfältiges Lesen und sein Versuch, mir auch ein Bisschen (.) auf die Schliche zu kommen.

Das Buch kann man in meinem Online Shop oder im Buchhandel bestellen.

Erinnerung

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien. 

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Er treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht wohl für ein Fragezeichen in meinem Gesicht. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Dann sage ich, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der erste sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo bei Bern, hinter Bern, Interlaken frage ich. Er erzählt vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele, damals. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.

Essay

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Doppelzüngigkeit vervielfachte sich. Neben den Maßnahmen der Fremdenpolizei und dem Völkerbundgedanken suchte die Schweiz auch noch Hände, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten. Aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, die wollte man nicht unbedingt da haben. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seiner Rezension in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank der vielen „Fremden“, eines der reichsten Länder der Welt geworden. Reich an Geld, Wasser und Konventionen. Und im Mai diesen Jahres haben seine Bewohnerinnen und Bewohner bereits alle ihm statistisch theoretisch zur Verfügung stehenden Ressourcen für das Jahr 2019 aufgebraucht. Uns geht es gut. Sagt man dort.

Ich bin zufällig dort geboren.

Mein erstes Wir waren meine Eltern und ich. Ich erinnere mich nicht an die ersten Jahre. Ich erinnere mich zuerst vielleicht daran, dass ich in einem Schwimmbad ertrunken war. Vielleicht träumte ich, wie ich heute noch träume, dass ich unter Wasser atmen kann. Aber dem war nicht so. Menschenköpfe stehen über mir in einem Kreis. Das Bild ist noch ganz präsent. Dann kommt ein anderes Bild. Kindergarten. Wir waren eine große Klasse mit vielen kleinen Kindern. Ich hatte da schon eine schlimme Prüfung hinter mir. Der Weg zum Eignungstest für den Eintritt in den Kindergarten führte über eine schräge Brücke über den Aabach. Ich wurde von meiner Mutter angehalten, meinen Schnuller in den Bach zu werfen. Jetzt bist du groß.
Auf dem Bild ist unsere schöne Kindergartenlehrerin und wir. Ein größeres Wir, ein im zeitlosen Spiel des Kindseins unterbrochenes Wir. Man sieht uns nicht an, woher wir kommen und wohin wir gehen. Unsere Gesichter sind rot. Wir grinsen, hatten uns irgendwie für dieses Bild hingestellt. Die einen schielen zu den anderen, die anderen schauen geradeaus.

Zugezogene
Meine Eltern waren aus zwei verschiedenen Gegenden Zugezogene. Bergmenschen. Sie wohnen in einem Haus, das einer Familie gehört, die in dem Ort verwurzelt ist. Einheimische. Lenzburger. Meine Mutter trifft manchmal eine Freundin, die in der Gegend wohnt und von dort kommt, wo sie hergekommen war. Deren Sohn würde mir einige Jahre später beim Spielen den großen Zeh zertrümmern – nicht absichtlich.
Mein Vater arbeitet tagsüber. Abends dann die ersten Vereinstätigkeiten. Oder Zeitunglesen. Je ein Blatt aus den beiden Gegenden, aus der sie kommen plus die Regionale. Als Zugezogene wollte man sich in der Gesellschaft integrieren. Dazu müssen die Kinder, die bald zur Welt kamen, anständig erzogen werden. Unauffällig, möglichst still. So hat man es gerne gesehen in der Schweiz. Dass neben uns aber Kinder lebten, die das noch viel mehr zu spüren bekamen als ich von meinen Eltern, die sogar unsichtbar waren, stumm spielten, in Estrichen die Tage verbrachten, weil sie nicht da sein durften, konnten wir nicht wissen. Erzählt hat man sich am Tisch nur von den Schlüsselkindern, deren Eltern beide arbeiten müssen. Ausländer. Dass sie viel weniger als die Schweizer verdienten, erzählte man mir zuhause nicht. Erzählt hat man auch, dass sie in schlimmen Wohnungen leben, manche in Kellern. Dass sie das so nicht gewollt haben können, erzählte man nicht. Dass nie jemand von ihnen in einer „solchen“ Wohnung war, davon ist auszugehen. Allzu nahe Kontakte wurden von den Erwachsenen vermieden.
Meine Schulfreundin Anna° lebte in einem Stadthaus über einem Laden. Drei Häuserzeilen von da entfernt, wo der Schwarzenbach vor einem vollen Saal aufgetreten war, um gegen die Überfremdung anzureden. Die Treppe zur Wohnung war schmal, die Stufen hoch. Die Familie wohnte in drei Räumen. Ich fand nur, dass die Dusche in der Küche am falschen Ort war. Doch das war ja nicht ihre Entscheidung gewesen, sie dort zu installieren. Viele Jahre später sah ich wieder eine Dusche mit Küche, bzw. eine Küche mit Dusche. Zufällig. In Zürich. Da war das chic. Eine Freundin wohnte dort, die als Kind von Eltern, die von hinter dem Eisernen Vorhang geflüchtet waren, in der Schweiz aufwuchs. Auch sie wurde zuhause dazu angehalten, sich immer still und anständig und unauffällig zu verhalten.

Von meinem Zimmer aus sah ich die Leuchtschrift der Konservenfabrik Hero. Dort arbeiteten viele jener Ausländer damals. Die meisten waren Italiener. Tschinggen nannte man sie. Auch anders noch. Schlimmer. Sau-Tschinggen. Als Kind bemerkte ich keinen Unterschied, ob jemand von dort oder von da kam. Das war egal. Und wenn ich das so schreibe, dann weiß ich, dass ich mich zum x-ten Mal wiederhole und dass es langweilig ist, immer das Gleiche zu lesen, zu schreiben. Aber es scheint, dass eine weitere Welle ein Wir überrollt, das sich tatsächlich als Menschen einander verbunden fühlt. Jenes Wir wird überrollt, das mit allen vereinbarten Rechten und Pflichten und einem Sinn für die Pflege und die Verantwortung gemeinsam genutzter Orte und Worte nebeneinander – im besten Fall miteinander – zurechtkommt. Die Welle überrollt jenes Wir und alles, was nicht regionalkonform ist, mit Misstrauen. Wer sich auf den Weg macht, um an einem anderen Ort der Welt ein würdiges Leben zu führen, wird zum Voraus mit all jenen über Bord geworfen, die vielleicht tatsächlich nur am schnellen Geld interessiert waren. Man tut so, als ob es jene in den „eigenen Reihen“ nicht gäbe. Der Gürtel ist eng um die humanistischen Werte geschnallt. Wer hilft, wird verdächtigt. Wer sich mit dreißig noch für eine gute Welt engagiert, wird verlacht.
Wer aber sagt, dass die Idee von einer Welt ohne Kriege, überholt sei und dass es menschlich sei, Kriege zu führen, den verlache ich.

Simulation
Ich lebe nicht mehr in dem reichen Land. Wenn es dir hier nicht passt, dann kannst du gehen. Mein Vater schlug mir als Jugendliche die DDR vor. Dort siehst du dann, wie das ist mit dem Kommunismus.
Ich lebe heute in einem anderen reichen Land. Ein Land mit einer gepflegten Hochsprache, mit Hunderten von Jahren teils noch sicht- und fühlbarer Geschichte, mit großmäuligen Politikerinnen und Politikern und bald mehr Regierungskrisen als Regierungen. Italien.
Ich lese La Repubblica online. Hasserfüllte Quotes im Zusammenhang mit einem in Rom ermordeten Carabiniere jagen einander in den sozialen Medien der letzten Tage. Schuld waren Ausländer, die man eh alle ausschaffen müsse. Der Rechtsaußen-Innenminister Matteo Salvini donnert. Dann kommt aus, dass nicht diese Ausländer, sondern andere Ausländer schuld waren. Seither nennt man sie Amerikaner. Es waren zwei junge Amerikaner, die sich nach der Ermordung in ihrem Hotel ins Bett gelegt hatten. Der eine war bei seiner Festnahme geständig. Salvini donnert weiter, wie all die Monate vorher schon, seit er von der Partei, die am meisten Stimmen bekommen hatte, in die Regierungskoalition aufgenommen wurde. Er nutzt sein Amt für seinen persönlichen Feldzug, tut alles, was ihm opportun scheint, um in die Medien zu gelangen. Aufmerksamkeit. Attenzione. Er spricht von einem Wir, von uns Italienern. Prima gli italiani. Das Bild, auf dem er über sein Handy gebeugt auf dem Strandstuhl sitzt, will ich nicht sehen. Ich will seine Haare auf der Brust nicht sehen und auch nicht wissen müssen, dass er einen Bauch hat. Also gelangt mein Blick noch weiter rechts. Dort, neben anderen Aktualitäten, lässt La Repubblica Online Werbung zu. Eine Telefongesellschaft, eine Anmeldung für den Newsletter und rechts, weiter unten, ein Banner „Simulation des 3. Weltkrieges“. Ich klicke auf die Karte, die Länder in Mittel- und Südeuropa zeigt, Frankreich, die Schweiz, Norditalien, Österreich. Panzer fahren hin und her. Irgendwo explodiert eine Bombe. Conflict of Nations World War III. Ein Spiel. Ich sehe Nationenwappen rechts oben. USA, Deutschland, Spanien, Polen, Italien, Frankreich, Russland, Türkei, China, Tunesien, Tschechien. Die Teilnehmerländer?

Was soll das alles?

In Italien gibt das Buch „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ von Concetto Vecchio zu reden. Im Mai bei Feltrinelli herausgekommen, liegt bereits die fünfte Auflage vor. Concetto Vecchio ist im ganzen Land unterwegs, Ende September auch in der Schweiz. In dem Buch beschreibt er die Situation der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz der 60er und 70er Jahre. „Jagt sie fort! Als wir Migranten waren.“ so der Titel in Deutsch.
Vecchio ist wie ich in Lenzburg aufgewachsen. Als er vierzehn war packten seine Eltern ihre Sachen und kehrten nach Sizilien zurück. Für ihn war es Migration. Aber nicht von sich erzählt er, er berichtet von vielen Schicksalen, Leben und Ungerechtigkeiten – und doch sagen mir auch die beiden Männer am Strand heute Morgen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme, weil ein Dritter sie gerade ausschaffen will, dass sie es gut hatten in der Schweiz. „Ausländer seid ihr, viel zu viel Pension bekommt ihr, ich bitte Salvini um Hilfe…. (…) Ein Scherz,“ ruft dieser Dritte, der nie weg war. Ich lache mit. Der eine war 36 Jahre in Chur, der andere 5 in Zofingen. Ja, er hatte es gut. Er habe genau verstanden, was sie von ihm wollten.
Arbeitskraft. Hände, die anpacken. Die Schweiz holte mit einem Abkommen die Hände derjenigen, die am Bankett des guten Lebens in Italien nicht teilnehmen sollten, zumindest vorerst nicht. Und trotz aller Hoffnung und der vielen Arbeit, durften sie auch am Schweizer Bankett nicht teilnehmen.
Jetzt, mit der Pension von dort, geht es uns ausgezeichnet hier! sagen sie.
Immerhin.

Wir zuerst.
Wie „es“ in der Schweiz von heute denn „so“ sei, fragt mich niemand. Und weiß ich das tatsächlich? Ich lebe seit bald einem Jahr nicht mehr dort. Mir scheint, dass sich viele um ihr Ich, das Optimieren des Selbst und des Einkommens drehen. Karriere ist wichtig. Auch ich hätte längst eine berühmte Schriftstellerin sein sollen. Man wundert sich, dass ich das nicht bin und ich komme mir wie eine Blufferin vor. Was habe ich denn versprochen? Was erwartet man?
Was weiß ich also!? Dass man in der Schweiz nach wie vor lacht über die Differenzen der Dialekte und dass man dahingehend Präferenzen ausspricht oder auch nicht. Aargauer… Thurgauer… Dass man kaum über Politik spricht und sich darüber nur die Freunde aus Deutschland wundern. Dass man gerne unter sich bleibt und einem das ja eigentlich auch viel lieber ist, als sich noch mehr Konkurrenz auszusetzen, die im Binnenland so schon herrscht. Also rechnet man hoch, ängstigt sich, baut aber auch Wohnungen, viele Wohnungen, denn das rentiert. Und wenn niemand mehr kommt und das dann nicht mehr rentiert? Dann „hat man dann das Geschenk“ oder vielleicht doch neue Erkenntnisse? Einen Erkenntnisgewinn, um es auch monetär auszudrücken.

Dass die Zeit für eine andere Vorgehensweise beim Erkenntnisgewinn reif sei, denkt nicht nur Sandra Mitchell in ihrem Buch „Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.“ Doch vielleicht ist die Zeit erst jetzt (das Buch erschien zwar schon 2008 auf Deutsch) wirklich reif. Ich will und kann kein Fragezeichen hinter diesen Satz setzen, er würde rhethorisch wirken, keine Antwort wollen, keine Auseinandersetzung. Aber genau das fordere ich. Auseinandersetzung. Obschon ich große Zweifel an der Bereitschaft einer Mehrheit hege, differenziert und offen und menschlich wie jedem Einzelnen möglich hinzuschauen und sich zu überlegen, wie man die Welt in Begriffe fasst, wie man sie erforscht und wie man handelt und sich schließlich immer zu überlegen, sich also damit auseinanderzusetzen: In was für einer Welt wollen wir leben? Wie wollen wir leben?

Die Schweizerische Volkspartei betreibt seit Jahren das Geschäft mit der Angst vor den anderen, dem Fremden. Sie hat von Schwarzenbach den Stab übernommen. Manchmal will sie dann halbstarke Änderungen in die Verfassung schreiben und manchmal schafft sie das. Dafür setzt sie Initiativen ein, die besser Umfragen wären als gesetzeswirksam sein zu wollen. Das Abgrenzungsgeschäft ist ein Betrug und dazu noch absolut unnötig, denn die Abhängigkeit von anderen, auch von „Fremden“, liegt in der Natur des Menschseins. Also vertreiben wir uns die Zeit doch besser mit der Konzentration auf Kooperation, auf würdige Lebensweisen, auf die Veränderung der Dinge, damit sie gut laufen. Die Schweiz hat so oft gezeigt, dass es doch geht mit dem Nebeneinander, sogar mit dem Miteinander. Plötzlich gab es dann sogar die besseren Ausländer, also die Italiener zum Beispiel. Die waren dann besser als die, die aus Sri Lanka kamen und plötzlich sprachen auch die Italiener von den Ausländern. Das waren die, die nach ihnen kamen.

Viele haben Spaß beim Abgrenzen und glauben gern Polemikern, die mit ihrer Lebenssituation überhaupt nichts zu tun haben, dafür aber einfache Worte finden für komplexe Zusammenhänge, sich auch erlauben, nur einen Aspekt zu formulieren und keinen Zweifel zu äußern. So war das auch damals mit dem eingangs erwähnten James Schwarzenbach und seinen Vorstößen gegen die „Überfremdung“. Er hat „es“ vielleicht sogar erfunden, das mit dem modernen Populismus. Europa beobachtete ihn damals kopfschüttelnd, außer vielleicht die Untergetauchten und Umgetauften der vorangehenden faschistischen Regime – und Portugal und Spanien waren da sogar noch in faschistischen Händen. Heute reden die Populisten wie er und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Wir Schweizer zuerst. Sagte der Schwarzenbach. Ausländer raus! Italiener zuerst, sagt Salvini. Die Amerikaner zuerst, sagt der reiche Mann mit der schlimmen Frisur in den USA. Wobei ich jenem nicht zutraue, dass er im Geschichtsunterricht je etwas gelernt hat – aber er hatte ja instruierte Einflüsterer mit breiten Bärten.

Amerika
Um nun nicht zu sagen, dass sich nie etwas verändert in dem Land, wo nach wie vor keine Zitronen blühen (die Klimaerwärmung wird das ändern), sage ich also, dass sich das Land und seine Stimmberechtigten dahingehend eventuell verändert haben, dass sie mit demokratischer Selbstgerechtigkeit zulassen, dass die Verfassung herhalten muss für Zugaben, die ihr im tiefsten Inneren widersprechen. Die Schweiz sagt gerne von sich, dass sie die älteste Demokratie sei. Das stimmt nicht, aber belehren lassen sich Menschen ja nicht gerne, deshalb soll googeln wer will. Ich meine nur… an manchen Schweizer Abstimmungen beteiligen sich nur knapp 30% der Stimmberechtigten. Die entscheiden dann über die „älteste Demokratie“.
Was in der Schweiz alt ist, wird abgerissen, neu gebaut. Auch die Demokratie also? Man wandelt selbstgewiss durch die Europaallee, tritt auf als kleines Land, will bilateral verhandeln (und kommt nicht auf einen grünen Zweig) und tut trotzdem so, als sei man eine unabhängige Insel, subventioniert Banken (weil too big to fail – und es rentiert ja auch noch, wie man heute weiß), geht in Europa einkaufen und fordert am Zoll die Mehrwertsteuer zurück.
Ist das die Schweiz, die ich verlassen habe? Sie mag anders sein als ich sie sehe. Und ich möchte genau in diesem Zusammenhang noch einmal Sandra Mitchell zitieren: „Es wäre anmaßend zu glauben, es gebe nur eine einzige wahre Vorstellung von Welt, die deren natürliche Arten vollkommen abbilden würde. Jede Vorstellung ist bestenfalls auf einen Ausschnitt bezogen, idealisierend und abstrakt.“ Vielleicht ist die Schweiz ja doch noch voller humanistischer Werte, die man ihr auch dank Genf und Bern und den internationalen Institutionen nachsagt. Für mich ist sie das Land wo Freundinnen und Freunde leben, das Land der tausend Möglichkeiten, um frei zu arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Ein Land mit einer aktiven Kunst-Szene, einer (relativ gut-entwickelten) Toleranz für LGBTQ+ Menschen und ja, auch mit der „Sternstunde Philosophie“!

Fehlt noch was?
Großzügiger könnte sie sein, sie, die alles hat. Sie, die alles haben. Ja, Menschen gegenüber großzügiger. Menschen in Not aufnehmen und nicht zuerst fragen, wer das alles bezahlt. Menschen, die anders sprechen, verstehen wollen. Den obersten Chinesen kein Fondue auftischen. Jene, die ein neues Leben beginnen müssen oder wollen, unterstützen. Gastfreundlich sein, auch gegenüber Touristen aus Pakistan, die am Steg ein Boot mieten wollen, um auf einem kleinen Bergsee einmal rundherum zu rudern. Oder es mit Englisch versuchen, mit Händen und Füßen und einem Lachen, um einen Weg zu erklären. Doch wie oft hört man: Wir sind hier schließlich in der Schweiz. Hier spricht man Deutsch (.).
Hier tönt das Gleiche übrigens so: Qui siamo in Italia. Si parla Italiano.

Wohin führt das?

Verantwortung
Die Angstmache von Männern und Frauen, die gegen das Andere, Fremde, kämpfen, geht hoffentlich nicht in einem dieser unheimlichen WWIII Spiele, auf dessen Banner ich online gestoßen bin, weiter, sondern in der Begegnung, dem offenen Dialog, dem Suchen und Finden. Es gibt Wege, die aktuellen Migrationen friedlich zu leben und zu erleben. Durch das gegenseitige Akzeptieren der Verschiedenheit aller Betroffener. Dabei ist zunächst das Gemeinsame zu pflegen und nicht das, was man beim anderen nicht versteht. Nur das Gemeinsame liegt naturgegeben in der Zukunft, denn es wird zusammen konstruiert, wird erst dann Geschichte.
Oder ist das Utopie?
Einst war die Schweiz eine Utopie, zumindest ein Beispiel für eine bessere Welt in der Literatur. Doch in der Schweiz meiner Kindheit wehte über Jahre der Restwind des Schwarzenbach-Gewitters. Die Eidgenossen pflegen eine Tradition gegen das Fremde. Nach Schwarzenbach blocherte der Mann, der nie Bauer war, mit der Bauernpartei durch die hölzigen Sääli in den Wirtshäusern. Die Masseneinwanderungsinitiative wurde im kalten Februar 2014 von einer Mehrheit der Stimmberechtigten angenommen. Ihr habt Ja gesagt (?), meinten Freunde im Ausland.
Ihr. Wir. Ich nicht.

Wir, ich… wer trägt die Verantwortung?

Die Kinder derjenigen, die der Hass und das Misstrauen der Sechziger und Siebziger Jahre betraf, fragten mich nie nach meiner Gesinnung oder der Gesinnung meiner Eltern. Ich glaube nicht, dass ich den Namen Schwarzenbach damals gehört habe. Sie haben ihn gehört. Aber sie begnügten sich mit Freundschaft oder auch einfach damit, dass wir friedlich nebeneinander die Schulbänke drückten und das Leiden an Lehrerinnen und Lehrern°° gemeinsam durchstanden. Ich hoffe, das ist nach wie vor so unter Kindern. Sonst haben die Erwachsenen, also jene, die wie ich damals Kind waren, aus meiner Sicht etwas Grundsätzliches falsch gemacht.

Cacciateli! Jagt sie fort!
Ende September stellt der Autor von „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ sein Buch in Zürich und Lenzburg vor. Nächstes Jahr erscheint es auf Deutsch. Concetto Vecchio hält mit seinem Erzählen, das er dank tiefgreifender Recherchen, Interviews mit Betroffenen und dem Berichten seiner Eltern geschrieben hat, vielen Italienerinnen und Italienern von heute einen Spiegel vor. Sie erinnerten sich nämlich nicht mehr, impliziert das Buch. Die Lega del Nord und die Brüder Italiens (Fratelli d’Italia), die von Frau Meloni angeführt wird, kämpfen lautstark gegen Ausländer, Fremde, Stranieri. Sie ziehen sprachlich jeden Tag die untersten Register.
Das Buch empfinde ich aber auch als Spiegel für die damaligen Schweizerinnen und Schweizer, die opportunistisch nur Arbeitskräfte importiert hatten und manch eine/r hätte vielleicht menschlich von diesen „Ausländern“ etwas lernen können, als sich weiter nur auf sich selbst zu beziehen und in jedem Fall recht zu haben. Ein Bild auch davon: Ter müesset losä was i sägä, wenn i s de scho sägä. Ruft der Vorarbeiter in „Znüni Näh“ von Stiller Has. Viel mehr als die Arbeit zu erklären, sagt er in dem Stück nicht.

Ein Freund meinte letzthin, dass man die Dinge nicht ohne die Zeit, in der sie geschahen, anschauen darf. Aber lernen hieß immer schon verändern und entwickeln, sich selbst und das, was man bisher konnte. Veränderung bedeutet aber nicht immer Entwicklung. Um es monetär zu formulieren: Entwicklung bedeutet Investition. Ohne zu riskieren, dass man wirklich etwas lernt oder eben gar nichts, geht es also nicht. Im esoterischen und im psychologischen Sprachgebrauch bedeutet Entwicklung unter anderem auch Loslassen. Man löst sich von einem Traum, um dank mehr Wissen Erkenntnisse zu bekommen, klarere, vielleicht gerechtere Vereinbarungen zu treffen, andere Blickwinkel einzunehmen. Man löst sich auch von der Poesie des Reinen, Unangetasteten, der Idee, vom Mystischen, schließlich von den Grundsteinen der Traditionen und Bräuchen, die hinterfragt und entzaubert gehören. Sie wirken identitätsstiftend, sagen die Verfechterinnen und Verfechter. Aber in Lenzburg, dort wo ich geboren wurde, kriegen am Jugendfest die Vereine gegen die Schuljugend. Die Fremden gegen die Einheimischen. Das Manöver findet alle zwei Jahre statt. Die Kriegerinnen und Krieger schießen mit Platzpatronen, die sie wahrscheinlich nicht von der Schweiz-eigenen Waffenfabrik beziehen, die dem Staat jahrelang höhere Preise als den saudischen Prinzen verrechnete. Vielleicht beziehen sie die Patronen aus China. Aber in Lenzburg gewinnen immer die Einheimischen.

Happy Birthday!
Die Schweiz begeht immer am 1. August den Nationalfeiertag. Ich hoffe, dass solche Feiern eines Tages nicht mehr stattfinden. Denn was bedeutet es, Schweizer, Schweizerin zu sein? Italiener, Italienerin? Afghanin, Syrer, Nigerianerin, Deutscher. Zufall. Die Nation spielt keine Rolle bei der Menschwerdung. Menschen tragen irgendwann die Verantwortung für die Gestaltung ihrer Leben und für den Umgang mit ihren Prägungen. Dabei ist er/sie Teil eines grenzen- und flaggenlosen Ganzen, ohne das niemand auskommt und von dem sie/er abhängig ist, so lange er/sie lebt – auch wenn sie/er sich darüber erhebt.

°Name geändert
°° Wir hatten auch wunderbare Lehrerinnen und Lehrer!

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Sibylle Ciarloni, Ende Juli/anfangs August 2019

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J. Monika Walther gewidmet.

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Im Beitrag erwähnte Literatur:

Sandra Mitchell
Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.
Edition Unseld Suhrkamp

Willi Wottreng
Ein einzig Volk von Immigranten
Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz.
Orell Füssli Verlag

Concetto Vecchio
Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi. Feltrinelli
D: Jagt sie fort! Orell Füssli

Morton Rhue
Die Welle (The Wave)
Deutsch von Hans-Georg Noack