myse an abyme

Essay

Über eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.

Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, während wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen könne, was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte (Bernstein und Valencia) etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort, denn man könne sich das so gar nicht vorstellen. Die Geschichte, die meinem Buch den Titel gab, ist futuristisch und findet unter Wasser statt. Also begann ich, das Vorwort zu schreiben und ich nahm eine Anweisung zur Hand, die ich vor zehn Jahren schon geschrieben habe. Es ist die Anweisung "wie man sich selbst als Fisch zeichnet".

Vor zehn Jahren und auch schon als ich ein Kind war, und das ist länger als zehn Jahre her, redete man vom Klima und dass man es schützen wolle. Man redete und redete und auch in den Jahren danach redete man. Aber wie die katholische Kirche übergriffigen Priestern abgelegene Gemeinden zuwies, verwies man das Thema Klima immer wieder auf die letzten Traktandenplätze, zusätzlich auch noch dessen Wahrheitsgehalt anzweifelnd. Folgen davon sind heute noch Kinder, die schon lange keine Kinder mehr sind und nach wie vor keine Hoffnung auf Konsequenzen entwickeln können. Folgen davon sind Kinder, die Angst haben vor der Zukunft. Folgen davon sind Menschen, die ihre Orte verlassen und denen Konservative vorwerfen, sie würden die nördlichen Sozialsysteme aushöhlen. 

Was soll ich tun? Fragte ich mich und andere. Was sollen wir tun? Ach, wen interessiert das jetzt, wenn nachher der Sport kommt? Sagten die anderen.

Ich begann, mir Fluchtwege auszudenken. Fluchtwege für meinen armen Kopf. Übrigens war auch mein Herz beteiligt an diesen verzweifelten Drehmomenten, denn ohne Körper geht Denken nicht. Mein Fluchtweg führte über alle Steine zurück in die Vor-Evolution, so es denn eine solche gegeben haben kann. Aber für die Zeit damals, die noch ohne Denkstrukturen - falls es nicht tatsächlich doch einen bewusst wirkenden Gott gegeben haben sollte, was ich hier in Gedankenstrichen nicht ausklammere, doch als Vorstellung weit von mir wegschiebe - auskamen, gab es Wesen im Wasser. Wasserwesen. Deren Naturzustand war schlicht: seiend. Für eine lange, sehr lange Zeit. Wie die Kollegen Mollusken schielten alle anderen, auch die Kollegen Schwämme, wohl gleich dumm, was nicht wertend gemeint ist, in den Himmel, Richtung Licht. Die Wasserwesen wurden mit der Zeit zu Fischen. Und nun abgekürzt: Aus den Fischen formten sich neue Wesen, neue Wesen, neue Wesen - wie ein mise en abyme, aber nur fast, denn etwas veränderte sich langsam, langsam aber sicher und der Mensch entstand und er glich bald nicht mehr einem Fisch, sondern eher schon sich selbst.

Mein Fluchtweg führte mich genau zu jenem Übergang von Fischsein zu Menschsein bzw. von Menschsein zu Fischsein. Ich stellte mir vor, wir entwickeln uns zum Fisch zurück. Ich dachte sogar, wir könnten Fisch werden wollen! Oder müssen! Es wird uns nützlich sein, ein Fisch zu werden oder ein anderes Tier, das im Wasser lebt. Um die steigenden Meeresspiegel weiterhin zu übersehen und über die Mauern, die Regierungen hochziehen, schwimmen zu können. Zunächst geht es darum, sich das überhaupt vorzustellen. Und was ist heute weiser als ein Plan, eine Zeichnung, um eine Vorstellung sichtbar zu machen? Und so kam es, dass ich vor rund zehn Jahren eine Anweisung darüber schrieb, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Transformationsübung. Aber auch eine Flucht. Eine machbare Flucht für den Kopf.

Die Anweisung wurde in dunque und in einer Anthologie publiziert und ein paar Jahre später schrieb ich die Erzählung über die beiden sich zu im Wasser lebenden Wesen transformierenden Menschen "Bernstein und Valencia". Ob ich mit diesen Erklärungen jetzt zum Verständnis jener futuristischen Geschichte beitragen kann, weiß ich nun nicht. Ich habe mich bemüht, deutlich zu sein. Wer will, kann üben oder die Idee für die nächste Generation liegen lassen. 

Stimmen zum Buch von Ulrike Anna Bleier, Manja Präkels, Rouven Obst und Tanja Kummer hier. 

Hier geht es zum Rezensionsessay von Holger Benkel auf KUNO.

 

 

 


Bernstein und Valencia

«Sibylle Ciarloni weiß, wie man Unheimliches schön erzählt.» 

In den 22 Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen dringt Sibylle Ciarloni in Ausschnitte von Leben vor. Sie beleuchtet Seiten des Daseins in Situationen, wo Dinge, Menschen und Tiere unerwartet aufeinander einwirken. Sie schreibt über das Groteske in der Gegenwart und die Fiktion einer möglichen Zukunft, über offensichtliche Verbindungen, versteckte Lieben, das Existierende und das Unsichtbare, Nähe und Distanz, den Tod und auch über Bülderlinge und Schmauchpilze. Mit Vor- und Nachwort und einer Transformationsübung.

Aus dem Inhalt:
Ich war Durty
Es ist immer jemand da
Die Lesung
Alles in Ordnung
Anton Ross und Biene Marylin
Männer spielen Gitarre
Die Assistentin
Evelyn oder Tod eines Törtchens
Bernstein und Valencia
Wie man sich selbst als Fisch zeichnet
Das Mädchen
Brennende Erde

Sibylle Ciarloni, Bernstein und Valencia, ISBN 978-3-906311-44-9 im Buchhandel erhältlich

Hier geht es zum Rezensionsessay von Holger Benkel.

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«Hier liest man zum ersten Mal und fortlaufend immer wieder, was Sibylle Ciarloni besonders gut kann: Ohne grosses Worttheater die Vorhänge zu einem bildreichen Lesestück aufziehen. Sie beobachtet, zeigt Leben, Rollen, jede scheint authentisch. Sibylle Ciarloni kennt ihr Personal und sie hat ihren eigenen Ton und die Gabe, sorgfältig zu erzählen – nicht um Grenzen auszuloten, sondern um sie zu überschreiten.»

Tanja Kummer, Schriftstellerin, über «Die Lesung»

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«Es ist Coolness, mit der Ciarloni dem Untergehen ihrer Figuren begegnet. Ein fast genüssliches Austarieren des Abgrunds, das in den Bann zieht, dessen Wirkung auch über das Ende der Geschichte hinausreicht.»

Manja Präkels, Schriftstellerin und Musikerin, über «Anton Ross und Biene Marylin»

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«Sibylle Ciarloni schreibt in einer Zeit, in der alle nach Sicherheit und Ordnung schreien, über unser tiefes Bedürfnis nach Chaos. Das ist nicht nur mutig, schrill und sehr poetisch, sondern befördert auch einige längst vergessene Wahrheiten zurück ans Licht. Das liest sich aufregend und wunderbar!»

Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin, über «Alles in Ordnung»

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«Wie ein Gemälde entfaltet sich dieses Bild vor den Augen des Lesers. Sinn und Unsinn des Reifens und des Lebens spiegelt sich darin. Ein musikalisches Stück, das wie ein Gitarrenmenuett daherkommt.»

Rouven Obst, freier Lektor, über «Männer spielen Gitarre»

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«When seriously explored, the short story seems to me the most difficult and disciplining form of prose writing extant. Whatever control and technique I may have I owe entirely to my training in this medium.» – Truman Capote.

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Das Buch «Bernstein und Valencia» ist im deutschsprachigen Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

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Die Buchvernissage fand im September 2018 im Trudelkeller Baden/CH statt. Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft haben zwei Geschichten und eine Anweisung gelesen/vertont. Danke an Katja Sedgwick vom Trudelkeller und die fröhliche Bewirtschaftung von rund 50 nah beieinander sitzenden Menschen an dem Abend. Danke dem Bundesamt für Kultur und der Stadt Baden für die Druckkostenbeiträge an den Knapp Verlag in Olten.

Im Bild Ciarloni und Kraft mit einem dazwischenwuchernden Schmauchpilz.

Bild: Bettina Diel. Bearbeitung: Rahel Kraft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Das mit dem Endlager

Essay

Alles ist relativ und ich bin ja schließlich Künstlerin... Unzulänglichkeiten sind all die Zustände und Tätigkeiten, die schwierig werden, wenn man sich zurückhält, weil man ahnt, weiß oder Angst hat davor, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen. Über eigene Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine falsch angelegte Fähigkeit im Charakter - oder sagen wir in der Psyche - zu beschreiben. Und dies obschon es bekanntlich kein Falsch und kein Richtig mehr gibt. Es ist was es ist. Wertfreie Beschreibungen sind in. Introspektion ist out, da weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei einmal mehr, dass ich mich in Zusammenhängen sehen muss. Es ist meine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester, wir sind nur im Jetzt*, das was war zählt nicht! Doch, rufe ich, auch das was war zählt! So streiten wir ein bisschen. Mehr nicht.

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so muss ich zugeben, dass auch ich gerne leicht im Jetzt herumfliegen würde und sorglos Spaß, ja bitte gerne unendlichen Spaß sogar, haben möchte. So plante ich also vor einigen Jahren das Ablegen aller förigen** Schweren in einem Endlager für restliche Gedanken, nichtsnutze Ängste, alte Muster und so Sachen, die unnötig unter der Haut und in den Erinnerungen schwelen und als wiederholt implodierende Schmauchpilze mal aufbegehren und schnaufen, dann wieder brav + still sind. Jedenfalls hatte ich zusammen mit einem Freund ein ernst gemeintes Projekt mit www domain usw., also Endlager punkt ch oder so was mit .org oder .net, vorgesehen. Wir hatten Stunden darüber gesprochen, waren enthusiastisch und auch überzeugt davon, dass das eine zeitgemäße Dienstleistung sein wird, um eben auch Unzulänglichkeiten zu entsorgen.

Aber dann reflektierten wir.

Nicht immer ist die Unzulänglichkeit tatsächlich eine Unzulänglichkeit. In Wirklichkeit ist eine Unzulänglichkeit nur gerade dann eine solche, wenn die Zweifeltante mit ihrer alten Tasche aus dem Brockenhaus am Arm daherkommt. Sie kann einen immer dazu bringen, es so zu sehen wie sie will.
Ganz anders tun es oft nahe Menschen. Sie glauben an dich. Menschen, die an dich glauben, sind wichtig im Leben, manchmal wichtiger als man selbst, doch ohne man selbst geht es ja auch nicht, das Leben. Das eine bedingt das andere... Eine Redakteurin sagte letzthin zu mir: Du kannst alles, du machst alles*! Ich schüttelte heftig den Kopf, denn ich schaffe ja nur einen gefühlten Viertel von dem, was ich überhaupt machen will und etwa die Hälfte von dem, was ich mir zutraue. Davon geht noch einmal ein Achtel beim Zweifeln drauf und ein weiterer Achtel geht in Träumen unter. Also alles ist das noch lange nicht, jedenfalls nicht was ich zu tun wünschte. Und von Können zu reden, ist mir aus verschiedenen Gründen zu aufwändig. Ich tue, was ich kann. Das ist subjektiv und bleibt subjektiv.

Endlich aber jetzt zu einem Beispiel kommend, das dieser Beitrag herausschälen will: Eine meiner Unzulänglichkeiten ist, dass ich nicht so wahnsinnig gerne, sondern nur ein bisschen, im Mittelpunkt eines Geschehens stehe. Doch in diesen Tagen erscheint ein Buch von mir. "Bernstein und Valencia" der Titel. Ich werde also zeitweise in einem Mittelpunkt stehen. Vielleicht fragt jemand von der Presse nach einem Rezensionsexemplar, um das Buch zu lesen und darüber zu schreiben. Dann folgt die Auslieferung an die Buchhandlungen. Ich plane eine Lesereise für den Winter 2018/2019. Vielleicht werde ich eingeladen werden und dann nach dem Lesen noch etwas sagen müssen. Ich werde mich kurz halten wollen, weil ich das so gelernt habe. Vielleicht werde ich mich verhaspeln, vielleicht aber nicht. Ich werde etwas über die Entstehung verraten und ob eine Geschichte aus welchen Gründen wichtig für mich ist.
Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Dann werde ich mich wundern, wozu ich all das tue, wenn es doch noch andere Dinge zu tun gibt auf der Welt, die wichtiger wären.

Zum Buch: In den 22 Erzählungen geht immer um das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Die Ausschnitte von Leben handeln von der human condition, oder besser der hum-animal condition. Einmal geht es um die Transformation zweier Menschen unter Wasser. Einmal ist es ein Törtchen und ein Mensch. Einmal ist es ein Junge und seine Mutter. Einer ist schon alt und sein Traum von einer Begegnung mit einem Ich ist auch in diesem Buch und wiederholt sich wie ein Kopfkino zur Selbstbefriedigung. Olga verliert ihren Rockstar, von dem ihr nur ein Haarbüschel bleibt. Ein Mädchen haut ab mit einer Frau und zwei Frauen verdrehen einander oder einem gitarrenspielenden Vampir den Kopf. Ein Ich geht in einem Haus von Raum zu Raum und trifft auf die Frau mit zwei Hunden, den damaligen Superintendant der iranischen Meeresflotte und schließlich bricht ein Aquarium im obersten Stock und Welse gelangen in den Speisesaal. Sonst aber ist alles in Ordnung.

Bevor ein Buch gedruckt ist und auf den Markt kommt, ist es noch ganz meines, danach wird es ein anderes. Und auch die Unzulänglichkeiten werden neu definiert. Also brauche ich sie nicht, wie halbwegs überzeugt eingeleitet, hier auszubreiten. Alles ist relativ und I am schließlich an artist. 

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*Was das Jetzt und das Alles sei, wären noch einmal zwei andere philosophische Diskussionen. Zum Jetzt eine Idee von Paul Takács: "Erinnerungen und Gedanken vernetzen das Jetzt mit dem Vorherigen und dem Kommenden."

**förig ist gleichbedeutend mit „übrig“. Da schon so viele Worte mit ü und u und un da standen, wählte ich ein träfes*** Wort aus meinem Dialekt. Auch weil es so schön klingt, wenn man es mit starkem f, langem ö und einem harten g am Schluss ausspricht. Das i darf leicht gehickst werden.

***träf ist gleichbedeutend mit treffend.

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P.S.

Mein Freund und ich haben es übrigens nicht weit gebracht mit dem endlager punkt ch oder org oder net oder so, denn wer will schon so weit denken. Dazu noch das Punktesystem, das wir zu entwickeln hatten. Also je mehr man endgelagert hätte, desto mehr Punkte hätte man sammeln können. Wir fragten uns: Was wäre der einzulösende Gewinn? Eine Pfanne hat jede und jeder schon, Geschirr auch, Plastikbehälter und Schöpfkellen auch. Die letzte Idee war ein Tropfsystem für die Zimmerpflanze während einer Ferienabwesenheit.... aber wer hat noch Zimmerpflanzen?

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Zu den Schmauchpilzen noch diese Aufklärung:

Wer Schmauchpilze kennt, weiß was gemeint ist. Allen anderen sei hier gesagt, dass es die Wortkombination nicht gibt, doch in meinem Buch kommt sie trotzdem vor. Schmauchpilze sind Phänomene. Sie wachsen da, wo Dinge alleingelassen werden und modern. Sie atmen laut und stoßen dabei Rauch aus.

 

Sibylle Ciarloni, Bernstein und Valencia, ISBN 978-3-906311-44-9, im Buchhandel erhältlich

 


La casa con il Moro

Il Moro ci sta accanto quando ci taglia le gambe el garbin' e quando ci spazza via la bora. Di solito, in estate, ci arriva la brezza del mare, più o meno da mezzogiorno. NOI siamo Stefano Ciarloni e Sibylle Catherine Gabathuler Ciarloni. Con noi vive un cane che si chiama Giò. La casa con il moro è anche la sede dell' Associazione Annex Cultura di San Costanzo in Provincia di Pesaro-Urbino.

La casa e la storia del moro
Neben unserem Haus steht unser adoptierter Maulbeerbaum / il moro (bot. dt. der Maulbeerbaum, engl. Mulberry Tree, frz. le mûrier). Er ist ein Morus Alba, ein Maulbeerbaum mit weißen Früchten. Rund 200 Jahre alt soll er sein. Vielleicht begann er um 1800 zu sprießen, schließlich zu wachsen und so dick und prächtig zu werden, dass man ihn aus der Landschaft nie mehr würde wegdenken können. Er ist ein sogenannter Kopfbaum, wurde immer wieder gestutzt. Die Äste hat man sich zu Nutze gemacht. Der Stamm wurde umfangreicher mit der Zeit. Der Baum wuchs schief im Feld am Hang, stand dem Bauer im Weg. Jetzt nicht mehr. Denn eines Tages kamen Camion und Trax, um den alten Baum mitsamt Wurzeln wegzubringen. Den Umzug zu uns hat er gut überstanden. Bis zu zehn Meter hoch kann er nun wachsen. Schon jetzt schaut er uns auf die Dachterrasse und wir ihm in die Krone. In seinem Stamm kann man sich verstecken und seine weißen Früchte schmecken süß. Noch in den Fünfziger Jahren hielten sich die Leute in der Gegend Seidenspinner-Raupen. Deren Kokons enthalten die Fasern für Seide. Die Raupen ernähren sich von den Blättern der Maulbeerbäume und die Kinder wurden geschickt, um Blätter zu sammeln für die Tierchen. Die Seidenspinner gehören übrigens zu den Echten Spinnern.

Accanto alla nostra casa vive un gelso adottato, è un moro (bot. dt. der Maulbeerbaum, engl. Mulberry Tree, frz. le mûrier). Si tratta di un Morus Alba, un gelso dai frutti bianchi. Contiamo che abbia circa 200 anni. Forse intorno al 1800 ha iniziato a germogliare, per poi crescere e diventare così folto e magnifico da non poterne fare a meno nel paesaggio. È stato potato più volte. I rami sono stati utilizzati. Il tronco si era ingrandito, l'albero cresceva storto nel campo del contadino. Ora non più. Perché un giorno  sono venuti a portare via il vecchio albero, con tutte le sue radici. È sopravvissuto bene al trasferimento. Ora può crescere fino a dieci metri di altezza. Si affaccia già sulla nostra terrazza sul tetto e noi guardiamo nella sua chioma. Ci si può nascondere nel suo tronco e i suoi frutti bianchi sono dolcissimi. Già negli anni Cinquanta gli abitanti della zona allevavano bruchi di falena della seta. I loro bozzoli contengono le fibre preziose. I bruchi si nutrono delle foglie dei gelsi e in quegli anni i bambini venivano mandati a raccogliere le foglie per gli animaletti.

Seidenspinner / Bruchi di falena della seta / Silkworms - watch their circular life this wonderful movie made by Civil Engineering on instagram

Bild: Albero, work on paper, 14 x 10 cm, Sibylle Ciarloni


Dem Ufer entlang

Morgens, mittags und abends. Über mehrere Jahre. Morgens, mittags, abends. Vom Strandtuch aus fotografierte ich ein Vorkommnis. Strandläufer. Dem Ufer entlang, strandauf strandab, am Übergang zwischen Atmen und Eintauchen, dort gehen Männer eher alleine. Sie denken nach, lachen vielleicht oder fragen sich leise - und womöglich auch das Meer - nach einem Weg nach Anderswo, einer Abkürzung zurück zum Strandtuch, einem Umweg. Manche sprechen, still die Lippen bewegend, einen Disput nach, denken sich, was sie mit mehr Mut, mit mehr Wachheit hätten einwerfen können oder sollen. Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gefragt. Im Buch bekommen sie Raum und Ruhe, wovon sie vielleicht gar nie geträumt haben. Seite um Seite gehen sie an des Lesenden Horizont. Am Ufer entlang, stundenlang. Mehr geschieht nicht.

Strandläufer, lungomare ist meinem Vater gewidmet, der einer von ihnen hätte sein können. Das Buch entstand an der Riviera Adriatica, zwischen Rimini und Ancona.

Bilder und Essay von Sibylle Ciarloni (Deutsch-Italienisch). Gedichte (Italienisch-Deutsch) von Andrea Angelucci, Schriftsteller in Fano.

Credits: Andrea Angelucci, Fano. Amsel Verlag, Zürich. Milenko Lazic, Zürich. Corinne Zora Schiess, Aarau. Newpress, Smederevo bei Belgrad. Sebastian Graf, Zürich. Francesca Fantuzzi, Zurigo. Volumes 2017 im Helmhaus Zürich, wo ich die frischgedruckten Bücher zeigen konnte. Julian Käser, Siebdruck 27 in Altstetten, der an der Buchvernissage im Dezember 2017 die Schatten der Strandläufer auf Frotteetücher siebdruckte - alle wurden verkauft. Danke auch Stefano Ciarloni, San Costanzo. Beate Frommelt, Zürich. Christine Glave, Zürich. David Siepert und Stefan Baltensperger, Zürich. Allen unabhängigen Buchhandlungen und Concept Stores, die das Buch verkaufen. Sowie allen Strandläufern und schließlich dem Kosmetiksalon Bar Babette in Berlin, wo ich den Band im Juni 2018 an Info on Books präsentieren durfte.

 

Update:

Im Januar 2019 habe ich die deutschsprachige und die italienische Version der Erzählung auf meinem Blog publiziert. Jean Til und Vera Frontfrau haben den Text Ende März 2020 im Wien der Corona-Zeit vertont.

Das Buch kann per Mail im Büro der Autorin bestellt werden.


Die es gut meinen

Wie es dazu kam, dass ich mich in einen Ablasshändler hineinversetzte und warum ich mich für die Reformation der Kirche im Besonderen und für die Reformation von Glaubenssätzen im Allgemeinen interessiere. Ich schaue von heute aus auf die Zeiten - meine Zeit jetzt und die Zeit um 1519.

Das knisternde Züngeln der Feuerzungen, die vom Himmel auf Köpfe hinab ragen und diesen womöglich einen guten Teil des Haupthaars versengen, so dass ihnen wie Franziskanermönchen vielleicht nur ein Kranz bleibt, war meine erste tief-religiöse Erfahrung. Jedenfalls legte ich sie im Nachhinein in dieses Fach, denn von diesem Züngeln erfuhr ich - noch Kind - an einem ansonsten ganz bedeutungslosen Tag im Religionsunterricht. Kein Kreuz im Haus - außer später dasjenige aus Ton von der ersten Kommunion - und auch nicht das Beten am Tisch, gehörten bis dahin zu meinem Leben. Es war die Erzählung vom heiligen Geist, der an Pfingsten den Menschen brennend über den Köpfen züngelte. Was es damit auf sich hatte, konnten weder meine Eltern noch ich mir erklären, d.h. weder ich, noch meine Eltern, zu denen ich in der Nacht nach diesem Tag ins Bett schlüpfen wollte, doch dazu sei ich nun doch schon zu alt, meinten sie und sagten stattdessen "groß". Die Alpträume kamen gleich nach dem Lichtlöschen, und dann, als ich das Licht nicht mehr löschte, kamen sie beim Augenschließen. Ich blieb schlaflos liegen, auch die folgenden Nächte. Im Religionsunterricht hielt man uns an, das mit den Zungen und dem Heiligen Geist zu glauben, denn sie und der Heilige Geist meinten es ja nur gut und die Erzählung sei im übertragenen Sinn zu verstehen.

Meine Taufe fand in der katholischen Kirche von Lenzburg im Schweizer Kanton Aargau statt. Meine Mutter ist katholisch, mein Vater war reformiert. Alle Bedeutungen der sich vor nicht allzu vielen Jahren noch extremer und auch feindlicher gegenüberstehenden Gottesdienste und Feiern, die zur Initiation oder Vereinigung im Namen Gottes stattfanden, haben sich für mich in meinen Eltern aufgehoben. Sie stritten nicht darüber, welcher Ritus der richtige war. Manchmal lachte mein Vater über die Katholiken. Aber die beiden Seiten existierten eigentlich nicht.
Ich war vor der ersten Kommunion bei einer Katechetin, die zu uns katholischen Kindern ins Klassenzimmer kam, und später, als es dann um die Kirchenreife ging im Religionsunterricht beim Vikar. Er kam mit einer Gitarre und wir sangen Kumbaya My Lord und We Shall Overcome. Das war gut so. Beichten mussten wir trotzdem. Ich sagte, dass ich viel Streit hätte mit meiner Mutter und auch meinen Schwestern. Das war nicht erfunden. Bete, bevor es wieder passiert und sonst nachher. Danke. Adieu.
Draußen waren die schultergepolsterten, dauergewellten 80er Jahre bis 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Die Geschichte wurde als zu Ende erklärt und Optimismus brach aus. Doch bald gab es wieder Gewinner und Verlierer und auch ich hatte zu tun und wollte mir nicht sagen lassen, dass die Bibel im übertragenen Sinn zu lesen sei und wie ich im übertragenen Sinn zu glauben und es gut zu meinen hatte. Ich wollte meine Erfahrungen längst selber machen und werden wer ich bin.

 

Das war eine kurze Einführung und nun komme ich zu ein paar Ausführungen, meine Arbeit über jenen Ablasshändler rechtfertigend:

Das mit der Verantwortung.

In der Zwischenzeit ist viel Zeit verstrichen und man weiß es jetzt auch im Vatikan: Der Mensch ist zu einem geologischen Faktor geworden. Anthropozän nennen Überzeugte die Zeit, in der wir leben. Anthropozän ist das Zeitalter, in dem der Mensch die Erde verändert. Nichts mehr wird in Gottes Hand gelegt.
Übernimmt der Mensch auch die Verantwortung dafür, die man sonst Gott zugewiesen hatte?
Ich meine - man kann mich gerne korrigieren - es müsse nun endlich darum gehen, dass der Mensch die Verantwortung für sein Handeln übernimmt und ich wünsche mir - man kann mich jetzt gerne auslachen - dass jenes Bewusstsein tatsächlich einsetzt. In einem einzigen Leben kann jeder und jede sich stets entscheiden, ob er die Verantwortung für sein Handeln übernimmt oder ob es ihm egal ist, was nach ihm passiert.
Übernehme ich die Verantwortung?
Du musst es selber wissen, sagte mein Vater oft und damit meinte er es gut, wenn ich das auch nicht immer so sehen konnte und er es vielleicht auch ohne gutmeinende Absicht gesagt hatte. Er lehrte mich damit, für mich Verantwortung zu übernehmen.

Das mit der Gnade.

In den neuen Diktaturen lassen sich Mächtige "demokratisch" wählen. Danach schwimmen sie in ihren mehr oder weniger großen Teichen und richten an, was Mächtige anrichten, bejubelt von einer Mehrheit, die die Verantwortung in Form von bekannten und auch von unbekannten Konsequenzen tragen wird. Auch Konzerne richten sich in solchen interessanten Situationen ein, gerne weit weg von Recht und Unrecht. In den alten Demokratien hat man dafür Kompensationssteuern eingeführt. Manche Journalist*innen nennen diese Steuern Ablässe.

Der Ablasshandel.

Was das tatsächlich bedeutet, ist auszuhandeln. Hier wird gebraucht, hier bezahlt und da wird ein Teil des Erlöses wieder investiert. Es ist eine Mischrechnung und eine Umverteilung von Verantwortung, die ich nicht mit einem Ablass gleichsetzen würde, denn es geht nicht um eine direkt kaufbare Gnade bzw. Begnadigung. Es geht um Vernunft. Als Mensch darf man heute (vielleicht) hoffen, dass Steuergeld in erneuerbare Energien, nachhaltige Planungen und auch in eine vernünftige Landwirtschaft fließen wird. Ein Ablass ist das, was nicht mit dem eigenen Leib und Geist als Strafe für eine begangene (oder zu begehende) Sünde zu bezahlen sein wird. Ich würde den Ablasshandel also in aller Ruhe da lassen wo er einst war, in der katholischen Kirche. Heute sind wir philosophisch (immerhin) ein Stück weiter und müssen uns - doch einen Schritt zurücktretend - fragen: Können wir mit unserem Handeln überhaupt alle Konsequenzen voraussehen, für die wir verantwortlich sein werden? Wir können es versuchen. Der Rest ist Gnade. Gnade der Natur, der Betroffenen. 

Zu meiner Arbeit.

Letztes Jahr habe ich mich in die Haut eines vom Papst gesandten Ablasshändlers versetzt. Er hatte vorgedruckte Briefe bei sich, mit welchen sich die Menschen von den meisten Strafen, die die Kirche verhandlungslos über sie erließ, freikaufen konnten. Im Februar 1519 hatte er an die Türen des Staufberger Kirchleins geklopft, um dort die Verkündung zu predigen und anschließend die Gläubigen sich von ihren Bussen freikaufen zu lassen. Vorher würde er die Beichte abnehmen. Klar. Er verkaufte den - auch "Beichtbrief für die Zukunft" genannten - Straferlass oft summarisch an ganze Landstriche und Gemeinden, aber auch an Nachkommen, die die Schuld der Vorfahren nicht mehr tragen wollten. Der Mann hieß Bernardino Sansoni, war (vielleicht) aus Berufung Franziskanermönch und von Beruf Ablassprediger. Zu seiner Zeit war er einer der erfolgreichen Verkäufer im Auftrag des Heiligen Stuhls in Rom. Das hatte auch damit zu tun, dass er bei den damaligen Helvetiern, man denke nun vor allem an die Innerschweizer Kantone, viel Geld einziehen konnte.
Sansone bedeutet auf Deutsch Samson. Es kann sein, dass der Mönch diesen Namen als Übername bekommen hat, es kann auch sein, dass es ihm gelegen kam, so zu heißen und dass er sich gerne mit der Legende des beinahe unschlagbar starken Samson gebrüstet hatte. Vielleicht hatten ihn die Feuerzungen nie erreicht, denn dann wäre er ja schwach geworden. Das Haar war die Schwäche des starken Samson der Legende. Doch bei einem Franziskanermönch muss man davon ausgehen, dass ein Haarkranz friedlich sein Haupt umwuchs und er sich mit seinem päpstlichen Mandat in der Manteltasche stark genug gefühlt hatte.

Der alte und der neue Glaube.

Im Namen Gottes richtig zu handeln, oder zu verkünden, dass man richtig handle und auch noch sagt, dass man es gut meine, das ist eine Anmaßung - nicht nur unserer Zeit.
Der Spaltpilz, der die Katholischen in der Zeit in Reformierte und Katholische teilte, war vor allem die Heuchelei des Handels mit vorgedruckten Ablassbriefen im späten Mittelalter. Man konnte sich von jeglicher Konsequenz, also damals der Strafe Gottes (bzw. der Kirche) freikaufen. Nicht von der Schuld - dafür war nach wie vor die Beichte bzw. der Beichtvater der Kirche zuständig - aber von der Strafe konnte man sich befreien und die Kirche bezeichnete diese Befreiung als Gnadenakt.
Gnade war nach Auffassung von Martin Luther und auch von anderen Reformatoren aber eine in intimster Zwiesprache mit Gott erfahrene Vergebung. Nichts, das man kaufen konnte.

Das Geld aus dem Ablasshandel diente einerseits den kirchlichen Prachtbauten in Rom, die seit 1506 von der Schweizer Garde* bewacht werden. Andererseits diente es der Abwehr der Islamisierung Europas**. Man hatte also durch die wegfallende Eigenverantwortung zum Reichtum des Kirchenstaates sowie zum Erwerb von Kriegsmaterial und vielleicht auch von Kämpfern im Namen Gottes beigetragen.

Der Ablasshandel war für alle Zukunft gemeint. Man konnte sich von jeglicher Konsequenz nach einem Verfehlen loskaufen, das nicht rechtens sein wird. So trägt man niemals die Verantwortung, sondern legt diese und das Geld dafür in die Hand der Kirche. Das ist eine selbstgewählte Entmündigung, die wir heute intellektuell so nennen können. Damals aber erschien jener Handel den Reformatoren als falsch und als Betrug gegen die Gläubigen.
Die Reformatoren der Kirchen Mitteleuropas hatten das mit der Verantwortung wohl noch nicht so gemeint wie ich, aber doch vielleicht schon im Sinne einer Verantwortung für das Überdenken des eigenen Handelns in der Zwiesprache mit Gott. Sie trauten den Menschen also vielleicht etwas mehr Reflektion und Einkehr zu. Mehr als die Katholiken.

Schlaflos brennen die Wörter.

Das Buch, das in diesen Tagen unter dem Titel "Schlaflos brennen die Wörter" erscheint, enthält Beiträge von 14 verschiedenen Autorinnen und Autoren aus der Schweiz. Auch ich wurde angefragt und ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal beim Herausgeber, Frank Worbs, für die lehrreiche Aufgabe.
Ich wählte jenen Samson, den Ablasshändler, als mein Thema.
Dass man sich von Verantwortung freikaufen kann, scheint mir nach wie vor ein aktuelles Thema zu sein, also ist es vielleicht auch ein allgemein-menschliches Thema. Dass sich so ein Händler auch noch Samson nennt oder nennen ließ, erschien mir auch höchst dubios und schon deshalb interessant.
Dank des Historikers Markus Widmer-Dean bekam ich Zugang zu Berichten von damals, zu Kopien von Ablassbriefen und zu geschichtlichen Lexika. Mehr als 60 solcher Dokumente sowie einige mir zugängliche Schriften über Religion, die Zeit damals und Mittelaltergeschichte hatte ich gelesen, bevor ich mich ermächtigte, die Stimme eines Mannes zu sprechen, den ich selbst nicht respektiere.
Mit dem fiktiven Plädoyer, das Samson an den Pfarrer der Kirche auf dem Staufberg Johannes Fry*** richtete, wollte ich ergründen, wie sich jemand rechtfertigt für was er tut, wie er argumentiert, wie er um Eintritt über eine Schwelle bittet, den jener Pfarrer bereits als Übergriff deutete.
Samson war eine Machtperson im Auftrag des Allmächtigen Vaters und des Heiligen Geistes. Er fühlte sich zweifellos im Recht. Er handelte im Auftrag des Papstes und fühlte sich ebenfalls ermächtigt durch die vielen Gläubigen, die bereits bei ihm gekauft haben. Die vielen kaufenden Gläubigen könnte man in unseren Tagen im übertragenen Sinn als Zielgruppe und Markt betrachten. Der Markt entscheidet, wird gerne als obersterstes Lenkungsargument geführt. Und so wird der Markt zur Masse und das bedeutet, abgekürzt heutig vereinfacht besehen, dass sie im Recht sei.
Das glaube ich nicht und ich bin nicht die Einzige.
Ob es eine Reformation von diesem (alten) Glauben geben wird?
Vielleicht ist sie schon im Gang und wir bemerken es nicht.

Fußnoten.

Samson zog unverrichteter Dinge vom Staufberg bei Lenzburg nach Baden, wo er jeden Tag nach der Messe auf dem Kirchhof Ablässe verkaufte. Die Gläubigen kamen, doch er wurde auch verspottet. Ein Mann stieg auf das Dach der Kirche, von wo er einen Sack mit Federn ausschüttete und auf den Ablassprediger schneien ließ. Dabei rief er jenen zitierend: Ecce Volant! Ecce Volant! Seht, wie sie zum Himmel steigen! Gemeint waren die Seelen der Verstorbenen, die nach dem Kauf eines Ablassbriefes durch ihre Nachfahren aus dem Fegefeuer in den Himmel stiegen. Auch in Baden blieb Samson deshalb nicht sehr lange. Er zog nach Bremgarten, wo ihn Bullinger schon erwartete und gleich wieder fortschickte. Er gelangte nach Zürich, wo ihn Zwingli abwies. Die Tagsatzung verbot ihm schliesslich den Ablasshandel. Mit einer Bulle vom 1. Mai 1519 rief ihn Papst Leo X. zurück in die Heimat. Man berichtete, er sei über Graubünden wieder nach Italien gereist. Vielleicht war er noch in St. Moritz. Das Bündner Luxusdorf wirbt für die St. Mauritius Sauerquellen heute noch mit jenem Papst Leo X.

Ich selbst bin etwa mit Fünfundzwanzig auf schriftlichem Weg aus der katholischen Kirche ausgetreten. Der Pfarrer schrieb, er hoffe, dass es nicht an ihm liege. Es lag nicht an ihm, ich hatte nur nie an die Institution geglaubt. Heute kann ich über meine Erfahrungen mit der Kirche in der deutschsprachigen Schweiz und in Mittelitalien sagen, dass mich ihre Art und Weise, die Dinge scheinbar ewig zu wiederholen manchmal sogar inspiriert, mich mit Werten und Moral auseinanderzusetzen. Was mich aber an ihr zweifeln lässt, ist nach wie vor einiger Geistlicher Aneignung anderer, oft sehr junger Menschen zum egoistischen Spass. Und dass sie frei sind und nicht zur Verantwortung gezogen werden.

*
Helvetische Legionäre waren auch anders im Einsatz, doch das ist eine andere Geschichte. Dass Samson in der Innerschweiz offenbar guten Umsatz gemacht hat, lässt mich allerdings an einen Zusammenhang mit den Taten der Legionäre denken. Viele Innerschweizer dienten in den Heeren der europäischen Könige. 
**
1453 wurde Konstantinopel erobert, 1529 belagerten die Osmanen Wien.
***
Johannes Fry war Pfarrer und Universalgelehrter. Die Kirche Staufen war auch für die Stadt Lenzburg zuständig.

Das Buch:
Schlaflos brennen die Wörter
Herausgeber: Frank Worbs
Reformierte Landeskirche Aargau

Das Buch erscheint im Theologischen Verlag in Zürich.
Die Vernissage fand am Mittwoch, 25. April 2018 im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg statt.

Zum Bild: Ex Chiesa di San Francesco Fano, Italien.

Bild: Sibylle Ciarloni, ca. 2009


Martha ist weg

Zum ersten Mal wurde mir die Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in zwei fast zeitgleichen Geschehnissen bewusst. Eine Bekannte behauptete, ich hätte ihr ein Bild gestohlen. Auch ihr Bruder, der schon Jahre zuvor gestorben war, tauchte bei ihr auf und lebte mit ihr. Träume, in denen sie Dinge kombinierte, die nicht so geschehen waren, sind für sie Wahrheit geworden und nichts konnte sie von etwas anderem überzeugen. In jenen Tagen las ich zudem in der Zeitung von einem Mann, der verschwunden war und dessen Partnerin ihn überall suchte, da er nicht wisse, wohin er gehöre. Ich erinnere mich an meinen Gedanken, dass er vielleicht nicht mehr wissen wollte, wohin er gehöre.

Das war - zugegeben - kein Gedanke, der auf Wissen basierte, es war eine Interpretation und ich schob den Spaltpilz aus meinem Hirn. Auch wenn an der Idee, dass man sich eines Tages entscheiden wollen könnte, woran man sich erinnert und woran nicht, doch etwas ist. Es gibt Menschen, die glauben, dass sie das können, sie werfen weg, woran sie nicht denken wollen und so geht es dann auch. Das mit dem unbesorgten Leben, wie es in den Optimierungsbüchern steht.

Doch was ist weg, wenn man nicht mehr daran denkt? Und was geschieht, wenn man wirklich vergisst und sich nicht oder anders erinnert? Solange jemand nur sich selbst gegenübersteht, geschieht wohl genau nichts. Doch was ist mit jenen, die Teil des persönlichen Erinnerns und Teil also des Lebens sind, des gemeinsamen Gehens, Aufwachsens, Liebens, Reisens, Wohnens, Austauschs. Schon in einem noch normal-präsenten Zustand erinnert man sich ja nicht immer, selbst nicht an alle Geschehnisse, das man zusammen erlebt hat. Und oft ist es wie bei einem Buch. Drei Menschen lesen das gleiche Buch und alle erzählen anders über das Gelesene.

Was bleibt also von der Gemeinsamkeit mit den Partnern, den Freundinnen, den Geschwistern, wenn auch in der Erinnerung langsam verlorengeht, was man geteilt hat und vielleicht nur noch das gezeichnet bleibt, was für die Erzählung der jetzigen, eigenen Geschichte wichtig ist? Und ist es wichtig, dass etwas bleibt?

Es sind rhetorische Fragen für den Moment. Sie müssen vielleicht im vorsichtigen Austarieren beider Erzählungen, im sozusagen fast demütigen Akzeptieren des anderen Wahrheit unbeantwortet bleiben, um nicht in einen Zwist zu geraten, der unschön hasserfüllt werden kann, wenn der eine dem anderen sagt, es sei so gewesen und auf gar keinen Fall so, wie das Gegenüber sich erinnert.

 

Mit diesen unvollständigen Überlegungen über das Erinnern und die Vergänglichkeit will ich auf ein Buch des Fotografen Julian Salinas hinweisen, bei dem ich mitarbeiten durfte: Für demenzkranke Menschen eine Umgebung zu gestalten, in der sie sich wohlfühlen, ist nicht nur eine Herausforderung für Pflegende und Angehörige, sondern auch für Architekt*innen und Künstler wie Julian Salinas, der im Rahmen der Kunst am Bau Vergabe gearbeitet hat. Für die Innenräume des Demenzheims neues marthastift in Basel hat er eine Fotoarbeit geschaffen, die mit der Erinnerung an Vertrautes spielt. Seine Fotografien zeigen Basel, die Stille, das Alltägliche, das Vertraute in den Quartieren. Die fotografischen Momentaufnahmen werden begleitet von Beobachtungen, die Karen N. Gerig zu jedem Stadtquartier verfasst hat und von meinen Dreizeilern, in denen ich zusammen mit Martha der Vergänglichkeit und dem Erinnern auf der Spur bin …über den Amselmann, den Hut, den Stock, den Regenschirm oder dass nur noch fehlte, sich in Englisch zu verlieben… Home is where you are!

Es sind kurze Beiträge, doch freue ich mich sehr, Teil dieses Projekts geworden zu sein.

Julian Salinas
Wo ist Martha?
Fotografische Momentaufnahmen aus Basel.
Erschienen im Christoph Merian Verlag.
Mit einem Beitrag der Architekten Müller & Naegelin, Basel.
Gestaltet von Beat Roth, portolibro in Basel.

Beitragsbild: Sibylle Ciarloni, 2023, Venezia Centrale Elettrica


How to escape

(english below)

Teheran ist die Hauptstadt des Iran und liegt im Norden des Landes. Der zentrale Golestanpalastkomplex mit kunstvoll gestalteten Räumen und einem Marmorthron war einst der Machtsitz der Dynastie der Kadscharen. Das Nationale Juwelenmuseum besitzt zahlreiche Juwelen der Kadscharenherrscher, während die Ausstellungsstücke im Iranischen Nationalmuseum bis ins Paläolithikum zurückreichen. Der Milad-Turm bietet Panoramablick auf die Stadt.
Quelle:
google maps 2018

Wann geht es los?
Es ist alles bereit. Jetzt.
Was nehme ich mit?
Wasser, Zigaretten, Geld.
Nimm nur einen kleinen Rucksack mit, du sollst in den Städten nicht auffallen. Verhalte dich wie ein Tourist. Interessiert. Mach Fotos. Es ist schwierig, an Bord eines Schiffes zu kommen. Sei still auf dem Schiff. Ruf deinen Onkel an, er soll dir Geld schicken. Sei nicht enttäuscht, wenn er keins mehr hat. Such dir einen Job auf einer Orangenplantage. Du musst einen Griechen suchen, der dir seinen Job überlässt. Du arbeitest an seiner Stelle und er lässt dich 10% seines Lohnes behalten. Das sind 10 Euro pro Tag.
Quelle:
Ways to Escape One's Former Country
Englisch, Arabisch, Deutsch
Herausgegeben vom Künstlerkollektiv Baltensperger + Siepert.

Was kostet das Erreichen einer Umgebung, in der ein freies Leben möglich wird?

Damit muss man rechnen: Du wirst vergewaltigt werden. Frauen wie Männer müssen damit rechnen. Aus Somalia in Richtung Lybien. Aus Afghanistan Richtung Griechenland. Aus dem Iran Richtung Türkei. Aus Marokko nach Algerien. Von dort reisen sie weiter, bezahlen wie vorher jede Etappe mit Geld, das sie am Körper tragen, manche mit dem Körper, den sie als Geld mittragen. Hoffnungsvoll geht es weiter. Es geht nicht anders, als mit Hoffnung zu reisen.

Stefan Baltensperger und David Siepert teilen mit Ways to Escape One’s Former Country nach vielen Interviews mit Menschen, die geflüchtet sind, Erfahrungen und Tipps mit Menschen, die das alles noch vor sich haben. Die Berichtenden zeichnen in genauen Strichen ihre Erfahrungen auf. Sie sprechen dich an, sie sprechen Sie an. Sie geben Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Einerseits nützliche Hinweise, andererseits schonungslose Dokumente. Sie erzählen von unserer Zeit der Versprechungen und der Mängel, die Zeit der unsichtbaren Hand des Ideals vom sich selbst regulierenden Markt. Sie, die unsichtbare Hand lockt, holt, stoppt, nimmt, wedelt, macht sich hohl, fasst an, dann winkt sie. Ganz so wie es ihr passt. Sie ist launisch, anarchistisch, schreibt sich ihre eigenen Regeln, verwirft sie. Sie ist nur an sich selbst interessiert.

Meine Mitarbeit

Während ich in der warmen Sommersonne freizügig gekleidet herumsaß, las und redigierte ich die deutschsprachigen Texte. Ich hörte die Stimmen, fühlte die Pausen. Nachts war ich auf der Flucht. Ich träumte und rannte und weinte und duckte mich und rauchte viel.

Es scheint mir nach wie vor ganz und gar unwirklich, was geschieht, auch wenn mir vor vielen Jahren schon ein sizilianischer Fischer erzählte, dass er nicht mehr arbeiten könne. Er halte es nicht mehr aus, Teile von Menschen aus seinen Netzen zu entfernen.

An dieser Stelle wollte man nun vielleicht ein tröstendes, sich mit den Begebenheiten versöhnendes Wort lesen. Doch ich habe keines.
Wir sollten einem Ufer entlang gehen und darüber nachdenken.
Mindestens nachdenken.
Es kann alles dabei herauskommen, auch nur 1 gute Idee oder sogar mehrere, das Leiden zu mildern.

 

Ways to Escape One’s Former Country
Handbook for an Uncertain Migration

Das Buch kann hier bestellt werden.
Die Anweisungen basieren auf Interviews, die zwischen 2015 und 2017 mit Menschen im Exil geführt worden sind.
ISBN 978-3-9524764-0-6
www.baltensperger-siepert.com

Von den beiden Künstlern stammt auch der Band „Invisible Philosophy“.
Link zu meiner Rezension in der tell review.

 

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Tehran is the capital of Iran and is located in the north of the country. The central Golestan Palace complex with ornate rooms and a marble throne was once the seat of power of the Kajar dynasty. The National Jewellery Museum has many jewels of the Kajar rulers, while the exhibits in the Iranian National Museum date back to the Palaeolithic. The Milad Tower offers panoramic views of the city.
Source:
google maps 2018

When to go.
It's all ready to go. Now.
What do I take with me?
Water, cigarettes, money.
Take only a small backpack, you don't want to attract attention in the cities. Act like a tourist. Interested. Take photos. It is difficult to get on board a ship. Be quiet on the ship. Call your uncle and ask him to send you money. Don't be disappointed if he doesn't have any. Get a job on an orange plantation. You have to find a Greek who will give you his job. You work in his place and he lets you keep 10% of his wages. That's 10 euros a day.

Source:
Ways to Escape One's Former Country
English, Arabic, German
Published by the artists' collective Baltensperger + Siepert.

What does it cost to reach an environment where a free life becomes possible?

You have to reckon with that: You will be raped. Women as well as men have to reckon with that. From Somalia in the direction of Libya. From Afghanistan towards Greece. From Iran towards Turkey. From Morocco to Algeria. From there they travel on, paying for each stage as before with money they carry on their bodies, some with the body they carry as money. The journey continues with hope. There is no other way than to travel with hope.

In Ways to Escape One's Former Country, Stefan Baltensperger and David Siepert, after many interviews with people who have fled, share experiences and tips with people who still have it all ahead of them. The people reporting record their experiences in precise strokes. They address you. They give instructions on how to behave. On the one hand useful hints, on the other unsparing documents. They tell of our time of promises and shortcomings, the time of the invisible hand of the ideal of the self-regulating market. The invisible hand lures, fetches, stops, takes, makes itself hollow, touches, then waves. Just as it suits her. She is capricious, anarchistic, writes her own rules, discards them. She is only interested in herself.

My cooperation

While I sat around liberally dressed in the warm summer sun, I read and edited the German-language texts. I heard the voices, felt the pauses. At night I was on the run. I dreamed and cried and ducked and smoked a lot.

It still seems completely unreal to me what is happening, even though many years ago a Sicilian fisherman told me that he could no longer work. He could no longer stand to remove parts of people from his nets.

At this point, one might want to read a word of consolation, reconciling oneself with the events. But I have none.
We should walk along a shore and think about it.
At least think about it.
Anything can come of it, even just 1 good idea or even several, to alleviate the suffering.

Ways to Escape One's Former Country
Handbook for an Uncertain Migration
The instructions are based on interviews conducted with people in exile between 2015 and 2017.
ISBN 978-3-9524764-0-6
The book can be ordered here www.baltensperger-siepert.com
The volume Invisible Philosophy is another important book made by the two artists.

Beitragsbild: Orgullo no se vende. Sibylle Ciarloni, Madrid 2019