Den Winter 2018 verbrachte ich als Artist in Residence am Inn, unterhalb des schwarzen Sees, dem Lai Nair in Scuol Kanton Graubünden in der Schweiz.

Ungenaue Aufzeichnungen meiner Zeit in www.nairs.ch

 

Haarcreme

Dein Haar ist schwarz. Ich habe Shampoo für blondes. Egal. Mein Haar ist schwarz, sagst du. Es riecht gut. Wir teilen das Shampoo. Dein Haar riecht gut. Ich verwende deine Haarcreme, dein Duschgel von Rituals. Unsere Haut riecht gleich wie unser Haar und wir essen das Gleiche und sind zusammen in Schwarz am Tisch mit einer Dritten und bald einer Anderen. Ich bleibe blond. Eine Rote kommt dazu. Eine zweite Schwarze, eine wirklich Blonde, ein Aschblonder, zwei Brünetten und ein an den Schläfen Grauer. Doch als er kommt, da bist du schon weg, erste Schwarze.

 

Wasserhahn

Sie wolle nur kurz Wasser nachfüllen, drängt sie, ihr Oberarm an meinem, dann an mir vorbei, mit der Hand zum Hahn hinlangend, zum Wasserhahn. Ich schrubbe eine Pfanne, das Wasser ist warm, natürlich, sage ich noch, natürlich, stehe zurück mit Pfanne und Bitteschön weg vom Strahl. Sie hält den Teekocher unter den Hahn. Füllt den elektrischen Krug. Ab damit. Das Wasser fließt heiß, verdammt heiß. Ich drehe auf kalt, verdammt kalt, um mich zu erholen von der fehlenden Einfühlung.

 

Stalaktiten Stalagmiten

In Tropfsteinhöhlen tropfen Sandmineralien von Wasser begleitet auf den Boden, dort formen sie Säulen mit der Zeit, Säulen von oben, Säulen von unten. Zeit spielt hier keine Rolle. Hier formen sich Phallusse aus Eis von unten, dank der Sonne, die die Eiszapfen wärmt, die stetig tropfen, von oben. Draufsetzen ginge nicht, doch die Vorstellung ist bereits in der Welt und was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden, sagte Dürrenmatt, der unweit von hier logierte und das Durcheinandertal in seinem letzten Buch beschrieben hatte. Ein Buch wie ein Hotel, willkommen im Sanatorium, sagte ich gestern und die Neue erschrak.

 

Lohn

Lohn nehmen wir keinen. Wir zahlen. Und wir spielen. Wir spielen die Unkonformen und wir spielen Ping Pong. Ich könnte viel Geld verdienen, wenn ich mich anpassen würde. Der Lohn der Angepassten ist, dass alle dich lieben, außer du selbst. Das ist nicht nötig, sagte sie. Wir haben keine Kinder. Das macht das Leben einfacher, sagte eine andere. Einmal werden wir für all das belohnt werden, sag ich nicht. Ethel Adnan wurde schließlich auch spät berühmt, sagt sie wieder. Ja, genau, sagt die andere. Ob es ihr damit besser geht? Frag ich nicht. Lasst uns doch einfach weitermachen, sage ich.

 

Eisfischinnen

Männer, die längst alt sind, fischen Frauen, die immer jung bleiben, an den Festivals für Poesie und sie nennen sie, du Fischlein klein, willst du mit mir allein. Ich verspreche dir ein Wasauchimmer. Schon schwimmen sie im Inn, wie Flundern als Eisschollen, sich wundernd über Zusammenhänge, die dichter werden, näher kommen, Würme werdend, gefrieren sie. Aber Fischinnen sind nicht einfach Tiere, die auf einen Wurm wartend unter Wasser leben. Dort leben doch auch die Austern, die der Musiker im Turmzimmer vor rund hundert Jahren gefischt hatte. Nicht aus dem Inn selbstverständlich. Es war im Norden von Frankreich am Meer, wo die Steine flach wie Flundern in der Ebbe liegen.

 

Bondage

Die junge Musikerin hat tiefe Falten in ihrem Gesicht. Aus der Ferne sah sie sanft aus, wie ein Mädchen, das sich seiner nicht ganz bewusst ist. Aber gerade noch sitzt sie neben mir, schmiegt sie sich an mich, will Brot, dann Wasser. Sie lacht über Ernsthaftes. Wird ernst, wenn es um ihre Befehle geht. Wie sie sich anzuziehen haben, nämlich, ihre Musiker und der Manager schmiert ja ja, genau so, ein Hemd, ja ja, schmiert er aufs Brot. Wasser, ruft sie dann. Und noch zwei- dreimal: Wasser . mit Ausrufezeichen. Sie zeigt mit dem ganzen Arm in Richtung Flasche, schneidet Gespräche entzwei, fesselt immerhin unsere Blicke so quasi schon backstage vor dem Konzert.

 

Waldrand

Letzte trockene Blätter zupft er von einem Strauch, der frierend aus dem Schnee ragt. Trockenfrüchte, denke ich später. Der Fahrer im Bus ruft anstelle einer Station, die eh vom Band kommt, durchs Mikrofon: ein Hirsch, luagand, a Hirsch. Ausrufezeichen auch hier. Er muss es mehrere Male sagen, da Flachländer keine Ahnung haben von Bündner-Postauto-Chauffeuren und wie die auch können. Sein können. Wir zielen unsere Augen durch die dreckigen Doppelgläser zum Waldrand und entdecken den Hirsch am Nordfuß des trutzigen Schlosses, wo man nur gegen Geld oder als Lustknabe reinkommt.

 

Griechenland

Das Scuol Palace wird besetzt von ein paar Griechen, die es umbauen und sobald es wieder Auberginen hat im Coop, und das ist trotz allem immer, backen sie Moussaka und saufen Bier dazu. Die Dosen werfen sie in den Crützer-Container, der abgeholt wird, alle paar Wochen. Das gehe schon seit Monaten so, sagen die Leute. Dafür lassen die Griechen das Licht brennen und tanzen Sirtaki durch die Nacht. Im Juni werden sie die Olympiade eröffnen. Seit Ostern sind sie nun schon weg und haben die Lichter aus der schwarzen Nacht gelöscht.

 

Heimat

Das Schweizchen ist ein kleines Land. Alle kennen enand. Wo man einander kennt, ist Heimat. Heimat ist der Grenzübertritt nach Italien und auch die Stelle beim Bach, wo wir heimlich rauchten. Oder das Hinterrad eines Fahrrads. Das Hinterrad meines Vaters ist Heimat, sagt Romana, die Skifahrerin, die Hiergeborene, die mit frischem Teint und schwarzem Bob in enger Jeans am Tisch sitzt und über Polenta spricht mit der Baslerin, die keine Dortgeborene ist. Aber was spielt es für eine Rolle, wo einer geboren wurde oder eine? Es spielt eine. Weil wo man herkommt, da kommt man her. Und jetzt schneit es auch noch.

 

Sommerkröten

Ich füge letztjährige Sommerkröten als Profilbild ein, lese Barbacor teils Romanisch teils Deutsch, Herzkater von Chatrina Josty, sie fragt, ob wir stark genug sein werden, um stärker zu sein. Meine Tante sagt, dobbiamo essere forti und dabei denkt sie an die Zukunftsangst im Allgemeinen und an ihre eigene. Einmal am Tisch sagten wir: We have to be strong. Ich erkenne die Hand vom Caduff im Barbacor, auch die Schriften. Ich widme mich wieder dem Meeressaum und den Absurditäten des Daseins, trinke starken Kaffee mit Mickey Mouse und Wasser mit Allegra. Die Sommerkröten wären hier längst vereist, dort, damals, letzten Sommer, sind sie verbrannt.

 

Bergson

Due esseri umani si parlano in una lingua estranea; io ascolto. Significa che le sento? le stesse onde che raggiungono le loro orecchie, raggiungono anche le mie. Percipisco però soltanto un rumore torbido, dove un suono assomiglia l’altro. Non distinguo niente o non potrei ripetere niente. Nella stessa massa sonora i due interlocutori distinguono consonanti, vocali e sillabe che sono differenti, dunque delle parole semplici. Dov’è la differenza tra me e loro? Die Übersetzung ist kaum exakt, doch gerade jetzt scheint sie mir perfekt.

 

Vegetan

Im Topf die Saucen schön gelb vom Eigelb ein bisschen und beide salzig vom Tofu, vom Fisch. Oh nein, nicht vegan. Basilikum obenauf, zwar grün, doch vom Winter schlapp. Die Küche wie das ganze Haus ist ein Ort der Verwechslungen, von vegan bis wehgetan. Vegetan hat, dass der Küchenschaft nicht auf die eine Seite zugeht, sondern auf die andere, vegetan hat der eingeklemmte Daumen nämlich. Dann die wiederholte Schraffur am Mittelfinger vom Schiebeschloss an der Türe zum Klo. Der Riegel könnte etwas Seife gebrauchen, nicht um sauberer zu werden, sondern zwecks einfacherer Schiebung und Ruhe auf dem Gang.

 

Wimmern

Nachts klingen manchmal wimmernde Laute vom Inn her ins Innere, wie hinkende Verse ohne Konsonanten. Einzelne Bewohnerinnen, die klappernd mit den Absätzen, die sie aber nicht anhaben, weil hier braucht man nicht viel, schon gar keine Absätze, schlarpen also durch die Gänge in rosaroten Einwegsocken und fragen sich und alle anderen, die schon schlafen, was für Geräusche, die wimmernd vom Inn her schimmern, das denn sein könnten, wenn nicht die von den Eisfischinnen, jenen starren, flachen, perfekten, eisigen Flundern, die auch mal einfach weinen müssen.

 

Interpretation

Wiki sagte, Gott wolle nicht, dass man sich verständige, Gott wolle Krieg, für immer. Wenn es nach Moses ginge, dann ist dem so. Der Turm zu Babel konnte nicht fertiggebaut werden, weil Gott den Turm mit jener Spitze, die bis in den Himmel ragt, nicht duldete. Zu hochmütig die Menschenkinder. Er zertrümmerte den Turm von oben herab und verwirrte die Sprache durch ein Wunder, schickte die falschen Wörter um die Welt. Daher also die überlieferte Zerstreuung, die zerstreute Überlieferung der Wörter, die um die Welt brennen. Wiki weiß alles. Ich verstehe nichts. Offenbar muss ich doch endlich die Bibel lesen.

 

Alphabet

Von Aufmerksamkeit bis Zuneigung geht das ganze Alphabet drauf mit den Verben und dem Werben, eine einzige Bewegung, würden die Analytiker behaupten. Die meisten Wörter, die mit keit und ung enden, sind weiblich. So lernen wir Deutsch, lacht die schöne Perserin. Spielend leicht reihen sich dann auch die Zeitwörter dazu, fressen sich durch die Tage, trinken Kaffee, Tee und Alte Pflaumen, fröhlich ob der gut gepisteten Hänge, denen wir uns in den Gondeln gewichtsverlagernd gefährlich zugeneigt haben.

 

Popkultur

Sie sei eine Reaktion auf das Durcheinander in der Welt. Sie sei keine Willensbekundung, sondern Aufräumung. In der Popkultur komme eine Andeutung auf einen Refrain schon nach rund drei Sekunden, schon sei man also eingeladen, alles zu begreifen, wenn auch nur andeutungsweise, aber schließlich komme er ja dann, der Refrain und man könne mitsingen, was alle anderen auch können. So einfach sei das, populär zu sein. Dasselbe gilt vielleicht für die Kunst. Sobald man mitsingt, ist man dabei. Und Dabeisein ist alles.

 

Blausein

Das Blau der kommenden Tage, wenn da diese durchlässige Leere in dir sich ausbreitet, wird grüner sein als du sie dir denken kannst und grauer als der alte Schnee, der schon schwarz in den Gräben liegt. Die Hoffnung wird sterben und wir alle werden mindestens einmal denken, dass wir niemanden brauchen hier. Aber dann sind wir allein und du fängst an, mit niemandem zu sprechen. Niemand bin ich. Ich fühle das Drehen des Windes, auch wenn ich im Haus bin. Und wir ist nicht gleich wir. Ich bin nicht blau. Wir sind nur irgendwie so heute und morgen sind wir anders. Ich werde demütiger sein in Zukunft and do some more small talk. Die Weisheit sagt, dass man immer jemanden treffen kann, der einen weiterbringt. Beziehungen Baby weisch. So wird das sein und sobald ich ab jetzt jemanden kennenlerne, werde ich ihn fragen, ob er mich weiterbringen wird.

 

Schwarzeis

Schwarzeis ist weitgehend luftblasenfrei gefrorenes, kompaktes und vergleichsweise tragfähiges Eis. Es wirkt transparent und erscheint damit in der Farbe seines Untergrundes und das sind nasser Asphalt und dunkle Gewässerböden. Es bildet sich auf stehenden – beziehungsweise nur langsam fließenden Gewässern. Wikipedia erklärt, übersetzt nicht, zeigt nicht viel, nurmehr Worte, die in der Translation immer schwieriger werden, weil man sich schon einige Dinge erzählt hat und nun würde ein Gespräch tiefer gehen, vielleicht bis auf den Grund, der unter dem Schwarzeis liegt, das bricht, oder auch nicht.

 

Spreitenbach

Die Schweiz hat wieder eine Miss, übersetzt also ein Fräulein, das noch nicht zwanzig ist und seit seiner Geburt in Spreitenbach lebt. In der Homestory aus einer altrosa-eierschalig-süßlikörigen Puppenstube zeigt es die Kleider seines Stils. Dann steigt Fräulein Schweiz in die Badewanne, allerdings verdeckt es mit einer Art Verband Rundungen sowie das Vorne und das Hinten. Nur fünf Minuten dauert der Film, den du mir in der Küche zwischen den Tellern und den Töpfen zeigst. Schon frage ich dich, ob du denn eigentlich nicht doch auch so leben wollen würdest, einfach für den Fall, dass du dir glaubtest, während du dir vormachtest, dass das toll ist, so ein Leben, meine ich. Du lachst und bist dir vielleicht auch nicht sicher.

 

Unterland

Im Zug zwischen Outlet Landquart und Guarda Halt auf Verlangen, Fermada sün dumonda, hegen zwei ältere Herren Sympathien für Diktatoren. Dann beneiden sie Mister George Soros für seinen Humanismus, oder ist er ein Philantrop, ja, das muss er sein, sagen sie, und sie verstehen nun nicht, dass ausgerechnet der die Universitäten infrage stellt. Die erste Eidechse sehe ich in Jenaz. Danach viele Häuser ohne Wege in schneenackten, grünen Wiesen. Sind das die berühmten schweiz-bescheidenen Hangare mit Raketenabwehrsystemen, die sie rasch aus den Kaminen hochfahren, wenn man sie braucht?

 

Randulinas

Schwalben fliegen aus, kommen wieder. Hier sind sie zuhaus. Gewesen. Die dürre Klematis verströmt Jasmin mitten im Winter. Vielleicht ist es ein Raumduft, der aus einem der angestellten Fenster strömt, über die schrägen Fenstersimse auf den Schotter tropft und in winzig kleinen, ölumrandeten Parfumpfützen liegen bleibt. Ich rieche Jasmin und gehe ihr nach. Sie führt mich im Traum über eine kleine Treppe nach Istanbul. Ich höre mit den Augen. Der nasse Boden vor der Kirche knackt, er trocknet nackt in der Mittagssonne und Fliegen fliegen auf. Erschrocken. Wintermüde. Und später geht von da aus eine Randulina vor ihm, er hinter ihr, auf dem Weg nach Gonda, wo einst dreißig Häuser gestanden haben.

 

Nebeneinander

Schälen sie Mandarinen auf der Bank unter dem Baum am Hang. Eisig der Wind, nur rasch, hopp hopp, schälen sie nebeneinander Mandarinen auf der Bank unter dem Baum am Hang. Die Füße im Schnee. Die Schalen auch. Die Eierschalen von Ostern. Sehen schön aus im Schnee. Ich sehe sie im Gras dann, im Frühling, noch lange nicht kompostiert. Weder die orange-roten Fruchtschalen, noch die regenbogenfarbenen Eierschalen. Sie liegen nun hundert Jahre nebeneinander vor der Bank unter dem Baum am Hang oder so lange, bis neue dazukommen. Dann wird neu geordnet, bis alles schwarz wird und vergeht.

 

Guarda!

Sie können zu Raum drei, die Raumpflegerinnen-App klingelt, sagt, sie können zu Raum drei. Sie zieht das Handy aus der Burberrytasche von Coop, löscht flink die Ansage, denn sie sitzt schon im kleinen Personenbus, der sie über die Serpentine von Guarda Cumün zur Guarda Staziun bringt. Ihr schwarzes Haar ist in einer bananenlangen schwarzen Klammer am Hinterkopf aufgedreht. An der Staziun steigt sie aus, drückt den Knopf, um Halt auf Verlangen, den Zug anzuhalten, der in sieben Minuten erst kommt und uns einsteigen lässt. Sie können zu Raum acht, die App ist langsamer als sie, die längst aus dem Hotel gegangen war und jetzt mit mir im Zug fährt, weit weg von den Staubmäusen.

 

Bild im Bild

Dass Tiefe durch den Fluss der Gedanken ins Nichts oder auch durch eine sich immer wieder zeigende Darstellung hergestellt wird, ist nicht neu und auch nicht das Erleben in der vom Nichts umzingelten Selbstbezogenheit, die Orte ohne Agglomeration und ohne Nachbarn aufweisen. So haben trotz ihrer Entferntheit Orte wie Tschlin im Graubünden etwas gemeinsam mit Primrose in Nebraska. Sie sind in sich selbst geschlossen, beziehen sich in erster Linie auf sich selbst, sind Bild im Bild, ein Bild, das sich selbst enthält und erneut selbst enthält und erneut selbst enthält. Bis jemand es wegschiebt und einem anderen Bild Platz macht.

 

Brücken

Reiherbeine tragen die Brücke. Aus der Ferne zeichnet sie einen horizontalen Strich in die Landschaft, eine Linie meinetwegen, auf der die Daten der DNA online aufgestellt werden. Die Auftraggeber schauen durch Fernrohre in die Schlucht und wissen nichts anzufangen mit ihren Populations-Anteilen, den fünfzehn Prozent Peloponnes, achtzehn Babylon, dreiundzwanzig Hindukusch und weiteren, vereinzelten Atlasgebirge, Pyrenäen und Camargue. Die Rösser aus letzterer Gegend sind kaum anders als die weißen, wilden Pferde der Sibillinischen Berge. Gehören sie vielleicht zum gleichen Populations-Stammbaum?

 

Vakuumhaut

Er heißt Eddie He-Chick und ist ein gelbes Osterhühnchen mit wehendem Flaum und spitzem Schnabel. Er wurde geraubt und ist über Wochen den Künstlerinnen zu Füßen gelegen, ließ sich betatschen und verwenden, anfassen und weglegen. Wie immer bei Verbindungen zwischen zwei Wesen, fand zu Beginn bereits eine Überschätzung seiner Persönlichkeit statt und die Unterschätzung ist schon nah, jetzt, da eine Krise sich vorübergehend unter unseren Eulenaugen manifestiert. Und im reißenden Fluss unserer Tränen entsteht ein Wirbel, worin ein bleiches, längliches Kalbsfilet in Vakuumhaut sich dreht und dreht und dreht, bis es untergeht.

 

Back in black

Es schneit. Ein weißer Falter hat sich ob dem Durchgang in die Küche an die Mauer gekrallt. Da ist er immer noch, seit letztem Sommer. Es schneit seit Stunden und für die nächste Zeit, bis der Sommer einmal wieder kommt und das Weiß dem Schwarz endlich weichen kann. An der Verleihung des Filmpreises in der Zürcher Agglomeration tragen die Frauen Schwarz. Auch die Bundesrätin und die Stadträtin. Bedeutet das nun, dass sie auch betroffen sind oder sind sie solidarische? Müde Fliegen fliegen auf, schwarz vom Warten auf die Evolution. Eine krallt sich jetzt über den Türrahmen meines Ateliers und ist froh, dass sie nur kurz leben muss, denn alles ist so kompliziert geworden.

 

Mädchen

Drei Mädchen unterhalten sich im Zug über Fleisch, das sie nicht essen, Alkohol, den sie nicht trinken, Geld, das sie nicht haben, Männer, die sie nicht lieben, Frauen schon gar nicht. Denn man hat ja so eine Idee von sich. Sie sagen, dass die Farben Rot, Rosa und Blau die Farben der Weisheit seien und dass ein roter Pullover sich wirklich gut macht, in diesen Badlands, wo Erosionsrinnen die Täler und Schluchten immer weitertreiben. Und ich denke mir gerade da, warum auch immer, was hat das jetzt mit diesem scharfen S zu tun, das ich hingeben werde, um weiterhin so zu sein wie alles im Mittelland. Vereinfacht gesagt.

 

Skilift

Da wo der Schellenursli im Film gelebt hat, etwas weiter oben, da, wo jetzt die Gülle gefahren wird, ja, da wo die silberne Kugel endlich unerreichbar im See liegt, lag Eis und Schnee. Und ein kurzer Skilift führte hinauf zum Waldrand. Die blauen Augen des Betreibers schauen hoch zum Himmel suchen sich in den Norden, wo ein Mädchen sich einst aufgemacht hatte, um in diesem Ort, fern vom Wattenmeer, den Dämmen, den flachen Landen, zu arbeiten. Die Liebe kam später, sagte sie. Jetzt ist sie hier und es ist schön, dass sie hier ist und nicht dort.

 

Büvetta

Einmal ja, da dachte man, es werde auch hier und nicht nur in St. Moritz, eine Straßenbahn gebaut werden. Bis 1932 fuhr sie dort. Dann kamen die neuen Gesetze und die Menschen blieben weg, noch ungläubig ob der Geschehnisse, erschrocken wegdrückend, was es bedeuten wird, wenn bald wieder Ordnung herrscht. In die Büvetta kamen sie dann aber nachher schon noch, die Leute vom Dorf auch, erzählte der Mann mit den gefährlich blauen Augen. Auch seine Mutter, die jeweils im Sommer jeden Tag mit ihrer Tasse und zwei Freundinnen aufbrach um das Mineralwasser zu trinken, dort, in der Büvetta im Nairs, wo er in der Wandelhalle mit anderen Kindern zusammen bescheidene Alpenrosensträuße verkaufte.

 

Gemeinheit

Wir erschrecken über die Gemeinheit in unseren Augen, es war zu erwarten, dass jemand einmal etwas sagen würde zum anderen, zu den anderen, was er nicht ausstehen kann am anderen, der anderen. Und also geht das jetzt hier auch wieder los. Die Gemeinschaft ist getrübt, weil der eine den anderen nun doch auch nicht versteht in seinem Sichdafürhalten, es nicht drauf ankommen zu lassen, nur weil es ja schon fast vorbei ist, nicht das mit den Gemeinheiten, sondern mit dem Dasein. Wir einigen uns und dann wird es ein paar Tage doch noch ganz harmonisch.

 

Swimmingpool

Suchst du mir ein Kleid aus, sagt Tilda Simpson. Und sie sagt es so, denn sie meint es auch so, im Film. Er sucht ihr ein Kleid aus und sie zieht es an und er zieht den Reißverschluss von unten wieder auf, nachdem sie ihn geschlossen hatte. Es ist ein Zweifachreißverschluss, das ist eher selten, vielleicht ist das Kleid maßgeschneidert, denke ich. Aber anyway, wegen jenes Reißverschlusses hat er für sie dieses Kleid ausgesucht. Das alles geschah auf Pantelleria, wo Menschen ankommen, die nichts mit jenen am Swimmingpool zu tun haben. Nur anschauen wollen sie sie vielleicht – und sie sie auch, aber nur ein bisschen, im Fernsehen vielleicht.

 

Leute

Leute, die die Wanderschuhe im Zug ausziehen und ihre Füße massieren und dann mit den Händen, mit welchen sie ihre Füße massierten, Schokolade essen und nebenan ja, da sitzt niemand, dem sie es recht machen wollen und wenn schon, dann soll er oder sie etwas sagen, falls es ihn stört – oder sie. Schließlich sind das meine Füße, sagen sie dann halblaut, aber so dass man es noch hören kann. Ich steige um und später aus und rund um den See in St. Moritz schieben reiche Frauen ihre Babys durch die Wochen, denn alles wird immer verschoben, auch die Evolution.

 

Zweiter Mai

Was ziehst du um die Autohäuser und Waschanlagen in Schlieren, ziehst Kreise, schließt Zirkel? Ohne mich? Ich freue mich aber jetzt schon wieder, wenn wir einen neuen Kreis öffnen werden, um reinzuschlüpfen und dann einfach da zu sein. Hier ist es grün geworden und fast warm. Bist du fröhlich im Herzen und lockig im Haar? Ich bin mit plattem Haar. Sonst recht so. Ja, glücklich. Der Inn ist laut und angeschwollen. Seit gestern darf man fischen. Ich werfe einen Brocken altes Brot. Keiner beißt an. Der Brocken muss wohl noch ein Stück weit schwimmen, bis er lahm ins sportliche Fischmaul sinkt.

 

Ich lese

Es gibt noch Raum tief im Hirn. Ich lese, wie alles durch alles durchfallen soll, eigentlich, weil ein Atomkern nur ein Kleinstes des ganzen Atoms ausmacht und der Rest leer sei. Aber wenn die ganze Materie aus Atomen besteht, diese aber vor allem aus leerem Raum, was macht die Materie dann so fest? Eine von uns sagt, dass wir nur in unserem Kopf existieren. Später denke ich, Hauptsache wir füllen die Kugel auf dem Hals aus, daraus entstünde ja die Tendenz, tatsächlich zu existieren. Oder irre ich mich? Und was ist mit dem Herz? Pumpt es nur oder ist das bloß jener Saftladen, wo wir unsere Gefühle pflegen, zusammenlegen, ablegen, weglegen?

 

Noch kurz zu Kurt und Kim

Es gibt verschiedene Formen von Evolution und diverse Tendenzen von Existenzen. Beide sind nicht hier gewesen, Kim heißt anders, Kurt ist Kurt, bleibt Kurt, wie er heißt. Beide saßen sie da und sagten nichts. Ich habe ihnen die Hand gegeben, sie nahmen sie nicht. Kim traf ich in Chiavenna. Ihre Mutter hatte sie von einer kurzen Nacht am Roten Meer nach Hause gebracht. Die Zellteilung ist noch im Gang. Sie übt sich in verschiedenen Rollen, heute mit knappem Kleidchen und zweifellosem Kirschenmund. Kurt traf ich in Lenzburg. Da saß er wieder mit seinem weißen Schnauz, neben ihm eine Frau, nicht seine Frau. Sie strahlte. Er nicht. Denn er erinnerte sich vielleicht an die Frauen, die ihm den Platz wegnahmen, damals, als das mit den Frauen in allen Gremien halt noch so wichtig war. Ich war eine von ihnen.

 

Hinlegen

Möchte sich jemand hinlegen, einfach so, um vollkommen und ganz zu heilen? Die Platte der Hexen, die mit ihren Bocksfüßen tanzend den Stein dellten, über den jetzt Flechten ziehen, die langsam, langsam sich tatsächlich bewegen, wie flachste Tiere, auch wenn niemand es sehen kann und niemand ihre Leistung misst; jene Platte also liegt schief im Hang hinter einem lichten Hügel, der aus dem Schwarz des Waldes führt und falls man sich nicht traumtaumelnd daran vorbeischleicht, weil mit Hexen hat man ja nichts am Hut, so könnte man sich hinlegen, um vollkommen und ganz geheilt zu werden. Doch dann, sagen wir anderen, was hat man dann noch zu tun im Leben, wenn alles schon vollkommen und ganz geheilt ist?

 

Sie

Ich bin sicher nicht in deinen Notizen, sagte sie heute früh, denn ich schleiche mich hier so rein und bald gehe ich wieder davon und in der Zwischenzeit habe ich so Sachen wie bleiche Tomaten und Käse, den ihr nicht mehr ins dafür vorgesehene Tupperware legt, bestellt, aber auch gelbe Linsen, Randen in Vakuum und Kohl, Chicorée, süße und andere Kartoffeln sowie neu auch Rhabarber und Fenchel, den aber eigentlich schon von Anfang an; keine Orangen mehr, nein, nein, deren Zeit ist nun echt um und ja, genau, Bananen bestelle ich. Dann fragt sie auch mich, was sie denn noch besorgen könnte für uns. Und ich sage: einen Prosecco. Da lacht sie wie immer so wie sie lacht und schleicht davon, nach hinten zum Brot, Richtung privater Kühlschrank, an den Sammelstellen für Pet, Alu und Pappe vorbei, zur Schwingtür hinaus.

 

Transformation

Tief im Hirn muss er sein, der Transformer, wo alles geschehen kann. Ich ziehe mich in meinen Kopf zurück, wie ein Klappmesser zusammengeklappt, was nie geht, um nicht noch einmal klappt zu sagen. Dort schreibe ich auf, wie man kocht, Randen also eher nicht mehr jetzt. Die haben wir den ganzen Winter gegessen. Auch eher keinen Sellerie. Ich esse gerne Dinge aus dem Ofen, die andere backen, auch zum Dessert mit Rhabarber isch fein. Einmal koch ich Spaghetti, dann Polenta mit Salat, will Kichererbsen ins Wasser legen für morgen, doch eine andere ist schneller. Linsen also, denke ich und an der Tür zur Dusche wird geklopft, einmal zweimal. Doch ich kann nicht öffnen, denn gerade beschließe ich, zu gelassener Butter zu werden.

 

Endlich

„E han es Loch i mim Läbeslauf entdeckt. Es rese Loch, aber gottseidank, im Telefonbuech of Site 90 steit emmerhen mi Name dren.“ Der König aus Bern singt und ich meine, dass er, der Schwarze mit den grauen Schläfen, ihn auch kennen sollte, wo er doch auch aus Bern ist. Aber so ist der gleiche Ort der Herkunft einmal mehr auf trügerische Weise nicht das gleiche Erfahren, Hören, Sehen, Leben. Die Möglichkeiten von Werden und Sein sind stets mehr als die Starre von Typenbeschreibungen, städte-, kantons-, nationen- und sogar Kontinent-bedingt. Endlich ist der Argumentationsstrang in jene Richtung.

 

Kulminierung

Wir bauen Systeme und denken uns in Waschmaschinen frisch, wir denken in Infrastrukturen und Wochen und Tagen, Monaten und Jahren. Wir legen Pfade und gehen anderer Spuren nach, wir lachen über Dinge, um nett zu sein oder weil wir sie total lustig finden. Wir lachen noch mehr, wenn wir trinken, auch Vodka. Dann bewegen wir uns. Silent Disco. In einer Nacht nur wird kulminiert, was wir sind und niemals soll das alles aufhören. Niemals. Last night a DJ saved my life. I feel love.

 

Beitragsbild: Das geklaute Hühnchen Eddie im Schnee.

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