Monolog einer Zimmerpflanze

 

Lesungen Ende November 2020, u.a. in Fribourg, Zürich und Berlin. Die Daten werden anfangs November hier veröffentlicht.

Die erste Lesung war am 4. Oktober im Haus zur Glocke in Steckborn TG Schweiz, im Rahmen von „Die Dinge des Alltags und die Kunst“. 

 

 

Projektbeschrieb / Saaltext 

 

Ausgangslage

Zimmerpflanzen wirken in der Regel positiv auf psychosomatischer Ebene. Zugleich sind sie ein romantischer Gedanke. Sie sind da, um schön zu sein, den Raum zu begrünen und um so die Sehnsucht nach Natur – wenn auch gezähmt – zu nähren und gleichzeitig bei vielen Menschen wohl auch zu stillen.

Zu den Hintergründen von «Monolog einer Zimmerpflanze»

Aspekte

1. Gegenwart
Dank der Forschung am Verhalten von Pflanzen, besonders deren Eingehen von Symbiosen mit Andersartigen und deren Fähigkeit zum Teilen von Ressourcen, kann die Wirkweise aller Lebewesen aufeinander derzeit neu gedacht werden. Gegenwärtig beschriebenen, gelebten und (angenommen) kulturell gewachsenen Daseinsformen, die auf Vergleichen und Jagen bis hin zum Produzieren und Fressen anderer bauen, stellen sich die Beobachtungen aus der Pflanzenwelt friedvoll gegenüber.

2. Multiplikation
Wunder und Paradox zu gleichen Teilen zeigen sich in deren Kapazität, aus dem Fast-Nichts heraus zu leben; aus jenem noch nicht lebenden Samen (Potential) heraus sich zu entwickeln und zu multiplizieren. Pflanzen zeigen, wie sie als Lebewesen sich selbst und ihre Körper wie auch die ungezählter Anderer beleben und nähren können.

3. Versprechen
Jene Zwiebeln, die in den Niederlanden zuerst an einer sogenannten Börse gehandelt wurden, waren schöne Versprechen. An sie zu glauben war eine der Spielregeln mit welchen die organisierten Spekulationen 1637 angefangen haben. Jene virtuellen, künstlich erzeugten, lockenden Inhalte sind Prophezeiungen, heute noch bekannt. Spricht man deshalb von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Fragezeichen.

4. Macht
Firmen, die Hybridtechnologie betreiben, werben mit ‚hohem genetischem Ertragspotential‘ und ‚überlegener Vitalität‘. Auch mit ‚Ertragsstabilität unter allen Bedingungen‘. Was das alles z.B. für die Böden bedeutet, kann die Risikoforschung nicht abschätzen. Was das mit Natur zu tun hat, weiß niemand. Gerechtfertigt wird das Tun mit dem Wachsen der Weltbevölkerung.

5. Wachstum
Vor einigen Jahren im Tram. Hinter mir fragte ein älterer Mann einen jüngeren Mann nach dessen Beruf. Der sagte, ich studiere noch. Aha, sagte der ältere, welche Richtung? Der jüngere sagte: Wirtschaft. Ui, sagte der Ältere und versuchte, ihn zu fragen, wie er es halte mit dem Wachstum, das die Wirtschaft immer vorzeigen wolle, das sei doch vielleicht nicht der richtige Weg, wenn es nach wie vor so viel Krieg gibt und Menschen unter Hunger leiden. Hunger war dann das Keyword für den jüngeren Mann: Genau, deswegen! Wir müssen viel mehr produzieren, um allen Menschen in der Welt Wohlstand zu ermöglichen!
Dann stieg er aus.

6. Mutanten
Eine Konklusion. Die Samen, die heute verkauft werden, enthalten programmiertes, manipuliertes, mutiertes Leben, ausgelegt auf 1x blühen und 1x geben. Niemand kann sich mehr eine eigene, marktfreie Samenbank anlegen und auf die nächste Pflanzzeit warten. Und kaum eine Pflanze kann mehr, sei sie noch so ‚überlegen vital‘ und ‚mit hohem potentiellem Ertrag‘, ihr eigentliches Dasein leben.

Schade eigentlich?
Schade eigentlich.

Nach der vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema der Mutationen bei Lebewesen, dem Anschauen aller bisher entstandenen Blade Runner Filme und der freischwimmend oberflächlichen Annäherung an die philosophische Fragestellung mit eigenständig eingefügten Worten in Klammern „Wann ist ein Mensch (noch) (doch) (wieder) ein Mensch?“ entstand in der Zeit während des Lockdowns in Italien zwischen März und Mai 2020 der Entwurf zu «Monolog einer Zimmerpflanze».

Ein im letzten Jahrhundert konstruiertes Bio-Experiment spricht. Es hat sich weitgehend verselbständigt, da es nach seiner Installation in einem Bürogebäude vom Labor vergessen worden war.
Die Pflanze spricht zu einem etwas einfältigen Immobilienbesitzer, wobei die Autorin jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ausschließt.

Gewidmet Rutger Hauer und Linn Da Quebrada.

Weitere Lesungen sind für November geplant.