Sie und die anderen

Dialog

Als ich meine Mutter (65++) in der Schweiz anrief, um zu fragen, wie es ihr gehe und wie sie mit dem Corona Virus umgehe, da hatte ich vorab schon seit mehreren Tagen darauf gewartet, dass mir ihre Antwort einigermaßen egal sein würde. Das war weise, denn die Antwort war: Ich passe schon auf. Ja ja. Und: Nein, nein, ich gehe immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen und ich fahre auf dem Weg hintenrum. Sicher nicht via den Bahnhof. Nein, Handschuhe, was? Sicher nicht. Ich wasche mir schon die Hände. Ja, ja. Mit Seife. Ja, ja. Ich bin ja nicht krank, mir geht es gut.

Meine Schwester hatte ihr angeboten, für sie einkaufen zu gehen und sie sagte ihr auch, dass sie sie nicht im Haus besuche, sondern die Tüte jeweils auf dem Gartensitzplatz deponieren würde und sie beide könnten ja dann da draußen unter dem Dach noch miteinander schwatzen. Aber: Nein, nein, habe sie gesagt. Ich war doch immer selber einkaufen, das geht nun also viel zu weit. Und ja ja, ich wasche mir ja die Hände. Ich weiss gar nicht, was ihr habt. 

Ich so: Hier sterben ganz viele ältere Menschen.

Sie so: Ja, aber die sind alle sowieso schon krank. 

Ich so: Du musst auf dich aufpassen und auch auf die anderen. 

Sie so: Welche anderen?

Ich so: Dein Freund, deine Freundinnen.

Sie so: Ja, also jetzt hör doch auf. In Italien haben sie halt nicht so gute Spitäler. 

Ich so: Es geht darum, dass man mit der Krankheit, wenn sie einen schlimmen Verlauf nimmt, von einer Beatmungsmaschine abhängig sein wird und das für mehrere Wochen. Und kein Land hat so viele Beatmungsmaschinen wie wahrscheinlich benötigt werden. Zudem könntest du auch Trägerin des Virus sein, ohne dass du etwas bemerkst und dann andere in deiner Nähe anstecken. Bla bla bla.

Sie so: Ja, aber ich bin ja gesund. 

Vielleicht müssen wir ihr sagen, dass wir uns um sie sorgen. Vielleicht sollten wir nicht Verbote aussprechen oder vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger hin und her wackeln, wie sie es früher getan hatte, statt uns zu sagen, dass sie sich um uns sorgt, weil sie uns gern hat… („Lieben“ ist dann nochmal ein anderes Wort.)

Ich nahm mir vor, ihr das mit der Liebe erst zu sagen, wenn mir ihre Antwort egal sein wird. Doch die Zeit habe ich nicht, dachte ich (verantwortungsvoll), also rief ich sie am gleichen Tag noch einmal an.

Sie so: Ja ja. Jetzt übertreib es nicht. 

((ohne Ausrufzeichen))

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Jede und jeder trägt die absolute Verantwortung. Niemand kann in dieser Zeit nur sich selber gegenüber Rechenschaft ablegen. Denn dieses Virus macht – offenbar – keinen Halt vor schlimmen Frisuren, vor reichen Tanten und vor netten Grafikern. So sind wir plötzlich alle zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen. Alle in einem Boot. Ist das nicht eigentlich schampar schön? Bla bla bla.