Wird man gefragt

Interview Herbst 2018

22 Erzählungen oder Stories, 22 Welten und Überraschungen. Bilden Ihre Texte das Leben ab wie es ist, oder wie es sein könnte, ja sogar sollte?

 

Sibylle Ciarloni:

Meine Stories sind Ausschnitte von Leben, die sein könnten, vielleicht sogar so gewesen sind. Ich wünsche mir manchmal etwas und in meinen Vorstellungen geschieht es dann. Mehr muss in manchen Fällen gar nicht sein. Oft sind Träume schöner als deren Machbarkeit und Wirklichkeiten.

 

Die Texte zeichnen sich auch aus durch recht unterschiedliche Sprach- und Perspektivformen aus. In welchem Zeitraum ist die Sammlung entstanden?

 

Ciarloni:

Es sind Geschichten, die alle aus dem letzten Jahrzehnt stammen, bis auf die Anweisung, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Ich nutze gerne die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Die habe ich mir angeeignet, um weiter zu sehen, anderes zu sehen als das, was mir gezeigt wurde. Die gewählte Sprache hat mit der gleichen Fähigkeit zu tun. Es gibt verschiedene Wege, wie man etwas erzählen kann. Allerdings ist das bei mir nie eine Entscheidung, ich folge eher meiner Intuition und prüfe später, ob das so passt.

 

Was macht für Sie im Besonderen Freude, kurze Geschichten zu erzählen als ein großer Roman zu schreiben?

 

Ciarloni:

Ich bewundere Erzählerinnen und Erzähler, die große Bogen in wenigen Worten auf den Punkt bringen und sich auf dem Weg dahin akribisch und präzise in einer Beschreibung verlieren, nur um schließlich gekonnt wieder hinauszufinden. Das hat mit souveränem Austarieren der Wichtigkeit von Inhalten zu tun und mit einem Anspruch an die Lesenden. Sie werden nicht alles beschrieben bekommen, sie dürfen selber denken und zwischen den Zeilen lesen. Das gefällt mir.

 

Sie zeichnen Ihre Figuren liebevoll zwischen Sinnlichkeit, Skurilität aber auch Ironie. Sind es zuerst Personen, die zum schreiben inspirieren oder Umstände?

 

Ciarloni:

Es sind beide. Vielleicht zuerst die Umstände, denn sie bringen mich irgendwohin im Leben und dort treffe ich auf Menschen. Zusammen gestalten wir wiederum die Umstände oder ich habe überhaupt nichts zu schaffen mit ihnen, sondern sehe sie bloß oder höre sie reden. Der Rest ist meine Art, auf die Welt und die Menschen zu schauen. Dann entstehen Gedanken, dann entstehen Geschichten.

 

Sie wuchsen im Aargau auf, leben nun in Italien und nun treffen wir uns hier in Zürich. Berlin ist in ihrem Buch sehr präsent, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Zürich beschreiben?

 

Ciarloni:

In Zürich leben liebe Freunde mit denen ich mich treffe oder die mich in Italien besuchen. Mit manchen arbeite ich auch zusammen. Ich bin gerne hier, weil sie hier sind. Ein Verhältnis zu Zürich habe ich durch sie, weil ich hier gewohnt und gearbeitet habe und weil Zürich die von meinem Aargau (Lenzburg, Baden) aus gesehen die nächste größere Stadt war, für mich also die erste, die es zu entdecken und zu durchkämmen galt wie später dann andere Städte.

 

Ihr Vater war Bündner, Sie genossen ein Aufenthalts-Stipendiat in Berlin und nun auch eines im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS bei Scuol. Kamen Sie etwas nach Hause oder…?

 

Ciarloni:

Mein Vater zog es in den Sechziger Jahren ins sogenannte Flachland. Er blieb dem Graubünden immer verbunden, doch ich bin eine Flachländerin. Nach Hause kommen bedeutete die Zeit im Zentrum für Gegenwartskunst für mich aber schon! Doch eher beruflich. Denn als Künstlerin oder Künstler muss man sich manchmal rechtfertigen, für die bescheidene Art wie man sein Geld verdient, für die Gedanken, an denen man arbeitet auch wenn kein Auftrag vorliegt. Solche Dinge teilten wir alle dort. Und manchmal waren wir ehrgeizig und neugierig und gingen auf die Skier oder wir stiegen nachts in leere Gebäude ein, um zu sehen, was dort geschieht.

 

Graubünden, ein Kanton zwischen Wildem und Kultur und Norden und Süden, was ist für Sie das Bünderland?

 

Ciarloni:

Das Bündnerland ist für mich der Septimerpass von Juf her zu Fuß überquert, dann Maloja, das Bergell auf der einen und das Engadin auf der anderen Seite. Das Bündnerland ist die Sprache meines Vaters, sein roter Volvo, seine Filmkamera, seine versteckten Erinnerungen. Das Bündnerland ist das Tiefe in meiner Sprache. Im Bündnerland könnte das Ende der Welt verkündet werden und die Welt würde dem Orakel glauben. Das Bündnerland ist da, wo ich als Kind bei wunderbaren Tanten die Sommerferien verbrachte und total verwöhnt wurde.

 

Gibt es gewisse Ecken in Graubünden, die Sie Ihren Freunden in Italien besonders zeigen würden?

 

Ciarloni:

Ich würde mit ihnen nach einer rasanten Postauto-Fahrt von Maloja her kommend Promontogno besuchen und die Geröllwüste beobachten, die noch immer durch Bondo zu fließen scheint. Ich würde ihnen dann im Frühstückssaal des Hotel Bregaglia die Hirschgeweihe und jenes vom Gnu (auch wenn man mich dort jetzt auslacht, denn ich weiß nicht mit Sicherheit, ob es ein Gnu-Geweih ist) zeigen und der Leuchter mit dem Messingbub im Empfang des Hotels. Danach würden wir wie die Fürsten, die einst hier abgestiegen sind, speisen und auf Pamelas Sonnenblumenfeld schauen. Und ganz allein würde ich während der Siesta der anderen durch den Wald nach Borgonovo spazieren und dort auf dem Friedhof einem alten Bekannten ein paar Steine zu seinem Namen legen.

 

Die Fragen stellte Urs Heinz Aerni. Das Interview wurde in Auszügen in verschiedenen Medien gedruckt.