Wie es dazu kam, dass ich mich in den Ablasshändler Samson hineinversetzte und warum ich mich für die Reformation der Kirche im Besonderen und für die Reformation von Glaubenssätzen im Allgemeinen interessiere. Ich schaue von heute aus auf die Zeiten - meine Zeit jetzt und die Zeit um 1519.

Das knisternde Züngeln der Feuerzungen, die vom Himmel auf Köpfe hinab ragen und diesen womöglich einen guten Teil des Haupthaars versengen, so dass ihnen wie Franziskanermönchen vielleicht nur ein Kranz bleibt, war meine erste tief-religiöse Erfahrung. Jedenfalls legte ich sie im Nachhinein in dieses Fach, denn von diesem Züngeln erfuhr ich an einem sonst unbedeutenden Tag im Religionsunterricht.
Kein Kreuz im Haus – außer später dasjenige aus Ton von der ersten Kommunion – und auch nicht das Beten am Tisch, gehörten bis dahin zu meinem Leben. Es war die Erzählung vom heiligen Geist, der an Pfingsten den Menschen brennend über den Köpfen züngelte. Was es damit auf sich hatte, konnten weder meine Eltern noch ich mir erklären, d.h. weder ich, noch meine Eltern, zu denen ich in der Nacht nach diesem Tag ins Bett schlüpfen wollte, doch dafür sei ich nun doch schon zu alt, meinten sie. Die Alpträume kamen gleich nach dem Lichtlöschen, dann, als ich das Licht nicht mehr löschte, kamen sie beim Augenschließen. Ich blieb schlaflos liegen, auch die folgenden Nächte. Im Religionsunterricht hielt man uns an, das mit den Zungen und dem Heiligen Geist zu glauben, denn sie und der Heilige Geist meinten es ja nur gut und die Erzählung sei im übertragenen Sinn zu verstehen.

Meine Taufe fand in der katholischen Kirche von Lenzburg im Schweizer Kanton Aargau statt. Meine Mutter ist katholisch, mein Vater war reformiert. Alle Bedeutungen der sich vor nicht allzu vielen Jahren noch extremer und auch feindlicher gegenüberstehenden Gottesdienste und Feiern, die zur Initiation oder Vereinigung im Namen Gottes stattfanden, haben sich für mich in meinen Eltern aufgehoben. Sie stritten nicht darüber, welcher Ritus der richtige war. Manchmal lachte mein Vater über die Katholiken. Aber die beiden Seiten existierten eigentlich nicht.
Ich war vor der ersten Kommunion bei einer Katechetin, die zu uns katholischen Kindern ins Klassenzimmer kam, und später, als es dann um die Kirchenreife ging im Religionsunterricht beim Vikar. Er kam mit einer Gitarre und wir sangen Kumbaya My Lord und We Shall Overcome. Das war gut so. Beichten mussten wir trotzdem. Ich sagte, dass ich viel Streit hätte mit meiner Mutter und auch meinen Schwestern. Das war nicht erfunden. Bete, bevor es wieder passiert und sonst nachher. Danke. Adieu.
Draußen waren die schultergepolsterten, dauergewellten 80er Jahre bis 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Die Geschichte wurde als zu Ende erklärt und Optimismus brach aus. Doch bald gab es wieder Gewinner und Verlierer und auch ich hatte zu tun und wollte mir nicht sagen lassen, dass die Bibel im übertragenen Sinn zu lesen sei und wie ich im übertragenen Sinn zu glauben und es gut zu meinen hatte. Ich wollte meine Erfahrungen längst selber machen und werden wer ich bin.

Das mit der Verantwortung.

In der Zwischenzeit ist viel Zeit verstrichen und man weiß es jetzt auch im Vatikan: Der Mensch ist zu einem geologischen Faktor geworden. Anthropozän nennen Überzeugte die Zeit, in der wir leben. Anthropozän ist das Zeitalter, in dem der Mensch die Erde verändert. Nichts mehr wird in Gottes Hand gelegt.
Übernimmt der Mensch auch die Verantwortung dafür?
Ich meine – man kann mich gerne korrigieren – es müsse nun endlich darum gehen, dass der Mensch die Verantwortung für sein Handeln übernimmt und ich wünsche mir – man kann mich jetzt gerne auslachen – dass jenes Bewusstsein tatsächlich einsetzt. In einem einzigen Leben kann jeder und jede sich stets entscheiden, ob er die Verantwortung für sein Handeln übernimmt oder ob es ihm egal ist, was nach ihm passiert.
Übernehme ich die Verantwortung?
Du musst es selber wissen, sagte mein Vater oft und damit meinte er es gut, wenn ich das auch nicht immer so sehen konnte und er es vielleicht auch ohne gutmeinende Absicht gesagt hatte. Er lehrte mich damit, für mich Verantwortung zu übernehmen.
So leicht ist das nicht immer.

Das mit der Gnade.

In neuen Diktaturen lassen sich Mächtige „demokratisch“ wählen. Danach schwimmen sie in ihren mehr oder weniger großen Teichen und richten an, was Mächtige anrichten, ermächtigt von einer Mehrheit, die die Verantwortung in Form von bekannten und auch von unbekannten Konsequenzen einmal wieder tragen wird. Auch Konzerne richten Situationen ein und gerne weit weg von Gerechtigkeit. In den alten Demokratien hat man dafür Kompensationssteuern eingeführt. Manche nennen diese Steuern Ablässe.
Ein Ablass ist das, was nicht mit dem eigenen Leib und Geist zu bezahlen sein wird. Was das politisch tatsächlich bedeutet, ist auszuhandeln. Es mag sein, dass das Geld in erneuerbare Energien, nachhaltige Planungen und auch in eine vernünftige Landwirtschaft fließen wird. Hier wird gebraucht, hier bezahlt und da wird ein Teil des Erlöses gescheit und pragmatisch wieder investiert. Es ist eine Mischrechnung und eine Umverteilung von Verantwortung, die ich nicht mit einem Ablass gleichsetzen würde, denn es geht nicht um eine kaufbare Gnade bzw. Begnadigung von der Strafe.
Aber können wir uns überhaupt aller Konsequenzen, für die wir verantwortlich sein werden, bewusst sein? Wir können es versuchen. Der Rest ist Gnade. Gnade der Natur, der anderen oder diejenige Gottes meinetwegen.

Zu meiner Arbeit.

Letztes Jahr habe ich mich in die Haut eines vom Papst gesandten Ablasshändlers versetzt. Er hatte vorgedruckte Briefe bei sich, mit welchen sich die Menschen von den meisten Strafen, die die Kirche über sie erließ, freikaufen konnten. Im Februar 1519 hatte er an die Türen des Staufberger Kirchleins geklopft, um dort die Verkündung zu predigen und anschließend die Gläubigen sich von ihren Bussen freikaufen zu lassen. Vorher würde er die Beichte abnehmen. Klar. Er verkaufte den – auch „Beichtbrief für die Zukunft“ genannten – Straferlass oft summarisch an ganze Landstriche und Gemeinden, aber auch an Nachkommen, die die Schuld der Vorfahren nicht mehr tragen wollten. Der Mann hieß Bernardino Sansoni, war (vielleicht) aus Berufung Franziskanermönch und von Beruf Ablassprediger. Zu seiner Zeit war er einer der erfolgreichen Verkäufer im Auftrag des Heiligen Stuhls in Rom. Das hatte auch damit zu tun, dass er bei den damaligen Helvetiern, man denke nun vor allem an die Innerschweizer Kantone, viel Geld einziehen konnte.
Sansone bedeutet auf Deutsch Samson. Es kann sein, dass der Mönch diesen Namen als Übername bekommen hat, es kann auch sein, dass es ihm gelegen kam, so zu heißen und dass er sich gerne mit der Legende des beinahe unschlagbar starken Samson gebrüstet hatte. Vielleicht hatten ihn die Feuerzungen nie erreicht, denn dann wäre er ja schwach geworden. Das Haar war die Schwäche des starken Samson der Legende. Doch bei einem Franziskanermönch muss man davon ausgehen, dass ein Haarkranz friedlich sein Haupt umwuchs und er sich mit seinem päpstlichen Mandat stark genug fühlte.

Schuld und Strafe.

Im Namen Gottes richtig zu handeln, oder zu verkünden, dass man richtig handle und auch noch sagt, dass man es gut meine, das ist eine Anmaßung – nicht nur unserer Zeit.
Der Spaltpilz, der die Katholischen in der Zeit in Reformierte und Katholische teilte, war vor allem die Heuchelei des Handels mit vorgedruckten Ablassbriefen im späten Mittelalter. Man konnte sich von jeglicher Konsequenz, also damals der Strafe Gottes (bzw. der Kirche) freikaufen. Nicht von der Schuld – dafür war nach wie vor die Beichte bzw. der Beichtvater der Kirche zuständig – aber von der Strafe konnte man sich befreien und die Kirche bezeichnete diese Befreiung als Gnadenakt.
Gnade war nach Auffassung von Martin Luther und auch von anderen Reformatoren aber eine in intimster Zwiesprache mit Gott erfahrene Vergebung. Nichts, das man kaufen konnte.

Das Geld aus dem Ablasshandel diente einerseits den kirchlichen Prachtbauten in Rom, die seit 1506 von der Schweizer Garde* bewacht werden. Andererseits diente es der Abwehr der Islamisierung Europas**. Man hatte also durch die wegfallende Eigenverantwortung zum Reichtum des Kirchenstaates sowie zum Erwerb von Kriegsmaterial und vielleicht auch von Kämpfern im Namen Gottes beigetragen.
Der Ablasshandel wurde abgesehen von allem, was schon zu schief und zu prächtig in den katholischen Kirchen und Köpfen herumstand, auch noch für alle Zukunft ausgerufen. Man konnte sich von jeglicher Konsequenz nach einem Verfehlen loskaufen, die nicht rechtens sein wird. Man trägt so niemals die Verantwortung, legt diese und das Geld dafür nämlich in die Hand der Kirche. Das ist eine selbstgewählte Entmündigung, die wir heute intellektuell so nennen können. Damals aber erschien jener Handel den Erneuerern der Kirchen als falsch und als Betrug gegen die Gläubigen.
Die Reformatoren der Kirchen Mitteleuropas hatten das mit der Verantwortung wohl noch nicht so gemeint wie ich, aber doch vielleicht schon im Sinne einer Verantwortung für das Überdenken des eigenen Handelns in der Zwiesprache mit Gott. Sie trauten den Menschen also vielleicht etwas mehr Reflektion zu als die Katholischen.

Der alte und der neue Glaube.

Das Buch, das in diesen Tagen unter dem Titel „Schlaflos brennen die Wörter“ erscheint, enthält Beiträge von 14 verschiedenen Autorinnen und Autoren aus der Schweiz. Auch ich wurde angefragt und ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal beim Herausgeber, Frank Worbs, für die lehrreiche Aufgabe.
Ich wählte jenen Samson als mein Thema.
Dass man sich von Verantwortung freikaufen kann, erschien mir nach wie vor ein aktuelles Thema zu sein, also ist es vielleicht auch ein allgemein-menschliches Thema. Dass sich so ein Händler auch noch Samson nennt oder nennen ließ, erschien mir auch höchst dubios und schon deshalb interessant.
Dank des Historikers Markus Widmer-Dean bekam ich Zugang zu Berichten von damals, zu Kopien von Ablassbriefen und zu geschichtlichen Lexika. Mehr als 60 solcher Dokumente sowie einige mir zugänglichen Schriften über Religion, die Zeit damals und Mittelaltergeschichte hatte ich gelesen, bevor ich mich ermächtigte, die Stimme eines Mannes zu sprechen, den ich selbst nicht respektiere.
Mit dem fiktiven Plädoyer, das Samson an den Pfarrer der Kirche auf dem Staufberg Johannes Fry*** richtete, wollte ich ergründen, wie sich jemand rechtfertigt für was er tut, wie er argumentiert, wie er um Eintritt über eine Schwelle bittet, den jener Pfarrer bereits als Übergriff deutete.
Samson war eine Machtperson im Auftrag des Allmächtigen Vaters und des Heiligen Geistes. Er fühlte sich zweifellos im Recht. Er handelte im Auftrag des Papstes und fühlte sich ebenfalls ermächtigt durch die vielen Gläubigen, die bereits bei ihm gekauft haben. Die vielen kaufenden Gläubigen könnte man in unseren Tagen im übertragenen Sinn als Zielgruppe und Markt betrachten. Der Markt entscheidet, das wird gerne als obersterstes Lenkungsargument geführt. Und so wird der Markt zur Masse und das bedeutet, abgekürzt heutig vereinfacht besehen, dass sie im Recht sei.
Das glaube ich nicht und ich bin nicht die Einzige.
Ob es eine Reformation von diesem (alten) Glauben geben wird?
Vielleicht ist sie schon im Gang und wir bemerken es nicht.

Fußnoten.

Samson zog übrigens unverrichteter Dinge von Lenzburg nach Baden, wo er jeden Tag nach der Messe auf dem Kirchhof Ablässe verkaufte. Die Gläubigen kamen, doch er wurde auch verspottet. Ein Mann stieg auf das Dach der Kirche, von wo er einen Sack mit Federn ausschüttete und auf den Ablassprediger schneien ließ. Dabei rief er jenen zitierend: Ecce Volant! Ecce Volant! Seht, wie sie zum Himmel steigen! Gemeint waren die Seelen der Verstorbenen, die nach dem Kauf eines Ablassbriefes durch ihre Nachfahren aus dem Fegefeuer in den Himmel stiegen. Auch in Baden blieb Samson deshalb nicht sehr lange. Er zog nach Bremgarten, wo ihn Bullinger schon erwartete und gleich wieder fortschickte. Er gelangte nach Zürich, wo ihn Zwingli abwies. Die Tagsatzung verbot ihm schliesslich den Ablasshandel. Mit einer Bulle vom 1. Mai 1519 rief ihn Papst Leo X. zurück in die Heimat. Man berichtete, er sei über Graubünden wieder nach Italien gereist. Vielleicht war er noch in St. Moritz. Das Bündner Luxusdorf wirbt für die St. Mauritius Sauerquellen heute noch mit jenem Papst.

Ich selbst bin etwa mit Fünfundzwanzig auf schriftlichem Weg aus der katholischen Kirche ausgetreten. Der Pfarrer schrieb, er hoffe, dass es nicht an ihm liege. Es lag nicht an ihm, ich hatte nur nie an die Institution geglaubt. Heute kann ich über meine Erfahrungen mit der Kirche in der deutschsprachigen Schweiz und in Mittelitalien sagen, dass sie mich jedes Mal inspiriert, weiter zu denken und mich vor allem mit Werten und Moral auseinanderzusetzen.

*
Helvetische Legionäre waren auch anders im Einsatz, doch das ist eine andere Geschichte.
**
1453 wurde Konstantinopel erobert, 1529 belagerten die Osmanen Wien.
***
Johannes Fry war Pfarrer und Universalgelehrter. Die Kirche Staufen war auch für die Stadt Lenzburg zuständig.

Das Buch:
Schlaflos brennen die Wörter
Herausgeber: Frank Worbs
Reformierte Landeskirche Aargau

Das Buch erscheint im Theologischen Verlag in Zürich.
Die Vernissage findet am Mittwoch, 25. April 2018 im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg statt.

Ein paar Gedanken zu einem Beitrag in einem besonderen Buch, auf den Spuren der vielen Möglichkeiten von Leben, Erleben, Erinnern und Vergessen.

Zum ersten Mal bewusst wurde mir die Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in zwei fast zeitgleichen Geschehnissen. Eine Bekannte behauptete, ich hätte ihr ein Bild gestohlen. Ein Traum, in dem sie Dinge kombinierte, die nicht so geschehen waren, ist für sie Wahrheit geworden und nichts konnte sie von etwas anderem überzeugen. Auch ihr Bruder, der kleine Mann, der schon Jahre zuvor gestorben war, tauchte bei ihr auf und lebte.
Dann las ich in der Zeitung von einem Mann, der verschwunden war und dessen Partnerin ihn überall suchte, da er nicht wisse, wohin er gehörte. Ich erinnere mich an meinen Gedanken, dass er vielleicht nicht mehr wissen wollte, wohin er gehörte.
Das war nicht fundiert und ich schob den Spaltpilz aus meinem Hirn, auch wenn mir der Gedanke gefällt, dass man sich eines Tages entscheiden wollen könnte, woran man sich erinnert und woran nicht. Ich meine, das wäre ein Lüge gegen mich selbst, doch es gibt Menschen, die glauben daran, wollen das so und so geht es dann auch.
Aber was ist weg, wenn man nicht mehr daran denkt?
Und was geschieht, wenn man wirklich vergisst und sich nicht oder anders erinnert? Solange wir selbstreferenziell funktionieren, geschieht wohl genau nichts. Doch was ist mit jenen, die Teil sind des persönlichen Erinnerns und Teil also des eigenen Lebens, des gemeinsamen Weges, Aufwachsens, Liebens, Reisens, Wohnens, Austauschs. Schon in einem noch normal-präsenten Zustand erinnert man sich ja nicht immer gleich, selbst nicht an den gemeinsamen Vater oder ein Geschehnis, das man zusammen erlebt hat. Einigkeit kann also nicht immer ganz einfach sein. Was bleibt dann also von der Gemeinsamkeit mit den Partnern, den Freundinnen, den Geschwistern, wenn auch in der Erinnerung langsam verlorengeht, was man geteilt hat und vielleicht nur noch das gezeichnet bleibt, was für die Erzählung der eigenen Geschichte wichtig ist?

Es sind rhetorische Fragen für den Moment. Sie müssen vielleicht im vorsichtigen Austarieren beider Erzählungen, im sozusagen fast demütigen Akzeptieren des anderen Wahrheit unbeantwortet bleiben, um nicht in einen Zwist zu geraten, der unschön hasserfüllt werden kann, wenn der eine dem anderen sagt, es sei so gewesen und auf gar keinen Fall so, wie das Gegenüber sich erinnert. So bleibt wohl in jeder Erinnerung nur das gezeichnet, was für die Erzählung der eigenen Geschichte wichtig ist.

Mit diesen unvollständigen Überlegungen über das Erinnern und die Vergänglichkeit will ich auf ein Buch des Fotografen Julian Salinas eingehen, bei dem ich mitarbeiten durfte: Für demenzkranke Menschen eine Umgebung zu gestalten, in der sie sich wohlfühlen, ist nicht nur eine Herausforderung für Pflegende und Angehörige, sondern auch für Architekten und Künstler. Für die Innenräume des Demenzheims neues marthastift in Basel hat Julian Salinas eine eindrückliche Fotoarbeit geschaffen, die mit der Erinnerung an Vertrautes spielt. Seine Fotografien zeigen keine touristischen Orte in Basel, sondern die Stille, das Alltägliche, das Vertraute.
Die fotografischen Momentaufnahmen werden begleitet von Beobachtungen, die Karen N. Gerig zu jedem Stadtquartier verfasst hat und von meinen Dreizeilern, in denen ich zusammen mit Martha der Vergänglichkeit und dem Erinnern auf der Spur bin.

Julian Salinas
Wo ist Martha?
Fotografische Momentaufnahmen aus Basel.
Erschienen im Christoph Merian Verlag. Erhältlich in jeder Buchhandlung.
Mit einem Beitrag der Architekten Müller & Naegelin, Basel.
Gestaltet von Beat Roth, portolibro in Basel.
Zu den Rezensionen.

Dem Ufer entlang, strandauf strandab, am Übergang zwischen Atmen und Eintauchen, gehen Männer eher alleine. Zu diesem Phänomen ist ein Buch von mir erschienen. Mit Bildern und einem Essay von mir. Mit Gedichten von Andrea Angelucci.

Dem Phänomen habe ich über mehrere Jahre fotografisch nachgespürt. Bilder entstanden. Morgens, mittags und abends. Vom Strandtuch aus fotografierte ich das Vorkommnis. Die Beziehung von Mann und Ort ist im Buch nicht sichtbar. Die Strandläufer denken nach, lachen vielleicht oder fragen sich leise – und womöglich auch das Meer – nach einem Weg nach Anderswo, einer Abkürzung zurück zum Strandtuch. Manche reden einen Disput nach, denken sich, was sie mit mehr Mut, mit mehr Wachheit hätten einwerfen können oder sollen. Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gefragt. Im Buch bekommen sie Raum und Ruhe, wovon sie vielleicht nicht einmal geträumt haben. Seite um Seite gehen sie an des Lesenden Horizont dem Ufer entlang, stundenlang. Mehr geschieht nicht.

Der Betrachtung halten rund 100 Männer stand. Strandläufer, lungomare ist meinem Vater gewidmet, der einer von ihnen hätte sein können. Das Buch entstand an der Riviera Adriatica, zwischen Rimini und Ancona.

Bilder und Aufsatz von Sibylle Ciarloni (Deutsch-Italienisch). Gedichte (Italienisch-Deutsch) von Andrea Angelucci, Schriftsteller in Fano.

Wo kaufen? (Diese Liste wird laufend updated.)
In Buchhandlungen und Concept Stores:
Aarau
Kaufhaus zum Glück Metzgergasse
Baden
Librium Theaterplatz
Zürich
Never Stop Reading an der Spiegelgasse (Bild)
Material an der Klingenstraße
Travel Book Shop am Rindermarkt
Mille et deux Feuilles an der Glasmalergasse
Uster
Buchhandlung Doppelpunkt an der Zentralstraße
Bern
Buchhandlung Münstergass

 


Das erste Buch meiner Serie Acapulpo – Edition für Subjekt und Phänomen: Strandläufer, lungomare.
Es kann auch in meinem Shop online bestellt werden. Lieferung innerhalb von 3-8 Tagen CH/EUROPA.

Vielen Dank an alle Beteiligten! It’s been great to work with you!
Strandläufer, lungomare ist im Amsel Verlag Zürich bei Milenko Lazic erschienen.
Gestaltung: Corinne Zora Schiess in Baden.
Druck: Newpress in Smederevo bei Belgrad.

Das nächste Buch der Serie Acapulpo erscheint 2019.

Hinweise für eine ungewisse Migration. Ein neues Buch von Baltensperger + Siepert.

Ich erzähle hier zuerst nichts Neues, dazu komme ich dann weiter unten: Gebrauchsanweisungen haben etwas Rechthaberisches. Richtige Hinweise stehen der Reihe nach in einer Broschüre, in einem Leporello, einem straßenplanmäßig gefalzten Prospekt. Bei letzterem ist das Papier meist sperrig, den Bogen zurück in seine Falzen zu legen, geht kaum je ohne Gegenfalz oder die plättende Hand. In der Broschur ist das einfacher. Seite um Seite. Sprache um Sprache. Markt um Markt.

Der Markt ist ein Wesen geworden. Er hat die Hand, die unsichtbare Hand. Er tut das Richtige. Wir werden schon sehen, glauben wir hier. Wir sollten nichts regulieren, so wenig wie möglich auf jeden Fall, meinen die einen. Freiheit, glauben die anderen. Frei ist der Markt so lange, wie es einem System ins System passt und wie geglaubt wird, dass er frei sei.
Menschen verlassen Systeme,
weil sie denken, dass sie ein Recht auf ein freies Leben haben. Viele Menschen denken solche Dinge. Menschen, die in Kriegen leben sollen, glauben zudem, dass sie nicht in Kriegen leben sollen. Frauen, die ihren Kindern mindestens eine Schulbildung ermöglichen wollen, Männer, die das auch wollen, werden sich ebenso ausdenken, wie es anderswo sein könnte, das mit dem Freisein.
Frei zu leben aber ist für die meisten nicht unbedingt ein anarchistisch zu leben. Es geht um ein konkretes Tauschverhalten, das einzulösen sich Menschen vornehmen. Wenn ich schon in der Welt bin (was ein abstrakter Gedanke sein mag), ob hier oder dort, arbeite ich und bekomme Geld dafür und dann kann ich davon ein Zuhause finanzieren und meinen Kindern die Schulsachen und die Kleider kaufen. Essen kochen.
Geld ist nun mal das Tauschmittel, für das die Welt sich entschieden hat. Doch was kostet das Erreichen einer Umgebung, in der ein freies Leben möglich ist, konkret?

Damit muss man rechnen

Du wirst vergewaltigt werden. Eine Frau – auch manch ein Mann – muss damit rechnen. Aus Somalia in Richtung Lybien. Aus Afghanistan Richtung Griechenland. Aus dem Iran Richtung Türkei. Aus Marokko nach Algerien. Von dort reisen sie weiter, bezahlen wie vorher jede Etappe mit Geld, das sie am Körper tragen, manche mit dem Körper, den sie als Geld mittragen. Hoffnungsvoll geht es weiter. Es geht nicht anders, als mit Hoffnung zu reisen.

„Teheran ist die Hauptstadt des Iran und liegt im Norden des Landes. Der zentrale Golestanpalastkomplex mit kunstvoll gestalteten Räumen und einem Marmorthron war einst der Machtsitz der Dynastie der Kadscharen. Das Nationale Juwelenmuseum besitzt zahlreiche Juwelen der Kadscharenherrscher, während die Ausstellungsstücke im Iranischen Nationalmuseum bis ins Paläolithikum zurückreichen. Der Milad-Turm bietet Panoramablick auf die Stadt.“
((google maps))

Warum sollst du gehen?
Es ist alles so schön.
Hier?
Gewesen.
Wann geht es los?
Es ist alles bereit. Jetzt.
Was nehme ich mit?
Wasser, Zigaretten, Geld.
Nimm nur einen kleinen Rucksack mit, du sollst in den Städten nicht auffallen. Verhalte dich wie ein Tourist. Interessiert. Mach Fotos. Es ist schwierig, an Bord eines Schiffes zu kommen. Sei still auf dem Schiff. Ruf deinen Onkel an, er soll dir Geld schicken. Sei nicht enttäuscht, wenn er keins mehr hat. Such dir einen Job auf einer Orangenplantage. Du musst einen Griechen suchen, der dir seinen Job überlässt. Du arbeitest an seiner Stelle und er lässt dich 10% seines Lohnes behalten. Das sind 10 Euro pro Tag.

((aus dem Buch))

Stefan Baltensperger und David Siepert
teilen mit „Ways to Escape One’s Former Country“ nach vielen Interviews mit Menschen, die geflüchtet sind, Erfahrungen und Tipps mit Menschen, die das alles noch vor sich haben. In Englisch, Arabisch, Deutsch. Die Berichtenden zeichnen in genauen Strichen ihre Erfahrungen auf. Sie sprechen dich an, sie sprechen Sie an. Sie geben Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Es sind nützliche Hinweise, soweit ich das beurteilen kann. Es sind aber auch schonungslose Dokumente unserer Zeit und wie die freie Hand des Marktes agiert. Sie lockt, sie holt, sie stoppt, sie wedelt, sie macht sich hohl, fasst an, dann winkt sie. Ganz so wie es ihr passt. Sie ist launisch, anarchistisch, schreibt sich ihre eigenen Regeln, verwirft sie.

Meine Mitarbeit

Ich hatte den Auftrag, die deutschsprachigen Texte in „Ways to Escape One’s Former Country“ zu redigieren. Während ich in der warmen Sommersonne freizügig gekleidet herumsaß, las und bearbeitete ich die Anweisungen. Ich hörte die Stimmen, fühlte die Pausen. Nachts war ich auf der Flucht.
Es scheint mir nach wie vor ganz und gar unwirklich, was geschieht, auch wenn mir vor rund fünfzehn Jahren schon ein sizilianischer Fischer erzählte, dass er nicht mehr arbeiten könne. Er halte es nicht mehr aus, Teile von Menschen aus seinen Netzen zu entfernen.

An dieser Stelle wollte man nun vielleicht ein tröstendes, sich mit den Begebenheiten versöhnendes Wort lesen. Doch für solche Begebenheiten gibt es keines. Und für die andere Hand, die kalte, planende, der diese Begebenheiten regulierenden Nationalstaaten und deren Passträgerinnen und -träger, gibt es auch keines.

Wir sollten einem Ufer entlang gehen und darüber nachdenken.
Mindestens nachdenken.
Es kann alles dabei herauskommen, auch eine gute Idee oder mehrere, das Leiden und also das Fliehen zu stoppen.

Ways to Escape One’s Former Country
Handbook for an Uncertain Migration

Das Buch kann hier bestellt werden. Es kostet nichts.
Die Anweisungen basieren auf Interviews, die zwischen 2015 und 2017 mit in der Schweiz lebenden Immigrantinnen und Immigranten geführt worden sind.
ISBN 978-3-9524764-0-6
www.baltensperger-siepert.com

Von den beiden Künstlern stammt auch der Band „Invisible Philosophy“.
Link zu meiner Rezensionen in der tell review.

Dafür gibt es noch keine Gebrauchsanweisung: Mutterwerden auf der Flucht. Zwei Geburtshelferinnen aus Basel werden sich im April auf den Weg nach Serbien machen, um im Rahmen der border free association, eine mobile Geburtshilfe aufzubauen.
www.border-free.ch

U.a. dank Google können einfache Texte übersetzt werden. U.a. dank Google verstehen wir sie aber nicht immer. Und manchmal findet das eine Wort keinesgleichen in einer anderen Sprache. – Bericht einer Übersetzung von zehn Gedichten ohne Titel.

Es ist immer Gewalt, nein, sie sagte eine Gewalt, una violenza, die man den Worten antut, wenn man sie übersetzt, sagte die Kunstkritikerin. Ja, sagte ich, dem ist vielleicht so. Meinem Zweifel hätte ich besser mit mehr Vehemenz Ausdruck verliehen, doch ich blieb versöhnlich und sagte harmonisierend: Wer des Italienischen nicht mächtig ist und dennoch offen für die Bilder und die Gedankengänge, die der Schriftsteller mit seinen Poesien durchwandert, der ist verloren ohne Übersetzung. Aber nein, sagte sie, der bekommt sie einfach nicht!

Stille.

Ich möchte aber – insistiere ich wenig später – auch jenen, die sich interessieren, diese zehn Gedichte zugänglich machen, ich versuche mich zu nähern, die Gedankengänge in den Wortblöcken zu verstehen. Ich versuche, die Dinge dann so zu beschreiben, wie ich sie mit meinem Wortschatz beschreiben kann, ohne dass etwas wegfällt oder auffällt, was nicht auffallen muss, wenn es eins zu eins, Wort für Wort nicht funktioniert!
Aber nein, ruft sie, es ist eine Gewalt, una violenza, sempre, immer!
Sie trinkt Wasser. Dann sagt sie: Zudem kann ich kein Englisch, also kann ich auch nichts von Dickinson oder von Yates lesen.

Stille.
Ein Teller wird mir hingestellt.
Wir essen.

Meine Sprache ist Deutsch. Italienisch habe ich gelernt und lerne es immer noch. Ich übersetzte letzten Sommer zehn Gedichte ohne Titel eines italienischen Autors ins Deutsche. Später, möglichst ohne auf seine Poesien zu schielen, übersetzte ich sie ihm zurück. In meinen italienischen Worten erklärte ich ihm, was er gemeint habe und es war mühevoll und banalisierend, so zu arbeiten. Ich sah wie er litt. Ich litt mit ihm. Widerführe mir dasselbe, würde ich dann nicht auch dieses Gesicht machen? Aber die Zusammenarbeit war erhellend. Es blieb schließlich dabei: Nur in ihm floss der Gedanke aus der Stille zu dem Hirnareal mit seiner Wörterbibliothek und wurde fündig in einem Ausdruck. Nur er hatte beim Schreiben die Worte wählen können, die er dann zu seinen Wortblöcken verbaut hatte. Nur er hat nun aber auch gehört, was ich verstanden habe und also in meine Sprache übertragen konnte. Ich beschrieb in meinen Worten was der Autor mir in vielen Gesprächen sagte, was er mir von sich und seinem Denken zeigte und was ich davon hatte verstanden können. Das Gedicht ist Gebäude, ist Schlitten, ist Rinnsal, eine Drehung, ein Verb. In einer anderen Sprache wird es nicht anders, aber es wird anders gesungen. Die Sprachen sind schon des Klanges wegen in verschiedenen Abteilungen in meinem Gehirn. Denn meine Zunge legt sich sofort anders in den Mund, wenn ich etwas auf Italienisch sage.

Die Stille wird unterbrochen.
Wein wird eingeschenkt.

Der da kennt auch das Griechische und das Lateinische, bemerkte einen Tisch und Abend später eine andere Kritikerin. Dann sagte sie: Eigentlich sind ja nur Große in der Lage, andere Große übersetzen. Darauf bemerkte ich klein, wie ich bin: Ich arbeite ja daran, dass ich groß werde.

Wieder Stille.

Dabei bin ich – wenn man es nun genau nimmt – schon 178 cm lang. Ich habe die zehn Gedichte ohne Titel gelesen und war berührt und ich fand neue Worte, die ich mir merkte, Bilder, die ich betrachtete. Im Sommer übersetzte ich die zehn Gedichte. Ich holte sie ab und setzte mit ihnen von einem Ufer zum anderen über. Bei der Ankunft waren sie anders. Doch ich hatte auf der Reise keine Gewalt angewendet. Sie hatten ein neues Sprachkleid bekommen, aber noch immer keine Titel. Und ich auch nicht.

In der Nacht nach meiner kleinen Bemerkung, dachte ich: Eines Tages werde ich vielleicht groß, aber vielleicht auch tot sein. Aber ich will nicht warten und zudem wachsen nur Welse ihr ganzes Leben lang. Meine 178 cm müssen reichen.

Besagte Gedichte erscheinen anfangs Dezember in einem Buch.  Im italienischen Original und als übersetzter, deutscher Text.

Und außer Google gibt es auch den DeepL Translator. Aber keine Maschine wird je Zusammenhänge und Gefühle übersetzen können. Jedenfalls glaube ich das jetzt noch nicht.

 

HINWEIS Als Side Event zur Art in Basel, zeige ich während fünf Tagen und Nächten ein Hörstück auf Soundcloud. Danach reist es an Festivals und zu einer Ausstellung. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es wieder auf Soundcloud hörbar sein.

Der Meeressaum ist ein Übergang. Er ist von Bedeutung – sowohl für die Literatur wie auch für die Fische, die wir einst waren; für das Atmen und das Nichtmehratmen oder schlicht unseren Sommerurlaub, diese Tage des Nichtstuns am Übergang zum Schoß der Menschheit oder in die sauerstoffliche Welt. Je nachdem woher man kommt oder wohin man geht.
Der Meeresspiegel steigt, die Landkarten verändern sich. 2015 las man zum Beispiel von Tuvalu, wo die Bevölkerung fünf Meter über Meer lebt. Der Inselstaat habe vorsorglich in Australien und Neuseeland um Asyl gebeten. Australien und Neuseeland haben vorsorglich abgelehnt. Für die Menschen am Meer bedeutet der Anstieg Landverlust, für die Urlauber Strandverlust.

In dem Hörstück Seaside Soundmap collagiere ich Momentaufnahmen von Orten nahe einem Meeresufer. Für die Arbeit hatte ich verschiedene Kollaborateure und Kollaborateurinnen. Sie haben mir ihre Aufnahmen geschickt, die sie für meine Absicht mit ihren Handys gemacht haben. Ich habe sie meinen Aufnahmen hinzugefügt.

Seaside Soundmap ist eine dichte Ton-Collage, zusammengestellt aus Schönheiten und auch lauten Tönen, die Menschen nahe dem Meer tun oder bauen. Seaside Soundmap ist gleichzeitig ein Tonraum, um über Veränderungen an den Übergängen nachzudenken. Und schließlich kann Seaside Soundmap ein Ruf sein, gerichtet an jene, die die Tatsache leugnen und an jene, die bei vollem Bewusstsein immer gleich weitermachen.

UPDATE vom 20. Juni 2017: Seaside Soundmap war hier hörbar vom 14. bis zum 19.6.2017. Jetzt reist die Collage weiter an Festivals und zur Book Launch von Strandläufer, lungomare. Danke fürs Hören.

Orte:
Istanbul
Lipari Italia
Marseille France
Neuseeland Westküste
Nizza France
Zadar Kroatien
Senigallia Italia
Raja Ampat Archipel Indonesien
Seychellen
Valencia Spanien
Ponte Sasso Italia
Barcelona Spanien
Salento Italia
Dahab Ägypten
Fano Italia

Mitwirkende:
Franziska Weber
Michael Berger
Zoran Zekanovic
Beat Roth
Erich de Boni
Cornelia Faist
Sibylle Ciarloni

Ein großes Dankeschön an alle Mitwirkenden!

Die Arbeit entstand zwischen 2014 und 2017, die ersten Aufnahmen habe ich im Mai 2006 in Istanbul gemacht. Damals hatte ich die Absicht noch nicht gehegt, aus solchen Aufnahmen, dem steigenden Meeresspiegel ein Stück zu widmen, das sich dank meinem schließlich als Community Projekt angelegten Collagieren bilden würde.

Weiterführende Plattformen, Filme und Artikel

So viel zu Venedig und über das MO.S.E-Projekt.

Städte am Meer wie z.B. Miami handeln unabhängig vom Staat, weil sie pragmatisch sein müssen – während der Mann in Washington die Klimaerwärmung leugnet und sich loben lässt.

Stewart Brand – about langfristig denken. Vom Macher des Whole Earth Catalogue lernen.

Leonardo di Caprio – führt im Dokumentarfilm „Before the Flood“ Gespräche und ermahnt die Politik.

Inspirationsquellen
Film „Beasts of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin.
Zeitschrift der Meere – mare, erscheint in Hamburg
Klimakapseln Ausstellung und Buch – Friedrich von Borries
Fast nichts Nr. 1, Tagesanbruch an der Küste – 1967 21 Min. Hörstück – Luc Ferrari

HINWEIS Rezension

Bild: Sieglinde Geisel

Die tell-review, das Online Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft, hat meinen Essay „Philosoph für einen Tag“ über die Zusammenarbeit von David Siepert und Stefan Baltensperger mit Tagelöhnern in China publiziert. Das Buch mit dem Titel „Invisible Philosophy“ erschien im Februar im Zürcher Amsel Verlag. Sprachen: Handschrift + Mandarin + Englisch. Erhältlich ist das Werk im Buchhandel und direkt bei den Künstlern.

"Der Fisch in uns" von Neil Shubin sorgt seit bald zehn Jahren für kurze, wiederkehrende Unruhen in unserem Dasein. Doch wir müssen uns - angesichts der ansteigenden Meeresspiegel - mit der Vorstellung auseinandersetzen, wieder das zu werden was wir einmal waren. Eine ANWEISUNG mit AUFRUF.

Die meisten Fische sind kleiner als Sie. Sie haben keinen Grund, darüber nachzudenken? Das ist falsch. Denken Sie einmal darüber nach und Sie werden zugeben, dass der Meeresspiegel pausenlos ansteigt. So Sachen sind messbar.
Falls Sie also einmal in Ihrem Leben – auch grundlos – ein (großer) Fisch zu sein wünschen, dann beachten Sie die folgenden Anweisungen:
Achten Sie zunächst darauf, dass Ihre Zeichnung das ganze Blatt ausfüllt. So werden Sie groß und schön.
Klappen Sie nun bitte zuerst hemmungslos, doch vor allem zu den Zeiten, wo die noch größeren Fische schlafen, Ihren Unterkiefer auf und zu. Schließen Sie dazu Ihre Augen und klappen Sie leise, damit es nicht auffällt, doch besser ein paar Mal, damit Sie es wirklich fühlen können.

Dann stellen Sie sich vor, dass Sie sich zeichnen würden. Wo würden Sie anfangen? In einem Ratgeber über Malerei fand ich einen Hinweis. Der Verfasser rät, bei einem Selbstbildnis immer mit den Beinen anzufangen.
Jetzt hat nicht jeder Fisch Beine, sagen Sie zu Recht. Aber doch eine Schwanzflosse. Beginnen Sie also bei der Schwanzflosse und arbeiten Sie sich dann vor zu Bauch und hinten zu Rücken.

Sind Sie schon so weit?

Jetzt machen wir uns ans Auge. Am Einfachsten, so rät wiederum der Verfasser des Ratgebers, dürfte ein schönes Auge gelingen, wenn Sie damit in der Mitte des Gesichts beginnen. Nein, es ist nicht die Nase, die in die Mitte des Gesichts gehört, es sind die Augen, bitte zeichnen Sie beide auf gleicher Höhe. Nun ist – Sie haben es bereits bemerkt – die Mitte des Gesichts bei einem Fisch auf der einen Seite platt und auf der anderen Seite ebenso. Man schaut sich als Fisch selten von vorne an. Aber Sie sind selbstverständlich frei in der Wahl Ihrer Perspektive.
Also, falls Sie Ihr Auge als Fisch zeichnen wollen, pardon, als großer Fisch, dann geschieht das am besten an folgender Stelle: Wenn Sie – vorausgesetzt Sie zeichnen Ihr Abbild auf der Breitseite liegend, andernfalls müsste ich mir das richtige Vorgehen noch einmal überlegen – vom Rücken her kommen und dann unterhalb der möglicherweise steilen Stirn zum Fischmund gelangen, dann befinden Sie sich im idealen Bereich. Setzen Sie jetzt Ihren Stift oberhalb der Kiemen an, denn ungefähr da liegt es, das Auge. Rund um die Kiemen malen Sie die Schuppen; das ist ganz einfach. In der Farbwahl sind Sie selbstverständlich ebenfalls frei.

Vielleicht jetzt grad noch die andere Seite … Et voilà: Schon sind Sie ein grosser Fisch!
… und könnten jetzt die kleinen Fische fressen und später vielleicht bei einem noch größeren Fisch arbeiten und wenn Sie gut aussehen und vielleicht auch reich werden, dann will man Sie überall sehen, im Sommer am Strand und im Winter vielleicht in den Bergen. Falls das alles nicht gelingt, dann können Sie sich noch immer jederzeit einfach vorstellen, ein großer Fisch zu sein. Klappen Sie also Ihren Unterkiefer – wie eingangs erwähnt – möglichst unverkrampft auf und zu und auf und zu und auf und zu und auf und zu…

Einmal könnt es soweit sein, dass wir wieder im Wasser leben müssen. Eine so harmlose Transformationsübung, wie sich selbst als Fisch zu zeichnen, kann also nur helfen, den Gedanken an einen neuen Naturzustand zu trainieren. Oder wären Sie lieber ein anderes Tier, das unter Wasser lebt?

AUFRUF
Wer schenkt mir seine Zeichnung? Ich sammle Zeichnungen von Fischen, die Dich/Sie darstellen. Die Aufgabe ist nur bei längerem Nachdenken schwierig. Eigentlich wissen wir ja alle, welcher Fisch (oder welches Tier im Meer) wir dereinst gerne sein würden. Mit den Zeichnungen publiziere ich ein Zukunftsalbum.
Für Fragen und Einsendungen bis Ende 2018: box@sibylleciarloni.com.

Das Beitragsbild ist von Beat Roth, Basel.