Wir. Wir ist ein beschreibendes Wort, ein großes Wort, ein schützendes Wort, ein ermüdendes Wort. Wenn wir Wir sagen, dann versammle ich mich und uns und andere in dieses Haus mit drei Buchstaben. Doch wer gehört dazu und wer nicht?

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Schizophrenie hatte sich verdoppelt, da man neben den fremdenpolizeilichen Maßnahmen und dem Völkerbundgedanken dann auch noch Hände suchte, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten, man aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, nicht unbedingt da haben wollte. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seinem Beitrag in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank der vielen „Fremden“, eines der reichsten Länder der Welt geworden. Reich an Geld, Wasser und Konventionen. Und im Mai diesen Jahres haben seine Bewohnerinnen und Bewohner bereits alle ihm statistisch theoretisch zur Verfügung stehenden Ressourcen für das Jahr 2019 aufgebraucht. Uns geht es gut. Sagt man dort.

Ich bin zufällig dort geboren.

Mein erstes Wir waren meine Eltern und ich. Ich erinnere mich nicht an die ersten Jahre. Ich erinnere mich zuerst vielleicht daran, dass ich in einem Schwimmbad ertrunken war. Vielleicht träumte ich, wie ich heute noch träume, dass ich unter Wasser atmen kann. Aber dem war nicht so. Menschenköpfe stehen über mir in einem Kreis. Das Bild ist noch ganz präsent. Dann kommt ein anderes Bild. Kindergarten. Wir waren eine große Klasse mit vielen kleinen Kindern. Ich hatte da schon eine schlimme Prüfung hinter mir. Der Weg zum Eignungstest für den Eintritt in den Kindergarten führte über eine schräge Brücke über den Aabach. Ich wurde von meiner Mutter angehalten, meinen Schnuller in den Bach zu werfen. Jetzt bist du groß.
Auf dem Bild ist unsere schöne Kindergartenlehrerin und wir. Ein größeres Wir, ein im zeitlosen Spiel des Kindseins unterbrochenes Wir. Man sieht uns nicht an, woher wir kommen und wohin wir gehen. Unsere Gesichter sind rot. Wir grinsen, hatten uns irgendwie für dieses Bild hingestellt. Die einen schielen zu den anderen, die anderen schauen geradeaus.

Zugezogene
Meine Eltern waren aus zwei verschiedenen Gegenden Zugezogene. Bergmenschen. Sie wohnen in einem Haus, das einer Familie gehört, die in dem Ort verwurzelt ist. Einheimische. Lenzburger. Meine Mutter trifft manchmal eine Freundin, die in der Gegend wohnt und von dort kommt, wo sie hergekommen war. Deren Sohn würde mir einige Jahre später beim Spielen den großen Zeh zertrümmern – nicht absichtlich.
Mein Vater arbeitet tagsüber. Abends dann die ersten Vereinstätigkeiten. Oder Zeitunglesen. Je ein Blatt aus den beiden Gegenden, aus der sie kommen plus die Regionale. Als Zugezogene wollte man sich in der Gesellschaft integrieren. Dazu müssen die Kinder, die bald zur Welt kamen, anständig erzogen werden. Unauffällig, möglichst still. So hat man es gerne gesehen in der Schweiz. Dass neben uns aber Kinder lebten, die das noch viel mehr zu spüren bekamen als ich von meinen Eltern, die sogar unsichtbar waren, stumm spielten, in Estrichen die Tage verbrachten, weil sie nicht da sein durften, konnten wir nicht wissen. Erzählt hat man sich am Tisch nur von den Schlüsselkindern, deren Eltern beide arbeiten müssen. Ausländer. Dass sie viel weniger als die Schweizer verdienten, erzählte man mir zuhause nicht. Erzählt hat man auch, dass sie in schlimmen Wohnungen leben, manche in Kellern. Dass sie das so nicht gewollt haben können, erzählte man nicht. Dass nie jemand von ihnen in einer „solchen“ Wohnung war, davon ist auszugehen. Allzu nahe Kontakte wurden von den Erwachsenen vermieden.
Meine Schulfreundin Anna° lebte in einem Stadthaus über einem Laden. Drei Häuserzeilen von da entfernt, wo der Schwarzenbach vor einem vollen Saal aufgetreten war, um gegen die Überfremdung anzureden. Die Treppe zur Wohnung war schmal, die Stufen hoch. Die Familie wohnte in drei Räumen. Ich fand nur, dass die Dusche in der Küche am falschen Ort war. Doch das war ja nicht ihre Entscheidung gewesen, sie dort zu installieren. Viele Jahre später sah ich wieder eine Dusche mit Küche, bzw. eine Küche mit Dusche. Zufällig. In Zürich. Da war das chic. Eine Freundin wohnte dort, die als Kind von Eltern, die von hinter dem Eisernen Vorhang geflüchtet waren, in der Schweiz aufwuchs. Auch sie wurde zuhause dazu angehalten, sich immer still und anständig und unauffällig zu verhalten.

Von meinem Zimmer aus sah ich die Leuchtschrift der Konservenfabrik Hero. Dort arbeiteten viele jener Ausländer damals. Die meisten waren Italiener. Tschinggen nannte man sie. Auch anders noch. Schlimmer. Sau-Tschinggen. Als Kind bemerkte ich keinen Unterschied, ob jemand von dort oder von da kam. Das war egal. Und wenn ich das so schreibe, dann weiß ich, dass ich mich zum x-ten Mal wiederhole und dass es langweilig ist, immer das Gleiche zu lesen, zu schreiben. Aber es scheint, dass eine weitere Welle ein Wir überrollt, das sich tatsächlich als Menschen einander verbunden fühlt. Jenes Wir wird überrollt, das mit allen vereinbarten Rechten und Pflichten und einem Sinn für die Pflege und die Verantwortung gemeinsam genutzter Orte und Worte nebeneinander – im besten Fall miteinander – zurechtkommt. Die Welle überrollt jenes Wir und alles, was nicht regionalkonform ist, mit Misstrauen. Wer sich auf den Weg macht, um an einem anderen Ort der Welt ein würdiges Leben zu führen, wird zum Voraus mit all jenen über Bord geworfen, die vielleicht tatsächlich nur am schnellen Geld interessiert waren. Man tut so, als ob es jene in den „eigenen Reihen“ nicht gäbe. Der Gürtel ist eng um die humanistischen Werte geschnallt. Wer hilft, wird verdächtigt. Wer sich mit dreißig noch für eine gute Welt engagiert, wird verlacht.
Wer aber sagt, dass die Idee von einer Welt ohne Kriege, überholt sei und dass es menschlich sei, Kriege zu führen, den verlache ich.

Simulation
Ich lebe nicht mehr in dem reichen Land. Wenn es dir hier nicht passt, dann kannst du gehen. Mein Vater schlug mir als Jugendliche die DDR vor. Dort siehst du dann, wie das ist mit dem Kommunismus.
Ich lebe heute in einem anderen reichen Land. Ein Land mit einer gepflegten Hochsprache, mit Hunderten von Jahren teils noch sicht- und fühlbarer Geschichte, mit großmäuligen Politikerinnen und Politikern und bald mehr Regierungskrisen als Regierungen. Italien.
Ich lese La Repubblica online. Hasserfüllte Quotes im Zusammenhang mit einem in Rom ermordeten Carabiniere jagen einander in den sozialen Medien der letzten Tage. Schuld waren Ausländer, die man eh alle ausschaffen müsse. Der Rechtsaußen-Innenminister Matteo Salvini donnert. Dann kommt aus, dass nicht diese Ausländer, sondern andere Ausländer schuld waren. Seither nennt man sie Amerikaner. Es waren zwei junge Amerikaner, die sich nach der Ermordung in ihrem Hotel ins Bett gelegt hatten. Der eine war bei seiner Festnahme geständig. Salvini donnert weiter, wie all die Monate vorher schon, seit er von der Partei, die am meisten Stimmen bekommen hatte, in die Regierungskoalition aufgenommen wurde. Er nutzt sein Amt für seinen persönlichen Feldzug, tut alles, was ihm opportun scheint, um in die Medien zu gelangen. Aufmerksamkeit. Attenzione. Er spricht von einem Wir, von uns Italienern. Prima gli italiani. Das Bild, auf dem er über sein Handy gebeugt auf dem Strandstuhl sitzt, will ich nicht sehen. Ich will seine Haare auf der Brust nicht sehen und auch nicht wissen müssen, dass er einen Bauch hat. Also gelangt mein Blick noch weiter rechts. Dort, neben anderen Aktualitäten, lässt La Repubblica Online Werbung zu. Eine Telefongesellschaft, eine Anmeldung für den Newsletter und rechts, weiter unten, ein Banner „Simulation des 3. Weltkrieges“. Ich klicke auf die Karte, die Länder in Mittel- und Südeuropa zeigt, Frankreich, die Schweiz, Norditalien, Österreich. Panzer fahren hin und her. Irgendwo explodiert eine Bombe. Conflict of Nations World War III. Ein Spiel. Ich sehe Nationenwappen rechts oben. USA, Deutschland, Spanien, Polen, Italien, Frankreich, Russland, Türkei, China, Tunesien, Tschechien. Die Teilnehmerländer?

Was soll das alles?

In Italien gibt das Buch „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ von Concetto Vecchio zu reden. Im Mai bei Feltrinelli herausgekommen, liegt bereits die fünfte Auflage vor. Concetto Vecchio ist im ganzen Land unterwegs, Ende September auch in der Schweiz. In dem Buch beschreibt er die Situation der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz der 60er und 70er Jahre. „Jagt sie fort! Als wir Migranten waren.“ so der Titel in Deutsch.
Vecchio ist wie ich in Lenzburg aufgewachsen. Als er vierzehn war packten seine Eltern ihre Sachen und kehrten nach Sizilien zurück. Für ihn war es Migration. Aber nicht von sich erzählt er, er berichtet von vielen Schicksalen, Leben und Ungerechtigkeiten – und doch sagen mir auch die beiden Männer am Strand heute Morgen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme, weil ein Dritter sie gerade ausschaffen will, dass sie es gut hatten in der Schweiz. „Ausländer seid ihr, viel zu viel Pension bekommt ihr, ich bitte Salvini um Hilfe…. (…) Ein Scherz,“ ruft dieser Dritte, der nie weg war. Ich lache mit. Der eine war 36 Jahre in Chur, der andere 5 in Zofingen. Ja, er hatte es gut. Er habe genau verstanden, was sie von ihm wollten.
Arbeitskraft. Hände, die anpacken. Die Schweiz holte mit einem Abkommen die Hände derjenigen, die am Bankett des guten Lebens in Italien nicht teilnehmen sollten, zumindest vorerst nicht. Und trotz aller Hoffnung und der vielen Arbeit, durften sie auch am Schweizer Bankett nicht teilnehmen.
Jetzt, mit der Pension von dort, geht es uns ausgezeichnet hier! sagen sie.
Immerhin.

Wir zuerst.
Wie „es“ in der Schweiz von heute denn „so“ sei, fragt mich niemand. Und weiß ich das tatsächlich? Ich lebe seit bald einem Jahr nicht mehr dort. Mir scheint, dass sich viele um ihr Ich, das Optimieren des Selbst und des Einkommens drehen. Karriere ist wichtig. Auch ich hätte längst eine berühmte Schriftstellerin sein sollen. Man wundert sich, dass ich das nicht bin und ich komme mir wie eine Blufferin vor. Was habe ich denn versprochen? Was erwartet man?
Was weiß ich also!? Dass man in der Schweiz nach wie vor lacht über die Differenzen der Dialekte und dass man dahingehend Präferenzen ausspricht oder auch nicht. Aargauer… Thurgauer… Dass man kaum über Politik spricht und sich darüber nur die Freunde aus Deutschland wundern. Dass man gerne unter sich bleibt und einem das ja eigentlich auch viel lieber ist, als sich noch mehr Konkurrenz auszusetzen, die im Binnenland so schon herrscht. Also rechnet man hoch, ängstigt sich, baut aber auch Wohnungen, viele Wohnungen, denn das rentiert. Und wenn niemand mehr kommt und das dann nicht mehr rentiert? Dann „hat man dann das Geschenk“ oder vielleicht doch neue Erkenntnisse? Einen Erkenntnisgewinn, um es auch monetär auszudrücken.

Dass die Zeit für eine andere Vorgehensweise beim Erkenntnisgewinn reif sei, denkt nicht nur Sandra Mitchell in ihrem Buch „Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.“ Doch vielleicht ist die Zeit erst jetzt (das Buch erschien zwar schon 2008 auf Deutsch) wirklich reif. Ich will und kann kein Fragezeichen hinter diesen Satz setzen, er würde rhethorisch wirken, keine Antwort wollen, keine Auseinandersetzung. Aber genau das fordere ich. Auseinandersetzung. Obschon ich große Zweifel an der Bereitschaft einer Mehrheit hege, differenziert und offen und menschlich wie jedem Einzelnen möglich hinzuschauen und sich zu überlegen, wie man die Welt in Begriffe fasst, wie man sie erforscht und wie man handelt und sich schließlich immer zu überlegen, sich also damit auseinanderzusetzen: In was für einer Welt wollen wir leben? Wie wollen wir leben?

Die Schweizerische Volkspartei betreibt seit Jahren das Geschäft mit der Angst vor den anderen, dem Fremden. Sie hat von Schwarzenbach den Stab übernommen. Manchmal will sie dann halbstarke Änderungen in die Verfassung schreiben und manchmal schafft sie das. Dafür setzt sie Initiativen ein, die besser Umfragen wären als gesetzeswirksam sein zu wollen. Das Abgrenzungsgeschäft ist ein Betrug und dazu noch absolut unnötig, denn die Abhängigkeit von anderen, auch von „Fremden“, liegt in der Natur des Menschseins. Also vertreiben wir uns die Zeit doch besser mit der Konzentration auf Kooperation, auf würdige Lebensweisen, auf die Veränderung der Dinge, damit sie gut laufen. Die Schweiz hat so oft gezeigt, dass es doch geht mit dem Nebeneinander, sogar mit dem Miteinander. Plötzlich gab es dann sogar die besseren Ausländer, also die Italiener zum Beispiel. Die waren dann besser als die, die aus Sri Lanka kamen und plötzlich sprachen auch die Italiener von den Ausländern. Das waren die, die nach ihnen kamen.

Viele haben Spaß beim Abgrenzen und glauben gern Polemikern, die mit ihrer Lebenssituation überhaupt nichts zu tun haben, dafür aber einfache Worte finden für komplexe Zusammenhänge, sich auch erlauben, nur einen Aspekt zu formulieren und keinen Zweifel zu äußern. So war das auch damals mit dem eingangs erwähnten James Schwarzenbach und seinen Vorstößen gegen die „Überfremdung“. Er hat „es“ vielleicht sogar erfunden, das mit dem modernen Populismus. Europa beobachtete ihn damals kopfschüttelnd, außer vielleicht die Untergetauchten und Umgetauften der vorangehenden faschistischen Regime – und Portugal und Spanien waren da sogar noch in faschistischen Händen. Heute reden die Populisten wie er und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Wir Schweizer zuerst. Sagte der Schwarzenbach. Ausländer raus! Italiener zuerst, sagt Salvini. Die Amerikaner zuerst, sagt der reiche Mann mit der schlimmen Frisur in den USA. Wobei ich jenem nicht zutraue, dass er im Geschichtsunterricht je etwas gelernt hat – aber er hatte ja instruierte Einflüsterer mit breiten Bärten.

Amerika
Um nun nicht zu sagen, dass sich nie etwas verändert in dem Land, wo nach wie vor keine Zitronen blühen (die Klimaerwärmung wird das ändern), sage ich also, dass sich das Land und seine Stimmberechtigten dahingehend eventuell verändert haben, dass sie mit demokratischer Selbstgerechtigkeit zulassen, dass die Verfassung herhalten muss für Zugaben, die ihr im tiefsten Inneren widersprechen. Die Schweiz sagt gerne von sich, dass sie die älteste Demokratie sei. Das stimmt nicht, aber belehren lassen sich Menschen ja nicht gerne, deshalb soll googeln wer will. Ich meine nur… an manchen Schweizer Abstimmungen beteiligen sich nur knapp 30% der Stimmberechtigten. Die entscheiden dann über die „älteste Demokratie“.
Was in der Schweiz alt ist, wird abgerissen, neu gebaut. Auch die Demokratie also? Man wandelt selbstgewiss durch die Europaallee, tritt auf als kleines Land, will bilateral verhandeln (und kommt nicht auf einen grünen Zweig) und tut trotzdem so, als sei man eine unabhängige Insel, subventioniert Banken (weil too big to fail – und es rentiert ja auch noch, wie man heute weiß), geht in Europa einkaufen und fordert am Zoll die Mehrwertsteuer zurück.
Ist das die Schweiz, die ich verlassen habe? Sie mag anders sein als ich sie sehe. Und ich möchte genau in diesem Zusammenhang noch einmal Sandra Mitchell zitieren: „Es wäre anmaßend zu glauben, es gebe nur eine einzige wahre Vorstellung von Welt, die deren natürliche Arten vollkommen abbilden würde. Jede Vorstellung ist bestenfalls auf einen Ausschnitt bezogen, idealisierend und abstrakt.“ Vielleicht ist die Schweiz ja doch noch voller humanistischer Werte, die man ihr auch dank Genf und Bern und den internationalen Institutionen nachsagt. Für mich ist sie das Land wo Freundinnen und Freunde leben, das Land der tausend Möglichkeiten, um frei zu arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Ein Land mit einer aktiven Kunst-Szene, einer (relativ gut-entwickelten) Toleranz für LGBTQ+ Menschen und ja, auch mit der „Sternstunde Philosophie“!

Fehlt noch was?
Großzügiger könnte sie sein, sie, die alles hat. Sie, die alles haben. Ja, Menschen gegenüber großzügiger. Menschen in Not aufnehmen und nicht zuerst fragen, wer das alles bezahlt. Menschen, die anders sprechen, verstehen wollen. Den obersten Chinesen kein Fondue auftischen. Jene, die ein neues Leben beginnen müssen oder wollen, unterstützen. Gastfreundlich sein, auch gegenüber Touristen aus Pakistan, die am Steg ein Boot mieten wollen, um auf einem kleinen Bergsee einmal rundherum zu rudern. Oder es mit Englisch versuchen, mit Händen und Füßen und einem Lachen, um einen Weg zu erklären. Doch wie oft hört man: Wir sind hier schließlich in der Schweiz. Hier spricht man Deutsch (.).
Hier tönt das Gleiche übrigens so: Qui siamo in Italia. Si parla Italiano.

Wohin führt das?

Verantwortung
Die Angstmache von Männern und Frauen, die gegen das Andere, Fremde, kämpfen, geht hoffentlich nicht in einem dieser unheimlichen WWIII Spiele, auf dessen Banner ich online gestoßen bin, weiter, sondern in der Begegnung, dem offenen Dialog, dem Suchen und Finden. Es gibt Wege, die aktuellen Migrationen friedlich zu leben und zu erleben. Durch das gegenseitige Akzeptieren der Verschiedenheit aller Betroffener. Dabei ist zunächst das Gemeinsame zu pflegen und nicht das, was man beim anderen nicht versteht. Nur das Gemeinsame liegt naturgegeben in der Zukunft, denn es wird zusammen konstruiert, wird erst dann Geschichte.
Oder ist das Utopie?
Einst war die Schweiz eine Utopie, zumindest ein Beispiel für eine bessere Welt in der Literatur. Doch in der Schweiz meiner Kindheit wehte über Jahre der Restwind des Schwarzenbach-Gewitters. Die Eidgenossen pflegen eine Tradition gegen das Fremde. Nach Schwarzenbach blocherte der Mann, der nie Bauer war, mit der Bauernpartei durch die hölzigen Sääli in den Wirtshäusern. Die Masseneinwanderungsinitiative wurde im kalten Februar 2014 von einer Mehrheit der Stimmberechtigten angenommen. Ihr habt Ja gesagt (?), meinten Freunde im Ausland.
Ihr. Wir. Ich nicht.

Wir, ich… wer trägt die Verantwortung?

Die Kinder derjenigen, die der Hass und das Misstrauen der Sechziger und Siebziger Jahre betraf, fragten mich nie nach meiner Gesinnung oder der Gesinnung meiner Eltern. Ich glaube nicht, dass ich den Namen Schwarzenbach damals gehört habe. Sie haben ihn gehört. Aber sie begnügten sich mit Freundschaft oder auch einfach damit, dass wir friedlich nebeneinander die Schulbänke drückten und das Leiden an Lehrerinnen und Lehrern°° gemeinsam durchstanden. Ich hoffe, das ist nach wie vor so unter Kindern. Sonst haben die Erwachsenen, also jene, die wie ich damals Kind waren, aus meiner Sicht etwas Grundsätzliches falsch gemacht.

Cacciateli! Jagt sie fort!
Ende September stellt der Autor von „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ sein Buch in Zürich und Lenzburg vor. Nächstes Jahr erscheint es auf Deutsch. Concetto Vecchio hält mit seinem Erzählen, das er dank tiefgreifender Recherchen, Interviews mit Betroffenen und dem Berichten seiner Eltern geschrieben hat, vielen Italienerinnen und Italienern von heute einen Spiegel vor. Sie erinnerten sich nämlich nicht mehr, impliziert das Buch. Die Lega del Nord und die Brüder Italiens (Fratelli d’Italia), die von Frau Meloni angeführt wird, kämpfen lautstark gegen Ausländer, Fremde, Stranieri. Sie ziehen sprachlich jeden Tag die untersten Register.
Das Buch empfinde ich aber auch als Spiegel für die damaligen Schweizerinnen und Schweizer, die opportunistisch nur Arbeitskräfte importiert hatten und manch eine/r hätte vielleicht menschlich von diesen „Ausländern“ etwas lernen können, als sich weiter nur auf sich selbst zu beziehen und in jedem Fall recht zu haben. Ein Bild auch davon: Ter müesset losä was i sägä, wenn i s de scho sägä. Ruft der Vorarbeiter in „Znüni Näh“ von Stiller Has. Viel mehr als die Arbeit zu erklären, sagt er in dem Stück nicht.

Ein Freund meinte letzthin, dass man die Dinge nicht ohne die Zeit, in der sie geschahen, anschauen darf. Aber lernen hieß immer schon verändern und entwickeln, sich selbst und das, was man bisher konnte. Veränderung bedeutet aber nicht immer Entwicklung. Um es monetär zu formulieren: Entwicklung bedeutet Investition. Ohne zu riskieren, dass man wirklich etwas lernt oder eben gar nichts, geht es also nicht. Im esoterischen und im psychologischen Sprachgebrauch bedeutet Entwicklung unter anderem auch Loslassen. Man löst sich von einem Traum, um dank mehr Wissen Erkenntnisse zu bekommen, klarere, vielleicht gerechtere Vereinbarungen zu treffen, andere Blickwinkel einzunehmen. Man löst sich auch von der Poesie des Reinen, Unangetasteten, der Idee, vom Mystischen, schließlich von den Grundsteinen der Traditionen und Bräuchen, die hinterfragt und entzaubert gehören. Sie wirken identitätsstiftend, sagen die Verfechterinnen und Verfechter. Aber in Lenzburg, dort wo ich geboren wurde, kriegen am Jugendfest die Vereine gegen die Schuljugend. Die Fremden gegen die Einheimischen. Das Manöver findet alle zwei Jahre statt. Die Kriegerinnen und Krieger schießen mit Platzpatronen, die sie wahrscheinlich nicht von der Schweiz-eigenen Waffenfabrik beziehen, die dem Staat jahrelang höhere Preise als den saudischen Prinzen verrechnete. Vielleicht beziehen sie die Patronen aus China. Aber in Lenzburg gewinnen immer die Einheimischen.

Happy Birthday!
Die Schweiz begeht immer am 1. August den Nationalfeiertag. Ich hoffe, dass solche Feiern eines Tages nicht mehr stattfinden. Denn was bedeutet es, Schweizer, Schweizerin zu sein? Italiener, Italienerin? Afghanin, Syrer, Nigerianerin, Deutscher. Zufall. Die Nation spielt keine Rolle bei der Menschwerdung. Menschen tragen irgendwann die Verantwortung für die Gestaltung ihrer Leben und für den Umgang mit ihren Prägungen. Dabei ist er/sie Teil eines grenzen- und flaggenlosen Ganzen, ohne das niemand auskommt und von dem sie/er abhängig ist, so lange er/sie lebt – auch wenn sie/er sich darüber erhebt.

°Name geändert
°° Wir hatten auch wunderbare Lehrerinnen und Lehrer!

*
Sibylle Ciarloni, Ende Juli/anfangs August 2019

*
J. Monika Walther gewidmet.

*
Concetto Vecchio besucht am 22. November 2019 Fano bei Pesaro, um sein Buch zu präsentieren.
Folgende Schweiz Daten sind bekannt:

27 settembre ZURIGO. Ore 19.30.
Sala teatro Liceo Artistico, Kantonsschule Freudenberg
A cura del Corriere degli Italiani.
Dialogo con Toni Ricciardi.

28 settembre LENZBURG. Ore 15.
A cura della Missione cattolica, Pfarreizentrum, Bahnhofstraße 23.
Dialogo con Franco Narducci.

*
Im Beitrag erwähnte Literatur:

Sandra Mitchell
Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.
Edition Unseld Suhrkamp

Willi Wottreng
Ein einzig Volk von Immigranten
Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz.
Orell Füssli Verlag

Concetto Vecchio
Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.
Feltrinelli Storie

Morton Rhue
Die Welle (The Wave)
Deutsch von Hans-Georg Noack

THIS WAS „Alles in Ordnung. Lesung & Ton“
strong>März bis Mai 2019
Lesung&Ton
Alles in Ordnung
Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Zwei Stories und ein Manual aus «Bernstein und Valencia».

Wir waren am 16. März im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat berichtet.
Am 23. März waren wir im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ein schönes Wiedersehen mit dem guten Ort.
Am 27. März füllten wir das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Danke Jonas und Matthias!
Am 3. April gingen wir durch das erste Schneegestöber und wir waren nicht allein. Das Publikum klatschte warm und wir freuten uns.
Am 25. April 2019 haben wir im Neubad, Luzern, im Innern der Schweiz also, nicht gebadet, sondern auch – wieder – gelesen und getönt und das Publikum hat leise in sich hinein gelacht. Wir danken Urs und Dominik und Linus!
Am Abend des 26. April 2019 lud uns das Bagno Popolare im Schweizerhof zu Baden an den Thermalwasserbassindrand. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte sogar mit dem gesunden Wasser. Wir benutzten für diese Einlage Leitungswasser. Wunderbar war der Abend und die Nacht – danke Kathrin, Maria, Andriu, Daniela, Christian und all jenen Wesen, die so porenoffen gelauscht haben!
Am Abend des 7. Mai 2019 waren wir in Berlin, auf der Bühne der Brotfabrik. Wir lasen barfuß und verschwanden schließlich im Dunkel des Bühnenrands. Danke von Herzen Rio und Alexander und das Barteam, das uns bis zum Ladenschluss geduldig betreut hat.

Hier noch einmal der Webefilm:

„Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.“

Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual. Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Grenzgang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen sie die Zusammenarbeit – noch im harten Bündner Winter bei 1 Meter 20 Schnee.

«Bernstein und Valencia»
978-3-906311-44-9 /kaufen/

Im Aaku April 2019 steht also:

Wir möchten noch anfügen, dass das BAGNO POPOLARE uns am Abend des 26. April veranstaltet. Deshalb werden wir barfuss lesen und zugehört wird auch barfuss – obschon Ohr und Fuss weit voneinander entfernt liegen.
Eintritt frei Kollekte.
Tür 20 Uhr, Start 20.30 Uhr.
Tenue: Leichte Kleidung. Evt. Badeanzug.
Man darf baden, muss aber nicht.

Danke an dieser Stelle auch Corinne Rufli, Redaktionsleiterin des Aaku!

mit Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
/
Pressetext
:::::::::::::::::::::
Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual im Spiel zwischen Nähe und Distanz, Existenz und Transformation. Grotesk und real, subtil und verwegen.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Audio Live Mitschnitt „Alles in Ordnung“

Audio Live Mitschnitt „Evelyn“

Video Live Mitschnitt „Wie man sich selbst als Fisch zeichnet“

Rahel Kraft
Lebt in Wien und Zürich. Als Sängerin, Klangkünstlerin und Performerin ist sie in verschiedenen Projekten aktiv. Ihr künstlerisches Schaffen bewegt sich zwischen moderner Komposition, Installation, Improvisation und Performance, oft unter Einbeziehung von Raum, kollektiven Prozessen und Zuhören. Mit einem Background in freier Improvisation, Jazz und einem ausgeprägten Interesse für Musiktechnologie erschafft sie interdisziplinäre Klangarbeiten. 2016 schloss sie an der University of the Arts London den Master in Sound Arts mit Auszeichnung ab. 2010 erhielt sie den Master in Jazzgesang und Musikpädagogik von der Hochschule Luzern – Musik.
Kraft arbeitet als Vokalistin u.a. mit David Toop, Korhan Erel, Luca Sisera oder Urban Lienert und initiierte und leitete verschiedene Projekte mit dem Luzerner Stimmorchester. Mit der Schlagzeugerin Valeria Zangger erschafft sie seit fast einem Jahrzehnt eigenwillige Popmusik unter dem Namen 2henning. In ihrem aktuellen Gemeinschaftsprojekt mit der japanischen Klangkünstlerin Tomoko Hojo erforscht sie intime, versteckte Klänge in verschiedenen Regionen. Daraus entstehen Klanginstallationen, Audiowalks und Performances. Rahel Kraft wurde mit mehreren Werkbeiträgen und Preisen ausgezeichnet, aktuell am Zentrum für Medienkünste Karlsruhe zur Entwicklung eines Sound Walks mit Tomoko Hojo.
more

Sibylle Ciarloni
Lebt an der Adria in San Costanzo und in Baden. Sie schreibt Erzählungen, Sprechtexte und Essays. Nach Verwaltungslehre und verschiedenen Aufenthalten im Ausland hat sie sich zunächst in Marketing, dann in Reportage und Feature, später in Philosophie, Sprache und Stimme weitergebildet.
Ciarloni ist Autorin der beiden Bücher „Strandläufer, lungomare“ und „Bernstein und Valencia“, Macherin von mehreren Live-Hörstücken, u.a. in Zusammenarbeit mit Manja Präkels (Co-Autorin, Musik) und Silja Dietiker (Video Archive, bewegtes Bild). Das Stück „Weltatlas – Ein verlorener Gedanke“ zeigte sie zwischen 2015 und 2017 in der Schweiz und in Deutschland an verschiedenen Orten. Zwischen 2003 und 2008 produzierte sie das Literaturprogramm „Auf hoher See“ auf Radio Kanal K mit eigenen Texten und jenen von Gastautorinnen und -autoren. Zwischen 2007 und 2010 führte sie den Salon Billa in Baden, Werkstatt und Veranstaltungsraum für Literatur, Musica, Arte.
more

Dauer:
rund 70 Minuten

Kraft und Ciarloni. Filmstill aus «Wie man sich selbst als Fisch zeichnet». Pressebild. Printfähige Bilder bekommen Sie via Mail/Wetransfer.
Schreiben Sie auf anfragen@sibylleciarloni.com.

Ciarloni und Kraft am Lesetisch im Trudelkeller Baden (Vernissage Buch).

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien.

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Der Regen treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen vor sich hin, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz unter ihnen. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht für ein Fragezeichen. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Ich sage, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der Andere sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo Richtung Bern, hinter Bern, bei Bern, Interlaken? Dann erzählt er vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.

Erschienen in Foto-Essay mit gleichem Titel im Amsel Verlag Zürich.
Wer das ganze Buch haben will, chi vuole avere il libro intero: SHOP

Strandläufer,
von Sibylle Ciarloni

(testo italiano vedi sotto)

Es ist Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit sendet keine Nachrichten. Er nimmt die Farben vom Himmel. Reflektiert sie. Mal blauer, mal grauer. Silbern. Weiß. Dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser wenige Zentimeter vor. Und zurück. Mehr geschieht nicht. Ein Fischer sitzt am Rand der parallel zum Ufer gesetzten Wellenbrecher, aufgeschüttete Travertino Quader, die der Hoffnung dienen, das Meer würde weniger rasch den Sand abgraben. Eine Schwimmerin crawlt sich an den Strand. Nur Boote gelangen ungehindert auf die See, durch die Lücken zwischen den Wellenbrechern.

Langsam füllt sich der Strand. Tuch legt sich neben Tuch unter bunte Sonnenschirme, deren Stiele kraftvoll in den Sand getrieben werden. Ein Mann verteilt rasch den obligaten Klacks Faktor 30 auf dem Rücken seiner Frau. Dann setzt sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl und er geht los, biegt rechts ab, die Sonne scheint auf seinen Bauch.

In den gepachteten Abschnitten gibt die Anordnung der Liegen seit Jahrzehnten vor, dass man zu zweit an den Strand zu kommen habe, um in der Reihe, die man sich leisten kann, in die Sonne zu liegen. Zwei Liegen, ein Sonnenschirm. Wie im Theater kosten die Plätze in den vorderen Reihen mehr. Und wie Dauerabonnenten reservieren sich die Leute vom Ort Liegen für die ganze Saison. Manche legen sich aber bloß an Samstagen und Sonntagen in die Sonne.

Miss Kitty liegt in Badetuchdimension in der vordersten Reihe. Ein Mädchen sitzt neben ihr im Sand. Es spricht mit sich und den unsichtbaren Freunden, die es umgeben. Die Surfer kommen erst am Nachmittag, wenn der Wind gedreht haben wird und sich der jetzt noch gleichgültige Meeresspiegel darüber ein bisschen aufregt. Die Lebensretter sitzen schon auf ihren Holztürmen nahe dem Ufer oder stehen im Schatten herum. Schwatzend, schwitzend, sich nach Haut umsehend vielleicht. Männer aus Senegal gehen kilometerweit, kämpfen um Platz und Umsatz als Strandhändler, den ihnen Männer aus anderen Teilen der Welt streitig machen. Wer war zuerst hier? Ihre Frauen kommen seit wenigen Jahren auch an den Strand. Manche von ihnen flechten Zöpfe in langes blondes Haar.
Die alten Strandhändler sind die Leuchttürme. Sie warnen, wenn Polizei kommt und die klandestinen Verkaufsstände verschwinden in drei Sekunden.
Autoren und deren Freunde verkaufen Bücher mit Lebensberichten von sich selbst und jenen, die in Italien eine zweite Heimat gefunden haben oder suchen. Ein Mailänder Verlag veröffentlicht sie. Im Sommer werden sie an den Stränden, im Winter in den großen Städten verkauft. Die Marokkaner bieten Bikinis für fünf Euro an. Sie ziehen Karren hinter sich her, bleiben stehen, warten auf Kundschaft.

Ich steige ins Wasser. Ein Schritt, zwei Schritte. Kleine Fische fliehen vor meinen langen Füßen. Eine Frau steigt in ein Kanu und paddelt an mir vorbei. Algenblätter schmiegen sich um meine Fesseln. Könnte ich sie in der Sonne trocknen und auf ihnen schreiben? Das Wasser ist warm. Ich drehe mich zum Strand und begegne dem Blick eines Strandläufers. In einem Lifestyleheft wurde beschrieben, wie die Franzosen, die Italiener, die Spanier oder die Deutschen sich für den Strandspaziergang kleiden. Würden sich die Franzosen oft ein Hemd anziehen, so trügen die Italiener nur die Badehose und diese gerne eng. Sie seien auf ihre Körperbehaarung stolz und tragen die bella figura in der Sonne strandauf, strandab.
Eine Frau schimpft im Vorbeigehen zu einer anderen, dass nur noch Kommissar Montalbano im Fernsehen gezeigt
werde. Donna Leon ist in Italien unbekannt. Vielleicht gefiele ihr Brunetti besser. Ein Strandverkäufer bindet Drachen in gleichen Abständen an eine lange Leine. Die papierenen Wesen steigen hoch zum Himmel, so dass sie auch von den Hügeln im Hinterland gesehen werden können. Dort blühen die Sonnenblumen. Europa bezahlt den Bauern derzeit mehr für deren Kerne als für Erbsen.

Der Anfang ist leicht. Man geht nach rechts oder nach links. Die Gedanken tanzen am Horizont oder verlieren sich im
Sand. Schon leckt das Wasser den Einfall weg, den man am Sandtürmchen eines Wattwurms festgemacht hatte. Beim Gehen werden die Dinge sich ordnen, so die Hoffnung, so Thoreau, für den das Gehen die Suche nach den Quellen des Lebens überhaupt war. Auch die freien Römer im antiken Ostia, die sich ihre Gottheiten selbst aussuchten, schworen auf das Gehen. Sie sah man oft zu zweit am Strand, argumentierend und gestikulierend für die Überzeugung des anderen oder für die eigene Raum schaffend. Der Raum. Lo spazio. Er bedeutet im Italienischen auch Zeitraum, Weltraum, Lebensraum. Bleibt das Wort dort im Unfassbaren, so hat es das Deutsche in eine konkrete Tätigkeit übersetzt: Das Spazieren.

Ich entscheide mich für links. Die Sonne brennt auf meinen Rücken. Ich folge meinem Schatten. Möwen rufen. Ich sehe
sie nicht. Eine Seite des Körpers sinkt naturgegeben tiefer in den Sand als die andere. Das Becken verschiebt sich. Man kann nicht lange in die gleiche Richtung gehen, ohne einen Abstecher durch die Liegestuhlreihen zu wagen oder auch mal innezuhalten, um mit dem Blick an den Horizont zu gelangen, an die Naht, die die Welt zusammenhält.

Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern mit uns drei Schwestern fast jedes Jahr ans Meer nach Italien. Sie betteten uns mitten in der Nacht in den geräumigen Mittelklassewagen, die Kleinste auf die Hutablage, mich auf den Rücksitz. Im Gang zwischen Vordersitz und Rücksitz lag ein zu rund einem Drittel mit Luft gefülltes Gummiboot, auf dem die dritte Schwester schlief. Das ging gut. Ich erinnere mich an keinen Zwischenfall und auch nicht an ein Durcheinander unter uns Schwestern, also dass eine auf die andere gerutscht wäre. Es bestand auch noch kein Gurtenobligatorium und meine Eltern werden am Zoll in Chiasso so ausgesehen haben wie zwei Erwachsene, die in den Urlaub fahren. Wahrscheinlich saß meine Mutter am Steuer. Mein Vater übernahm immer die italienischen Straßen. Dort angekommen, irgendwo im Hinterland, wo Ferienwohnungen mit gläsernen Frühstückstassen günstiger waren und die Gefahr der Ablenkung durch dunkeläugige Buben oder den Krimskrams vom Wochenmarkt kleiner, packten wir alles aus, richteten uns ein und fuhren endlich in die Stadt
mit dem langen Sandstrand, suchten dem Mittelklassewagen einen Parkplatz und mit den während der Fahrt bereits aufgeblasenen Schwimmreifen um die Bäuche und den Flügeln an den Oberarmen trug jedes Mädchen sein Wärchen so nah wie möglich ans Wasser.
Wir entfalteten die Strandtücher. Bei Wind beschwerten wir
sie an den Rändern mit Steinen. Mein Vater platzierte seinen Klappstuhl und legte das gestreifte Tuch über die Rückenlehne. Nie setzte er sich sogleich hin, döste und löste Kreuzworträtsel, filmte uns beim Bauen von Wachtürmen und verschlungenen Wassergräben. Diese Tätigkeiten folgten erst später, falls er in der Zwischenzeit nicht jemanden gefunden hatte, der mit ihm Boccia spielte. Mein Vater stieg immer sogleich ins Wasser, schwamm weit hinaus und ein Stück wieder zurück, rief uns von dort zu sich, lehrte uns zu schwimmen oder rettete uns zum Spaß vor dem Ertrinken.
Nach dem Baden steckte er sich ein paar Scheine in die Badehose, ging los und kam manchmal halbe Tage nicht zurück. Er ging dem Ufer entlang.
Stundenlang.
Ging er in die gleiche Richtung? Es kann gut sein, dass er via die parallel zum Ufer geführte Straße von uns unbemerkt in die andere Richtung spazierte, um noch ein bisschen länger alleine zu gehen. Alleine kann nur gehen, wer bereit ist, sich auf eine Zeit mit sich einzulassen. Eine Uhr nahm er nie mit. Eine Minute dauerte sechzig Sekunden.
Am Horizont entdeckte er vielleicht die Unmöglichkeit eines Vorhabens oder wer er einmal sein wollte und was er vorgab, vom Leben zu wissen oder auch nicht. Vielleicht rettete er
sich vor dem Abyss, wo nur Glaube und Zweifel noch wahr sind, indem er in einer Bar einen Kaffee trank. Vielleicht
wurde er sich beim Gehen auch bewusst, wie oft er alleine gewesen war, auch wenn er eines von dreizehn Kindern
war. Ich weiß es nicht. Mein Vater erzählte nicht viel von
sich. Und er kam immer nur mit halben Geschichten von seinem Strandspaziergang zurück, manchmal allerdings mit Bocciaspielern oder Bocciaspielerinnen.

Ein Junge erklärt dem Vater, wie er die Sandburg anlegen will. Der Vater tippt auf seinem Smartphone. Oder filmt er? Ein weiterer Strandhändler pumpt Pinguine aus Plastik auf. Sie sind an den Füßen (oder sagt man Flossen?) beschwert, damit sie aufrecht im Wasser stehen. Hie und da sammle ich Muscheln oder bücke mich für gewöhnlich schöne Steine, für milchig geschliffene Glassplitter oder beinahe weichgewaschene Fliesenstücke. Dinge von Irgendwoher. Dinge aus Venedig, aus der Karibik? Piratenraub? Dinge, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, Dinge, die in meinen Sammlungen Jahr für Jahr staubiger werden. Eines Tages verblasst die Bedeutung oder verschwindet, und die ganzen Dinge liegen entzaubert da und erzählen nichts mehr.

Manchmal nehme ich mir vor, aufrecht dem Ufer entlang zu gehen, leicht angespannt also, je nachdem sogar lächelnd und ab und an innehaltend, um einmal mehr den Horizont zu betrachten oder einem Boot zuzuschauen, wie es ans Ufer tuckert oder weg davon. Wenn ich aber aufrecht gehe, dauert
es oft nicht sehr lange und ich trete in eine angeschwemmte Qualle, eine zerbrochene Muschel oder eine Napfschnecke saugt sich an meinen Fuß. Letzteres ist noch nie vorgekommen und bestimmt auch nicht weiter gefährlich. Das genügsame Zwitterwesen könnte mich bloß ein wenig verwirren. Muscheln zerschneiden vielleicht die Haut. Doch eine an das Ufer geschwemmte Qualle versengte mir mit letzter Kraft schon die Fußsohle. Also lerne ich derzeit, ein Auge nach vorne, das andere nach unten gerichtet meinen Weg zu gehen, wie der Pelzhändler in Neapel, der gekonnt ein Auge auf seine Ware richtete und ein Auge in der Umgebung umherumschweifen ließ und Ausschau nach Polizei und Kundschaft hielt.
Wenn nichts weiter geschieht, was vorkommt, so verschiebe ich minütlich mein Ziel. Noch bis zur Spiaggia D’Oro, noch bis zum Hotel Playa, zum Beach Volley Netz. Dann werde ich umkehren. So vergehen eine Stunde oder auch zwei. Vielleicht schaue ich noch einem Mann hinterher, einer Frau meinetwegen. Die Bewegungen verschwinden wie die Gedanken, die ankommen und bald flüchtig werden, vielleicht verlorengehen. Sie festzuhalten funktioniert nicht. Oft habe ich mir auch eine Idee in meinen Kopf geschrieben und mir vorgestellt, dass ich sie bei meiner Ankunft zurück auf dem Strandtuch sofort in mein Notizbuch schreibe.

Langsam drehe ich mich in die Richtung der Sonne. Langsam gehe ich auf dem gleichen Weg zurück. Der Mann von vorhin kommt mir entgegen, er muss an seiner Frau vorbeigegangen sein. Die Zeit hat sich verändert. Es ist wärmer geworden. Kinder wurden geboren, Unglücke sind geschehen, Menschen gestorben. Irgendwo war ein Anschlag, irgendwo landete ein Flugzeug. Es hat Urlauber an einen Ort geflogen, wo sie noch nie oder schon immer gewesen waren.
Innerhalb von neunzig Minuten umkreist die Raumstation ISS einmal die Erde. Vielleicht ist sie jetzt über uns. Vielleicht durchfliegt sie eine Nacht. Unsere Zeitrechnung bedeutet im Weltraum nichts.

Nachdenken beim Gehen ist einfacher, wenn die Umgebung menschenleer ist. So viel Raum kann man an einem Sandstrand dieser Küste allerdings nur an einem Wintertag mit beißender Bora* und waagrecht ins Gesicht prasselndem Regen für sich in Anspruch nehmen. Im Sommer ist der Strand Tag und Nacht belegt. Einige Händler und Angekommene aus Irgendwo-wo-Krieg-ist-oder-wo-sie-ihre-Familie-nicht- ernähren-können schlafen zwischen den Booten, die am Abend zuvor nach der Ausfahrt wieder in den Sand gezogen worden waren. Sie verschwinden beim Erwachen der Sonne, der Ankunft der Mücken, der Küstenwache. Vielleicht hatten sie in der Nacht ein Feuer entfacht, vielleicht getrunken, getanzt, geredet, geplant, wie es weitergehen soll. Die Flaschen nehmen sie mit, die Asche vergraben sie. Ihren Schlafplatz wollen sie nicht durch Abfälle verraten. Sie holen die zu verkaufenden Waren aus sicheren Verstecken und machen sich bereit für den langen Marsch, Abschnitt um Abschnitt, Reihe um Reihe.
Und nahe der Bootsplätze werden auch die Bars geöffnet, wird der Sand von den Liegestühlen geklopft, werden Zigarettenstummel und andere Spuren der Nacht entfernt. Spuren von jenen, denen es egal ist, ob man sieht, dass sie hier waren. Die Schirme werden aufgespannt. Dann kommen die Urlauber. Und das Meer liegt ruhig da. Der Schoß der Menschheit will auch an diesem Morgen keine Mitteilung senden. Er nimmt die Farbe des Himmels auf, reflektiert sie, mal blauer, mal grauer. Silbern dann, weiß oder dunkel. Gleichgültig schiebt sich das Wasser ein paar Zentimeter vor. Und zurück.
Mehr geschieht nicht.

*Die Bora ist ein trockener, kalter, böiger Fallwind und gehört zu den stärksten der Welt. Auf seinem Weg von Triest an die Küste Montenegros kommt er am Stiefel vorbei und erreicht dabei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 250 km/h.

lungomare
di Sibylle Ciarloni
(Deutsch siehe oben)

È mattino. Il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano. Sugli scogli dei frangenti un pescatore. Una ragazza nuota a riva. Alle barche è permesso uscire al largo senza ostacolo, per loro è stato lasciato un passaggio.
Le spiagge libere si a affollano pian piano. Asciugamano si accosta ad asciugamano. Il palo dell’ombrellone portato da casa viene piantato nella sabbia con tutta la forza. La mano di un uomo che spalma la crema solare sulla schiena della sua compagna è rapida e sgarbata. Lei poi si siede sulla sdraio. Lui parte. Gira a destra. Il sole sulla pancia e in faccia.
Nelle sezioni di spiaggia in concessione l’ordine delle sedie a sdraio detta dagli anni sessanta l’arrivare e lo stare in due. Come in teatro le poltrone in prima la sono più costose e sono spesso prenotate per tutta l’estate dalla gente del posto. Alcuni vengono solo il sabato e la domenica.

Miss Kitty unidimensionale-asciugamano si è distesa su
uno dei lettini in prima fila. Una ragazzina siede sulla sabbia accanto a lei. Parla con sé stessa e con gli amici invisibili che la circondano.
I surfisti arriveranno solo nel pomeriggio, quando il vento si volgerà e agiterà l’ora apatico specchio d’acqua. I bagnini sono seduti sui loro appostamenti vicino alla riva, rimangono all’ombra, sudando, osservando.
Uomini del Senegal camminano per chilometri e chilometri, lottano per ottenere attenzione e guadagno. Uomini di altre parti del mondo fanno loro concorrenza. Chi era il primo? Da qualche anno tra loro si vedono anche donne: del Senegal,
del Marocco, dell’India, dell’Indonesia e di altri paesi asiatici. Alcune offrono dei massaggi direttamente sulla sedia a sdraio del turista, altre intrecciano lunghi capelli biondi. I vecchi invece che si trovano vicini ai punti di vendita istallati sulla sabbia guardano i bambini piccoli che gattonano verso l’acqua come le tartarughe appena nate. Ma i vecchi sono anche i fari delle loro comunità. Danno l’allarme quando si avvicina la polizia e in un attimo i teloni di plastica blu, distesi sulla sabbia con sopra le borse di Moncler, spariscono.
Vengono venduti anche dei libri. Sono gli autori stessi, con i loro amici: raccontano la loro emigrazione e le storie di chi ha trovato o di chi ancora è alla ricerca di una seconda patria in Italia. Una casa editrice milanese pubblica questi racconti. In estate vengono venduti sulla spiaggia, in inverno nelle grandi città.
I marocchini vendono bikini per cinque euro. Si tirano dietro i loro carri, si fermano, aspettano. Delle donne si avvicinano.

Io vado in acqua. Un passo, due passi. Piccoli pesci scappano dai miei piedi lunghi. Una donna sale su una canoa, pagaia passando troppo vicino a me. Foglie di alghe si avvinghiano alle mie caviglie. Potrei farle seccare per poi scriverci sopra?
L’acqua è calda. Mi giro verso la spiaggia e incontro lo sguardo di un uomo che cammina sul lungomare. Indossa un costume blu azzurro che gli arriva fino alla metà del femore.
In una rivista inglese viene descritto come uomini di diverse nazionalità – francesi o italiani ad esempio – si abbiglino per andare a passeggio sul lungomare. Mentre i francesi si mettono pure la camicia, gli italiani indossano un costume piuttosto stretto e nient’altro. Sarebbero fieri dei loro peli e di portare la loro bella figura nel sole su e giù per il lungomare.
Una donna si lamenta con un’altra che in tivù fanno vedere soltanto il commissario Montalbano. Forse il commissario veneziano Brunetti le piacerebbe di più, ma Donna Leon non è conosciuta in Italia.
Un venditore ambulante lega un aquilone dopo l’altro ad un filo lunghissimo. Le creature di carta salgono in cielo tanto da poter essere viste dalle colline dell’entroterra. Là fioriscono i campi di girasole. L’Unione europea al momento paga di più per i semi di girasole che per le melanzane.

L’inizio è facile. Si va a destra o a sinistra. I pensieri ballano all’orizzonte e si perdono mentre l’acqua, spinta a riva da quella forza-non-forza annulla l’idea che, con sguardo vagabondo,
per caso si è fissata su una piccolissima torre di sabbia creata da un cannello di mare. Camminando le cose si metteranno a posto – così parla la Speranza, così parla Thoreau, per il quale camminare fu ricerca della fonte dell’esistenza. Anche i romani dell’antica Ostia, ai quali era permesso scegliere liberamente le divinità da venerare, gradivano il passeggiare lungomare. Li posso immaginare in due, con gesti e con nelle parole trovare l’argomento giusto e fare spazio a nuove idee. Lo spazio. „Der Raum“ in tedesco. La lingua italiana usa la parola „spazio“ per vari significati, per esempio lo spazio del tempo, nel mondo,
ma anche dare spazio a qualcosa nella vita. Il concetto rimane elastico. Nella lingua tedesca dalla stessa radice di spazio deriva il verbo spazieren. Passeggiare. Camminare.

Mi decido ad andare a sinistra. Il sole brucia sulla mia schiena. Seguo la mia ombra. Garriscono i gabbiani. Non li vedo. Una parte del mio corpo scende di più nella sabbia dell’altra. Il mio bacino si sposta. Non si può andare per troppo tempo nella stessa direzione senza osare una puntatina tra le file di sedie a sdraio, oppure semplicemente stare fermi per poter arrivare con lo sguardo all’orizzonte – la cucitura che tiene unito il mondo.

Quando ero bambina quasi ogni anno i miei genitori partivano per il mare con noi tre sorelle. Ci coricavamo nel mezzo della notte dentro la loro macchina da classe media. Mettevano la
più piccola sulla cappelliera e me sul sedile posteriore, mentre lo spazio tra quest’ultimo e i sedili anteriori veniva tamponato con un gommone per un terzo pieno d’aria. Là dormiva la terza sorella. È andata sempre bene. Non ricordo imprevisti, neanche un garbuglio tra noi sorelle o che una di noi fosse scivolata sopra l’altra. Non c’era nemmeno l’obbligo delle cinture. Mio padre e mia madre – senza preoccuparsene più di tanto – ai doganieri di Chiasso davano l’impressione di quello che erano: dei semplici turisti in viaggio per le vacanze, partiti nel pieno della notte.
Una volta arrivati lì, nell’hinterland, dove gli appartamenti
dalle grosse tazze da colazione in vetro erano meno costosi
di un albergo fronte mare e dove la nostra integrità era meno minacciata dai ragazzetti dagli occhi scuri o dalle cianfrusaglie del mercato, disfacevamo le nostre valigie, mettevamo tutto a posto e finalmente partivamo per la città con quel lungomare esteso da una baia all’altra. Cercavamo un parcheggio per la nostra auto da ceto medio e, insieme al salvagente e ai braccioli, che, mentre mio padre guidava, noi gonfiavamo, ognuna di noi portava le sue cosette il più vicino possibile alla riva.
Poi allargavamo i nostri teli da mare. Quando c’era vento li ancoravamo alle estremità con delle pietre. Mio padre posava
la sua sedia pieghevole con sopra il suo telo a strisce vecchio già allora di almeno trent’anni. Ma non si sedeva subito per una dormitina, per completare il cruciverba portatosi dalla Svizzera né si metteva a filmare noi tre mentre costruivamo le torri di guardia o dei solchi d’acqua per i coccodrilli. Queste attività venivano in un secondo momento, sempre che nel frattempo non avesse trovato qualcuno con cui giocare a bocce. Mio
padre entrava subito in acqua e si allontanava dalla riva per
poi tornare a metà della sua nuotata. Da lì ci chiamava. Poi ci insegnava a nuotare oppure ci salvava per scherzo dall’affogare. Dopo il bagno si infilava qualche banconota nel costume, se
ne andava e non si faceva più vedere per delle mezze giornate. Camminava lungo la riva per ore e ore.
Andava sempre nella stessa direzione? Può darsi che cambiasse, passando dietro di noi, sul marciapiede della strada che seguiva tutto il lungomare, per restare un po‘ più tempo
da solo. Non ce ne accorgemmo mai. Soltanto chi è pronto a passare del tempo con sé stesso può passeggiare da solo. Mio padre non portava mai l’orologio. Il tempo era il tempo, un minuto aveva sessanta secondi. All’orizzonte, forse, scopriva l’impossibilità di un’intenzione o chi avrebbe voluto essere e cosa fingeva di sapere sulla vita. Forse si salvava dallo scendere negli abissi del proprio essere, dove soltanto credere e dubitare rimangono condizioni vere, bevendo un caffè al bar. Forse, mentre camminava, si accorgeva di quante volte fosse stato solo, anche se era uno di tredici gli. Non lo so. Mio padre non raccontava tante cose di sé.
E dalle passeggiate tornava sempre soltanto con mezze storie oppure con una squadra di giocatori di bocce.

Un ragazzino spiega a suo padre come pianifica il suo castello di sabbia. Il padre indica cose sul suo Smartphone. O sta registrando? Un altro venditore ambulante gonfia dei pinguini di plastica. Le loro zampe sono appesantite per farli stare eretti nell’acqua.
Qui e là raccolgo delle conchiglie oppure mi abbasso per un sasso qualunque, per un vetro latteo o per dei cocci quasi morbidi. Cose che arrivano da chissà dove. Da Venezia? Dai Caraibi? Un bottino di pirati? Cose alle quali io attribuisco un significato; cose che, di anno in anno, si impolverano nella mia privata collezione. Fino al giorno in cui il loro significato viene meno, no a quando non hanno più niente da raccontare.

Ogni tanto mi riprometto di avanzare ritta, un pochino tesa, sorridendo se possibile, fermandomi di tanto in tanto a guardare ancora una volta l’orizzonte per seguire una barca che crepita verso riva o si allontana da essa. Ma quando cammino con la schiena dritta temo che il mio piede calchi una medusa portata a riva, una conchiglia frantumata o che un patellogastropoda si appiccichi al mio piede. Questo in realtà non è mai successo e non sarebbe neanche pericoloso. L’umile ermafrodito potrebbe solo turbarmi, mentre il frantume di conchiglia forse mi taglierebbe la pelle. Una medusa, invece, l’anno scorso mi ha urticato la pianta del piede. Per questo motivo sto imparando ad avanzare con un occhio in basso e l’altro in avanti, come quel venditore ambulante di pellicce a Napoli che, mentre controllava la sua roba preziosa in una borsa gigante appoggiata ai suoi piedi, riusciva ad avvistare una pattuglia della polizia oppure un cliente interessato.

Se non succede niente, il che è molto più probabile, sposto minuto dopo minuto la mia meta. Arrivo fino all’Hotel Playa, fino alla rete del campo di beach volley. Poi mi girerò.
Così passa un’ora, anche due. Forse seguendo con lo sguardo un uomo, una donna. Tutti i movimenti spariscono come i pensieri che arrivano e ripartono o si girano, poi scappano. Spesso ho cercato di fissare un’idea nella mia mente e ripromettendomi di annotarla poi nel mio taccuino.

Lentamente mi giro e ripercorro lo stesso cammino. Precedo
la mia ombra. L’uomo dalla mano sgarbata incrocia il mio passo, forse la sua compagna dormiva quando è ripassato vicino a lei. Il tempo è cambiato, fa più caldo, sono nati dei bambini, da qualche parte un atto terroristico, un capò abusa di una bracciante immigrata in un campo di pomodori, altrove un aereo atterra dove i passeggeri non sono mai stati o dove vanno da sempre. Tempo novanta minuti e la stazione spaziale internazionale concluderà un’altra orbita attorno alla terra. Forse è sopra di noi. Forse ora è nella notte dall’altra parte della terra. Il nostro tempo nello spazio non significa nulla.

La riflessione nel camminare è più facile quando le spiagge sono vuote. Ma tanto spazio libero in questa riviera si può pretendere soltanto in una giornata di bora* con pioggia orizzontale. In estate la spiaggia è occupata giorno e notte. Qualche venditore ambulante e chi è arrivato dai luoghi di guerra o di fame dormono tra le barche che la sera prima sono state tirate fuori dall’acqua. Gli ospiti notturni spariscono al levar del sole, quando arrivano anche le zanzare o la guardia costiera. Forse hanno acceso un fuoco, forse hanno bevuto, ballato, parlato e pianificato come poter andare avanti. Portano via le bottiglie, la cenere viene interrata. Il loro quartiere notturno non deve essere svelato dalle immondizie. I venditori recuperano dai nascondigli le cose da vendere e si preparano per la lunga marcia, spiaggia dopo spiaggia, fila dopo fila.
Vicino alle barche aprono i bar. Dalle sedie a sdraio i bagnini puliscono le tracce della notte, tracce di chi è fiero di aver passato la notte fuori, e non gli importa di venir scoperto.
Si aprono gli ombrelloni. Arrivano i vacanzieri. E il mare si estende con calma. Il ventre dell’umanità non manda segni. Riflette i colori del cielo. Blu grigio argento bianco scuro. L’acqua, spinta da una forza-non-forza, dondola leggermente, si precipita – lambisce la sabbia asciutta, un sasso – e torna lontano.

*La bora è un vento catabatico secco, freddo e burrascoso. È uno dei venti più forti del mondo. Sul suo percorso tra Trieste e la costa montenegrina passa anche per lo stivale.