Über Unzulänglichkeiten und ein neues Buch

Zeile um Zeile bin ich dem Knopfdruck näher, der mich an die Grenze des Gewollten katapultiert und wieder zurück. Nur um dort, dahinter, hinter der Grenze, dann gesehen zu haben, dass alles nicht so schlimm ist und schon gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Über Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine grundsätzlich falsch angelegte Kombinationsfähigkeit im Charakter – oder sagen wir in der Psyche – zu beschreiben. Introspektion ist weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei Dinge, die man in Zusammenhängen sehen muss. Es ist eine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester. Wir sind nur im Jetzt, was war zählt nicht. Doch, sage ich, auch das was war zählt! Aber was sage ich? Will ich mich immer an alles erinnern? Zudem wäre, was das Jetzt sei, noch einmal eine ganz andere philosophische Diskussion.

 

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so plante ich noch vor einigen Jahren das Ablegen aller förigen* Schweren in einem Endlager für restliche Gedanken, für nichtsnutze Ängste, für alte Muster und so Sachen eben, die unnötig unter der Haut und in den Erinnerungen schwelen und als wiederholt implodierende  Schmauchpilze mal aufbegehren und schnaufen, dann wieder schön brav + still sind.

Jedenfalls hatte ich zusammen mit einem Freund ein ernst gemeintes Projekt mit www domain usw., also Endlager punkt ch oder so was mit org oder net vorgesehen. Wir haben Stunden darüber gesprochen, uns alles ausgemalt und waren enthusiastisch, auch sicher, dass das eine zeitgemäße Dienstleistung sein wird, um eben Unzulänglichkeiten zu entsorgen.

 

Nicht immer aber ist die Unzulänglichkeit tatsächlich eine Unzulänglichkeit. In Wirklichkeit ist eine Unzulänglichkeit nur gerade dann eine Tatsache, wenn die Zweifeltante daher eilt, mit ihrer alten Tasche aus dem Brockenhaus am Arm. Sie kann uns immer dazu bringen, es so zu sehen wie sie will. Aber man muss sich emanzipieren von dem Wort, der Bedeutung des Begriffs. Ich kann ihn bereits nicht mehr lesen und schreiben. Unzulänglichkeit. Raus mit dir. Morgen wirst du wieder eine Tugend sein. Heute aber nicht. Heute ist sie, was sie ist – um es mal ganz wertfrei zu sagen.

 

Eine Redakteurin sagte letzthin zu mir: Du kannst ja alles. Sie sagte es mit einer leichten Neidfalte im unteren Gesichtsbereich. Ich schüttelte heftig den Kopf, denn ich kenne meine Unzulänglichkeiten. Ich schaffe nur einen gefühlten Viertel von alldem, was ich überhaupt machen will und etwa die Hälfte von dem, was ich mir zutraue, davon geht noch einmal ein Achtel beim Zweifeln drauf und ein weiterer Achtel geht in Träumen unter und bleibt dort. Also alles ist das noch lange nicht, so gerechnet. Und von Können zu reden, ist mir aus verschiedenen Gründen zu aufwändig. Ich tue, was ich kann. Das ist subjektiv und bleibt subjektiv.

 

Endlich zu einem Beispiel kommend – und hier geht es nun endlich los -; eine meiner Unzulänglichkeiten ist, dass ich nicht so wahnsinnig gerne, sondern nur ein bisschen, im Mittelpunkt des Geschehens stehe, sitze, liege. Liegen ginge ja noch, da begibt man sich in eine regressive Phase. Maria sagte das letzten Winter im Engadin und sie weiß es genau.

Bleiben wir deshalb bei Sitzen und Stehen. So wird es nämlich kommen. Ich werde zeitweise in einem Mittelpunkt stehen. Bald ist ein neues Buch von mir in der Welt (sagen wir: im deutschsprachigen Raum). Bald sind Vernissagen. Bald beginnt die Presse über mein neues Buch zu schreiben und es vielleicht zu zerreißen oder zu loben. Ich werde gemeint sein, denn es sind meine Erzählungen, meine Stories. Ich werde eingeladen werden und ich werde dann etwas sagen müssen. Ich werde mich kurz halten wollen, weil ich das so gelernt habe. Ich werde nur dann, wenn mir das Publikum gut gesinnt ist und ich mich wohl fühle, nur dann, wirklich, auch etwas über den Schreibprozess sagen und ich werde verraten, welche Geschichte aus verschiedenen Gründen wichtig für mich ist und warum. Dann werde ich nicht wertfrei reden, denn das kann ich nicht. Auch das nicht… Das Buch wird ein Band mit kurzen und längeren Erzählungen und es geht immer um das Spiel von Nähe und Distanz. Bei Menschen, fragt dann vielleicht eine Moderatorin mit Fragezeichen. Ja, bei Menschen. Einmal ist es sogar ein Tier und ein Mensch. Einmal ist es ein Törtchen und ein Mensch. Das werde ich vielleicht sagen und ich werde mich gut vorbereiten, denn es ist nicht leicht, einfach so souverän zu wirken (von sein redet hier noch niemand). Vielleicht werde ich vor einem Gespräch rennen gehen und dann eine Gesichtsmaske auflegen. Auch ein Schnaps hilft, oder zwei. Aber ich werde nicht besoffen auf eine Bühne gehen. Das nicht. Nur nervenberuhigt und so tief wie möglich entspannt.

 

Das mit der Presse habe ich erfunden**. Ich weiß noch überhaupt nicht, wem das Buch in die Hände fallen wird, wer es schließlich empfiehlt. Ich bitte deshalb Menschen, die jemanden kennen, der jemanden kennt und dem meine Agentin das Buch schicken könnte, sich zu melden mit Name und Adresse und vielleicht auch sexuellen Vorlieben. So etwas würde ich nie schreiben, doch schon steht das nun hier und während ich Bücher von anderen Autoren und Autorinnen lese und mich wundere, wie weit sie zu gehen wagen und wo sie dann an der Grenze stehen, da probiere ich nun auch aus, was ich nicht gewagt hätte. Ich schreibe diesen Gedanken auf, der schon durchgestrichen ist, denn es gehört sich nicht, einen Kritiker oder eine Kritikerin mit solchen Versprechen zu locken, oder gar zu bestechen.

Es wird nun Zeit, dass das Buch erscheint.

 

*

förig ist gleichbedeutend mit „übrig“. Da schon so viele Worte mit ü und u und un da standen, wählte ich ein träfes*** Wort aus meinem Dialekt. Auch weil es so schön ist, wenn man es mit starkem f, langem ö und einem harten g am Schluss ausspricht.

 

**

Ich weiß nicht, was geschehen wird, aber ich freue mich sehr, bald meinen Band mit den Stories über Bernstein und Valencia und all die anderen Begegnungen in den Händen zu halten.

 

P.S.

Wir haben es übrigens nicht weit gebracht mit dem endlager punkt ch oder org oder net oder so, denn wer will schon so weit denken, dass er/sie Introspektion betreiben muss. Dazu noch das Punktesystem, das wir zu entwickeln hatten. Also je mehr man endlagert, desto mehr Punkte kann man sammeln und was wäre der einzulösende Gewinn? Eine Pfanne hat jede und jeder schon, Geschirr auch, ein Tropfsystem für die Zimmerpflanze während der Ferienabwesenheit…. nun gut, wer hat noch Zimmerpflanzen?

 

***

träf ist gleichbedeutend mit treffend.

 

Zu den Schmauchpilzen noch diese Aufklärung:

Wer Schmauchpilze kennt, weiß was gemeint ist. Allen anderen sei hier gesagt, dass es die Wortkombination nicht gibt, doch in meinem Buch kommt sie trotzdem vor. Schmauchpilze sind ein Phänomen aus der Welt der Pilze. Sie atmen laut und stoßen dabei Rauch aus. Sie wachsen da, wo Dinge alleingelassen vermodern.

Man muss das Absurde erkennen und annehmen, sonst ist das Leben unheimlich geordnet.

 

Wer googeln will und online kaufen:

Sibylle Ciarloni

Bernstein und Valencia

Stories

Knapp Verlag

ISBN 978-3-906311-44-9

Ab September in jeder Buchhandlung erhältlich.

 

 

 “When seriously explored, the short story seems to me the most difficult and disciplining form of prose writing extant. Whatever control and technique I may have I owe entirely to my training in this medium.” – Truman Capote

 

 

Einige Stimmen zu meinen Geschichten:

 

«Hier liest man zum ersten Mal und fortlaufend immer wieder, was Sibylle Ciarloni besonders gut kann: Ohne grosses Worttheater die Vorhänge zu einem bildreichen Lesestück aufziehen. Sie beobachtet, zeigt Leben, Rollen, jede scheint authentisch. Sibylle Ciarloni kennt ihr Personal und sie hat ihren eigenen Ton und die Gabe, sorgfältig zu erzählen – nicht um Grenzen auszuloten, sondern um sie zu überschreiten.»

Tanja Kummer, Schriftstellerin, über «Die Lesung»

 

 

«Es ist Coolness, mit der Ciarloni dem Untergehen ihrer Figuren begegnet. Ein fast genüssliches Austarieren des Abgrunds, das in den Bann zieht, dessen Wirkung auch über das Ende der Geschichte hinausreicht.»

Manja Präkels, Schriftstellerin und Musikerin, über «Anton Ross und Biene Marylin»

 

 

«Sibylle Ciarloni schreibt in einer Zeit, in der alle nach Sicherheit und Ordnung schreien, über unser tiefes Bedürfnis nach Chaos. Das ist nicht nur mutig, schrill und sehr poetisch, sondern befördert auch einige längst vergessene Wahrheiten zurück ans Licht. Das liest sich aufregend und wunderbar!»

Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin, über «Alles in Ordnung»

 

 

«Wie ein Gemälde entfaltet sich dieses Bild vor den Augen des Lesers. Sinn und Unsinn des Reifens und des Lebens spiegelt sich darin. Ein musikalisches Stück, das wie ein Gitarrenmenuett daherkommt. »

Rouven Obst, freier Lektor, über «Männer spielen Gitarre»