Wie man flieht

Hinweise für eine ungewisse Migration. Ein neues Buch von Baltensperger + Siepert.

Ich erzähle hier zuerst nichts Neues, dazu komme ich dann weiter unten: Gebrauchsanweisungen haben etwas Rechthaberisches. Richtige Hinweise stehen der Reihe nach in einer Broschüre, in einem Leporello, einem straßenplanmäßig gefalzten Prospekt. Bei letzterem ist das Papier meist sperrig, den Bogen zurück in seine Falzen zu legen, geht kaum je ohne Gegenfalz oder die plättende Hand. In der Broschur ist das einfacher. Seite um Seite. Sprache um Sprache. Markt um Markt.

Der Markt ist ein Wesen geworden. Er hat die Hand, die unsichtbare Hand. Er tut das Richtige. Wir werden schon sehen, glauben wir hier. Wir sollten nichts regulieren, so wenig wie möglich auf jeden Fall, meinen die einen. Freiheit, glauben die anderen. Frei ist der Markt so lange, wie es einem System ins System passt und

wie geglaubt wird, dass er frei sei.
Menschen verlassen Systeme,
weil sie denken, dass sie ein Recht auf ein freies Leben haben. Viele Menschen denken solche Dinge. Menschen, die in Kriegen leben sollen, glauben zudem, dass sie nicht in Kriegen leben sollen. Frauen, die ihren Kindern mindestens eine Schulbildung ermöglichen wollen, Männer, die das auch wollen, werden sich ebenfalls ausdenken, wie es anderswo sein könnte, das mit dem freien Leben.
Frei zu leben aber, bedeutet nicht unbedingt anarchistisch zu leben. Es geht um ein konkretes Tauschverhalten, das einzulösen sich Menschen vornehmen. Wenn ich schon in der Welt bin (was ein abstrakter Gedanke sein mag), ob hier oder dort, dann arbeite ich und bekomme Geld dafür und dann kann ich davon ein Zuhause finanzieren und meinen Kindern Schulsachen und Kleider kaufen, Essen kochen.
Geld ist nun mal das Tauschmittel, für das die Welt sich entschieden hat. Doch was kostet das Erreichen einer Umgebung, in der ein freies Leben möglich ist, konkret?

Damit muss man rechnen

Du wirst vergewaltigt werden. Eine Frau – auch manch ein Mann – muss damit rechnen. Aus Somalia in Richtung Lybien. Aus Afghanistan Richtung Griechenland. Aus dem Iran Richtung Türkei. Aus Marokko nach Algerien. Von dort reisen sie weiter, bezahlen wie vorher jede Etappe mit Geld, das sie am Körper tragen, manche mit dem Körper, den sie als Geld mittragen. Hoffnungsvoll geht es weiter. Es geht nicht anders, als mit Hoffnung zu reisen.

„Teheran ist die Hauptstadt des Iran und liegt im Norden des Landes. Der zentrale Golestanpalastkomplex mit kunstvoll gestalteten Räumen und einem Marmorthron war einst der Machtsitz der Dynastie der Kadscharen. Das Nationale Juwelenmuseum besitzt zahlreiche Juwelen der Kadscharenherrscher, während die Ausstellungsstücke im Iranischen Nationalmuseum bis ins Paläolithikum zurückreichen. Der Milad-Turm bietet Panoramablick auf die Stadt.“
((google maps))

Warum sollst du gehen?
Es ist alles so schön.
Hier?
Gewesen.
Wann geht es los?
Es ist alles bereit. Jetzt.
Was nehme ich mit?
Wasser, Zigaretten, Geld.
Nimm nur einen kleinen Rucksack mit, du sollst in den Städten nicht auffallen. Verhalte dich wie ein Tourist. Interessiert. Mach Fotos. Es ist schwierig, an Bord eines Schiffes zu kommen. Sei still auf dem Schiff. Ruf deinen Onkel an, er soll dir Geld schicken. Sei nicht enttäuscht, wenn er keins mehr hat. Such dir einen Job auf einer Orangenplantage. Du musst einen Griechen suchen, der dir seinen Job überlässt. Du arbeitest an seiner Stelle und er lässt dich 10% seines Lohnes behalten. Das sind 10 Euro pro Tag.

((aus dem Buch))

Stefan Baltensperger und David Siepert
teilen mit „Ways to Escape One’s Former Country“ nach vielen Interviews mit Menschen, die geflüchtet sind, Erfahrungen und Tipps mit Menschen, die das alles noch vor sich haben. In Englisch, Arabisch, Deutsch. Die Berichtenden zeichnen in genauen Strichen ihre Erfahrungen auf. Sie sprechen dich an, sie sprechen Sie an. Sie geben Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Es sind nützliche Hinweise, soweit ich das beurteilen kann. Es sind aber auch schonungslose Dokumente unserer Zeit und wie die freie Hand des Marktes agiert. Sie lockt, sie holt, sie stoppt, sie wedelt, sie macht sich hohl, fasst an, dann winkt sie. Ganz so wie es ihr passt. Sie ist launisch, anarchistisch, schreibt sich ihre eigenen Regeln, verwirft sie.

Meine Mitarbeit

Ich hatte den Auftrag, die deutschsprachigen Texte in „Ways to Escape One’s Former Country“ zu redigieren. Während ich in der warmen Sommersonne freizügig gekleidet herumsaß, las und bearbeitete ich die Anweisungen. Ich hörte die Stimmen, fühlte die Pausen. Nachts war ich auf der Flucht.
Es scheint mir nach wie vor ganz und gar unwirklich, was geschieht, auch wenn mir vor rund fünfzehn Jahren schon ein sizilianischer Fischer erzählte, dass er nicht mehr arbeiten könne. Er halte es nicht mehr aus, Teile von Menschen aus seinen Netzen zu entfernen.

An dieser Stelle wollte man nun vielleicht ein tröstendes, sich mit den Begebenheiten versöhnendes Wort lesen. Doch für solche Begebenheiten gibt es keines. Und für die andere Hand, die kalte, planende, der diese Begebenheiten regulierenden Nationalstaaten und deren Passträgerinnen und -träger, gibt es auch keines.

Wir sollten einem Ufer entlang gehen und darüber nachdenken.
Mindestens nachdenken.
Es kann alles dabei herauskommen, auch eine gute Idee oder mehrere, das Leiden und also das Fliehen zu stoppen.

Ways to Escape One’s Former Country
Handbook for an Uncertain Migration

Das Buch kann hier bestellt werden. Es kostet nichts.
Die Anweisungen basieren auf Interviews, die zwischen 2015 und 2017 mit in der Schweiz lebenden Immigrantinnen und Immigranten geführt worden sind.
ISBN 978-3-9524764-0-6
www.baltensperger-siepert.com

Von den beiden Künstlern stammt auch der Band „Invisible Philosophy“.
Link zu meiner Rezensionen in der tell review.

Dafür gibt es noch keine Gebrauchsanweisung: Mutterwerden auf der Flucht. Zwei Geburtshelferinnen aus Basel werden sich im April auf den Weg nach Serbien machen, um im Rahmen der border free association, eine mobile Geburtshilfe aufzubauen.
www.border-free.ch