Yeah Yeah La Laa

Ein Kind verändert während des Spiels die Spielregeln. Das ist normal bei Kindern. Meglio ridere che piangere, no? EINE ausschweifende BEOBACHTUNG mit 7 oder 8 rhetorischen Fragen, teilweise sogar in Klammern.

Ein blonder, für sein Alter schon recht großer Bub spielt in einem weißen Haus mit Kugelschreibern. Für Tinte hat er keine Zeit und Farbstifte hat er keine mehr. Die hat er im Garten vergraben. Der Bub spielt nur mit Schreibzeug. Und manchmal mit einem dunkelblonden Mädchen. Es hat ein Gesicht wie ein hübsches Alien. Aber es ist kein Alien und eigentlich will es nicht bei allen Spielen des Buben mitmachen. Es muss nur manchmal. Dann geht es auch barfuß, wenn

bei einem Staatsbesuch die schönen Schuhe drücken. Ja, auch wenn das nicht sehr natürlich klingt, dass man als Bub und als Mädchen zusammen auf Staatsbesuch geht. Es ist so. Sie gehen auf Staatsbesuch.

Mit seinen Kugelschreibern unterzeichnet der Bub Papiere auf welchen steht, was er kurz zuvor oder irgendwann in einem anderen Zusammenhang behauptete und womit er mal mehr, mal weniger bewusst im ganzen Land und auch außer Landes etwas anzettelt. Und es geschieht immer das Gleiche. Entweder, es hagelt Proteste oder angehobene Daumen, wie jene der Cäsaren im Kolosseum vor zweitausend Jahren, so die eigentlich unwahre Überlieferung. Aber halten wir daran fest, weil es ja gerade so passt.
Diesem einen angehobenen Daumen aber geht es nicht um das Schicksal anderer weniger, sondern um das eigene Ansehen. Das ist ein Unterschied, wenn auch kein bedeutender in diesem – zugegeben – hinkenden Vergleich.

Die Zeichen ändern sich.

Veränderungen sind evolutionäre Unsterblichkeitsbemühungen. Verändert sich aber Grundlegendes, muss man sich zuerst daran gewöhnen, falls man an der Veränderung nicht wesentlich beteiligt war. Manchmal auch dann. Klare Formen von Büffeln oder Antilopen und deren Jäger sind in den Malereien der Höhlenmenschen erkennbar. Es ging um das Tier und den Menschen, der das Tier essen will. Die Zeichen zeigten Handlung und suggerieren noch heute die Konsequenzen. (Oder will der Mensch das Tier nur vertreiben? Oder spielen die nur?) Bei den Römern hieß es dann Daumen hoch und der Mensch wurde vom Tier gerissen. Das Tier konnte allerdings auch ein Mensch sein, ein anderer Gladiator nämlich. Dann ging es nicht um das Reißen, dann wurde gerammt. Das Schwert.

Aber oh, ich schweife ab. Ich wollte doch nur von dem Buben erzählen.

Der Bub ist mir ein wenig unsympathisch. Es geht mir so, wie es mir mit vielen erwachsen werdenden Kindern geht. Die einen sind eher sympathisch, die anderen eher unsympathisch. Außer den eigenen Kindern muss man jenen Buben ja glücklicherweise nicht täglich anschauen. Falsch. Man muss. Doch ich möchte hier eine Fahne der Beruhigung schwingen: Es kann vier Jahre dauern ODER bis zu einem Unglücksfall ODER im schlimmsten Fall dauert es sogar acht Jahre. Aber vielleicht wird der nach meinem Dafürhalten schlimmste Fall im Laufe der Zeit anders ins Buch der Spielregeln geschrieben. Denn das ist total normal bei Kindern, dass sie die Spielregeln nach ihrer eigenen, unanfechtbaren Logik verändern, auch ganz plötzlich und unerwartet und während des Spiels sogar. Und der Bub wird mit einer seiner bedeutungsschwangeren Kugelschreibergesten auch diese – seine – neuen Regeln unterzeichnen und dann Daumen hoch.

Also doch keine Fahne der Beruhigung? Oder doch? Wäre jetzt eine Unabhängigkeitsfahne angebracht? Ich frage Sie. Fahnen werden ja gemalt und geschwungen um Zugehörigkeit, aber auch um Unabhängigkeit zu demonstrieren.
Ginge es denn ohne Fahne?
Wenn ja, dann sollten demokratisch erwirkte Institutionen und in vielen Schritten über Jahrhunderte erarbeitete und verhandelte gemeinsame Werte helfen. Daran wird man den Buben erinnern müssen und nicht an Minderheiten und Ausländer, die wir alle irgendwo auf der Welt sind – die Schweizer ja der Nähe zu jeder Staatsgrenze wegen rascher als die Deutschen. Die Liechtensteiner und die Andorraner werden sogar noch schneller zu Ausländern!
Ich meine mit dem Wort „demokratisch“ übrigens die Beteiligung an der Gestaltung und den Vereinbarungen das Zusammenleben von Menschen betreffend. Diese Spielregeln müssen entscheidend und stark genug sein. Auf sie müssen jene pochen, die sich in Protestgesten abwenden. Ich will daran glauben, dass das dannzumal nützt, wenn es darauf ankommt und das kommt es offenbar derzeit jeden Tag!
Wenn nein, dann malen wir halt neue Fahnen. Immer noch besser, als zu kriegen, obwohl ein breitbärtiger Mann das für uns so vorgesehen hat. Ich spreche nicht von Gott.

Gott?

Jetzt bin ich wieder abgeschweift.
Das Gesicht hinter dem Daumen dieses Buben, das nicht alle so gerne sehen wie er selbst, bleibt uns dank einiger Millionen zu weniger Stimmen, aber dank der Spielregeln erhalten. Ist das logisch?
Entweder, wir gewöhnen uns nun eben zum Beispiel an die Frisur oder das immer geschürte Mündchen oder wir gewöhnen uns nicht daran. Ich versuche es mit der Frisur, so muss ich sein Gesicht mit dem immer geschürten Mündchen nicht anschauen. Immer scheint es entzückt zu sein oder an irgendetwas nippen zu wollen.
Eine Pause der Aufmerksamkeit gegenüber der Nachrichtenschwemme, aus welcher dieser Bub täglich mit seinem erhobenen Daumen in unsere Leben springt, kommt für mich derzeit nicht infrage. Das kann sich natürlicherweise immer ändern. Doch gibt es nicht viele andere Themen, mit welchen man sich beschäftigen kann? Man muss nicht immer nur Nachrichten hören, lesen, schauen.

Man kann zum Beispiel bei einem der Großverteiler in der Schweiz Win-Win-Punkte sammeln oder sich im Kino das Musical La La Land anschauen. Man kann im aktuellen Zeitgeschehen auch nach Mustern in der Vergangenheit suchen. Der Nutzen am Vergleichen ist aber bloß lähmend, da es ein Abbild von einer Vergangenheitserfahrung zementiert, was nicht dem heutigen Geschehen entspricht. Um beispielsweise bei La La zu bleiben; man kann der unlängst in Spiegel Online veröffentlichten Idee, es gäbe einen musterhaften Zusammenhang zwischen dem Erfolg des tröstenden Musical-Genres und den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in welchen der Kalte Krieg wütete, die Kubakrise lärmte und die Angst vor der Atombombe groß war, ein ABER entgegensetzen und dann – je nach point de vue – selber behaupten, dass die Zeit damals nicht von weniger Kriegen und Ungereimtheiten geprägt war als heute und dass da ja dann doch ein paar Leute das Glück suchten, indem sie make love, not war riefen und für das Stimmrecht der Frauen auch (oder sagen wir „noch“) in der Schweiz gekämpft haben und dass viele Männer entschieden haben, sich dem Militärdienst zu verweigern – trotz des Stolzes vieler Mütter auf ihre feschen Babys in den Uniformen.

Ja, ich bin abermals abgeschweift.

Zum Schluss möchte ich – denn die Kurve in den Text will ich jetzt nicht mehr kriegen – noch anbringen, dass es besser ist, zu lachen als zu weinen. Das Lachen verfügt über Sprengkraft gegenüber von Grenzen aller Arten – vorausgesetzt, es bleibt nicht im Halse stecken.
Voilà! La Laa.