Nichts als Schwarz

Die manifesta macht Zürich derzeit noch arbeitsamer als die Stadt schon ist. Wie wird man zu jener/jenem, die/der man ist? - EIN BERICHT über einen Astronauten.

Was ist Beruf, was Berufung? Was ist Kunst wert und was Arbeit? Die Performance zählt! Und im Cabaret Voltaire werden bekannte und unbekannte Künstler durch ihre Auftritte als Performer in der Zunft der Künstler aufgenommen – einem Vereinsmodell für sich in ihrem Dasein bekräftigende Berufsgattungen aus der Zeit der Stadtgründungen. Doch wie wird man tatsächlich zu jenem, der man ist, jener, die man ist?

 

Vor wenigen Tagen kam ein Mensch einer seltenen Berufsgattung nach Zürich. Er kam aus Rom, nicht aus dem All. Aber dort war er tatsächlich. Zwei Tage dauert die Reise bis zum Mond. Sagte der Astronaut. Auf die Frage, ob es Leben gibt ausserhalb der Galaxie, der die Erde angehört, antwortete er in Möglichkeitsformen. Die Wesen dieser Leben allerdings, seien wohl kaum uns Menschen ähnlich. Aber man könne es nicht wissen. Ob er an die Präsenz eines ausserordentlichen Wesens glaube oder zumindest angefangen habe zu glauben, als er ins All geschickt wurde und hinter sich die Erde sah, unseren belebten Planeten. Das sei doch ein Wunder und so weiter und so fort und dem Frager, der das Wort Gott nicht verwenden wollte, es aber gekonnt umschrieb, erschien es evident, dass der Astronaut gleich Ja sagen würde. Nein. Er sei nicht gläubig und dort sei einmal nichts als Schwarz gewesen und dort werde einmal wieder nichts als Schwarz sein. Das war dann doch zu viel Nichts, denn noch einmal kam diese Frage nach Gott und wieder verneinte der Mann, der zweimal schon im All war und wenn nicht an einen Gott, so doch an seine eigenen Fähigkeiten glaubte. Denn zehn Jahre lang war er in Houston und hat sich in den Ausbildungsprogrammen bewährt, ohne Garantie, dass er je ins All geschickt werden würde.

 

Manche arbeiten lange Zeit für einen bestimmten Augenblick, manche bewusst, manche unbewusst. Und vor und nach diesem Augenblick gibt es ein Leben, das gelebt wird. Die eigene Welt wird allerdings nach dem Augenblick für die dereinst zu erreichende Gleichung (ich bin ich geworden) von einem neuen Standort aus vermessen. Einen richtigen Standort, von dem aus die Welt vermessen wird und in unserer Zeit die Leben gemessen werden, gibt es also nicht und kann niemand anders bestimmen als man selbst. Die Geometer suchen immer zuerst nach einem vermutlich maximal sedierten Terrain, nach einem nahezu unverrückbaren Punkt, einem Findling vielleicht, von welchem aus das Lasergerät in die Ferne schaut. Denn ein Baum wird nicht immer ein Baum sein und Vermessungen sollten über mindestens drei Generationen hinweg gelten. Bäume leben und vergehen wie Tiere und der Mensch. Da verändern sich Volumen und Präsenzen. Die Findlinge sind die wichtigen Augenblicke.

 

Sein erster Flug erfolgte 1996 mit der Spaceshuttle Columbia und dauerte rund zwei Wochen. In der Zeit hat er 251 Male die Erde umkreist. Die Raumstation ISS umkreist heute innerhalb von neunzig Minuten einmal die Erde. Rasch zogen Tag und Nacht an Umberto Guidoni vorbei. Dazu dreht die Erde sich um ihre eigene Achse und zeigt sich immer wieder von einer etwas anderen Seite. Der Astronaut aus Rom war im Jahr 2001 der erste Europäer an Bord der Raumstation ISS.

Das Schöne an der Zusammenkunft mit diesem ungewöhnlichen Berufsmenschen war die Einsicht, dass alles seine Zeit braucht. Und alles, was wir tatsächlich haben, ist Zeit. Wir wissen bloß nicht wie viel.