Niemand sprach

Beim Nippen und Warten sah ich manches neu oder schon wieder. Eine mittelmäßige Erfahrung mit entsprechender Wirkung. - EIN BERICHT

Manchmal kann auch ich unheimlich müde werden. Auch wenn ich mich darum bemühe, immer frisch auszusehen. Heute habe ich bis um acht Uhr geschlafen. Das Spektakel, bei dem ich gestern gewesen wäre, hat mich ermüdet.
Als ich pünktlich am frühen Abend in der Galerie mit Kontemporärem ankam, standen einige Menschen herum. Den Künstler, der bald lesen sollte, entdeckte ich abseits in einer Ecke am Reden über das Nichts mit einer Frau, die vom Walliserischen in perfektes Hochdeutsch wechselte, immer wieder hin und her und die Vokale vertauschend zunächst, um sie kurz darauf wieder blitzschnell korrekt zwischen die Konsonanten einzuordnen.

Es faszinierte mich.

Von den anderen, die auch da waren, sprach niemand beispielsweise über Istanbul, wo aufgefallen war, dass man die Flüchtlinge siebt oder wohin die Médecins Sans Frontières nicht gereist sind, um am humanitären UNO-Gipfel nicht Teil einer Farce zu werden. Und niemand sprach über die Börsenkurse und was diese stündlich am Radio und seitenweise in den Zeitungen zu suchen haben. Und auch niemand sprach über den täglich stattfindenden Stau auf den Autobahnen um jene Zeit, also am frühen Abend, und niemand über die Wahlen in Österreich und dass es knapp war.

Ich glitt durch den Raum, mein Ohr mal da, mal dort hinhörend. Aber so richtig mochte ich mich nicht zu den Leuten stellen und nippend mit ihnen warten, bis sie endlich die Klappstühle aufstellen würden. Eigentlich wäre doch eine Lesung angekündigt gewesen. Der Künstler würde aus einem alten Roman eines von ihm wiederentdeckten Schriftstellers lesen. Wie schön, hatte ich mir gedacht und ging hin. Nicht weil es ein alter Roman war, aber weil interessante Literatur ja nicht zwischen den Buchdeckeln stehenbleiben darf.

Die Werke des Künstlers hatte ich inzwischen schon dreimal gesehen und neu interpretiert. Das Durcheinander mit den Vokalen konnte ich in meinem Kopf nun nicht mehr in Ordnung bringen. Die Klappstühle standen noch nicht vor dem nach wie vor mit der Walliserin sprechenden Künstler, der eigentlich aus dem alten Roman lesen wollte. Und niemand hatte sich mir genähert. Es waren auch nicht mehr Leute dazugekommen. An einer Hand abzählbar. Da müsste so eine Annäherung doch gelingen. Auch mir. Aber ich ging bald nach Hause und schließlich früh mit Maus zu Bett. Auch schön.