Goya, Maler

Ich kannte ihn kaum, bis mir vor ein paar Jahren ein Mann von seinen Bildern erzählte. - EIN BERICHT von einem Kinobesuch.

Spanien. Revolutionen und Kriege in Europa. Ein Mann hatte mir von seinen Bildern erzählt. Vom Fleisch, der nackten Haut, der Lust. Er tat es mit einem dunklen Schatten hinter der Stirnwand, vor weißen, im Sommerwind wehenden Gardinen, einem Leuchten in seinen bleichen Augen und einem Lachen, das bis zu seinen haarigen Ohren reichte. Goya!
So ging ich also letzten Mittwoch hier an der Riviera Adriatica ins Kino Politeama und stellte mich in die italienische Reihe hinter der Kasse. Es war halb sieben. Der Film begann um halb sieben.

Theoretisch. Vor mir waberte in leichter Nervosität eine Gruppe angegrauter Menschen. Die Damen mit Lippenstift und lauten Parfums. Die Männer eher unscheinbar, sagen wir insgesamt sportlich und gekämmt. Ein bisschen Eau Sauvage meinetwegen. Ich dachte an einen Nachmittagstee. Doch waren wir nicht auf der Insel, sondern in Europa. Also dachte ich, des Film-Themas wegen, dass es eine Damenmalgruppe sein könnte. Und die Männer hatten mitgehen dürfen.

Gleich hinter mich stellte sich ein kleiner Mann. Unweit von ihm seine Frau. Es ist halb sieben rief er ihr via meine einhundertachtzig Zentimeter zu. Der Mann hatte sich an mich geklebt. Er will überholen, dachte ich. Das wollen alle Italiener. Und schon wollte ich mich aufregen. Also ließ ich ihn meine Schulterbreite, ja, meine Körperlänge spüren.
Er wollte nicht spüren.
Er wollte überholen.
Also klebte er noch immer links an mir, seine Frau in der Zwischenzeit rechts an mir. Ich schaute seitlich in zwei unbeteiligte Gesichter und wusste nicht, was ich sagen sollte. Rispettate la distanza!? Und immer wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll und wenn Schweigen auch keine Alternative ist, dann denke ich mir kleine, fiese Manöver aus. Zuerst war ich ihm die Tasche über meine Schulter ins Gesicht und der Frau schob ich meinen Absatz ruckartig an die Spitze ihres Winterschuhs.
Es nützte nichts und schon wieder wollte ich mich aufregen. Da sah ich wie sein Blick auf den Boden vor seiner Frau fiel und wie er sich dann langsam an einem Filmplakat hocharbeitete. Auf einer bestimmten Höhe empfing ich ihn endlich in meinem Blick. Er war getroffen, wich zurück und so war es dann gut und ich brauchte kein Wort zu verlieren und auch keine Gemeinheiten mehr zu verteilen.

Im Saal schwatzten die Damen nicht nur während der Pubblicità, nein, auch als es schliesslich dunkel wurde und während des Films immer weiter. Mir schien, als würden wir alle in einer grossen Stube auf einem Sofa herumlümmeln, die einen lästernd, die anderen rülpsend. Die Damen unterhielten sich über die Schönheit der in der Dokumentation sprechenden Kuratorinnen. Fa paura questa, da quant’è brutta! (Die flößt einem ja Angst ein, so hässlich ist sie!)
Ich versuchte, mir nichts aus den Entrüstungen und Körpergeräuschen zu machen, sondern mich auf das kommende Fleisch auf der Leinwand zu konzentrieren. Als es nicht kam, sondern fast nur die anständigen Auftragsarbeiten für die damaligen Könige, zischte ich dann doch Schschsch! über meine linke Schulter. Dann herrschte Ruhe hinter mir. Nur manchmal noch schwappte ein kurzes Sätzchen über die aprikosenen Lippen in meine Richtung.

Der Dokumentarfilm dauerte etwas mehr als eine Stunde. Im Verhältnis zur eingangs erwähnten Erzählung wurde wenig Fleisch gezeigt, aber doch einige interessante Betrachtungen und Verbindungen. Apropos: Mindestens fünf verschiedene Mobiltelefone klingelten während der Dauer des Films. Zwei der Angerufenen sagten leise aspetta. eh. aspetta und erwarteten von der Reihe das Seitlichlegen der Knie, um nach draussen zu gelangen. Dann kamen sie wieder und sagten leise: scusate. eh. scusate. Und die Knie der Reihe legte sich auf die andere Seite.

Ich lachte, um nicht zu weinen. Und Goya starb in meinen Armen!

Nachtrag April 2017:
Mehr über Goya und seine Zeit las ich auf Journal 21.