Ein Tag im Leben

Heute ist der internationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute meldet ein Nachrichtenbericht: Griechenland soll aus dem Schengenraum ausgeschlossen werden, weil das Land die europäischen Grenzen absichtlich nicht genügend sichere. - EIN GEDANKENGANG

Als ich vor mehr als zehn Jahren in Portopalo di Capo Passero auf Sizilien war, sagte mir ein Mann, er habe seinen Beruf an den Nagel gehängt. Zu viele Tote. Zu viele falsche Gesetze. Damals galt in Italien vorübergehend ein Gesetz, dass Schiffbrüchige nicht gerettet werden dürfen. Der Mann war Fischer.

Als Blocher noch im Bundesrat war, habe ich ihm aus einem damals aktuellen Anlass (irgendeine SVP-Hetze, ich erinnere mich leider nicht mehr genau) einen Brief geschrieben. Ich bat ihn, sein Maß menschlich und umsichtig zu bestimmen und nicht nach den schmalen Einheiten, die den Anhängern seiner Organisation gefallen, welche ohne Zweifel durch ihre Leben schreiten.

Er habe den Brief zur Kenntnis genommen. Schrieb sein Sekretariat.

Als die Initiative gegen die Masseneinwanderung angenommen wurde, zweifelte ich an der Bildung der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer. Wer hat schon nicht gezweifelt in solchen Dingen? Die Institutionen, denen ich geschrieben habe, um ihnen meine Ideen schmackhaft zu machen, antworteten nicht. Bis auf eine. Sie schrieb, sie wolle sich nicht in die Politik einmischen.

Also gut.

Nachdem ich nun mindestens schon dreimal angefangen habe mit Geschichten, die an Grenzposten und im Stillschweigen enden und die mir bedeuten, mich auf mein Bier zu konzentrieren, will ich nun bei einer Geschichte bleiben, bzw. sie anfangen und zu Ende erzählen ohne allzu viele Verbindungsfäden zu legen und Zusammenhänge zu sehen. Vielleicht gelingt es mir ja, einfach so, von einem Tag in meinem Leben zu erzählen:

Ich tat heute nur das, was ich wollte. Ich schrieb zunächst an einem neuen Text und habe später meinen biometrischen Pass auf dem Konsulat abgeholt, eine Freundin getroffen, per Zufall einem mittelalterlichen Treiben in Basel zugeschaut und mich ein wenig gewundert über die Begeisterung und die Herren mit den Ehrenzeichen an der Brust. Anschliessend habe ich noch dies und das im Atelier erledigt, mich über eine Spendenaktion informiert, die ich dann weiterempfohlen habe und am Abend kochte ich ein Gericht aus Speckwürfeln, Chicorée, Kartoffeln und Eiern.

Dann kam am Radio die Nachricht, dass Human Rights Watch den World Report 2016 veröffentlicht hat. 338 Seiten zum Download. Ich lese von den vielen rassistisch motivierten Verfolgungen. Es werden Vorkommnisse in zehn Staaten beschrieben. Viele haben auch mit den Grenzziehungen gegen Menschen auf der Flucht zu tun.

Werden aber Menschen auf der Flucht selbstgerechten Hetzerinnen und Hetzern überlassen, dann hat Schengen und die ganze Europäische Union und mit ihr zusammen die Funktionäre von Frontex und das, was „wir schaffen sollten“ alles herzlich wenig mit den Vorstellungen von einem friedlichen Zusammenleben zu tun und schon gar nicht mit einer Region in der Welt, die sich gerne mit Menschenrechten und Wohlstand brüstet.
Menschen werden kommen und Menschen werden gehen. Wir können sie empfangen und uns für die Zeit, die sie hier verbringen, miteinander arrangieren. Manche werden sich für uns interessieren und ihr Leben hier einrichten. Andere werden zurückreisen. Was ist an alldem so gefährlich? Was ist gefährlich daran, dass jemand aus einem Kriegsgebiet oder aus einer armen Region, in welcher er/sie keine Zukunft mehr sieht, ein neues Leben gestalten will?

Ich lebe hier, in dieser Region, die sich Europa nennt, ich schreibe, denke nach, lese Bücher, reise manchmal über die Grenze nach Süden, manchmal nach Norden, freue mich über eine Begegnung und über jedes Mal, wenn ich etwas lernen kann. Ich tue genau das, was ich will.

Wie geht es Menschen auf der Flucht? Ich befinde mich nicht in der Situation und kann nicht wissen, wie es ist auf der Flucht vor Krieg. Aber ich bin mir sicher, sie wollen an einen Ort gelangen, wo sie in Frieden leben können und genau das tun können, was sie wollen. Das ist ein Grundbedürfnis. Aber leider noch lange kein anerkanntes Menschenrecht.

Es ist wenig sinnvoll – ich hoffte, dies sei nicht diskutierbar – in einem Krieg zu verbleiben, deren Beweggründe die Drahtzieher niemals zugeben werden und für die sie vielleicht nie verantwortlich gemacht werden. Diejenigen, die schießen, haben ihre sauberen Bürolistenfinger nicht einmal am Abzug.

Menschen werden kommen. Menschen werden gehen.

Immer wieder fängt alles von vorne an.

Heute ist der internationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Ich hoffte, „sowas“ sollte sich in keiner Weise wiederholen, aber alle Hetze hat immer schon irgendwo angefangen. In einer Straße, an einer Grenze. Und heute meldet ein Nachrichtenbericht: Griechenland soll aus dem Schengenraum ausgeschlossen werden, weil das Land die europäischen Grenzen absichtlich nicht genügend sichert.
Absichtlich. Das kann ich mir nicht vorstellen.
Noch weniger kann ich mir vorstellen, dass Regierungen und laute Politiker sich ernsthaft auf Grenzschliessungen konzentrieren können, wenn Menschen in Not sind.
Gut vorstellen kann ich mir allerdings, dass man nicht mehr als Fischer im Mittelmeer Fische fischen will, wenn tote Menschen in den Netzen hängen. Denn da kann man nichts mehr tun.

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