Wir. Wir ist ein beschreibendes Wort, ein großes Wort, ein schützendes Wort, ein ermüdendes Wort. Wenn wir Wir sagen, dann versammle ich mich und uns und andere in dieses Haus mit drei Buchstaben. Doch wer gehört dazu und wer nicht?

Ich bin in einem Land geboren worden, in welchem zu der Zeit ein reicher Mann mit seiner Politik für Furore sorgte. Das gesteigerte Interesse galt einmal mehr den Fremden. Deren zu viele gebe es, sagte er. Das war keine neue Rhetorik, der reiche Mann sprach einfach aus – wie er behauptete und nach ihm noch viele mehr behaupten – was die Leute im Land dachten. Der reiche Mann hieß James Schwarzenbach und das Land heißt Schweiz, die Region, wo ich gelebt habe, ist das deutschsprachige Mittelland.

Schwarzenbach lud zu Veranstaltungen ein oder er wurde eingeladen. Letzteres sogar mehr als vorderes. Er sprach zu den Leuten und sie applaudierten. Wir wollen keine Ausländer! Ausländer raus! Das Wir war sich allerdings uneinig. Kulturfremde und Kosmopoliten gerieten wieder aneinander. Wie schon zwischen den Kriegen in den Zwanziger Jahren. Willi Wottreng schreibt diesbezüglich in seinem Buch „Ein einzig Volk von Immigranten“: „Feststellbar ist eine Art nationaler Schizophrenie. Während die Schweizer Behörden immer härtere Maßnahmen gegen Ausländer erfanden, machte sich die Schweiz zum Fürsprecher des Völkerbundgedankens.“ Die Schizophrenie hatte sich verdoppelt, da man neben den fremdenpolizeilichen Maßnahmen und dem Völkerbundgedanken dann auch noch Hände suchte, die am Schweizer Wirtschaftswunder mitarbeiteten, man aber die Menschen, die zu den Händen gehörten, nicht unbedingt da haben wollte. Schizophrenie ist ein Fall für die Psychotherapie. Moisés Naim fragt anfangs Juni im Head über seinem Beitrag in der Washington Post: „Psychotherapy can solve personal problems – why not national crisis?“ In der Rezension über das Buch „Turning Points for Nations in Crisis“ spricht er dem Autor Jared Diamond allerdings alle Kompetenz zur Beantwortung dieser Frage ab. Unter anderem weil Diamond voraussetze, dass die Nation sich einer Krise bewusst sei und sich mit vereintem Willen, der Übereinkunft aller (.), aus einem Tief heben ließe.
Was also kann Verantwortlichen schizophrener Legislaturperioden oder Regierungen helfen? Und was jenen, die alldem jeweils zustimmen?
Ich lasse die Fragen unbeantwortet.

In der Schweiz der späten Sechziger Jahre machte sich trotz Love, Peace usw. eine sogenannte Überfremdungskrise breit. Nicht allen war eine solche bewusst und eine Übereinkunft war weiter weg, als von den Medien befürchtet. 1970 gewann „der Schwarzenbach“ sein Hetz-Referendum knapp nicht. Die Schweizer Männer waren sich nicht so einig – von einem Wir (Schweizerinnen und Schweizer) kann noch nicht gesprochen werden. Frauen durften da noch nicht an die Urne. Frauen streiken in dem Land übrigens auch heute noch für Gleichberechtigung – wenn auch nur alle paar Jahre.

Das Land ist, auch dank der vielen „Fremden“, eines der reichsten Länder der Welt geworden. Reich an Geld, Wasser und Konventionen. Und im Mai diesen Jahres haben seine Bewohnerinnen und Bewohner bereits alle ihm statistisch theoretisch zur Verfügung stehenden Ressourcen für das Jahr 2019 aufgebraucht. Uns geht es gut. Sagt man dort.

Ich bin zufällig dort geboren.

Mein erstes Wir waren meine Eltern und ich. Ich erinnere mich nicht an die ersten Jahre. Ich erinnere mich zuerst vielleicht daran, dass ich in einem Schwimmbad ertrunken war. Vielleicht träumte ich, wie ich heute noch träume, dass ich unter Wasser atmen kann. Aber dem war nicht so. Menschenköpfe stehen über mir in einem Kreis. Das Bild ist noch ganz präsent. Dann kommt ein anderes Bild. Kindergarten. Wir waren eine große Klasse mit vielen kleinen Kindern. Ich hatte da schon eine schlimme Prüfung hinter mir. Der Weg zum Eignungstest für den Eintritt in den Kindergarten führte über eine schräge Brücke über den Aabach. Ich wurde von meiner Mutter angehalten, meinen Schnuller in den Bach zu werfen. Jetzt bist du groß.
Auf dem Bild ist unsere schöne Kindergartenlehrerin und wir. Ein größeres Wir, ein im zeitlosen Spiel des Kindseins unterbrochenes Wir. Man sieht uns nicht an, woher wir kommen und wohin wir gehen. Unsere Gesichter sind rot. Wir grinsen, hatten uns irgendwie für dieses Bild hingestellt. Die einen schielen zu den anderen, die anderen schauen geradeaus.

Zugezogene
Meine Eltern waren aus zwei verschiedenen Gegenden Zugezogene. Bergmenschen. Sie wohnen in einem Haus, das einer Familie gehört, die in dem Ort verwurzelt ist. Einheimische. Lenzburger. Meine Mutter trifft manchmal eine Freundin, die in der Gegend wohnt und von dort kommt, wo sie hergekommen war. Deren Sohn würde mir einige Jahre später beim Spielen den großen Zeh zertrümmern – nicht absichtlich.
Mein Vater arbeitet tagsüber. Abends dann die ersten Vereinstätigkeiten. Oder Zeitunglesen. Je ein Blatt aus den beiden Gegenden, aus der sie kommen plus die Regionale. Als Zugezogene wollte man sich in der Gesellschaft integrieren. Dazu müssen die Kinder, die bald zur Welt kamen, anständig erzogen werden. Unauffällig, möglichst still. So hat man es gerne gesehen in der Schweiz. Dass neben uns aber Kinder lebten, die das noch viel mehr zu spüren bekamen als ich von meinen Eltern, die sogar unsichtbar waren, stumm spielten, in Estrichen die Tage verbrachten, weil sie nicht da sein durften, konnten wir nicht wissen. Erzählt hat man sich am Tisch nur von den Schlüsselkindern, deren Eltern beide arbeiten müssen. Ausländer. Dass sie viel weniger als die Schweizer verdienten, erzählte man mir zuhause nicht. Erzählt hat man auch, dass sie in schlimmen Wohnungen leben, manche in Kellern. Dass sie das so nicht gewollt haben können, erzählte man nicht. Dass nie jemand von ihnen in einer „solchen“ Wohnung war, davon ist auszugehen. Allzu nahe Kontakte wurden von den Erwachsenen vermieden.
Meine Schulfreundin Anna° lebte in einem Stadthaus über einem Laden. Drei Häuserzeilen von da entfernt, wo der Schwarzenbach vor einem vollen Saal aufgetreten war, um gegen die Überfremdung anzureden. Die Treppe zur Wohnung war schmal, die Stufen hoch. Die Familie wohnte in drei Räumen. Ich fand nur, dass die Dusche in der Küche am falschen Ort war. Doch das war ja nicht ihre Entscheidung gewesen, sie dort zu installieren. Viele Jahre später sah ich wieder eine Dusche mit Küche, bzw. eine Küche mit Dusche. Zufällig. In Zürich. Da war das chic. Eine Freundin wohnte dort, die als Kind von Eltern, die von hinter dem Eisernen Vorhang geflüchtet waren, in der Schweiz aufwuchs. Auch sie wurde zuhause dazu angehalten, sich immer still und anständig und unauffällig zu verhalten.

Von meinem Zimmer aus sah ich die Leuchtschrift der Konservenfabrik Hero. Dort arbeiteten viele jener Ausländer damals. Die meisten waren Italiener. Tschinggen nannte man sie. Auch anders noch. Schlimmer. Sau-Tschinggen. Als Kind bemerkte ich keinen Unterschied, ob jemand von dort oder von da kam. Das war egal. Und wenn ich das so schreibe, dann weiß ich, dass ich mich zum x-ten Mal wiederhole und dass es langweilig ist, immer das Gleiche zu lesen, zu schreiben. Aber es scheint, dass eine weitere Welle ein Wir überrollt, das sich tatsächlich als Menschen einander verbunden fühlt. Jenes Wir wird überrollt, das mit allen vereinbarten Rechten und Pflichten und einem Sinn für die Pflege und die Verantwortung gemeinsam genutzter Orte und Worte nebeneinander – im besten Fall miteinander – zurechtkommt. Die Welle überrollt jenes Wir und alles, was nicht regionalkonform ist, mit Misstrauen. Wer sich auf den Weg macht, um an einem anderen Ort der Welt ein würdiges Leben zu führen, wird zum Voraus mit all jenen über Bord geworfen, die vielleicht tatsächlich nur am schnellen Geld interessiert waren. Man tut so, als ob es jene in den „eigenen Reihen“ nicht gäbe. Der Gürtel ist eng um die humanistischen Werte geschnallt. Wer hilft, wird verdächtigt. Wer sich mit dreißig noch für eine gute Welt engagiert, wird verlacht.
Wer aber sagt, dass die Idee von einer Welt ohne Kriege, überholt sei und dass es menschlich sei, Kriege zu führen, den verlache ich.

Simulation
Ich lebe nicht mehr in dem reichen Land. Wenn es dir hier nicht passt, dann kannst du gehen. Mein Vater schlug mir als Jugendliche die DDR vor. Dort siehst du dann, wie das ist mit dem Kommunismus.
Ich lebe heute in einem anderen reichen Land. Ein Land mit einer gepflegten Hochsprache, mit Hunderten von Jahren teils noch sicht- und fühlbarer Geschichte, mit großmäuligen Politikerinnen und Politikern und bald mehr Regierungskrisen als Regierungen. Italien.
Ich lese La Repubblica online. Hasserfüllte Quotes im Zusammenhang mit einem in Rom ermordeten Carabiniere jagen einander in den sozialen Medien der letzten Tage. Schuld waren Ausländer, die man eh alle ausschaffen müsse. Der Rechtsaußen-Innenminister Matteo Salvini donnert. Dann kommt aus, dass nicht diese Ausländer, sondern andere Ausländer schuld waren. Seither nennt man sie Amerikaner. Es waren zwei junge Amerikaner, die sich nach der Ermordung in ihrem Hotel ins Bett gelegt hatten. Der eine war bei seiner Festnahme geständig. Salvini donnert weiter, wie all die Monate vorher schon, seit er von der Partei, die am meisten Stimmen bekommen hatte, in die Regierungskoalition aufgenommen wurde. Er nutzt sein Amt für seinen persönlichen Feldzug, tut alles, was ihm opportun scheint, um in die Medien zu gelangen. Aufmerksamkeit. Attenzione. Er spricht von einem Wir, von uns Italienern. Prima gli italiani. Das Bild, auf dem er über sein Handy gebeugt auf dem Strandstuhl sitzt, will ich nicht sehen. Ich will seine Haare auf der Brust nicht sehen und auch nicht wissen müssen, dass er einen Bauch hat. Also gelangt mein Blick noch weiter rechts. Dort, neben anderen Aktualitäten, lässt La Repubblica Online Werbung zu. Eine Telefongesellschaft, eine Anmeldung für den Newsletter und rechts, weiter unten, ein Banner „Simulation des 3. Weltkrieges“. Ich klicke auf die Karte, die Länder in Mittel- und Südeuropa zeigt, Frankreich, die Schweiz, Norditalien, Österreich. Panzer fahren hin und her. Irgendwo explodiert eine Bombe. Conflict of Nations World War III. Ein Spiel. Ich sehe Nationenwappen rechts oben. USA, Deutschland, Spanien, Polen, Italien, Frankreich, Russland, Türkei, China, Tunesien, Tschechien. Die Teilnehmerländer?

Was soll das alles?

In Italien gibt das Buch „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ von Concetto Vecchio zu reden. Im Mai bei Feltrinelli herausgekommen, liegt bereits die fünfte Auflage vor. Concetto Vecchio ist im ganzen Land unterwegs, Ende September auch in der Schweiz. In dem Buch beschreibt er die Situation der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz der 60er und 70er Jahre. „Jagt sie fort! Als wir Migranten waren.“ so der Titel in Deutsch.
Vecchio ist wie ich in Lenzburg aufgewachsen. Als er vierzehn war packten seine Eltern ihre Sachen und kehrten nach Sizilien zurück. Für ihn war es Migration. Aber nicht von sich erzählt er, er berichtet von vielen Schicksalen, Leben und Ungerechtigkeiten – und doch sagen mir auch die beiden Männer am Strand heute Morgen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme, weil ein Dritter sie gerade ausschaffen will, dass sie es gut hatten in der Schweiz. „Ausländer seid ihr, viel zu viel Pension bekommt ihr, ich bitte Salvini um Hilfe…. (…) Ein Scherz,“ ruft dieser Dritte, der nie weg war. Ich lache mit. Der eine war 36 Jahre in Chur, der andere 5 in Zofingen. Ja, er hatte es gut. Er habe genau verstanden, was sie von ihm wollten.
Arbeitskraft. Hände, die anpacken. Die Schweiz holte mit einem Abkommen die Hände derjenigen, die am Bankett des guten Lebens in Italien nicht teilnehmen sollten, zumindest vorerst nicht. Und trotz aller Hoffnung und der vielen Arbeit, durften sie auch am Schweizer Bankett nicht teilnehmen.
Jetzt, mit der Pension von dort, geht es uns ausgezeichnet hier! sagen sie.
Immerhin.

Wir zuerst.
Wie „es“ in der Schweiz von heute denn „so“ sei, fragt mich niemand. Und weiß ich das tatsächlich? Ich lebe seit bald einem Jahr nicht mehr dort. Mir scheint, dass sich viele um ihr Ich, das Optimieren des Selbst und des Einkommens drehen. Karriere ist wichtig. Auch ich hätte längst eine berühmte Schriftstellerin sein sollen. Man wundert sich, dass ich das nicht bin und ich komme mir wie eine Blufferin vor. Was habe ich denn versprochen? Was erwartet man?
Was weiß ich also!? Dass man in der Schweiz nach wie vor lacht über die Differenzen der Dialekte und dass man dahingehend Präferenzen ausspricht oder auch nicht. Aargauer… Thurgauer… Dass man kaum über Politik spricht und sich darüber nur die Freunde aus Deutschland wundern. Dass man gerne unter sich bleibt und einem das ja eigentlich auch viel lieber ist, als sich noch mehr Konkurrenz auszusetzen, die im Binnenland so schon herrscht. Also rechnet man hoch, ängstigt sich, baut aber auch Wohnungen, viele Wohnungen, denn das rentiert. Und wenn niemand mehr kommt und das dann nicht mehr rentiert? Dann „hat man dann das Geschenk“ oder vielleicht doch neue Erkenntnisse? Einen Erkenntnisgewinn, um es auch monetär auszudrücken.

Dass die Zeit für eine andere Vorgehensweise beim Erkenntnisgewinn reif sei, denkt nicht nur Sandra Mitchell in ihrem Buch „Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.“ Doch vielleicht ist die Zeit erst jetzt (das Buch erschien zwar schon 2008 auf Deutsch) wirklich reif. Ich will und kann kein Fragezeichen hinter diesen Satz setzen, er würde rhethorisch wirken, keine Antwort wollen, keine Auseinandersetzung. Aber genau das fordere ich. Auseinandersetzung. Obschon ich große Zweifel an der Bereitschaft einer Mehrheit hege, differenziert und offen und menschlich wie jedem Einzelnen möglich hinzuschauen und sich zu überlegen, wie man die Welt in Begriffe fasst, wie man sie erforscht und wie man handelt und sich schließlich immer zu überlegen, sich also damit auseinanderzusetzen: In was für einer Welt wollen wir leben? Wie wollen wir leben?

Die Schweizerische Volkspartei betreibt seit Jahren das Geschäft mit der Angst vor den anderen, dem Fremden. Sie hat von Schwarzenbach den Stab übernommen. Manchmal will sie dann halbstarke Änderungen in die Verfassung schreiben und manchmal schafft sie das. Dafür setzt sie Initiativen ein, die besser Umfragen wären als gesetzeswirksam sein zu wollen. Das Abgrenzungsgeschäft ist ein Betrug und dazu noch absolut unnötig, denn die Abhängigkeit von anderen, auch von „Fremden“, liegt in der Natur des Menschseins. Also vertreiben wir uns die Zeit doch besser mit der Konzentration auf Kooperation, auf würdige Lebensweisen, auf die Veränderung der Dinge, damit sie gut laufen. Die Schweiz hat so oft gezeigt, dass es doch geht mit dem Nebeneinander, sogar mit dem Miteinander. Plötzlich gab es dann sogar die besseren Ausländer, also die Italiener zum Beispiel. Die waren dann besser als die, die aus Sri Lanka kamen und plötzlich sprachen auch die Italiener von den Ausländern. Das waren die, die nach ihnen kamen.

Viele haben Spaß beim Abgrenzen und glauben gern Polemikern, die mit ihrer Lebenssituation überhaupt nichts zu tun haben, dafür aber einfache Worte finden für komplexe Zusammenhänge, sich auch erlauben, nur einen Aspekt zu formulieren und keinen Zweifel zu äußern. So war das auch damals mit dem eingangs erwähnten James Schwarzenbach und seinen Vorstößen gegen die „Überfremdung“. Er hat „es“ vielleicht sogar erfunden, das mit dem modernen Populismus. Europa beobachtete ihn damals kopfschüttelnd, außer vielleicht die Untergetauchten und Umgetauften der vorangehenden faschistischen Regime – und Portugal und Spanien waren da sogar noch in faschistischen Händen. Heute reden die Populisten wie er und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Wir Schweizer zuerst. Sagte der Schwarzenbach. Ausländer raus! Italiener zuerst, sagt Salvini. Die Amerikaner zuerst, sagt der reiche Mann mit der schlimmen Frisur in den USA. Wobei ich jenem nicht zutraue, dass er im Geschichtsunterricht je etwas gelernt hat – aber er hatte ja instruierte Einflüsterer mit breiten Bärten.

Amerika
Um nun nicht zu sagen, dass sich nie etwas verändert in dem Land, wo nach wie vor keine Zitronen blühen (die Klimaerwärmung wird das ändern), sage ich also, dass sich das Land und seine Stimmberechtigten dahingehend eventuell verändert haben, dass sie mit demokratischer Selbstgerechtigkeit zulassen, dass die Verfassung herhalten muss für Zugaben, die ihr im tiefsten Inneren widersprechen. Die Schweiz sagt gerne von sich, dass sie die älteste Demokratie sei. Das stimmt nicht, aber belehren lassen sich Menschen ja nicht gerne, deshalb soll googeln wer will. Ich meine nur… an manchen Schweizer Abstimmungen beteiligen sich nur knapp 30% der Stimmberechtigten. Die entscheiden dann über die „älteste Demokratie“.
Was in der Schweiz alt ist, wird abgerissen, neu gebaut. Auch die Demokratie also? Man wandelt selbstgewiss durch die Europaallee, tritt auf als kleines Land, will bilateral verhandeln (und kommt nicht auf einen grünen Zweig) und tut trotzdem so, als sei man eine unabhängige Insel, subventioniert Banken (weil too big to fail – und es rentiert ja auch noch, wie man heute weiß), geht in Europa einkaufen und fordert am Zoll die Mehrwertsteuer zurück.
Ist das die Schweiz, die ich verlassen habe? Sie mag anders sein als ich sie sehe. Und ich möchte genau in diesem Zusammenhang noch einmal Sandra Mitchell zitieren: „Es wäre anmaßend zu glauben, es gebe nur eine einzige wahre Vorstellung von Welt, die deren natürliche Arten vollkommen abbilden würde. Jede Vorstellung ist bestenfalls auf einen Ausschnitt bezogen, idealisierend und abstrakt.“ Vielleicht ist die Schweiz ja doch noch voller humanistischer Werte, die man ihr auch dank Genf und Bern und den internationalen Institutionen nachsagt. Für mich ist sie das Land wo Freundinnen und Freunde leben, das Land der tausend Möglichkeiten, um frei zu arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Ein Land mit einer aktiven Kunst-Szene, einer (relativ gut-entwickelten) Toleranz für LGBTQ+ Menschen und ja, auch mit der „Sternstunde Philosophie“!

Fehlt noch was?
Großzügiger könnte sie sein, sie, die alles hat. Sie, die alles haben. Ja, Menschen gegenüber großzügiger. Menschen in Not aufnehmen und nicht zuerst fragen, wer das alles bezahlt. Menschen, die anders sprechen, verstehen wollen. Den obersten Chinesen kein Fondue auftischen. Jene, die ein neues Leben beginnen müssen oder wollen, unterstützen. Gastfreundlich sein, auch gegenüber Touristen aus Pakistan, die am Steg ein Boot mieten wollen, um auf einem kleinen Bergsee einmal rundherum zu rudern. Oder es mit Englisch versuchen, mit Händen und Füßen und einem Lachen, um einen Weg zu erklären. Doch wie oft hört man: Wir sind hier schließlich in der Schweiz. Hier spricht man Deutsch (.).
Hier tönt das Gleiche übrigens so: Qui siamo in Italia. Si parla Italiano.

Wohin führt das?

Verantwortung
Die Angstmache von Männern und Frauen, die gegen das Andere, Fremde, kämpfen, geht hoffentlich nicht in einem dieser unheimlichen WWIII Spiele, auf dessen Banner ich online gestoßen bin, weiter, sondern in der Begegnung, dem offenen Dialog, dem Suchen und Finden. Es gibt Wege, die aktuellen Migrationen friedlich zu leben und zu erleben. Durch das gegenseitige Akzeptieren der Verschiedenheit aller Betroffener. Dabei ist zunächst das Gemeinsame zu pflegen und nicht das, was man beim anderen nicht versteht. Nur das Gemeinsame liegt naturgegeben in der Zukunft, denn es wird zusammen konstruiert, wird erst dann Geschichte.
Oder ist das Utopie?
Einst war die Schweiz eine Utopie, zumindest ein Beispiel für eine bessere Welt in der Literatur. Doch in der Schweiz meiner Kindheit wehte über Jahre der Restwind des Schwarzenbach-Gewitters. Die Eidgenossen pflegen eine Tradition gegen das Fremde. Nach Schwarzenbach blocherte der Mann, der nie Bauer war, mit der Bauernpartei durch die hölzigen Sääli in den Wirtshäusern. Die Masseneinwanderungsinitiative wurde im kalten Februar 2014 von einer Mehrheit der Stimmberechtigten angenommen. Ihr habt Ja gesagt (?), meinten Freunde im Ausland.
Ihr. Wir. Ich nicht.

Wir, ich… wer trägt die Verantwortung?

Die Kinder derjenigen, die der Hass und das Misstrauen der Sechziger und Siebziger Jahre betraf, fragten mich nie nach meiner Gesinnung oder der Gesinnung meiner Eltern. Ich glaube nicht, dass ich den Namen Schwarzenbach damals gehört habe. Sie haben ihn gehört. Aber sie begnügten sich mit Freundschaft oder auch einfach damit, dass wir friedlich nebeneinander die Schulbänke drückten und das Leiden an Lehrerinnen und Lehrern°° gemeinsam durchstanden. Ich hoffe, das ist nach wie vor so unter Kindern. Sonst haben die Erwachsenen, also jene, die wie ich damals Kind waren, aus meiner Sicht etwas Grundsätzliches falsch gemacht.

Cacciateli! Jagt sie fort!
Ende September stellt der Autor von „Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.“ sein Buch in Zürich und Lenzburg vor. Nächstes Jahr erscheint es auf Deutsch. Concetto Vecchio hält mit seinem Erzählen, das er dank tiefgreifender Recherchen, Interviews mit Betroffenen und dem Berichten seiner Eltern geschrieben hat, vielen Italienerinnen und Italienern von heute einen Spiegel vor. Sie erinnerten sich nämlich nicht mehr, impliziert das Buch. Die Lega del Nord und die Brüder Italiens (Fratelli d’Italia), die von Frau Meloni angeführt wird, kämpfen lautstark gegen Ausländer, Fremde, Stranieri. Sie ziehen sprachlich jeden Tag die untersten Register.
Das Buch empfinde ich aber auch als Spiegel für die damaligen Schweizerinnen und Schweizer, die opportunistisch nur Arbeitskräfte importiert hatten und manch eine/r hätte vielleicht menschlich von diesen „Ausländern“ etwas lernen können, als sich weiter nur auf sich selbst zu beziehen und in jedem Fall recht zu haben. Ein Bild auch davon: Ter müesset losä was i sägä, wenn i s de scho sägä. Ruft der Vorarbeiter in „Znüni Näh“ von Stiller Has. Viel mehr als die Arbeit zu erklären, sagt er in dem Stück nicht.

Ein Freund meinte letzthin, dass man die Dinge nicht ohne die Zeit, in der sie geschahen, anschauen darf. Aber lernen hieß immer schon verändern und entwickeln, sich selbst und das, was man bisher konnte. Veränderung bedeutet aber nicht immer Entwicklung. Um es monetär zu formulieren: Entwicklung bedeutet Investition. Ohne zu riskieren, dass man wirklich etwas lernt oder eben gar nichts, geht es also nicht. Im esoterischen und im psychologischen Sprachgebrauch bedeutet Entwicklung unter anderem auch Loslassen. Man löst sich von einem Traum, um dank mehr Wissen Erkenntnisse zu bekommen, klarere, vielleicht gerechtere Vereinbarungen zu treffen, andere Blickwinkel einzunehmen. Man löst sich auch von der Poesie des Reinen, Unangetasteten, der Idee, vom Mystischen, schließlich von den Grundsteinen der Traditionen und Bräuchen, die hinterfragt und entzaubert gehören. Sie wirken identitätsstiftend, sagen die Verfechterinnen und Verfechter. Aber in Lenzburg, dort wo ich geboren wurde, kriegen am Jugendfest die Vereine gegen die Schuljugend. Die Fremden gegen die Einheimischen. Das Manöver findet alle zwei Jahre statt. Die Kriegerinnen und Krieger schießen mit Platzpatronen, die sie wahrscheinlich nicht von der Schweiz-eigenen Waffenfabrik beziehen, die dem Staat jahrelang höhere Preise als den saudischen Prinzen verrechnete. Vielleicht beziehen sie die Patronen aus China. Aber in Lenzburg gewinnen immer die Einheimischen.

Happy Birthday!
Die Schweiz begeht immer am 1. August den Nationalfeiertag. Ich hoffe, dass solche Feiern eines Tages nicht mehr stattfinden. Denn was bedeutet es, Schweizer, Schweizerin zu sein? Italiener, Italienerin? Afghanin, Syrer, Nigerianerin, Deutscher. Zufall. Die Nation spielt keine Rolle bei der Menschwerdung. Menschen tragen irgendwann die Verantwortung für die Gestaltung ihrer Leben und für den Umgang mit ihren Prägungen. Dabei ist er/sie Teil eines grenzen- und flaggenlosen Ganzen, ohne das niemand auskommt und von dem sie/er abhängig ist, so lange er/sie lebt – auch wenn sie/er sich darüber erhebt.

°Name geändert
°° Wir hatten auch wunderbare Lehrerinnen und Lehrer!

*
Sibylle Ciarloni, Ende Juli/anfangs August 2019

*
J. Monika Walther gewidmet.

*
Concetto Vecchio besucht am 22. November 2019 Fano bei Pesaro, um sein Buch zu präsentieren.
Folgende Schweiz Daten sind bekannt:

27 settembre ZURIGO. Ore 19.30.
Sala teatro Liceo Artistico, Kantonsschule Freudenberg
A cura del Corriere degli Italiani.
Dialogo con Toni Ricciardi.

28 settembre LENZBURG. Ore 15.
A cura della Missione cattolica, Pfarreizentrum, Bahnhofstraße 23.
Dialogo con Franco Narducci.

*
Im Beitrag erwähnte Literatur:

Sandra Mitchell
Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.
Edition Unseld Suhrkamp

Willi Wottreng
Ein einzig Volk von Immigranten
Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz.
Orell Füssli Verlag

Concetto Vecchio
Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi.
Feltrinelli Storie

Morton Rhue
Die Welle (The Wave)
Deutsch von Hans-Georg Noack

THIS WAS „Alles in Ordnung. Lesung & Ton“
strong>März bis Mai 2019
Lesung&Ton
Alles in Ordnung
Sibylle Ciarloni und Rahel Kraft
Zwei Stories und ein Manual aus «Bernstein und Valencia».

Wir waren am 16. März im Haus zur Glocke in Steckborn bei Judit Villiger.
Bettina Schnerr von Thurgaukultur.ch hat berichtet.
Am 23. März waren wir im NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ein schönes Wiedersehen mit dem guten Ort.
Am 27. März füllten wir das Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich zwar nicht ganz. Dafür klang der Ton ausgezeichnet und das Licht fiel schön. Danke Jonas und Matthias!
Am 3. April gingen wir durch das erste Schneegestöber und wir waren nicht allein. Das Publikum klatschte warm und wir freuten uns.
Am 25. April 2019 haben wir im Neubad, Luzern, im Innern der Schweiz also, nicht gebadet, sondern auch – wieder – gelesen und getönt und das Publikum hat leise in sich hinein gelacht. Wir danken Urs und Dominik und Linus!
Am Abend des 26. April 2019 lud uns das Bagno Popolare im Schweizerhof zu Baden an den Thermalwasserbassindrand. Manche ließen sich im Wasser hin und her treiben, einer gurgelte sogar mit dem gesunden Wasser. Wir benutzten für diese Einlage Leitungswasser. Wunderbar war der Abend und die Nacht – danke Kathrin, Maria, Andriu, Daniela, Christian und all jenen Wesen, die so porenoffen gelauscht haben!
Am Abend des 7. Mai 2019 waren wir in Berlin, auf der Bühne der Brotfabrik. Wir lasen barfuß und verschwanden schließlich im Dunkel des Bühnenrands. Danke von Herzen Rio und Alexander und das Barteam, das uns bis zum Ladenschluss geduldig betreut hat.

Hier noch einmal der Webefilm:

„Kraft und Ciarloni – experimental ineinandergreifend, chaotisch schön, durchdacht interdisziplinär, sentimental auch, lustig auch.“

Lesung&Ton ist eine Mischung aus Performance und szenische Lesung. Die Künstlerinnen lesen und vertonen zwei Stories und ein Manual. Sorgfältig und bei vollem Bewusstsein über das Komplexe beim Abschweifen wirken Rahel Kraft und Sibylle Ciarloni zusammen. Die Texte stammen aus dem Erzählband „Bernstein und Valencia“ von Sibylle Ciarloni.

Es geht um ein Haus wie ein Labyrinth, in welchem sich ein Mädchen verläuft, um nach der Tante zu suchen. In den Räumen und auf den Gängen wimmelt es von Gestalten, Essen wird gekocht, Menschen kommen zusammen, ein Aquarium bricht, Welse schwimmen in den Speisesaal. – Dann geht es um das Verkommen eines Hotels, wo Schmauchpilze wüten und eigentlich schon lange keine Gäste mehr leben dürften. – Schließlich weisen die beiden Künstlerinnen das Publikum an «wie man sich selbst als Fisch zeichnet».

Mittels Wort und Gesang und analog wie digital erzeugtem Ton sowie einer gefilmten Sequenz erzählen die beiden Künstlerinnen in zwei Texten Fiktion und mit einer Anweisung fordern sie ein Gedankenexperiment. Ciarloni (Lesestimme und Dreh-Instrumente) und Kraft (Stimme und Tondichtung) kreieren Dissonanzen und synchrone Momente, um dem Zuhörer und der Zuhörerin einen dritten Raum zu schenken. Sein/ihr eigener Hör-Raum.

Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerinnen beim Einsteigen in einen Hotelkomplex im Rauschen des Inns am Grenzgang zum Gemeinschaftskühlschrank im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS im Engadin. Eine Zigarette, zwei Zigaretten weiter beschlossen sie die Zusammenarbeit – noch im harten Bündner Winter bei 1 Meter 20 Schnee.

«Bernstein und Valencia»
978-3-906311-44-9 /kaufen/

Ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien.

Zuerst die Hochnebeldecke, dann der Regen, dann Schnee, Regen, dann wieder die Hochnebeldecke, wieder Regen. Der Regen treibt Menschen zusammen, setzt sie triefend nebeneinander in Trams, in Zügen, Bussen. Sie tropfen vor sich hin, schauen geplagt durch die nassen Fenster nach draussen, lassen ihre Blicke über die anderen gleiten, suchen Schutz unter ihnen. Oder ein bisschen Harmonie. Geht es Ihnen auch so? fragt also einer. Ich schaue ihn an und mein geplagter Ausdruck weicht für ein Fragezeichen. Er meine das Wetter. Monsun. Sagt er. Ohne sich zu bewegen, macht er mit seinen Augen einen Wink nach draussen. Ich nicke. Es hört nicht auf. Heute regnet es nur einmal. Ja. Ja. Wieder steigen Menschen zu, andere aus. Als ich klein war, da gab es noch Frühling Sommer Herbst und Winter. Sagt er. Bei mir auch. Ich sage, vielleicht sei es nur so, dass wir das glauben wollen, dass die Jahreszeiten so klar unterscheidbar waren. Ich bekomme ein Kopfschütteln von zwei anderen. Einer sagt nichts. Der Andere sagt, dass es aber so sei. Bei ihm sei das so gewesen! Er habe ja im Winter jeden Tag mit den Skiern in die Berge gehen können nach der Schule. Irgendwo Richtung Bern, hinter Bern, bei Bern, Interlaken? Dann erzählt er vom Schlitteln, sogar auf die Besen seien sie gesessen und die Strassen hinuntergerattert, auf denen keine Autos fuhren, jedenfalls nicht so viele. Aber heute habe er Geburtstag und er gehe jetzt in ein Café und lasse es sich gut gehen, ich sage, aha, ein Wassermann, wie ich.
Eigentlich sei er ein Steinbock. Er fühle sich jedenfalls nicht als Wassermann. Er sei knapp. Noch nicht Wassermann. Jawoll.
Weg war er und ich weiß nicht mehr warum, aber ich dachte dann ein bisschen an Spanien und an Jean-Paul Belmondo, der überhaupt nicht so groß war wie man immer meint in den Filmen und ich bin niemals so klein wie auf dem Bild, wo wir zusammen Flamenco tanzen.

Über das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.

Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was dann aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, während wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen könne was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort. Man könne sich das so gar nicht vorstellen, sagte sie vielleicht oder ich meine, sie in meiner Erinnerung das sagen zu hören.
Nicht dass ich an ihrer Intelligenz zweifelte, ich musste zugeben, dass die Geschichte, die meinem Buch den Titel gegeben hat, futuristisch und ja, auch gar arg unter Wasser stattfindet.

Also begann ich, das Vorwort zu schreiben und ich nahm eine Anweisung zur Hand, die ich vor zehn Jahren schon geschrieben habe. Es ist die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Vor zehn Jahren und auch schon als ich ein Kind war, und das ist länger als zehn Jahre her, redete man vom Klima und dass man es schützen wolle. Man redete und redete und auch in den Jahren danach redete man. Aber wie die katholische Kirche übergriffigen Priestern abgelegene Gemeinden zuwies, verwies man das Thema Klima immer wieder auf die letzten Traktandenplätze, zusätzlich auch noch dessen Wahrheitsgehalt anzweifelnd. Folgen davon sind heute noch Kinder, die schon lange keine Kinder mehr sind und nach wie vor keine Hoffnung auf Konsequenzen entwickeln können. Folgen davon sind Menschen, die ihre Orte verlassen und denen Volksparteiler und andere Menschen vorwerfen, sie würden von nun an systematisch die nördlichen Sozialsysteme aushöhlen. Dahinter stehe nämlich ein Plan. Oder der Vatikan?

Was soll ich tun? Fragte ich mich und andere. Was sollen wir tun? Ach, wen interessiert das jetzt, wenn nachher der Sport kommt? Sagten die anderen.
Ich begann, mir Fluchtwege auszudenken. Fluchtwege für meinen armen Kopf. Übrigens war auch mein Herz beteiligt an diesen verzweifelten Drehmomenten, denn ohne Körper geht Denken nicht. Da widersprechen mir nun vielleicht die Algorithmengläubigen. Sollen sie.

Mein Fluchtweg führte über alle Steine zurück in die Vor-Evolution, so es denn eine solche gegeben haben kann. Aber für die Zeit damals, die noch ohne Denkstrukturen – falls es nicht tatsächlich doch einen bewusst wirkenden Gott gegeben haben sollte, was ich hier in Gedankenstrichen nicht ausklammere, doch ebenso weit von mir wegschiebe wie siehe oben – auskamen, gab es Wesen im Wasser. Wasserwesen. Deren Naturzustand war einfach. Er war schlicht seiend. Für eine lange Zeit. Wie die Kollegen Mollusken schielten alle anderen, auch die Kollegen Schwämme wohl, gleich dumm, was nicht wertend gemeint ist, in den Himmel, Richtung Licht. Die Wasserwesen wurden mit der Zeit zu Fischen. Und nun abgekürzt: Aus den Fischen formten sich neue Wesen, neue Wesen, neue Wesen – wie ein mise en abyme, aber nur fast, denn etwas veränderte sich langsam, langsam aber sicher und der Mensch entstand und er glich bald nicht mehr einem Fisch, sondern eher schon sich selbst.

Mein Fluchtweg führte mich also zu jenem Übergang von Fischsein zu Menschsein Ich stellte mir vor, wir entwickeln uns zum Fisch zurück. Wir könnten sogar Fisch werden wollen. Oder müssen (für jene, die von außen eine Motivation brauchen). Es wird uns nützlich sein, ein Fisch zu werden oder ein anderes Tier, das im Wasser lebt. Um die steigenden Meeresspiegel weiterhin zu übersehen und über die Mauern, die Regierungen hochziehen, schwimmen zu können.

Zunächst geht es nun aber in der jetzigen Welt darum, sich das überhaupt vorzustellen. Und was ist heute weiser als ein Plan, eine Zeichnung, um eine Vorstellung sichtbar zu machen? Und so kam es, dass ich vor rund zehn Jahren eine Anweisung darüber schrieb, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Art Transformationsübung. Aber auch eine Flucht. Eine machbare Flucht für den Kopf. Denn wer hat nicht schon daran gedacht, ein Anderer / eine Andere zu sein. Warum sollte man sich dann nicht gleich auch nützlich verwandeln? Und warum nicht in einen Fisch, groß und schön meinetwegen?
Die Anweisung wurde zwar publiziert, doch sie hat den Durchbruch bis heute nicht geschafft.

Ein paar Jahre später schrieb ich die Erzählung über die beiden sich zu im Wasser lebenden Wesen transformierenden Menschen „Bernstein und Valencia“.
Und all die Jahre zuvor und danach habe ich noch andere Erzählungen geschrieben.
Jetzt sind viele davon in dem Buch mit dem Titel der Geschichte der beiden sich Transformierenden und Vorwort und Nachwort umranken alle Geschichten wie einen Kranz. In ihn flocht ich auch jene Anweisung. Die Anweisung „wie man sich selbst als Fisch zeichnet“.

Ob ich mit meinen Erklärungen zu jener futuristischen Geschichte tatsächlich zu deren Verständnis beitragen kann, weiß ich nun nicht. Ich habe mich bemüht, deutlich zu sein. Wer will, kann üben oder den Gedanken für die nächste Generation liegenlassen. Ich werde immer wieder darauf zurückkommen.

Jetzt lieferbar ...

… ist mein Band mit 22 Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen, mit Vor- und Nachwort, mit meiner zukunftsweisenden Transformationsübung, einer Widmung sowie tiefergreifenden Worterklärungen wie z.B. für Bülderlinge oder Schmauchpilze.
In den Geschichten geht es um Nähe und Distanz, Existenz und Tod, Wünsche und Sehnsüchte, versteckte Lieben, das wirklich Groteske und die Fiktion einer möglichen Zukunft.
Erste Stimmen.
Im Buchhandel und in diesem Shop.

Ein Bild von der Vernissage im Trudelkeller gibt es HIER.

Aus dem Inhalt:
Ich war Durty
Es ist immer jemand da
Die Lesung
Alles in Ordnung
Anton Ross und Biene Marylin
Männer spielen Gitarre
Die Assistentin
Evelyn oder Tod eines Törtchens
Bernstein und Valencia
Wie man sich selbst als Fisch zeichnet
Das Mädchen
Brennende Erde

Zweiundzwanzig Erzählungen von Nahsein bis Wegrennen erscheinen im September unter dem Titel «Bernstein und Valencia» im Knapp Verlag. Inklusive Transformationsübung und Anhang über Wörter wie Schmauchpilze und Bülderlinge.

Unzulänglichkeiten sind all die Zustände und Tätigkeiten, die schwierig werden, wenn man sich zurückhält, weil man ahnt, weiß oder Angst hat davor, bestimmten Anforderungen nicht zu genügen. Über eigene Unzulänglichkeiten zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe, sie ist sogar eine nahezu blöde Tätigkeit, geht es doch darum, einen Mangel, eine fehlende Schraube, eine falsch angelegte Fähigkeit im Charakter – oder sagen wir in der Psyche – zu beschreiben. Und dies obschon es bekanntlich kein Falsch und kein Richtig mehr gibt. Es ist was es ist. Wertfreie Beschreibungen sind in. Introspektion ist out, da weder sexy noch gefragt. Deshalb vielleicht tue ich es trotzdem und entdecke dabei einmal mehr, dass ich mich in Zusammenhängen sehen muss. Es ist meine Prägung, rufe ich, nein, ruft meine Schwester, wir sind nur im Jetzt*, das was war zählt nicht! Doch, rufe ich, auch das was war zählt! So streiten wir ein bisschen, mehr nicht.

 

Bleiben wir bei den Unzulänglichkeiten. Wenn ich also ehrlich sein soll und ich meine, das soll ich, so muss ich zugeben, dass auch ich gerne leicht im Jetzt herumfliegen würde und sorglos Spass, unendlichen Spass sogar, haben möchte. So plante ich also vor einigen Jahren das Ablegen aller förigen** Schweren in einem Endlager für restliche Gedanken, nichtsnutze Ängste, alte Muster und so Sachen, die unnötig unter der Haut und in den Erinnerungen schwelen und als wiederholt implodierende Schmauchpilze mal aufbegehren und schnaufen, dann wieder brav + still sind. Jedenfalls hatte ich zusammen mit einem Freund ein ernst gemeintes Projekt mit www domain usw., also Endlager punkt ch oder so was mit .org oder .net, vorgesehen. Wir hatten Stunden darüber gesprochen, waren enthusiastisch und auch überzeugt davon, dass das eine zeitgemäße Dienstleistung sein wird, um eben auch Unzulänglichkeiten zu entsorgen.

 

Aber dann reflektierten wir.

 

Nicht immer ist die Unzulänglichkeit tatsächlich eine Unzulänglichkeit. In Wirklichkeit ist eine Unzulänglichkeit nur gerade dann eine solche, wenn die Zweifeltante mit ihrer alten Tasche aus dem Brockenhaus am Arm daherkommt. Sie kann einen immer dazu bringen, es so zu sehen wie sie will.
Ganz anders tun es oft richtige Menschen. Sie glauben an einen. Menschen, die an einen glauben, sind wichtig im Leben, manchmal wichtiger als man selbst, doch ohne man selbst geht es ja auch nicht, das Leben. Das eine bedingt das andere… Eine Redakteurin sagte letzthin zu mir: Du kannst alles, du machst alles*! Ich schüttelte heftig den Kopf, denn ich schaffe ja nur einen gefühlten Viertel von dem, was ich überhaupt machen will und etwa die Hälfte von dem, was ich mir zutraue. Davon geht noch einmal ein Achtel beim Zweifeln drauf und ein weiterer Achtel geht in Träumen unter. Also alles ist das noch lange nicht, jedenfalls nicht was ich zu tun wünsche. Und von Können zu reden, ist mir aus verschiedenen Gründen zu aufwändig. Ich tue, was ich kann. Das ist subjektiv und bleibt subjektiv.

 

Endlich aber jetzt zu einem Beispiel kommend, das dieser Beitrag herausschälen will: Eine meiner Unzulänglichkeiten ist, dass ich nicht so wahnsinnig gerne, sondern nur ein bisschen, im Mittelpunkt eines Geschehens stehe. Doch in diesen Tagen erscheint ein weiteres Buch („Bernstein und Valencia“). Ich werde also zeitweise in einem Mittelpunkt stehen. Vielleicht fragt jemand von der Presse nach einem Rezensionsexemplar; das wäre ein Glück, sagen die einen.
Bald sind Vernissagen und eine Lesung&Ton in Baden, um der Stadt zu danken, die einen Beitrag an die Druckkosten gab. Dann folgt die Auslieferung an die Buchhandlungen. Ich plane eine Lesereise für den Winter 2018/2019. Vielleicht beginnt die Presse über mein neues Buch zu schreiben und es zu zerreißen oder zu loben. Ich werde gemeint sein, denn es sind meine Erzählungen, meine Stories.
Vielleicht werde ich eingeladen werden und dann nach dem Lesen noch etwas sagen müssen. Ich werde mich kurz halten wollen, weil ich das so gelernt habe. Vielleicht werde ich mich verhaspeln, vielleicht aber nicht. Ich werde etwas über die Entstehung verraten und ob eine Geschichte aus welchen Gründen wichtig für mich ist.
Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Dann werde ich mich wundern, wozu ich all das tue, wenn es doch noch andere Dinge zu tun gibt auf der Welt, die wichtiger wären.

 

Zum Buch: Es wird ein Band sein mit 22 kurzen und längeren Erzählungen auf rund 160 Seiten und es geht immer um das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Bei Menschen, fragt jetzt jemand mit Fragezeichen. Ja, bei Menschen. Einmal ist es sogar ein Tier und ein Mensch. Einmal ist es ein Törtchen und ein Mensch. Einmal ist es ein Junge und seine Mutter. Einer ist schon alt und sein Traum von einer Begegnung mit einem Ich ist auch in diesem Buch. Ein Mädchen haut ab mit einer Frau und zwei Frauen verdrehen einander oder einem gitarrenspielenden Vampir den Kopf. Ein Ich geht in einem Haus von Raum zu Raum und trifft auf die Frau mit zwei Hunden, den damaligen Superintendant der iranischen Meeresflotte und schließlich bricht ein Aquarium im obersten Stock und Welse gelangen in den Speisesaal. Sonst aber ist alles in Ordnung.

 

Es wird nun Zeit, dass „Bernstein und Valencia“ erscheint, dann sehe ich, wie es hinter meinen Grenzen, die ich nun überschreite, zu und hergeht. Bevor ein Buch gedruckt ist und auf den Markt kommt, ist es noch ganz meines, danach wird es ein anderes. Die Informationen über das Buch werden in diesen Tagen gestreut und ich probiere nun etwas aus, was ich vor kurzem noch nicht gewagt hätte: Ich schreibe einen Gedanken auf, der schon durchgestrichen ist. Es handelt sich um eine Bitte: Ich bitte Menschen, die im deutschsprachigen Raum jemanden kennen, dem mein Verlag oder ich das Buch schicken könnten, sich zu melden mit Name und Adresse und vielleicht auch sexuellen Vorlieben… So etwas hätte ich nie geschrieben, doch schon steht es nun hier. Und „was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden“ (Friedrich Dürrenmatt).

 

*
Was das Jetzt und das Alles sei, wären noch einmal zwei andere philosophische Diskussionen. Zum Jetzt eine Idee von Paul Takács: „Erinnerungen und Gedanken vernetzen das Jetzt mit dem Vorherigen und dem Kommenden.“

 

**
förig ist gleichbedeutend mit „übrig“. Da schon so viele Worte mit ü und u und un da standen, wählte ich ein träfes*** Wort aus meinem Dialekt. Auch weil es so schön klingt, wenn man es mit starkem f, langem ö und einem harten g am Schluss ausspricht. Das i darf übrigens leicht gehickst werden.

***

träf ist gleichbedeutend mit treffend.

 

P.S.

Mein Freund und ich haben es übrigens nicht weit gebracht mit dem endlager punkt ch oder org oder net oder so, denn wer will schon so weit denken, dass sie/er zunächst einmal Introspektion betreiben muss. Dazu noch das Punktesystem, das wir zu entwickeln hatten. Also je mehr man endgelagert hätte, desto mehr Punkte hätte man sammeln können. Wir fragten uns: Was wäre der einzulösende Gewinn? Eine Pfanne hat jede und jeder schon, Geschirr auch, Plastikbehälter und Schöpfkellen auch. Die letzte Idee war ein Tropfsystem für die Zimmerpflanze während der Ferienabwesenheit…. aber wer hat noch Zimmerpflanzen?

 

Zu den Schmauchpilzen noch diese Aufklärung:

Wer Schmauchpilze kennt, weiß was gemeint ist. Allen anderen sei hier gesagt, dass es die Wortkombination nicht gibt, doch in meinem Buch kommt sie trotzdem vor. Schmauchpilze sind ein Phänomen. Sie wachsen da, wo Dinge alleingelassen werden und modern. Sie atmen laut und stoßen dabei Rauch aus.

Man muss das Absurde suchen, sonst ist das Leben auf unheimliche Weise geordnet.

 

Wer googeln will und online kaufen:

Sibylle Ciarloni

Bernstein und Valencia

Stories

Knapp Verlag

ISBN 978-3-906311-44-9

Ab 18. September im Buchhandel.

Wie es dazu kam, dass ich mich in den Ablasshändler Samson hineinversetzte und warum ich mich für die Reformation der Kirche im Besonderen und für die Reformation von Glaubenssätzen im Allgemeinen interessiere. Ich schaue von heute aus auf die Zeiten - meine Zeit jetzt und die Zeit um 1519.

Das knisternde Züngeln der Feuerzungen, die vom Himmel auf Köpfe hinab ragen und diesen womöglich einen guten Teil des Haupthaars versengen, so dass ihnen wie Franziskanermönchen vielleicht nur ein Kranz bleibt, war meine erste tief-religiöse Erfahrung. Jedenfalls legte ich sie im Nachhinein in dieses Fach, denn von diesem Züngeln erfuhr ich an einem sonst unbedeutenden Tag im Religionsunterricht.
Kein Kreuz im Haus – außer später dasjenige aus Ton von der ersten Kommunion – und auch nicht das Beten am Tisch, gehörten bis dahin zu meinem Leben. Es war die Erzählung vom heiligen Geist, der an Pfingsten den Menschen brennend über den Köpfen züngelte. Was es damit auf sich hatte, konnten weder meine Eltern noch ich mir erklären, d.h. weder ich, noch meine Eltern, zu denen ich in der Nacht nach diesem Tag ins Bett schlüpfen wollte, doch dafür sei ich nun doch schon zu alt, meinten sie. Die Alpträume kamen gleich nach dem Lichtlöschen, dann, Weiterlesen …