Wie es dazu kam, dass ich mich in den Ablasshändler Samson hineinversetzte und warum ich mich für die Reformation der Kirche im Besonderen und für die Reformation von Glaubenssätzen im Allgemeinen interessiere. Ich schaue von heute aus auf die Zeiten - meine Zeit jetzt und die Zeit um 1519.

Das knisternde Züngeln der Feuerzungen, die vom Himmel auf Köpfe hinab ragen und diesen womöglich einen guten Teil des Haupthaars versengen, so dass ihnen wie Franziskanermönchen vielleicht nur ein Kranz bleibt, war meine erste tief-religiöse Erfahrung. Jedenfalls legte ich sie im Nachhinein in dieses Fach, denn von diesem Züngeln erfuhr ich an einem sonst unbedeutenden Tag im Religionsunterricht.
Kein Kreuz im Haus – außer später dasjenige aus Ton von der ersten Kommunion – und auch nicht das Beten am Tisch, gehörten bis dahin zu meinem Leben. Es war die Erzählung vom heiligen Geist, der an Pfingsten den Menschen brennend über den Köpfen züngelte. Was es damit auf sich hatte, konnten weder meine Eltern noch ich mir erklären, d.h. weder ich, noch meine Eltern, zu denen ich in der Nacht nach diesem Tag ins Bett schlüpfen wollte, doch dafür sei ich nun doch schon zu alt, meinten sie. Die Alpträume kamen gleich nach dem Lichtlöschen, dann, Weiterlesen …

Ein paar Gedanken zu einem Beitrag in einem besonderen Buch, auf den Spuren der vielen Möglichkeiten von Leben, Erleben, Erinnern und Vergessen.

Zum ersten Mal bewusst wurde mir die Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in zwei fast zeitgleichen Geschehnissen. Eine Bekannte behauptete, ich hätte ihr ein Bild gestohlen. Ein Traum, in dem sie Dinge kombinierte, die nicht so geschehen waren, ist für sie Wahrheit geworden und nichts konnte sie von etwas anderem überzeugen. Auch ihr Bruder, der kleine Mann, der schon Jahre zuvor gestorben war, tauchte bei ihr auf und lebte.
Dann las ich in der Zeitung von einem Mann, der verschwunden war und dessen Partnerin ihn überall suchte, da er nicht wisse, wohin er gehörte. Ich erinnere mich an meinen Gedanken, dass er vielleicht nicht mehr wissen wollte, wohin er gehörte.
Das war kein Gedanke, der auf Wissen basierte, es war eine Interpretation und ich schob Weiterlesen …

Dem Ufer entlang, strandauf strandab, am Übergang zwischen Atmen und Eintauchen, gehen Männer eher alleine. Zu diesem Phänomen ist ein Buch von mir erschienen. Mit Bildern und einem Essay von mir. Mit Gedichten von Andrea Angelucci.

Dem Phänomen habe ich über mehrere Jahre fotografisch nachgespürt. Bilder entstanden. Morgens, mittags und abends. Vom Strandtuch aus fotografierte ich das Vorkommnis. Die Beziehung von Mann und Ort ist im Buch nicht sichtbar. Die Strandläufer denken nach, lachen vielleicht oder fragen sich leise – und womöglich auch das Meer – nach einem Weg nach Anderswo, einer Abkürzung zurück zum Strandtuch. Manche reden einen Disput nach, denken sich, was sie mit mehr Mut, mit mehr Wachheit hätten einwerfen können oder sollen. Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gefragt. Im Buch bekommen sie Raum und Ruhe, wovon sie vielleicht nicht einmal geträumt haben. Seite um Seite gehen sie an des Lesenden Horizont dem Ufer entlang, stundenlang. Mehr geschieht nicht.

Der Betrachtung halten rund 100 Männer stand. Strandläufer, lungomare ist meinem Vater gewidmet, der einer von ihnen hätte sein können. Das Buch entstand an der Riviera Adriatica, zwischen Rimini und Ancona.

Bilder und Aufsatz von Sibylle Ciarloni (Deutsch-Italienisch). Gedichte (Italienisch-Deutsch) von Andrea Angelucci, Schriftsteller in Fano.

Wo kaufen? (Diese Liste wird laufend updated.)
In Buchhandlungen und Concept Stores:
Aarau
Kaufhaus zum Glück Metzgergasse
Baden
Librium Theaterplatz
Zürich
Never Stop Reading an der Spiegelgasse (Bild)
Material an der Klingenstraße
Travel Book Shop am Rindermarkt
Mille et deux Feuilles an der Glasmalergasse
Uster
Buchhandlung Doppelpunkt an der Zentralstraße
Bern
Buchhandlung Münstergass

 


Das erste Buch meiner Serie Acapulpo – Edition für Subjekt und Phänomen: Strandläufer, lungomare.
Es kann auch in meinem Shop online bestellt werden. Lieferung innerhalb von 3-8 Tagen CH/EUROPA.

Vielen Dank an alle Beteiligten! It’s been great to work with you!
Strandläufer, lungomare ist im Amsel Verlag Zürich bei Milenko Lazic erschienen.
Gestaltung: Corinne Zora Schiess in Baden.
Druck: Newpress in Smederevo bei Belgrad.

Das nächste Buch der Serie Acapulpo erscheint 2019.

Hinweise für eine ungewisse Migration. Ein neues Buch von Baltensperger + Siepert.

Ich erzähle hier zuerst nichts Neues, dazu komme ich dann weiter unten: Gebrauchsanweisungen haben etwas Rechthaberisches. Richtige Hinweise stehen der Reihe nach in einer Broschüre, in einem Leporello, einem straßenplanmäßig gefalzten Prospekt. Bei letzterem ist das Papier meist sperrig, den Bogen zurück in seine Falzen zu legen, geht kaum je ohne Gegenfalz oder die plättende Hand. In der Broschur ist das einfacher. Seite um Seite. Sprache um Sprache. Markt um Markt.

Der Markt ist ein Wesen geworden. Er hat die Hand, die unsichtbare Hand. Er tut das Richtige. Wir werden schon sehen, glauben wir hier. Wir sollten nichts regulieren, so wenig wie möglich auf jeden Fall, meinen die einen. Freiheit, glauben die anderen. Frei ist der Markt so lange, wie es einem System ins System passt und Weiterlesen …

U.a. dank Google können einfache Texte übersetzt werden. U.a. dank Google verstehen wir sie aber nicht immer. Und manchmal findet das eine Wort keinesgleichen in einer anderen Sprache. – Bericht einer Übersetzung von zehn Gedichten ohne Titel.

Es ist immer Gewalt, nein, sie sagte eine Gewalt, una violenza, die man den Worten antut, wenn man sie übersetzt, sagte die Kunstkritikerin. Ja, sagte ich, dem ist vielleicht so. Meinem Zweifel hätte ich besser mit mehr Vehemenz Ausdruck verliehen, doch ich blieb versöhnlich und sagte harmonisierend: Wer des Italienischen nicht mächtig ist und dennoch offen für die Bilder und die Gedankengänge, die der Schriftsteller mit seinen Poesien durchwandert, der ist verloren ohne Übersetzung. Aber nein, sagte sie, der bekommt sie einfach nicht!

Stille.

Ich möchte aber – insistiere ich wenig später – auch jenen, die sich interessieren, diese zehn Gedichte zugänglich machen, ich versuche mich zu nähern, die Gedankengänge in den Wortblöcken zu verstehen. Ich versuche, die Dinge dann so zu beschreiben, wie ich sie mit meinem Wortschatz beschreiben kann, ohne dass etwas wegfällt oder auffällt, was nicht auffallen muss, wenn es eins zu eins, Wort für Wort nicht funktioniert!
Aber nein, ruft sie, Weiterlesen …

HINWEIS Als Side Event zur Art in Basel, zeige ich während fünf Tagen und Nächten ein Hörstück auf Soundcloud. Danach reist es an Festivals und zu einer Ausstellung. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es wieder auf Soundcloud hörbar sein.

Der Meeressaum ist ein Übergang. Er ist von Bedeutung – sowohl für die Literatur wie auch für die Fische, die wir einst waren; für das Atmen und das Nichtmehratmen oder schlicht unseren Sommerurlaub, diese Tage des Nichtstuns am Übergang zum Schoß der Menschheit oder in die sauerstoffliche Welt. Je nachdem woher man kommt oder wohin man geht.
Der Meeresspiegel steigt, die Landkarten verändern sich. 2015 las man zum Beispiel von Tuvalu, wo die Bevölkerung fünf Meter über Meer lebt. Der Inselstaat habe vorsorglich in Australien und Neuseeland um Asyl gebeten. Australien und Neuseeland haben vorsorglich abgelehnt. Für die Menschen am Meer bedeutet der Anstieg Landverlust, für die Urlauber Strandverlust.

In dem Hörstück Seaside Soundmap collagiere ich Momentaufnahmen von Orten nahe einem Meeresufer. Für die Arbeit hatte ich verschiedene Kollaborateure und Kollaborateurinnen. Sie haben mir ihre Aufnahmen geschickt, die sie für meine Absicht mit ihren Handys gemacht haben. Ich habe sie meinen Aufnahmen hinzugefügt.

Seaside Soundmap ist eine dichte Ton-Collage, zusammengestellt aus Schönheiten und auch lauten Tönen, die Menschen nahe dem Meer tun oder bauen. Seaside Soundmap ist gleichzeitig ein Tonraum, um über Veränderungen an den Übergängen nachzudenken. Und schließlich kann Seaside Soundmap ein Ruf sein, gerichtet an jene, die die Tatsache leugnen und an jene, die bei vollem Bewusstsein immer gleich weitermachen.

UPDATE vom 20. Juni 2017: Seaside Soundmap war hier hörbar vom 14. bis zum 19.6.2017. Jetzt reist die Collage weiter an Festivals und zur Book Launch von Strandläufer, lungomare.

Orte:
Istanbul
Lipari Italia
Marseille France
Neuseeland Westküste
Nizza France
Zadar Kroatien
Senigallia Italia
Raja Ampat Archipel Indonesien
Seychellen
Valencia Spanien
Ponte Sasso Italia
Barcelona Spanien
Salento Italia
Dahab Ägypten
Fano Italia

Mitwirkende:
Franziska Weber
Michael Berger
Zoran Zekanovic
Beat Roth
Erich de Boni
Cornelia Faist
Sibylle Ciarloni

Ein großes Dankeschön an alle Mitwirkenden!

Die Arbeit entstand zwischen 2014 und 2017, die ersten Aufnahmen habe ich im Mai 2006 in Istanbul gemacht. Damals hatte ich die Absicht noch nicht gehegt, aus solchen Aufnahmen, dem steigenden Meeresspiegel ein Stück zu widmen, das sich dank meinem schließlich als Community Projekt angelegten Collagieren bilden würde.

Weiterführende Plattformen, Filme und Artikel

So viel zu Venedig und über das MO.S.E-Projekt.

Städte am Meer wie z.B. Miami handeln unabhängig vom Staat, weil sie pragmatisch sein müssen – während der Mann in Washington die Klimaerwärmung leugnet und sich loben lässt.

Stewart Brand – about langfristig denken. Vom Macher des Whole Earth Catalogue lernen.

Leonardo di Caprio – führt im Dokumentarfilm „Before the Flood“ Gespräche und ermahnt die Politik.

Inspirationsquellen
Film „Beasts of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin.
Zeitschrift der Meere – mare, erscheint in Hamburg
Klimakapseln Ausstellung und Buch – Friedrich von Borries
Fast nichts Nr. 1, Tagesanbruch an der Küste – 1967 21 Min. Hörstück – Luc Ferrari

HINWEIS Rezension

Bild: Sieglinde Geisel

Die tell-review, das Online Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft, hat meinen Essay „Philosoph für einen Tag“ über die Zusammenarbeit von David Siepert und Stefan Baltensperger mit Tagelöhnern in China publiziert. Das Buch mit dem Titel „Invisible Philosophy“ erschien im Februar im Zürcher Amsel Verlag. Sprachen: Handschrift + Mandarin + Englisch. Erhältlich ist das Werk im Buchhandel und direkt bei den Künstlern.

"Der Fisch in uns" von Neil Shubin sorgt seit bald zehn Jahren für kurze, wiederkehrende Unruhen in unserem Dasein. Doch wir müssen uns - angesichts der ansteigenden Meeresspiegel - mit der Vorstellung auseinandersetzen, wieder das zu werden was wir einmal waren. Eine ANWEISUNG mit AUFRUF.

Die meisten Fische sind kleiner als Sie. Sie haben keinen Grund, darüber nachzudenken? Das ist falsch. Denken Sie einmal darüber nach und Sie werden zugeben, dass der Meeresspiegel pausenlos ansteigt. So Sachen sind messbar.
Falls Sie also einmal in Ihrem Leben – auch grundlos – ein (großer) Fisch zu sein wünschen, dann beachten Sie die folgenden Anweisungen:
Achten Sie zunächst darauf, dass Ihre Zeichnung das ganze Blatt ausfüllt. So werden Sie groß und schön.
Klappen Sie nun bitte zuerst hemmungslos, doch vor allem zu den Zeiten, wo die noch größeren Fische schlafen, Ihren Unterkiefer auf und zu. Schließen Sie dazu Ihre Augen und klappen Sie leise, damit es nicht auffällt, doch besser ein paar Mal, damit Sie es wirklich fühlen können.

Dann stellen Sie sich vor, dass Sie sich zeichnen würden. Wo würden Sie anfangen? In einem Ratgeber über Malerei fand ich einen Hinweis. Der Verfasser rät, bei einem Selbstbildnis immer mit den Beinen anzufangen.
Jetzt hat nicht jeder Fisch Beine, sagen Sie zu Recht. Aber doch eine Schwanzflosse. Beginnen Sie also bei der Schwanzflosse und arbeiten Sie sich dann vor zu Bauch und hinten zu Rücken.

Sind Sie schon so weit?

Jetzt machen wir uns ans Auge. Am Einfachsten, so rät wiederum der Verfasser des Ratgebers, dürfte ein schönes Auge gelingen, wenn Sie damit in der Mitte des Gesichts beginnen. Nein, es ist nicht die Nase, die in die Mitte des Gesichts gehört, es sind die Augen, bitte zeichnen Sie beide auf gleicher Höhe. Nun ist – Sie haben es bereits bemerkt – die Mitte des Gesichts bei einem Fisch auf der einen Seite platt und auf der anderen Seite ebenso. Man schaut sich als Fisch selten von vorne an. Aber Sie sind selbstverständlich frei in der Wahl Ihrer Perspektive.
Also, falls Sie Ihr Auge als Fisch zeichnen wollen, pardon, als großer Fisch, dann geschieht das am besten an folgender Stelle: Wenn Sie – vorausgesetzt Sie zeichnen Ihr Abbild auf der Breitseite liegend, andernfalls müsste ich mir das richtige Vorgehen noch einmal überlegen – vom Rücken her kommen und dann unterhalb der möglicherweise steilen Stirn zum Fischmund gelangen, dann befinden Sie sich im idealen Bereich. Setzen Sie jetzt Ihren Stift oberhalb der Kiemen an, denn ungefähr da liegt es, das Auge. Rund um die Kiemen malen Sie die Schuppen; das ist ganz einfach. In der Farbwahl sind Sie selbstverständlich ebenfalls frei.

Vielleicht jetzt grad noch die andere Seite … Et voilà: Schon sind Sie ein grosser Fisch!
… und könnten jetzt die kleinen Fische fressen und später vielleicht bei einem noch größeren Fisch arbeiten und wenn Sie gut aussehen und vielleicht auch reich werden, dann will man Sie überall sehen, im Sommer am Strand und im Winter vielleicht in den Bergen. Falls das alles nicht gelingt, dann können Sie sich noch immer jederzeit einfach vorstellen, ein großer Fisch zu sein. Klappen Sie also Ihren Unterkiefer – wie eingangs erwähnt – möglichst unverkrampft auf und zu und auf und zu und auf und zu und auf und zu…

Einmal könnt es soweit sein, dass wir wieder im Wasser leben müssen. Eine so harmlose Transformationsübung, wie sich selbst als Fisch zu zeichnen, kann also nur helfen, den Gedanken an einen neuen Naturzustand zu trainieren. Oder wären Sie lieber ein anderes Tier, das unter Wasser lebt?

AUFRUF
Wer schenkt mir seine Zeichnung? Ich sammle Zeichnungen von Fischen, die Dich/Sie darstellen. Die Aufgabe ist nur bei längerem Nachdenken schwierig. Eigentlich wissen wir ja alle, welcher Fisch (oder welches Tier im Meer) wir dereinst gerne sein würden. Mit den Zeichnungen publiziere ich ein Zukunftsalbum.
Für Fragen und Einsendungen bis Ende 2018: box@sibylleciarloni.com.

Das Beitragsbild ist von Beat Roth, Basel.